TKMS erhält Milliardenauftrag aus Kanada: Bis zu zwölf U-Boote für Nordamerika
Berlin, 7. Juli 2026
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Kurzfassung
Die Kieler Werft TKMS wird bis zu zwölf U-Boote vom Typ 212CD an Kanada liefern. Der Auftrag im Wert von rund 20 Milliarden Euro ist der größte in der Firmengeschichte und stärkt die deutsch-norwegisch-kanadische Zusammenarbeit im Nordatlantik.
Der Kieler Marineschiffbauer TKMS soll bis zu zwölf U-Boote des Typs 212CD an Kanada liefern, wie der kanadische Premierminister Mark Carney am Montag vor dem NATO-Gipfel in der Türkei bekanntgab.
Der Auftrag hat ein Volumen von rund 20 Milliarden Euro für die U-Boote samt Service, wie die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf eigene Informationen berichtete. Einschließlich Wartung und Betrieb über mehrere Jahrzehnte summiert sich das Gesamtprogramm laut kanadischen Medienberichten auf etwa 100 Milliarden kanadische Dollar, umgerechnet rund 62 Milliarden Euro. Weder die kanadische Regierung noch TKMS machten Angaben zum Auftragsvolumen. Nach Darstellung von TKMS-Chef Oliver Burkhard handelt es sich um den größten Einzelauftrag in der Geschichte des Unternehmens.
Kanada hatte im August 2025 mitgeteilt, dass der milliardenschwere Vertrag entweder an TKMS oder den südkoreanischen Konkurrenten Hanwha Ocean gehen werde. TKMS setzte sich am Ende mit dem deutsch-norwegischen Angebot durch. Premier Carney sprach von der größten militärischen Beschaffung in der Geschichte Kanadas und erklärte, TKMS sei als „bevorzugter Lieferant" ausgewählt worden. Zugleich behielt sich Ottawa vor, im Fall eines Scheiterns der Verhandlungen auf das südkoreanische Modell KSS-III Batch II zurückzugreifen. Konkrete Vertragsverhandlungen zwischen Ottawa und TKMS sind noch nicht abgeschlossen.
Vertrag und Verhandlungsstand
Das U-Boot 212CD ist eine Weiterentwicklung der aktuellen deutschen Klasse 212A und wurde gemeinsam mit Norwegen für eine einheitliche Nutzung entwickelt. Das Kürzel „CD" steht für „Common Design". Das rund 73 Meter lange Boot mit einer Wasserverdrängung von etwa 2.750 Tonnen ist mit sechs 533-Millimeter-Torpedorohren, verbesserten Sensoren sowie leistungsfähigeren Dieselmotoren ausgestattet. Dank moderner Lithium-Ionen-Batterien kann es wochenlang autonom und nahezu geräuschlos operieren. Die Rümpfe sind rautenförmig konstruiert, um die akustische Signatur zu verringern. Jedes Boot soll mit 30 Besatzungsmitgliedern fahren.
Der gemeinsame Bautyp soll Kosten senken und die Zusammenarbeit erleichtern. Kanada wird nach dem Vertragsschluss dritter großer Partner im 212CD-Programm, nachdem Deutschland und Norwegen bereits je sechs Boote dieses Typs bestellt haben. Damit erhöht sich die Gesamtzahl der bestellten 212CD-U-Boote auf 24. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte, künftig könnten die Informationen aller 24 Boote im Nordatlantik, in der Arktis und im hohen Norden schnell untereinander ausgetauscht, analysiert und genutzt werden. Er sprach von einem „wesentlichen Pfeiler in der Strategie der NATO zur Sicherung des hohen Nordens" und einem sichtbaren Beitrag zur Lastenteilung im Bündnis.
Technik des 212CD
„Die zukünftige U-Boot-Flotte der drei Nationen sei wesentlicher Pfeiler in der Strategie der Nato zur Sicherung des hohen Nordens und sichtbarer Beitrag zur Lastenteilung im Bündnis", sagte Pistorius vor Beginn des NATO-Gipfels. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begrüßte die Entscheidung Kanadas: vor dem Nato-Gipfel setze die kanadische Regierung „ein starkes Zeichen der transatlantischen und europäischen Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie". Merz sprach von einem Ausdruck einer auf Dauer angelegten Partnerschaft, die weit über die Sicherheits- und Verteidigungspolitik hinausreiche. Auch Außenminister Johann Wadephul äußerte sich über den Kurznachrichtendienst X und erklärte: „Ich freue mich, dass wir Kanada von unserem deutsch-norwegischen Angebot im Rahmen des kanadischen U-Boot-Programms überzeugen konnten. Kanada hat damit ein starkes Signal des Zusammenhalts im transatlantischen Bündnis abgegeben."
Pistorius hatte in den vergangenen Monaten mehrfach persönlich für den Auftrag geworben und war im Mai eigens nach Kanada gereist. Bundeskanzler Merz investierte nach eigener Darstellung zuletzt „viel an politischer Arbeit". Die Bundesregierung hatte wiederholt auf das Vorhaben hingewiesen und dabei die gemeinsame Abschreckung Russlands sowie die Sicherheitslage im Atlantik und in der Arktis als Begründung angeführt. Hintergrund ist auch die angespannte Beziehung Kanadas zu den USA seit der erneuten Amtsübernahme von US-Präsident Donald Trump, der Kanada wiederholt als möglichen 51. US-Bundesstaat bezeichnet und Zölle verhängt hat. Die USA reduzieren nach Darstellung der Bundesregierung ihre militärischen Beiträge, was Europa fordere, mehr zu tun und aufzurüsten.
Die Boote sollen an den TKMS-Standorten Kiel und Wismar in Mecklenburg-Vorpommern gebaut werden. Am Standort Wismar wurde eigens eine Produktionslinie für U-Boot-Rümpfe eingerichtet, durch die bis zu 1.500 Arbeitsplätze entstehen sollen. Der Wismarer Standort, den TKMS Mitte 2022 übernommen hatte, war zuvor auf den Bau von Kreuzfahrtschiffen ausgerichtet, bis der Betreiber 2022 insolvent wurde. Alle Produktionsstandorte des Unternehmens dürften durch den kanadischen Auftrag über Jahre hinweg voll ausgelastet sein. TKMS beschäftigt nach eigenen Angaben mehr als 9.100 Mitarbeiter, davon rund 3.300 in Kiel. Ein weiterer Standort befindet sich in Itajaí, Brasilien.
Politische Hintergründe und Standorte
Die Wettbewerber aus Südkorea hatten im Fall eines Zuschlags angeboten, kanadischen Stahl für den Bau von gepanzerten Fahrzeugen zu verwenden. Letztlich dürften nach Berichten jedoch Kosten und industrielle Gegenleistungen den Ausschlag gegeben haben. TKMS hatte Kanada eine Beteiligung am gesamten 212CD-Programm einschließlich der Möglichkeit angeboten, Komponenten oder komplette U-Boote im Land zu fertigen. Zudem wurden Investitionen in kanadische Luft- und Raumfahrt, Seltene Erden und Batterieproduktion als Teil eines größeren Pakets zur Stärkung der deutsch-kanadischen Wirtschaftsbeziehungen diskutiert.
Die kanadische Marine verfügt derzeit nur über vier U-Boote der Victoria-Klasse, die 1998 aus Großbritannien übernommen wurden. Drei davon befinden sich nach Angaben aus den Fakten zurzeit in Wartung. Da die Victoria-Klasse über keine Eistauglichkeit verfügt, ist die Versorgung der arktischen Gewässer ein zentrales Anliegen. Das neue 212CD ist nach TKMS-Angaben speziell für Einsätze unter arktischem Eis konzipiert. Der Schutz von Kommunikations- und Handelsrouten über den Atlantik sowie mögliche alliierte Versorgungsrouten stehen im Mittelpunkt des Programms.
Erste Auslieferungen an Kanada sollen nach früheren TKMS-Angaben bis spätestens 2035 erfolgen; es gibt Hinweise auf eine mögliche frühere Lieferung. Nach Unternehmensangaben könnte das erste U-Boot 2033 übergeben werden. TKMS erklärte zudem, ab 2027 drei bis vier U-Boote pro Jahr für Kanada bauen zu können. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2025/26 stieg der Umsatz von TKMS nach eigenen Angaben um zehn Prozent auf 1,17 Milliarden Euro; das bereinigte EBIT legte um 14 Prozent auf 60 Millionen Euro zu, während der Nettogewinn aufgrund von Investitionen in Expansion, Forschung und Entwicklung um 41 Prozent auf 27 Millionen Euro sank.
Die Nachricht schlug sich auch an den Finanzmärkten nieder: Die TKMS-Aktie legte zeitweise um bis zu elf Prozent zu. Der DAX markierte am Montag im frühen Geschäft ein neues Rekordhoch, und der Dow Jones erreichte nach dem verlängerten US-Unabhängigkeitstag-Wochenende ein weiteres Rekordhoch. TKMS-Chef Burkhard hatte bereits bei der Vorlage der Halbjahreszahlen im Mai Zuversicht gezeigt: „Ich gehe davon aus, dass wir das gewinnen."
Wirtschaftliche Auswirkungen und Märkte
Unabhängig vom U-Boot-Geschäft zog Verteidigungsminister Pistorius beim F126-Fregatten-Projekt die Reißleine und erklärte: „Können wir uns nicht leisten". In das Vorhaben waren laut Berichten bereits 2,3 Milliarden Euro an Steuergeldern geflossen. Die Stimmung an den Märkten wurde zudem durch einen Anstieg des deutschen Industrieumsatzes im Mai um 1,8 Prozent beeinflusst. Easyjet-Aktien gewannen 9,3 Prozent, nachdem der Billigflieger einem höheren Übernahmeangebot von Castlelake im Prinzip zugestimmt hatte. Continental verlor dagegen 2,2 Prozent trotz der Ankündigung einer Sonderdividende aus dem Verkauf der Contitech-Sparte. BE Semiconductor fielen um 5,5 Prozent nach Berichten über verschobene Kundennachfrage.
Die deutsch-norwegische Kooperation beim 212CD-U-Boot und die nun hinzukommende kanadische Beteiligung sollen die industrielle Basis in Deutschland sichern. Es wird erwartet, dass TKMS mit dem Auftrag über Jahre hinweg stabile Auslastung und Beschäftigung in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern erhält. TKMS gehört nach eigener Darstellung zu den weltweit führenden Herstellern nichtnuklearer U-Boote und ist die Verteidigungssparte des Thyssenkrupp-Konzerns mit Sitz in Kiel.
Die Bundesregierung bezeichnete den Vertrag am Montagmorgen als Ausdruck eines strategischen Großprojekts. Ein deutscher Regierungsvertreter sagte in Berlin: „Das ist ein großes strategisches Vorhaben. Wenn es gelingt, dann wird es Kanada an uns für Jahrzehnte binden." Auch das Kürzel „Common Design" zielt darauf ab, Wartung, Ausbildung und Logistik zwischen den drei beteiligten Marinen zu vereinfachen. Alle drei Länder betreiben zudem das Seefernaufklärungsflugzeug P-8 Poseidon, was die Zusammenarbeit zusätzlich erleichtern soll.
Bedeutung für Kanada und die NATO
Kanada bezieht laut amtlichen Angaben derzeit rund 80 Prozent seiner Rüstungsgüter aus den Vereinigten Staaten. Im Haushaltsplan 2025 hatte Ottawa zugesagt, über 80 Milliarden kanadische Dollar, umgerechnet etwa 49,4 Milliarden, für die Modernisierung der Streitkräfte auszugeben. Die Entscheidung für TKMS markiert eine Verschiebung in der kanadischen Beschaffungspolitik und stärkt zugleich die europäische Rüstungsindustrie. Der NATO-Gipfel in Ankara am Dienstag und Mittwoch dürfte das Thema Hochrüstung und Lastenteilung weiter in den Mittelpunkt rücken.
Im Kreis der NATO-Verbündeten gilt es als erklärtes Ziel, verstärkt identische Systeme zu beschaffen, um einen schnelleren Datenaustausch, gemeinsame Ausbildung und Wartungskooperation zu ermöglichen. Mit dem Beitritt Kanadas zum 212CD-Programm erhält dieses Vorhaben zusätzliches Gewicht. Sollte der Auftrag wie geplant umgesetzt werden, dürften Kiel und Wismar über viele Jahre hinweg die Stützen einer der größten konventionellen U-Boot-Flotten der Welt sein.
Fragen & Antworten
Welches U-Boot-Modell hat Kanada bestellt?
Kanada hat sich für den Typ 212CD entschieden, ein gemeinsam von Deutschland und Norwegen entwickeltes konventionelles U-Boot mit „Common Design" und rund 73 Metern Länge. Das Boot verfügt über Lithium-Ionen-Batterien, sechs 533-Millimeter-Torpedorohre und ist für Einsätze unter arktischem Eis ausgelegt.
Wie viele U-Boote umfasst der Auftrag und welches Volumen hat er?
TKMS soll bis zu zwölf U-Boote an Kanada liefern. Medienberichte beziffern den Wert der Boote samt Service auf rund 20 Milliarden Euro; einschließlich Wartung und Betrieb über Jahrzehnte wird das Gesamtprogramm auf etwa 100 Milliarden kanadische Dollar geschätzt.
Warum ist der Auftrag politisch bedeutsam?
Die Bundesregierung sieht den Vertrag als Stärkung der transatlantischen Sicherheit und als Signal gegen die wachsende Rivalität Russlands und Chinas in der Arktis. Kanada reagiert mit der Bestellung zugleich auf die angespannten Beziehungen zu den USA und den Druck der NATO, mehr in die gemeinsame Verteidigung zu investieren.
TKMS U-Boot-Auftrag Kanada: 12 Boote, 20 Milliarden Euro | finanz360