Volkswagen-Aufsichtsrat vertagt Entscheidung über Sparpaket – Werke und Jobs weiter in der Schwebe
10.7.2026
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Kurzfassung
Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat am Donnerstag in Wolfsburg stundenlang über das Sparprogramm von Konzernchef Oliver Blume beraten, aber keine konkreten Beschlüsse gefasst. Medienberichten zufolge scheiterte das Paket zunächst an der Mehrheit der Arbeitnehmervertreter und des Landes Niedersachsen.
Der Aufsichtsrat der Volkswagen AG hat am Donnerstag in Wolfsburg stundenlang hinter verschlossenen Türen über das Spar- und Transformationsprogramm von Konzernchef Oliver Blume beraten, ohne am Abend konkrete Beschlüsse zu möglichen Werksschließungen oder einem Stellenabbau zu fassen.
Die Sitzung des Kontrollgremiums in der Konzernzentrale dauerte mehrere Stunden, endete am späten Donnerstagabend jedoch ohne Ergebnisse. Wie die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf Unternehmenskreise berichtete, ist der Vorstand mit seinen Sparplänen im Aufsichtsrat "vorerst krachend gescheitert". Auch das Manager Magazin schrieb, das komplette Beschlusspaket habe der Aufsichtsrat offenbar abgelehnt. Volkswagen selbst wollte sich am Freitag zu einzelnen Abstimmungen nicht äußern.
Konzernchef Oliver Blume hatte dem Gremium am Nachmittag ein Paket aus zwölf Initiativen und ein neues "Zielbild 2030" präsentiert. Am späten Abend veröffentlichte der Konzern lediglich eine Videobotschaft Blumes auf der Konzernwebsite, in der dieser die Inhalte der Beratungen, mögliche Werksschließungen und einen Stellenabbau jedoch nicht ansprach. Angaben zu einem möglichen Stellenabbau und Werksschließungen, über die Medien zuvor berichtet hatten, machte Volkswagen nicht.
Im Kern sieht der "Zukunftsplan" vor, die weltweite Produktionskapazität von zwölf auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr zu senken, die Zahl der Modelle im Konzern schrittweise um bis zu 50 Prozent zu reduzieren und die Anzahl möglicher Ausstattungsoptionen um bis zu 75 Prozent zu verringern. "Die Produktionskapazitäten werden an die veränderte globale Marktlage und den massiv gewachsenen Wettbewerb auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr angepasst", erklärte das Unternehmen.
Finanzvorstand Arno Antlitz begründete den Schritt mit dem aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld. "Trotz der erzielten Fortschritte reichen im aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld die bislang geplanten Kostensenkungen aus den vereinbarten Programmen nicht aus", sagte er und sprach von einer "notwendigen, grundlegenden Neuausrichtung des Geschäftsmodells". Der Konzern müsse "konsequent Kosten senken, Konzernsynergien heben, Komplexität reduzieren und so die Ertragskraft nachhaltig steigern".
Wirtschaftliche Zwangslage und globale Krise
Wirtschaftliche Zwangslage und globale Krise
Bereits in den Wochen vor der Sitzung war durchgesickert, dass der Vorstand den Abbau von bis zu 100.000 Stellen weltweit sowie die Schließung von vier Werken des VW-Konzerns in Deutschland erwägt. Betroffen sein könnten demnach das VW-Werk Emden, das Nutzfahrzeugwerk in Hannover, das Elektrowerk in Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. In diesen vier Standorten arbeiten nach Angaben des Konzerns rund 40.000 Menschen. Die Bild-Zeitung berichtete sogar von bis zu 120.000 Stellen, die abgebaut werden könnten. Volkswagen hat diese Berichte bislang nicht bestätigt.
Der Druck auf den Konzern ist enorm. Die Kernmarke VW verzeichnete im zweiten Quartal einen Absatzrückgang von 14 Prozent auf 1,02 Millionen Fahrzeuge, in China brachen die Verkäufe des Konzerns um mehr als ein Drittel auf nur noch 424.300 Fahrzeuge ein. Porsche lieferte im zweiten Quartal 18 Prozent weniger Fahrzeuge aus, Audi knapp acht Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr sank der Konzernabsatz insgesamt um sechs Prozent auf 4,13 Millionen Fahrzeuge. Im vergangenen Jahr erzielte Volkswagen nur 9,3 Milliarden Euro Vorsteuergewinn bei 322 Milliarden Euro Umsatz.
Machtverhältnisse im Aufsichtsrat
Blume sprach von der "umfassendsten Neuausrichtung der Konzerngeschichte". Man wolle den Konzern "in einem global massiv herausfordernden Umfeld noch robuster und wettbewerbsfähiger aufstellen". Antlitz ergänzte: "Wir wollen weiterhin in begeisternde Elektrofahrzeuge und neueste Softwarelösungen für unsere Kunden investieren, gleichzeitig unsere Verbrennerfahrzeuge technologisch wettbewerbsfähig halten und unsere Präsenz auf den großen Weltmärkten stärken."
Machtverhältnisse im Aufsichtsrat
Widerstand von Betriebsrat und Gewerkschaft
Im Aufsichtsrat sitzen zehn Arbeitnehmervertreter sowie Vertreter der Anteilseigner. Da derzeit ein Sitz auf der Kapitalseite vakant ist, halten die Beschäftigtenvertreter zusammen mit den beiden Sitzen des Landes Niedersachsen eine Mehrheit von zwölf zu sieben Stimmen. Sowohl Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) als auch sein Stellvertreter Julia Willie Hamburg (Grüne) hatten vor der Sitzung klargestellt, Werksschließungen nicht zustimmen zu wollen. "Werksschließungen sind keine Zukunftsstrategie für Volkswagen", sagte Lies. Das Land hält 20 Prozent der Anteile an dem Autobauer.
Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) kündigte an, sie werde "für jeden Arbeitsplatz kämpfen". Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) forderte in einem NDR-Info-Interview ein tragfähiges Konzept, das weitere Stellenstreichungen und Werksschließungen ausschließt, und sprach von einer "Kommunikation der Angst". Die IG Metall kündigte Widerstand an.
Proteste an mehr als einem Dutzend Standorten
Widerstand von Betriebsrat und Gewerkschaft
Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo zeigte sich nach der Sitzung erbost. Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft sei "an Respektlosigkeit nicht zu überbieten". In einem Brief an die Belegschaft warf der Konzernbetriebsrat dem Management vor, sich "mit den bekannten Floskeln zu Wort gemeldet" zu haben und Oliver Blume nutze "empathielose Allgemeinplätze". Cavallo stellte Blume ein Ultimatum: Er solle sich bis Freitag unmissverständlich zu den Gerüchten über die angeblichen Vorstandspläne äußern, anstatt die Belegschaft "so in den Urlaub zu schicken". Andernfalls werde es nach der Sommerpause "VW-weit und zeitgleich außerordentliche Betriebsversammlungen" geben.
Auswirkungen auf Zulieferer und Standorte
Auch IG-Metall-Chefin Christiane Benner kündigte erbitterten Widerstand an. Sie halte es "für absolut unverantwortlich, wie im Moment mit der Zukunft der Menschen gespielt wird, wie Angst geschürt wird". Verhandlungsführer Thorsten Gröger sprach von einem "absoluten Desaster" und warnte vor einem "Großkonflikt, der sich gewaschen hat". Die Gewerkschaftsvertreter erteilten Werksschließungen eine klare Absage: "Werksschließungen sind mit uns nicht zu machen! Stellenabbau nur auf freiwilliger Basis, sozialverträglich!"
Proteste an mehr als einem Dutzend Standorten
Ausblick: Gespräche erst nach der Sommerpause
Während der Aufsichtsrat in Wolfsburg tagte, demonstrierten Tausende Beschäftigte an mehr als einem Dutzend Standorten gegen die Pläne. In Wolfsburg versammelten sich rund 500 Menschen und zogen mit Hupen und Sirenen vor das Verwaltungsgebäude. In Emden kamen nach Angaben der IG Metall rund 1.500 Teilnehmer zum Werkstor, in Zwickau gingen Hunderte Mitarbeiter auf die Straße. Auch vor dem Audi-Hauptsitz in Ingolstadt (250 bis 300 Menschen) und am Porsche-Standort Zuffenhausen (250 Beschäftigte) wurde protestiert. In Osnabrück starteten rund 70 Betriebsräte und Gewerkschafter am Morgen die Proteste am Werkstor. Weitere Aktionen gab es unter anderem in Neckarsulm, Braunschweig, Stuttgart, Hannover, Kassel, Chemnitz, Dresden, Leipzig, München, Nürnberg und Salzgitter.
Eine Mitarbeiterin im Werk Hannover-Stöcken sagte dem NDR: "Wir haben alle eine positive Einstellung, nichtsdestotrotz ist die Angst auch noch da." Eine Kollegin warnte vor den Folgen für die gesamte Region: "Das wäre der Tod für die Region. Es sind ja nicht nur wir von VW, sondern auch alle drumherum – die Zulieferer, der kleine Bäckermann, alle."
Auswirkungen auf Zulieferer und Standorte
Die Krise des Autobauers strahlt über die eigenen Werke hinaus aus. Einer Studie zufolge haben 135 Unternehmen in Österreich direkte Geschäftsbeziehungen zu Volkswagen, die meisten davon in der Autozulieferbranche in Oberösterreich und der Steiermark. Rund 6.300 Arbeitsplätze in Österreich hängen demnach direkt an VW. Zu den oberösterreichischen Zulieferern zählen voestalpine, Polytec, Amag, Miba, Stiwa, TCG Unitech und Fronius. Branchenexperten sehen in der Steiermark Potenzial, die Expertise in Bereiche wie Robotik, Luftfahrt und Bahn zu übertragen.
Bereits Ende 2024 hatten Vorstand und Arbeitnehmervertreter den Abbau von 35.000 Stellen vereinbart, vor allem über Altersteilzeit. Damals wurde auch das Ende der Autoproduktion in Osnabrück und Dresden beschlossen. Betriebsbedingte Kündigungen sind nach dieser Vereinbarung bis Ende 2030 ausgeschlossen, der Erhalt der großen Standorte in Deutschland wurde zugesichert. Aus Sicht von Branchenkennern könnten für die betroffenen Standorte alternative Nutzungen wie ein Verkauf an Rüstungsunternehmen oder die Produktion von in China entwickelten Autos infrage kommen. Der Spiegel berichtete, die Fahrzeugproduktion an den vier Standorten solle schrittweise bis Ende 2034 auslaufen – beginnend 2031 in Zwickau und Emden, 2032 in Hannover, 2034 in Neckarsulm.
Ausblick: Gespräche erst nach der Sommerpause
Wie es weitergeht, ist offen. Blume kündigte an, die Gespräche im Aufsichtsrat würden erst nach der Sommerpause fortgesetzt. Auch Konzernkreisen zufolge soll der Vorstand seine Strategie für die nächste Aufsichtsratssitzung im September "erheblich nachbessern". Die Süddeutsche Zeitung schrieb, das vorgelegte Konzept sei "zu vage" gewesen. Der Leiter des Center Automotive Research, Ferdinand Dudenhöffer, kritisierte: "Kein Wort zu Werken, kein Wort zur Beschäftigung."
Unterdessen verschärft sich die Lage für die Branche. Auch Mercedes und BMW verzeichneten im vergangenen Jahr Gewinn- und Absatzrückgänge, während chinesische Hersteller mit günstigeren Elektroautos zunehmend in europäischen Märkten wie Italien, Spanien und Großbritannien Fuß fassen. Bei Mercedes hatten Beschäftigte in der vergangenen Woche bereits gegen Pläne des Managements protestiert, ohne Lohnausgleich zu einer 40-Stunden-Woche zurückzukehren. Die IG Metall hält dies auch bei Volkswagen für inakzeptabel.
Fragen & Antworten
Welche wirtschaftlichen Probleme zwingen Volkswagen zu diesem Sparkurs?
Der Konzern verzeichnet starke Absatzrückgänge, vor allem in China mit einem Minus von mehr als einem Drittel im zweiten Quartal, aber auch bei den Kernmarken VW, Audi und Porsche. Hinzu kommen steigende Zölle, geopolitische Spannungen, der technologische Wandel zur Elektromobilität sowie der zunehmende Wettbewerb durch günstigere Elektroautos chinesischer Hersteller.