Machtkampf in Kiew: Armeechef Syrskyj entschuldigt sich bei entlassenem Verteidigungsminister Fedorow
Kiew, 21. Juli 2026
AI-generated image (z-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Inmitten massiver Proteste hat sich der ukrainische Armeechef Oleksandr Syrskyj bei dem entlassenen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow öffentlich entschuldigt. Präsident Wolodymyr Selenskyj erwägt unterdessen eine umfassende Umbildung der Militärführung, um die schwere innenpolitische Krise zu entschärfen.
Der ukrainische Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj hat sich in einem in der Militärzeitschrift „Militarnyj“ veröffentlichten Beitrag bei dem vergangene Woche von Präsident Wolodymyr Selenskyj entlassenen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow entschuldigt und zugleich auf den laufenden Konflikt zwischen Militärführung und Ministerium reagiert.
Entschuldigung und Signal der Deeskalation
Syrskyj schrieb, es sei für ihn überraschend gewesen zu erfahren, dass er einen Konflikt mit dem entlassenen Verteidigungsminister gehabt haben solle. Zugleich räumte er ein: „Falls ich jemanden in irgendeiner Weise gekränkt habe: Mychajlo Albertowitsch, bitte entschuldigen Sie!“. Unterschiedliche Auffassungen in Sachfragen seien aber nichts Ungewöhnliches, ergänzte er. Gegenüber seinem Gegenüber zeigte er sich ausdrücklich respektvoll: „Ich respektiere beide Seiten, ich kenne ihre Stärken und Schwächen und ich möchte wirklich, dass sie die Ukraine stärken. Ich wünsche ihm, dass er weiterhin im Team Ukraine bleibt“, schrieb der Oberbefehlshaber.
Der Konflikt zwischen dem seit Juli 2026 amtierenden Verteidigungsminister Fedorow und dem Armeechef belastet die ukrainische Führung in einer Phase, in der der Krieg gegen Russland unvermindert brutal weitergeht. Fedorow, der als Verfechter einer technologie- und drohnenbasierten Kriegsführung gilt, hatte mit seinem Plan, die russische Wirtschaft im Hinterland durch Angriffe auf Raffinerien, Fabriken und Lagerhäuser zu treffen, auf Verhandlungsdruck gegenüber Präsident Wladimir Putin gezielt. Syrskyj hingegen vertritt einen klassischeren Ansatz, der auf das Halten der Frontlinie mit Drohnen, Infanterie und Stoßtrupps setzt.
Proteste auf den Straßen Kiews
Seit der Entlassung Fedorows demonstrieren nach Angaben von SRF und anderen Quellen seit Tagen tausende Menschen in Kiew und weiteren ukrainischen Städten. Sie malten Pappschilder und skandierten „Fedorow“, den Namen des bisherigen Verteidigungsministers, den der Präsident vergangene Woche absetzte. Die Demonstranten sehen in Fedorow einen modernen Reformer, der die Drohnenkriegsführung vorangetrieben und sich für mehr Transparenz bei der militärischen Beschaffung eingesetzt habe. Die Demonstrierenden forderten zugleich den Rücktritt Syrskyjs und setzten ein Ultimatum: Sollte er bis Freitag nicht abgelöst werden, wollten sie die Proteste ausweiten.
Präsident Selenskyj hatte den Konflikt vergangene Woche zugunsten des Armeechefs entschieden, indem er Fedorow entließ. Inzwischen wurde Jewhenij Chmara, bisheriger Leiter des Zentrums für Spezialoperationen „A“ und seit Januar amtierender Chef des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU), auf Beschluss Selenskyjs zum amtierenden Verteidigungsminister ernannt. „Chmara hat umfangreiche, in vielerlei Hinsicht beispiellose Erfahrungen bei der Durchführung technologischer Angriffsoperationen gesammelt“, heißt es aus dem Präsidialamt. „Chmara ist Soldat, er trägt Uniform, er kennt die Spielregeln und kann mit den Generälen in einer für sie verständlichen Sprache sprechen“, so der Experte.
Chmara übernimmt das Verteidigungsministerium
Die scharfe Kritik aus den Reihen der Armee an der Entlassung des Ministers wurde als „ungewöhnlich“ beschrieben. Auch der Kommandeur der Vereinten Streitkräfte der Ukraine, Mychajlo Drapatyj, hatte zuletzt die Arbeit des entlassenen Verteidigungsministers Fedorow gelobt und erklärt, unter dessen Leitung sei das Ministerium ein verlässlicher Partner der Streitkräfte geworden und zahlreiche Reformen trotz erheblichen Widerstands im System umgesetzt worden. Drapatyj gilt derzeit als aussichtsreicher Kandidat, um Syrskyj als Oberbefehlshaber zu ersetzen.
Der Politikwissenschaftler Ihor Rejterowytsch erklärte auf seinem YouTube-Kanal: „Im Grunde geht es darum, den Konflikt zwischen dem Ministerium und dem Militärkommando, insbesondere mit Syrskyj, beizulegen.“ Zugleich warnte er: „Das Wichtigste ist, diese Situation mit möglichst geringen Verlusten zu bewältigen – sowohl für das Land als auch für die Verteidigung.“ Eine Entscheidung Selenskyjs werde nun nicht mehr zu hundert Prozent positiv aufgenommen werden können.
Suche nach einem Ausweg aus der Krise
Nach Angaben von Politikwissenschaftlern und Beobachtern arbeitet das ukrainische Präsidialamt intensiv an einer Lösung zur Deeskalation, die in Kürze vorgestellt werden soll. Selenskyj habe mittlerweile signalisiert, dass er bei der Entlassung Fedorows einlenken werde. Zugleich werde erwogen, die umstrittene Militärspitze um Syrskyj abzulösen. Berichten zufolge soll die gesamte ukrainische Militärführung neu aufgestellt werden. Selenskyj erklärte laut dem ukrainischen Sender Suspilne: „Und in einer solchen Situation gibt es nur einen Ausweg – entweder die eine oder die andere Seite“.
Der Politologe Oleh Saakjan, Mitbegründer der ukrainischen „Nationalen Plattform für Resilienz und Zusammenhalt“, sieht in dem Konflikt ein systembedingtes Problem: Selenskyj sei in einer Situation gewesen, in der zwei Seiten sich gegenseitig kategorische Forderungen stellten – einerseits der militärische Flügel unter Syrskyj, andererseits der technologische unter Fedorow. „Jetzt geht es nicht mehr um Fedorow oder Syrskyj, sondern um die moralische Entscheidung, die Selenskyj treffen muss – entweder für Syrskyjs Methoden, also Armee und Mobilmachung, oder für die von Fedorow propagierten ethischen Grundsätze und Methoden“, sagte Saakjan gegenüber der DW.
Der Experte der ukrainischen Stiftung „Come Back Alive“, Mykola Bielieskow, sieht das ähnlich: „Wenn ein Verteidigungsminister sich nicht darauf beschränken will, nur die materielle Versorgung der Armee sicherzustellen, sondern auch Fragen zur strategischen Kriegsführung aufwirft, dann stößt das beim Militär auf Unmut.“ Während der vorherige Minister eher managementorientiert gewesen sei, werde die Arbeitsweise künftig stärker militärisch geprägt sein, glaubt der Politologe. Dies sei ein Versuch, die Kooperation zwischen dem Verteidigungsministerium und den ukrainischen Streitkräften zu optimieren.
Kritik an Syrskyj und Gegenargumente
Die Sorge ist groß, dass der öffentlich ausgetragene Streit der ukrainischen Seite in dem andauernden Krieg gegen Russland schadet. Innere ukrainische Auseinandersetzungen kämen den russischen Angreifern zugute, heißt es in Analysen. Der Krieg in der Ukraine gehe brutal weiter, während in Russland Kritiker des Präsidenten oder des Krieges mit langen Haftstrafen rechnen müssten. Die Ukraine sei – anders als Russland – eine Demokratie, in der solche Konflikte öffentlich ausgetragen würden.
In der Diskussion um Syrskyj fallen die Urteile unterschiedlich aus. Während Kritiker ihm als Vertreter der alten Militärschule vorwerfen, Reformen und Innovationen zu blockieren, und ihn als rücksichtslos bezeichnen, wenn es um die Hinnahme hoher Verluste aus militärischer Notwendigkeit gehe, betonen andere seine Verdienste. „Ich werde Syrskyj jetzt nicht idealisieren, aber nach allem, was ich höre, auch von Militärangehörigen, gibt es zwar viel Kritik, doch er ist auch ein verdienter Frontgeneral“, sagte der Politikwissenschaftler Oleksij Haran im Gespräch mit dem Sender Hromadske. Syrskyj habe zu Kriegsbeginn die Verteidigung Kiews erfolgreich geführt. Syrskyj selbst wies die Vorwürfe gegen sich zurück.
Auch die Frage einer möglichen Nachfolge Syrskyjs ist offen. Drapatyj, der derzeit die Vereinten Streitkräfte der Ukraine kommandiert, gilt als vielversprechender Kandidat. Der Politikexperte Oleksandr Krajew sagte im ARD-Interview über Drapatyj: „Sein größter Vorteil gegenüber allen anderen Kandidaten ist, dass er kein besonders medienaffiner Typ ist. Er ist nicht besonders in den sozialen Netzwerken präsent. Er macht einfach seine Arbeit – und er macht sie sehr gut.“ Haran fügte hinzu: „Bei Syrskyj scheint mir die Forderung nach seinem Rücktritt in eine zu radikale Richtung gegangen zu sein. Sind wir denn Fachleute auf militärischem Gebiet? Können wir das überhaupt beurteilen? Nein, können wir nicht.“
Ausblick: Neuaufstellung der Militärführung
Rejterowytsch betonte, Selenskyj habe das Vertrauen eines Teils seiner Unterstützer verloren, weil er die Entlassung Fedorows nicht ausreichend begründet habe. „Fedorows Entlassung offenbarte einen klaren ethischen Bruch in Selenskyjs Team“, sagte Saakjan. Fedorow hatte seinem Kontrahenten vorgeworfen, „Initiativen zu blockieren“ und „nicht bereit zu sein, über Probleme zu sprechen“. Der Konflikt zwischen den beiden Spitzenfiguren hatte sich über Monate aufgestaut, ehe Selenskyj vergangene Woche die Entscheidung traf.
Welche Richtung die angekündigte Neuaufstellung der Militärführung nehmen wird, ist derzeit offen. Beobachter sehen in dem Machtkampf eine tiefe innenpolitische Krise der Ukraine mitten im Krieg. Syrskyj erklärte in seinem Beitrag: „So sollte es zwischen zwei Institutionen während eines großen Krieges auch sein“, und warb zugleich um Deeskalation. Fedorow selbst äußerte sich bislang nicht öffentlich zu den jüngsten Entwicklungen. Präsident Selenskyj steht nun vor der Aufgabe, die Spaltung in den eigenen Reihen zu schließen, ohne den Krieg gegen Russland zu schwächen.
Der ukrainische Präsident betonte in einer Ansprache, dass die Ukraine sich den Machtkampf zwischen Armeechef und Verteidigungsminister nicht leisten könne. „Darauf sollte sich unsere Verteidigung in diesem Krieg konzentrieren“, so der Präsident. Mit Blick auf die kommenden Tage wird erwartet, dass das Präsidialamt einen Fahrplan für die Neubesetzung der Führungspositionen vorlegt. Gleichzeitig wächst der Druck der Straße, da die Proteste erst durch das Entlassungsdekret ausgelöst worden waren und seitdem nicht abreißen.
Fragen & Antworten
Wer ist Mychajlo Fedorow und warum wurde er entlassen?
Mychajlo Fedorow war der ukrainische Verteidigungsminister und galt als Verfechter einer technologie- und drohnenbasierten Kriegsführung. Präsident Wolodymyr Selenskyj entließ ihn vergangene Woche im Zuge des Machtkampfes mit Armeechef Oleksandr Syrskyj zugunsten des Militärs.
Was hat Armeechef Syrskyj in dem Streit vorgeworfen bekommen?
Kritiker werfen Syrskyj vor, als Vertreter der alten Militärschule Reformen und Innovationen zu blockieren und rücksichtslos hohe Verluste in Kauf zu nehmen. Syrskyj selbst hat diese Vorwürfe zurückgewiesen.
Welche Lösung zeichnet sich nach der Entschuldigung Syrskyjs ab?
Das ukrainische Präsidialamt arbeitet nach eigenen Angaben an einer Deeskalationslösung; die gesamte Militärführung soll neu aufgestellt werden. Präsident Selenskyj hat zudem signalisiert, bei der Entlassung Fedorows einlenken zu wollen.
Ukraine: Syrskyj entschuldigt sich bei Fedorow – Machtkampf | finanz360