Selenskyj tauscht Armeeführung aus: Drapatyj löst Syrskyj ab
Kyiv, 22. Juli 2026
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Kurzfassung
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den obersten Kommandeur der Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj, abgelöst. Neuer Commander-in-Chief wird der 43-jährige Generalmajor Mychajlo Drapatyj. Die Personalentscheidung folgt auf tagelange Proteste gegen die Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den seit Februar 2024 amtierenden General Oleksandr Syrskyj als Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte entlassen und Mychajlo Drapatyj zu seinem Nachfolger ernannt.
Die Entscheidung wurde am Dienstagabend in einer Videobotschaft aus Kyiv bekanntgegeben. Selenskyj sprach dort von einer Neuorganisation des Generalstabs in Abstimmung mit dem Verteidigungsministerium und dem Präsidialamt. Der scheidende General Syrskyj habe große Verdienste, die es zu würdigen gelte, sagte der Präsident. „Großes Verdienst ist großes Verdienst."
Der designierte Nachfolger Mychajlo Drapatyj ist ein 43-jähriger Generalmajor. Er ist damit der dritte Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee in den knapp viereinhalb Jahren des russischen Angriffskriegs, nach Walerij Saluschnyj und Syrskyj. Seit 25 Jahren steht Drapatyj im Sold der ukrainischen Streitkräfte.
Generationswechsel an der Armeespitze
Drapatyj schrieb auf Facebook: „Ich werde verantwortungsbewusst, konzentriert und mit Respekt gegenüber den Menschen arbeiten, die heute unser Land verteidigen." Drapatyj verfügt über Kampferfahrung aus der Frühphase des Konflikts. Bekannt wurde er 2014 als Major, als er mit einem Schützenpanzer einen prorussischen Kontrollpunkt in Mariupol durchbrach und damit zur Sicherung der Hafenstadt beitrug. Später leitete er die Bodentruppen und übernahm schließlich die Verantwortung für die Verteidigung der Region Charkiw.
Im Jahr 2024 half Drapatyj nach Angaben des Berichts, den russischen Vorstoß in die Region Charkiw einzudämmen. Zuletzt kommandierte er eine Heeresgruppe, die für die Verteidigung dieses Gebiets zuständig war. Zuvor hatte er die Bodentruppen geführt, war aber 2025 von diesem Posten zurückgetreten, nachdem eine russische Iskander-Rakete eine Ausbildungseinheit getroffen und zwölf Soldaten getötet hatte. Damals erklärte Drapatyj, er übernehme die Verantwortung dafür, dass die Soldaten der Armee nicht ausreichend geschützt worden seien.
Richtungsstreit über Drohnen gegen Sturmtruppen
Hintergrund der Personalwechsel ist ein Richtungsstreit über die Kriegsführung. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow vertrat einen Ansatz, der auf Hochtechnologie und KI-gesteuerte Drohnen setzt. Syrskyj hingegen gilt als Offizier der alten Schule, der Bodentruppen in Stellungskämpfe schickt. „Fedorow hatte eine Vision vom Krieg, die wenig mit Schützengräben und blutigen Schlachten, aber viel mit Hochtechnologie und KI-gesteuerten Drohnen zu tun hat", beschrieb der Beitrag den Kontrast. Syrskyj dagegen sei „ein Mann der alten Schule. Er schickt gerne Sturmtruppen vor, die am Boden kämpfen. Altes, blutiges Kriegshandwerk."
Syrskyj habe sich laut Selenskyj besonders bei der Verteidigung Kyiws 2022, der erfolgreichen Gegenoffensive im Charkiw-Gebiet 2022 sowie beim ukrainischen Vorstoß in die russische Region Kursk 2024 hervorgetan. Er habe die Schlacht um Kyiv zu Beginn des Krieges gewonnen und die Russen aus dem Umland der Hauptstadt vertrieben. Kritiker werfen dem 60-jährigen Berufssoldaten jedoch Rücksichtslosigkeit vor. „Syrskyj gilt aber auch als rücksichtslos – Soldaten zu opfern, mache ihm nichts aus, wenn er es für zielführend halte, sagen seine Kritiker."
Aus dem Umfeld des Verteidigungsministeriums hieß es, Fedorow und Syrskyj hätten eine Vielzahl von Konflikten ausgetragen. Fedorow habe den Konflikt mit dem in der Sowjetzeit ausgebildeten Syrskyj öffentlich gemacht. „Fedorow und Syrskyj hatten eine Menge Konflikte", heißt es in dem Bericht. Der Westen habe Fedorows Drohnenkurs gegen russische Ziele ausdrücklich gelobt.
Protestwelle und politischer Druck
Die Personalentscheidung folgt auf eine Welle von Protesten. Nach der Entlassung von Verteidigungsminister Fedorow in der Vorwoche gingen in Kyiv und vielen anderen Städten sechs Tage lang mehrere tausend, zumeist junge Menschen auf die Straße. „Seit Tagen haben in Kiew und vielen anderen Städten Tausende für Fedorow demonstriert." Die Demonstranten forderten die Wiedereinsetzung Fedorows und den Abgang des Armeechefs. „Die Demonstranten in der Ukraine erringen einen Erfolg", schrieb der Bericht. Die Demonstrierenden setzten sich für eine smarte, hochtechnologische Kriegsführung ein, wie sie mit Fedorow verbunden wird.
Der 35-jährige Fedorow war als Reformer erst seit Januar an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Zuvor leitete er das 2019 geschaffene Ministerium für digitale Transformation. Ihm wird zugeschrieben, die Drohnenangriffe auf das russische Hinterland vorangetrieben zu haben. „Die Erfolge der letzten Wochen – die Ukrainer haben mit Drohnen den russischen Angreifern übel zugesetzt – scheinen zu bestätigen, dass dies der richtige Weg ist."
Selenskyj selbst begründete die Entlassung Fedorows in der vergangenen Woche mit dem Hinweis, der Minister solle eine „würdige Position" mit Schwerpunkt auf technischer Entwicklung erhalten. Details zu dieser neuen Aufgabe wurden zunächst nicht genannt. Am Dienstagabend habe es, so Sprecher Dmytro Lytvyn, ein weiteres Gespräch mit Fedorow gegeben. Der Präsident betonte, er höre, was die Bevölkerung sage. Auf der Plattform X erklärte Selenskyj, er führe seit Tagen Gespräche mit Militärs.
Am Freitag hatte der Nachrichtenoffizier Jewhenij Chmara das Amt des Verteidigungsministers übergangsweise übernommen. Selenskyj muss dessen Kandidatur noch im Parlament einbringen und von den Abgeordneten bestätigen lassen. Auch aus Militärkreisen erhielt Syrskyj offene Unterstützung. „Die Ukraine ist ein Land mit vielen Machtpolen. Der Präsident hat viel zu sagen – aber das Volk redet mit. Die tausenden von Freiwilligen, die die Armee unterstützen, die Kommandeure an der Front, die Politiker aus dem Parlament: alle haben etwas zu sagen."
Kämpfe gehen unverändert weiter
Parallel zu den Personalwechseln gingen die Kämpfe weiter. In der Nacht gab es Luftalarm im Osten und in der Mitte der Ukraine wegen russischer Drohnenangriffe, auch in der Hauptstadt Kyiv. Ein russischer Onlinehändler meldete Angriffe auf zwei seiner Lagerhäuser, bei denen nach seinen Angaben mehrere Menschen verletzt wurden. Bei einer vorherigen Attacke am Samstag auf denselben Händler seien nach russischen Angaben acht Menschen getötet worden. Auch aus den russischen Regionen Orjol, Kaluga und Woronesch wurden vorübergehend Drohnen- oder Raketendrohungen gemeldet. Das ukrainische Militär setzt seit Monaten verstärkt auf Gegenangriffe auf für Russland kriegswichtige Infrastruktur.
Drapatyj betonte in einem Facebook-Eintrag seine Unterstützung für Fedorow und warb für eine Reform der Streitkräfte: „Die Armee braucht Veränderungen, aber ohne Gerechtigkeit sind Veränderungen für die Menschen sinnlos, die diesen Krieg jeden Tag auf ihren Schultern tragen." Drapatyj, Chmara und der stellvertretende Leiter des Präsidialamts Pawlo Palissa sollen den Umbau des Verhältnisses zwischen Ministerium und Generalstab begleiten. Selenskyj sprach im Zusammenhang mit dem Wechsel von einem Generationswechsel an der Spitze der Armee.
Der Präsident dankte dem scheidenden General ausdrücklich und ehrte dessen militärische Verdienste. Syrskyj, der ursprünglich aus Russland stammt, war seit Februar 2024 Oberbefehlshaber. Das Portal Kyiv Independent beschrieb Drapatyj als „der oberste moderne, auf Menschen fokussierte Militärführer der Ukraine". In der Gegenüberstellung der beiden Ansätze hieß es: „Die Ukraine ist nicht Russland, wo ein Mann einfach entscheidet, was passiert." Selenskyj habe eingelenkt, fasste der Bericht die Abfolge der Entscheidungen zusammen: „Und nun der Knall: Selenski lenkt ein, er entlässt Fedorows Gegenspieler Syrskyj."
Offene Fragen und Ausblick
Ein Bericht sprach ausdrücklich von einem Generationswechsel an der Armeespitze: „Generationswechsel: Drapatyj führt ukrainische Armee." Mit der Ernennung Drapatyjs und der Berufung Chmaras zeichnet sich eine Verschiebung der Führung hin zu Vertretern eines technologie- und menschenorientierten Profils ab. Der Wechsel erfolgte nach Angaben des Berichts am 22. Juli 2026 im Programm Deutschlandfunk.
Weiterhin offen ist die Frage, welche Position Fedorow konkret erhalten soll. Selenskyj hatte lediglich angekündigt, er solle eine „würdige Position" mit Schwerpunkt auf technischer Entwicklung bekommen. Auch der Umbau des Generalstabs dürfte die politische Debatte in Kyiv weiter prägen.
Insgesamt zeigen die Personalentscheidungen, dass Selenskyj trotz eigener verfassungsrechtlicher Befugnisse auf den Druck der Straße und der Netzöffentlichkeit reagiert. Die gleichzeitige Absetzung des Verteidigungsministers und des Armeechefs binnen einer Woche ist in der fast viereinhalbjährigen Amtszeit des Präsidenten bemerkenswert. Beobachter werten den Schritt als Signal an die ukrainische Öffentlichkeit, dass Kritik und Demonstrationen Gehör finden.
Diese Nachricht wurde am 22.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
Fragen & Antworten
Wer ist Mychajlo Drapatyj?
Mychajlo Drapatyj ist ein 43-jähriger ukrainischer Generalmajor und ehemaliger Kommandeur der Bodentruppen, der nun zum neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannt wurde. Er gilt als erfahrener Berufssoldat mit 25 Dienstjahren und wird als menschenorientierter Offizier beschrieben, der seine Soldaten schützt.
Warum wurde Olexander Syrskyj entlassen?
Syrskyj wurde nach tagelangen Protesten in Kyiv und anderen Städten abgelöst, die sich gegen die Entlassung von Verteidigungsminister Fedorow richteten und letztlich auch den Abgang des Armeechefs forderten. Hintergrund war ein öffentlich ausgetragener Richtungsstreit über Hochtechnologie und Drohnenkrieg auf der einen und klassische Bodenkriegführung auf der anderen Seite.
Was geschieht mit dem entlassenen Verteidigungsminister Fedorow?
Präsident Selenskyj kündigte an, Fedorow solle eine „würdige Position" mit Schwerpunkt auf technischer Entwicklung erhalten. Konkrete Angaben zu dieser neuen Aufgabe wurden zunächst nicht gemacht; am Dienstagabend fand ein weiteres Gespräch zwischen Selenskyj und Fedorow statt.