VW in der Krise: Blume will Werksschließungen vermeiden, Aufsichtsrat berät weiter
Wolfsburg, 12. Juli 2026
Foto: Marco Prosch, Porsche AG, überreicht durch Diana Sänger, Public Relations and Press an Norbert Bangert / Wikimedia Commons / CC0
Kurzfassung
VW-Konzernchef Oliver Blume hat im Streit um Tausende Stellen und mögliche Werksschließungen angekündigt, es gebe „intelligentere Lösungen“ als die Schließung von Fabriken. Nach dem gescheiterten Sparpaket im Aufsichtsrat am Donnerstag bleiben das Audi-Werk in Neckarsulm und drei weitere Standorte in ihrer Zukunft offen.
Im Ringen um bis zu 100.000 Arbeitsplätze und vier möglicherweise bedrohte Werke hat VW-Konzernchef Oliver Blume Schließungen indirekt eine Absage erteilt und zugleich weitere Sparmaßnahmen und eine Reduzierung des Modellprogramms angekündigt.
Wolfsburg. Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume hat sich im Konflikt um mögliche Werksschließungen und einen massiven Stellenabbau gegen den Ausweg einer Schließung positioniert. „Es gibt intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen“, sagte Blume der Zeitung „Bild am Sonntag“. Damit äußerte er sich am Wochenende erstmals ausführlicher, nachdem der Aufsichtsrat des Konzerns am vergangenen Donnerstag zusammengekommen war, um über die Sparpläne und die Zukunft deutscher Standorte zu beraten.
Bedrohte Standorte: vier Werke, Zehntausende Beschäftigte
Nach der Aufsichtsratssitzung blieb zunächst offen, wie es mit dem Audi-Werk in Neckarsulm (Kreis Heilbronn) und den weiteren Standorten weitergeht. Insiderinformationen zufolge ist das Audi-Werk ebenfalls von einer Schließung bedroht. Insgesamt gelten vier Werke des VW-Konzerns in Deutschland als gefährdet: Hannover, Emden, Zwickau und das Audi-Werk in Neckarsulm. An den drei VW-Standorten Zwickau, Emden und Neckarsulm arbeiten nach früheren Angaben 40.000 Menschen; das Werk in Hannover ist ebenfalls Teil des Pakets.
Der Betriebsrat des Unternehmens hatte fünf deutsche Standorte namentlich benannt, deren mögliche Schließung seit Wochen die Schlagzeilen beherrscht: Emden, Hannover, Neckarsulm, Osnabrück und Zwickau. Dort seien „mehr als 40.000 Kolleginnen und Kollegen“ beschäftigt. Der Betriebsrat hatte Blume ein Ultimatum bis Freitag gestellt, Stellung gegenüber der Belegschaft zu beziehen.
Laut „Manager Magazin“ könnten bei Volkswagen weltweit bis zu 100.000 Stellen wegfallen – doppelt so viele wie bisher geplant. Die „Bild“-Zeitung schrieb sogar, es könnten 120.000 Jobs sein. Der Vorstand des Unternehmens hatte zuvor offengelassen, wie viele der mehr als 650.000 Arbeitsplätze weltweit betroffen sein könnten. Blume hatte bereits angekündigt, die Produktionskapazität bis 2030 um eine Million auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr zu senken; zudem sollen bis 2030 von weltweit 21.000 Management-Posten 5.000 gestrichen werden. Bis 2035 soll zudem die Zahl der Modelle um die Hälfte reduziert werden, um kostengünstiger und effizienter produzieren zu können.
Machtverhältnisse im Aufsichtsrat
Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ unter Berufung auf Konzernkreise stimmten die Vertreter der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen am Donnerstag gegen das Sparpaket. Da derzeit ein Sitz der Kapitalseite unbesetzt ist, halten Arbeitnehmer und Niedersachsen zusammen eine Mehrheit von zwölf zu sieben Stimmen im Aufsichtsrat. Das Land Niedersachsen verfügt über gesetzlich starken Einfluss auf Volkswagen.
Blume räumte unterdessen ein, dass die laufenden Sparprogramme bereits Wirkung zeigten. „Unsere Fabrikkosten in Deutschland konnten wir allein im vergangenen Jahr um durchschnittlich 20 Prozent verbessern. Ein starker Fortschritt“, sagte er. Die Fabrikkosten seien bereits um 20 Prozent gesenkt worden. Zugleich bekräftigte er: „Unsere Produkte sind sehr beliebt – wir verdienen nur zu wenig Geld damit. Deshalb müssen wir unsere Kosten weiter reduzieren. In allen Kostenarten.“
Sparprogramm mit ersten Ergebnissen
Der Konzernchef warnte vor einem verschärften Wettbewerbsumfeld. „Unser Umfeld war noch nie so anspruchsvoll und risikobehaftet wie heute. Geopolitische Spannungen, Handelsbarrieren, Regulatorik, Marktumbrüche und intensive Konkurrenz“, sagte Blume. Die Marken des Konzerns sollen sich künftig weniger überlappen – Modelle von VW, Skoda und Seat etwa machten sich gegenseitig Konkurrenz. VW erwägt nach früheren Angaben zudem, in den bedrohten Werken Rüstungsfirmen anzusiedeln oder eigene, in China entwickelte Modelle zu bauen.
Absatzschwund und China-Einbruch
Zugleich verwies Blume auf positive Signale aus dem Geschäft. Von der neuen Einstiegsfamilie um den ID. Polo seien in den ersten vier Wochen über 50.000 Autos verkauft worden. „Wir sind klarer Marktführer in Europa – bei Verbrennern und vollelektrischen Fahrzeugen“, sagte der Konzernchef. Allerdings war das zweite Quartal 2026 aus Sicht der Wolfsburger ernüchternd: Weltweit verkaufte der Konzern 2,08 Millionen Autos, fast 9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Rückgang beschleunigte sich damit – im ersten Quartal hatte das Minus noch bei 4 Prozent gelegen.
Besonders deutlich fiel der Einbruch in China aus: Dort brachen die Verkäufe um mehr als ein Drittel auf nur noch 424.300 Fahrzeuge ein. Chinesische Hersteller hatten sich zuletzt bereits in Märkten wie Italien, Spanien und Großbritannien mit Plug-in-Hybriden zunehmend breitgemacht. Audi blickt nach Konzernangaben dennoch auf ein gutes viertes Quartal zurück; beim Gewinn aus der Produktion steht allerdings ein Minus.
Die Reaktion der Belegschaft fällt indes scharf aus. Der Betriebsrat erklärte, man verurteile, „dass er gleichzeitig den zehntausenden betroffenen Beschäftigten außerhalb des Managements diese Informationen weiterhin vorenthält“. Nach der Sommerpause müsse Blume in Betriebsversammlungen direkt vor den Kolleginnen und Kollegen nicht nur im Stammwerk Wolfsburg Rede und Antwort stehen.
Protest, Sorge und politischer Druck
In Neckarsulm schlägt die Unsicherheit ebenfalls hohe Wellen. Oberbürgermeister Steffen Hertwig (SPD) sagte im SWR-Interview: „Die Menschen machen sich Sorgen. Ich merke das draußen, wenn ich mit den Menschen rede, und auch auf Social Media. Und das nimmt natürlich zu.“ Dennoch zweifle er weiterhin nicht an der Zukunft des Audi-Standorts in seiner Stadt. Das Werk beschäftigt rund 15.000 Angestellte.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hatte bereits vor der Sitzung deutlich gemacht, dass das Land keiner Entwicklung zustimmen werde, „die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setzt“. Blume wiederum verwies auf die Verantwortung der Politik: „Uns geht es dabei immer auch um den Industriestandort Deutschland. Alle müssen anpacken.“
Was als Nächstes ansteht
Die Sitzung am Donnerstag war in ganz Deutschland von Protesten begleitet worden, auch vor dem Audi-Werk in Neckarsulm. Schon am Donnerstag hatte es zahlreiche Protestaktionen gegeben. Volkswagen äußerte sich am Freitag nicht zu einzelnen Abstimmungen im Aufsichtsrat. Unklar bleibt damit, in welchem Umfang die ursprünglichen Sparpläne im Gremium eine Mehrheit fanden – und welche Rolle das Ringen um Werksschließungen in den kommenden Wochen spielen wird. Blume steht unter Druck: Der Vorstandschef wird an seinem früheren Ruf als „leiser Macher, teamorientiert, höflich. Kompetent sowieso“ gemessen, der in Kontrast zu den Verantwortlichen des VW-Diesel-Skandals steht. Der Konzern ist zudem dem Druck der Familien Piech und Porsche ausgesetzt. Der Ausgang des Konflikts ist offen.
Sollte es tatsächlich zu Werksschließungen kommen, wäre dies ein beispielloser Einschnitt in der Geschichte des Unternehmens, das nach eigener Darstellung Deutschlands größter Automobilhersteller ist. Die nächsten Wochen dürften daher nicht nur innerhalb des Konzerns, sondern auch in der Bundespolitik und in den betroffenen Regionen mit Spannung verfolgt werden.
Fest steht unterdessen, dass Volkswagen seine Kosten weiter senken will. Blume nannte ausdrücklich alle Kostenarten. Parallel dazu sollen die Marken klarer voneinander abgegrenzt und das Modellportfolio gestrafft werden. Wie genau das gelingen soll, ohne Werke zu schließen, ließ der Konzernchef offen. Klar ist aber auch: Mit der geplanten Reduktion der Produktionskapazität auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr bis 2030 wird die Auslastung der bestehenden Werke zwangsläufig zum entscheidenden Faktor.
Fragen & Antworten
Wer ist Oliver Blume und welche Rolle spielt er bei Volkswagen?
Oliver Blume ist Vorstandschef (CEO) des Volkswagen-Konzerns. Er äußerte sich im Interview mit „Bild am Sonntag“ zu den laufenden Sparplänen und kündigte an, Werkschließungen vermeiden zu wollen.
Welche Werke sind bei Volkswagen von einer Schließung bedroht?
Als gefährdet gelten laut den Fakten die Werke in Zwickau, Emden, das Audi-Werk in Neckarsulm und das Nutzfahrzeug-Werk in Hannover. An den drei erstgenannten Standorten arbeiten 40.000 Menschen.
Warum hat Blume das Sparpaket am Donnerstag nicht durch den Aufsichtsrat gebracht?
Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ stimmten die Vertreter der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen gegen das Sparpaket. Da derzeit ein Sitz der Kapitalseite unbesetzt ist, verfügen Arbeitnehmer und Niedersachsen zusammen über eine Mehrheit von zwölf zu sieben Stimmen.
VW-Krise: Blume gegen Werksschließungen – Standorte und Jobs | finanz360