Nach Protesten: Selenskyj entlässt Armeechef Syrskyj und ernennt Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber
Kyiv, 21. Juli 2026
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Kurzfassung
Nach tagelangen Protesten hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den bisherigen Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj entlassen. Neuer Chef der Streitkräfte wird Mychajlo Drapatyj, das Verteidigungsministerium führt übergangsweise der Geheimdienst-Offizier Jewhenij Chmara.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den seit Februar 2024 amtierenden Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Olexander Syrskyj, entlassen und Mychajlo Drapatyj zu dessen Nachfolger ernannt, während das Verteidigungsministerium übergangsweise vom Geheimdienst-Offizier Jewhenij Chmara geführt wird.
Hintergrund: Druck von der Straße
Die Entscheidung fiel am Dienstagabend, nachdem Selenskyj sie über seinen Telegram-Kanal öffentlich gemacht hatte. Sie steht am Ende einer innenpolitischen Krise, die sich seit der Entlassung des populären Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow in der Vorwoche zugespitzt hatte. Sechs Tage lang hatten in Kyiv und anderen ukrainischen Städten mehrere tausend, zumeist junge Menschen gegen die Absetzung Fedorows demonstriert und zugleich die Ablösung von Armeechef Syrskyj gefordert.
Syrskyj war seit Februar 2024 Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Der in Russland geborene, 60-jährige Berufssoldat, der in der Sowjetzeit ausgebildet wurde, hatte sich zuvor besonders bei der Verteidigung Kyiws und der erfolgreichen Gegenoffensive im Gebiet Charkiw im Jahr 2022 hervorgetan. Trotz anhaltender Kritik an seiner Amtsführung war Selenskyj zunächst an ihm festgehalten, änderte jedoch unter dem Druck der Straße seinen Kurs.
Syrskyjs Abgang und Drapatyjs Ernennung
Am Samstag hatte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache erklärt, er höre auf das, was die Menschen auf der Straße sagten. Über die Plattform X schrieb er zudem, er führe seit Tagen Gespräche mit Militärs wegen der anhaltenden Proteste gegen die Entlassung Fedorows. Auch mit Fedorow selbst und Syrskyj habe er ausführlich gesprochen, sagte er. Am Dienstagabend teilte sein Sprecher Dmytro Lytvyn mit, es habe ein weiteres Gespräch mit Fedorow gegeben.
Zugleich war Syrskyj in Militärkreisen nicht unumstritten, genoss aber auch offene Unterstützung. Nach seiner Entlassung dankte Selenskyj dem scheidenden General ausdrücklich und ehrte dessen militärische Verdienste. Der frühere NATO-General Erhard Bühler warnte indes vor den Folgen der öffentlich geführten Debatte für die ukrainische Verteidigungsanstrengung: die öffentlich ausgetragene Debatte schade der Ukraine in ihrem Abwehrkampf.
Offene Rolle Fedorows
Zum Nachfolger ernannte Selenskyj Mychajlo Drapatyj. Die Bekanntgabe erfolgte ebenfalls am Dienstag über Telegram. Drapatyj übernimmt die Führung der Streitkräfte in einer Phase, in der die Ukraine sich seit mehr als vier Jahren gegen die russische Invasion verteidigt. An der Front hatte es in der Woche zuvor Geländegewinne gegeben: Die ukrainischen Streitkräfte befreiten mehrere zerstörte Dörfer im Gebiet Dnipropetrowsk rund um Berezowe, Ternowe, Komyschuwacha und Maliiwka, wodurch die russischen Streitkräfte fast vollständig aus der Region Dnipropetrowsk verdrängt wurden.
Ungeklärt ist weiterhin die künftige Rolle des 35-jährigen Fedorow, der zuvor das 2019 geschaffene Ministerium für digitale Transformation geleitet hatte und seit Januar das Verteidigungsministerium führte. Selenskyj kündigte an, Fedorow solle eine würdevolle Position erhalten, in der er weiter an der technologischen Entwicklung der Ukraine arbeiten könne, ohne dies zunächst zu konkretisieren. Fedorow selbst machte nach seiner Entlassung seinen Konflikt mit Syrskyj öffentlich, der sich an einer strategischen Frage der Kriegsführung entzündet hatte.
Das Verteidigungsministerium wird seit Freitag übergangsweise vom Geheimdienst-Offizier Jewhenij Chmara geleitet. Allerdings muss Selenskyj Chmaras Kandidatur noch dem Parlament vorlegen und von den Abgeordneten bestätigen lassen. Fedorow galt als Verfechter ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Ziele, die im Westen Anerkennung fanden, und wurde als Reformer beschrieben.
Schwere russische Luftangriffe
Die Personalwechsel fallen in eine Phase besonders schwerer russischer Angriffe. In der Nacht zum 17. Juli hatten ukrainische Drohnen zwei Logistiklager des russischen Online-Händlers Wildberries in den Regionen Tambow und Moskau getroffen, wobei insgesamt acht Menschen ums Leben kamen und mehr als 60 verletzt wurden. Russland reagierte am 18. und 19. Juli mit Vergeltungsschlägen gegen mindestens zwei ukrainische Logistikdepots. Zudem führte Russland am 18. und 19. Juli einen groß angelegten Luftangriff auf Kyiv durch und setzte dabei eine der höchsten Anzahlen an ballistischen Raketen ein, die jemals bei einem einzelnen Angriff zum Einsatz kamen.
Dabei wurden nach Angaben von Kyiv 25 ballistische Raketen sowie zehn „Zyrkon"-Hyperschallraketen und zehn weitere Raketen auf Kiew abgefeuert, unterstützt von 125 Drohnen. In der gesamten Ukraine kamen zwanzig Menschen ums Leben und mehr als 140 wurden verletzt. Auch Charkiw, Isjum und eine Reihe weiterer Städte wurden schwer getroffen.
Im Onshore-Krieg lieferten sich die Streitkräfte zudem einen dokumentierten Drohnen-Wettlauf: Am 15. Juli veröffentlichte der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, Robert Brovdi, ein Video, in dem eine ukrainische Drohne einen Mi-28N-„Night Hunter"-Kampfhubschrauber trifft und zum Absturz bringt. Dem Filmmaterial zufolge traf die Drohne den Heckrotor des Hubschraubers, woraufhin die Mi-28N abstürzte. Dies ist der erste vollständig dokumentierte Fall, in dem ein schwerer Kampfhubschrauber durch eine Drohne abgeschossen wurde. Noch am selben Tag traf eine ukrainische Sargan-3000-Marinedrohne ein FSB-Patrouillenboot, „Izumrud" genannt, im Hafen von Gelendschik am Schwarzen Meer und versenkte es. Das Schiff wurde durch die Explosion in zwei Teile gerissen und sank genau dort, wo es vor Anker lag.
Am 17. Juli gab der ukrainische Sicherheitsdienst SBU bekannt, dass es ihm gelungen sei, den Luftwaffenstützpunkt Engels-2 in der russischen Region Saratow mit Langstrecken-Angriffsdrohnen zu treffen und einen dort stationierten strategischen Bomber vom Typ Tu-95MS zu zerstören. Am 18. Juli veröffentlichte Satellitenbilder von PlanetLabs, die die Zerstörung bestätigten: Auf dem Satellitenbild ist deutlich zu erkennen, dass ein Tu-95-Bomber zerbrochen ist zwischen Heckleitwerk und Rumpf und umfangreiche Brandspuren aufweist. Der Bomber ist nicht mehr zu reparieren.
Symbolangriffe und Drohnenkrieg
Gelendschik hat dabei besondere politische Symbolkraft, da sich dort der opulente Palast befindet, von dem der verstorbene Alexej Nawalny behauptete, er gehöre Putin. Der ukrainische Sicherheitsdienst wählte den Hafen damit offenbar auch mit Blick auf dessen politische Bedeutung als Ziel. Die Ukraine behauptete, Wildberries habe an der Lieferung von sanktionierten Komponenten sowie von Gütern mit doppeltem Verwendungszweck an die russischen Kampfeinheiten mitgewirkt, weshalb die Angriffe gerechtfertigt seien.
Das Nachrichtenbild der Woche wurde auch von Vorfällen auf See und in der Region geprägt. Ein russisches Kriegsschiff, das von britischen Medien als Fregatte „Neustrashimy" der russischen Ostseeflotte identifiziert wurde, führte am Montag etwa 40 Seemeilen südlich von Plymouth eine scharfe Schießübung im Ärmelkanal durch, die etwa eine halbe Stunde dauerte und in internationalen Gewässern stattfand. Russland verbot zudem das Ankern in Teilen der Häfen Asow und Kaukasus an der Meerenge von Kertsch, wenn keine Luftabwehr präsent ist. Die Schifffahrt in der Region ist seit Freitag wegen wiederholter ukrainischer Angriffe auf Tanker und Handelsschiffe eingeschränkt; etwa ein Viertel der russischen Getreideexporte läuft über die Route durch das Asowsche Meer.
Die humanitäre Lage bleibt unterdessen ernst. Das UN-Menschenrechtsbüro verzeichnete im ersten Halbjahr nahezu 2.000 Tote und nahezu 8.000 Verletzte in der Ukraine; die Zahl der zivilen Opfer stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 37 Prozent. Ukrainische Angriffe auf russischem Gebiet töteten demnach im ersten Halbjahr 250 Menschen und verletzten nahezu 1.600, ein Anstieg um 121 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch einzelne Angriffe der vergangenen Tage verdeutlichen die Eskalation: Bei einem Drohnenangriff auf die Stadt Sumy am Montagabend wurden mindestens sechs Menschen verletzt, darunter vier Kinder, und ein Drohnentreffer verursachte einen Großbrand in einem Einkaufszentrum. Bei einem russischen Angriff auf Cherson wurde ein Mensch getötet, weitere wurden verletzt. Präsident Selenskyj meldete zwei Tote und mehrere Verletzte bei einem russischen Angriff auf ein mehrstöckiges Wohnhaus in Saporischschja. Russische Streitkräfte griffen ein Zivilauto mit einer Drohne in Ruska Losowa im Gebiet Charkiw an und töteten zwei Frauen; der Fahrer überlebte. Russland griff Naftogas-Gasproduktionsanlagen im Gebiet Charkiw am dritten Tag in Folge an.
International bleibt die Ukraine finanziell gestützt. Der IWF genehmigte eine zusätzliche Auszahlung von 690 Millionen US-Dollar (rund 604 Millionen Euro) im Rahmen seines Hilfsprogramms. Der Kreml erklärte unterdessen, er habe unter dem neuen britischen Premierminister Andy Burnham „keine Hoffnung" auf eine Verbesserung der Beziehungen zu Großbritannien. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte: „Eine seiner ersten Amtshandlungen war, Beistandsbekundungen für die Ukraine abzugeben und damit zu zeigen, dass er alles in seiner Macht Stehende tun wird, um den Krieg fortzusetzen".
Internationale Reaktionen und humanitäre Lage
SPD-Bundestagsabgeordneter Andreas Schwarz beschrieb die Arbeit der ukrainischen Armee nach einem Besuch nahe Kyiv als „pragmatisch und digital". Die Datenplattform „Delta" sei das „digitale Nervensystem der ukrainischen Armee". Schwarz verwies zugleich auf die Abhängigkeit von Elon Musks Starlink-Satelliten als Problem für die Ukraine. Beide Konfliktseiten nutzen seit Beginn des umfassenden russischen Angriffskrieges in großem Umfang Online-Händler und Kurierdienste, um zusätzliche Ausrüstung und Güter zu bestellen, manchmal sogar ganze Drohnen oder Komponenten. Russland selbst hat während des Krieges bereits mehrere Einrichtungen der staatlichen ukrainischen Post „Ukrposchta" sowie des privaten Postdienstes „Nova Poschta" angegriffen.
Das Präsidialamt wurde offenbar von der Intensität der Proteste überrascht. András Rácz, Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin, und Christian Mölling, Senior Advisor beim European Policy Centre, gehören zu den Experten, die die Entwicklungen in der Ukraine seit Jahren beobachten. Mit der Entlassung Syrskyjs ist der innenpolitische Konflikt um die strategische Ausrichtung der Kriegsführung jedoch nicht beigelegt.
Nach Einschätzung Bühlers sind weitere personelle Konsequenzen möglich. Selenskyj hatte zuletzt hinter den Kulissen Gespräche geführt und angekündigt, bis Anfang der kommenden Woche Entscheidungen zur Frage des Verteidigungsministers zu treffen. Bis dahin bleibt Chmara kommissarisch im Amt, während Drapatyj als neuer Oberbefehlshaber vor der Aufgabe steht, die Streitkräfte in einer Phase schwerer russischer Luftangriffe und intensiver Drohnenkriegführung auf Kurs zu halten.
Fragen & Antworten
Wer ist Olexander Syrskyj?
Syrskyj war seit Februar 2024 Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte; der 60-jährige, in Russland geborene Berufssoldat hatte sich zuvor bei der Verteidigung Kyiws und der Gegenoffensive im Gebiet Charkiw 2022 hervorgetan.
Warum wurde Syrskyj entlassen?
Die Entlassung folgte auf sechs Tage andauernde Proteste mehrerer tausend Menschen in Kyiv und anderen Städten, die neben der Wiedereinsetzung Fedorows auch die Ablösung des Armeechefs forderten.
Wer führt jetzt die ukrainischen Streitkräfte und das Verteidigungsministerium?
Zum neuen Oberbefehlshaber ernannte Selenskyj Mychajlo Drapatyj; das Verteidigungsministerium leitet seit Freitag übergangsweise der Geheimdienst-Offizier Jewhenij Chmara, dessen Kandidatur noch vom Parlament bestätigt werden muss.