Volkswagen-Chef Blume sucht im Interview den Weg ohne Werksschließungen
Wolfsburg, 12. Juli 2026
Foto: Marco Prosch, Porsche AG, überreicht durch Diana Sänger, Public Relations and Press an Norbert Bangert / Wikimedia Commons / CC0
Kurzfassung
Volkswagen-Chef Oliver Blume hat im Streit um die Zukunft von vier deutschen Werken Werksschließungen als unnötig bezeichnet und auf alternative Lösungen verwiesen. Gleichzeitig räumte er ein, dass der Konzern seine Kosten weiter senken müsse, während Betriebsrat und Aufsichtsrat einem schärferen Sparpaket widersprochen haben.
Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume hat im Ringen um die Zukunft von vier deutschen Werken Werksschließungen als vermeidbar bezeichnet und zugleich weitere Kostensenkungen angekündigt.
In einem Interview mit der Bild am Sonntag erklärte Blume, es gebe intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen. „Es gibt intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen“, sagte der Vorstandschef des deutschen Volkswagen-Konzerns. Damit griff er die Sorge von rund 40.000 Beschäftigten an den Standorten Zwickau, Emden, Neckarsulm und Hannover auf, die in der laufenden Restrukturierung als gefährdet gelten.
Blume verwies zugleich auf Fortschritte bei der Senkung der Fabrikkosten in Deutschland. „Unsere Fabrikkosten in Deutschland konnten wir allein im vergangenen Jahr um durchschnittlich 20 Prozent verbessern. Ein starker Fortschritt“, sagte er. Diese Einsparungen seien ein Beleg dafür, dass der Konzern seine Wettbewerbsfähigkeit steigern könne, ohne zu drastischen Mitteln wie Werksschließungen greifen zu müssen.
Kostensenkungen und Modellpalette
Gleichzeitig räumte Blume ein, dass Volkswagen seine Kosten weiter reduzieren müsse. „Unsere Produkte sind sehr beliebt – wir verdienen nur zu wenig Geld damit. Deshalb müssen wir unsere Kosten weiter reduzieren. In allen Kostenarten“, sagte er. Der Konzernchef kündigte an, Überkapazitäten abzubauen und die Modellpalette schrittweise um bis zu 50 Prozent zu reduzieren.
Konkret plant Volkswagen, die Produktionskapazität bis 2030 um eine Million Fahrzeuge pro Jahr auf dann neun Millionen Fahrzeuge jährlich zu senken. Die Zahl der Modelle soll bis 2035 halbiert werden, um die Produktion kosteneffizienter und effektiver zu gestalten. „Zukünftig wollen wir den Absatz pro Modell steigern. Dafür strahlen wir konsequent unser Produkt-Portfolio“, sagte Blume.
Ausmaß des Stellenabbaus
Der Konzern beschäftigt weltweit mehr als 650.000 Menschen. Wie viele davon in den kommenden Jahren ihren Arbeitsplatz verlieren könnten, ließ der Vorstand offen. Nach Medienberichten könnten bis zu 120.000 Stellen weltweit betroffen sein, das Manager Magazin sprach von bis zu 100.000 Stellen – doppelt so viele wie zuvor geplant. Bereits beschlossen ist der Abbau von 50.000 Stellen.
Auch auf der Managementebene stehen Einschnitte an: Bis 2030 sollen 5.000 der weltweit 21.000 Managementpositionen wegfallen. Blume betonte, dass Modelle der Marken VW, Skoda und Seat künftig weniger überlappen sollen, um Doppelstrukturen zu vermeiden.
Absatzprobleme und China-Krise
Trotz der schwierigen Lage verwies Blume auf positive Signale aus dem Elektroauto-Geschäft. „Von unserer neuen Einstiegsfamilie um den ID. Polo haben wir über 50.000 Autos in den ersten vier Wochen verkauft“, sagte er. Volkswagen sehe sich als „klarer Marktführer in Europa – bei Verbrennern und vollelektrischen Fahrzeugen“. Allerdings hatte Analyst Frank Schwope gegenüber NDR Niedersachsen auf die schwachen Absatzzahlen hingewiesen: „Im zweiten Quartal sah es wirklich sehr schlecht aus, weltweit minus 9 Prozent“, sagte Schwope. Besonders gravierend sei der Einbruch in China: „In China, dem wichtigsten Markt, minus 37 Prozent. Das ist schon sehr extrem.“
Die vier als gefährdet geltenden Standorte verteilen sich über mehrere Bundesländer: das VW-Werk in Zwickau (Sachsen), das VW-Werk in Emden (Niedersachsen), das Audi-Werk in Neckarsulm (Baden-Württemberg) und das Nutzfahrzeugwerk in Hannover (Niedersachsen). Nach früheren Angaben prüft Volkswagen, an diesen Standorten Rüstungsunternehmen anzusiedeln oder in China entwickelte Modelle dort zu bauen.
Blume rief die Politik zum Handeln auf. „Uns geht es dabei immer auch um den Industriestandort Deutschland. Alle müssen anpacken. Transformation ist eine gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe“, sagte er. Die Transformation sei eine Gemeinschaftsaufgabe, die alle betreffe.
Aufsichtsrat und Betriebsrat
Die Situation innerhalb des Unternehmens bleibt indes angespannt. Wie die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf Konzernkreise berichtete, stimmten Arbeitnehmervertreter und Vertreter Niedersachsens im Aufsichtsrat gegen das Sparpaket. Blume sei es demnach nicht gelungen, ein umfangreicheres Einsparprogramm durchzusetzen.
Der Betriebsrat kritisierte Blume scharf. Nach Angaben der dpa-Agentur sieht der Betriebsrat einen erheblichen Vertrauensverlust der Belegschaft in die Unternehmensführung. Der Betriebsrat hatte Blume eine Frist bis Freitag gesetzt, um vor der Belegschaft Stellung zu beziehen. Diese Frist sei verstrichen, ohne dass Blume sich direkt an die Beschäftigten gewandt habe.
In einer Erklärung des Betriebsrats vom Samstag hieß es, Blume habe am Freitag das Management über Details zum wahrscheinlichen Ende deutscher Werke und ein massiv ausgeweitetes Stellenabbauprogramm informiert, diese Informationen aber den betroffenen Beschäftigten außerhalb des Managements vorenthalten. „Wir verurteilen scharf, dass er gleichzeitig den zehntausenden betroffenen Beschäftigten außerhalb des Managements diese Informationen weiterhin vorenthält“, erklärte der Betriebsrat.
Ausblick nach der Sommerpause
Der Betriebsrat kündigte an, nach dem Ende der Sommerpause, die am 7. August endet, Betriebsversammlungen einzuberufen. Bei diesen Versammlungen müsse der Konzernchef den Beschäftigten direkt Rede und Antwort stehen – und zwar nicht nur am Stammwerk in Wolfsburg. Blume habe zudem die Frist verstreichen lassen, die Belegschaft über mögliche Standortschließungen zu informieren.
Nach der Aufsichtsratssitzung in der Wochenmitte hatte Volkswagen eine Erklärung veröffentlicht, die Veränderungen und Einschnitte erwähnte, aber keine konkreten Ankündigungen zu Werksschließungen oder einer möglichen Ausweitung des Stellenabbaus enthielt. Der Konzern äußerte sich nicht zu den Medienberichten über weitere Jobkürzungen und mögliche Werksschließungen.
Blume beschrieb das wirtschaftliche Umfeld als außergewöhnlich herausfordernd. „Unser Umfeld war noch nie so anspruchsvoll und risikobehaftet wie heute. Geopolitische Spannungen, Handelsbarrieren, Regulatorik, Marktumbrüche und intensive Konkurrenz“, sagte er. Diese Faktoren machten die Restrukturierung des Konzerns unausweichlich.
Die kommenden Wochen gelten als entscheidend für den weiteren Kurs. Beobachter erwarten, dass Volkswagen nach der Sommerpause konkretere Schritte vorstellt – sowohl zur Zukunft der vier gefährdeten Werke als auch zum Ausmaß des weltweiten Stellenabbaus. Bis dahin bleibt die Unsicherheit für die Beschäftigten an den Standorten Zwickau, Emden, Neckarsulm und Hannover sowie für die gesamte Belegschaft des Volkswagen-Konzerns bestehen.
Fragen & Antworten
Welche Volkswagen-Werke sind von der Restrukturierung bedroht?
Als gefährdet gelten die VW-Werke in Zwickau und Emden, das Audi-Werk in Neckarsulm sowie das Nutzfahrzeugwerk in Hannover. An diesen vier Standorten arbeiten rund 40.000 Menschen.
Wie viele Stellen könnten bei Volkswagen weltweit wegfallen?
Nach Medienberichten könnten bis zu 120.000 Stellen weltweit betroffen sein, das Manager Magazin sprach von bis zu 100.000 Stellen. Bereits beschlossen ist der Abbau von 50.000 Stellen, zudem sollen bis 2030 rund 5.000 Managementpositionen wegfallen.
Warum geriet das Sparpaket von Blume im Aufsichtsrat unter Druck?
Wie die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf Konzernkreise berichtete, stimmten Arbeitnehmervertreter und Vertreter Niedersachsens im Aufsichtsrat gegen das Sparpaket. Blume sei es demnach nicht gelungen, ein umfangreicheres Einsparprogramm durchzusetzen.
VW-Restrukturierung: Blume gegen Werksschließungen | finanz360