Bafög-Reform verschoben: Höhere Sätze kommen erst zum Sommersemester 2027
Berlin, 09. Juli 2026
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Kurzfassung
Die schwarz-rote Koalition hat sich auf eine Bafög-Reform geeinigt, verschiebt die geplanten Erhöhungen jedoch um ein halbes Jahr. Statt zum Wintersemester 2026/27 steigen Grundbedarf und Wohnkostenpauschale erst zum Sommersemester 2027.
Die schwarz-rote Koalition aus CDU/CSU und SPD hat sich nach langem Ringen auf eine Bafög-Reform verständigt, verschiebt die ursprünglich zum Wintersemester geplanten Erhöhungen jedoch um ein halbes Jahr auf das Sommersemester 2027.
Kompromiss nach langem Ringen
Die für das Wintersemester geplanten Leistungserhöhungen beim Bafög werden um ein halbes Jahr verschoben. Das teilten die zuständigen Fachpolitiker von Union und SPD in Berlin mit. Wie aus den Kreisen weiter verlautete, handelt es sich um den Kompromiss, auf den sich die schwarz-roten Koalitionsfraktionen im Bundestag nach langem Hin und Her geeinigt haben.
Die geplante Bafög-Reform wird damit in Teilen verschoben. Mehr Geld gibt es nun erst im nächsten Sommersemester statt bereits im kommenden Wintersemester. Im Kern sieht der Kompromiss vor, dass die Wohnkostenpauschale für diejenigen, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, von 380 auf 440 Euro steigt – die Anhebung der sogenannten Wohnkostenpauschale von 380 auf 440 Euro für diejenigen, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, soll demnach erst zum Sommersemester 2027 kommen.
Auch beim Grundbedarf verschiebt sich der Zeitplan. Der Bafög-Grundbedarf für die rund 610.000 Empfänger soll bis 2029 schrittweise um 88 Euro steigen – zunächst auf 503 Euro zum Wintersemester 2027/28, dann auf 563 Euro zum Sommersemester 2029. Damit würde erstmals das Niveau der Grundsicherung erreicht, denn dort liegt der sogenannte Regelbedarf aktuell bei 563 Euro.
Grundbedarf steigt in zwei Stufen
Die Unionsfraktion hatte sich zuvor gegen höhere Leistungen gestellt und auf die angespannte Haushaltslage verwiesen. Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) hatte gesagt, man werde staatliche Leistungen wie Bürgergeld, Wohngeld, Elterngeld oder Bafög absehbar nicht erhöhen können. "Allen ist jetzt klar, dass der weitere Ausbau staatlicher Leistungen nicht losgelöst von der gesamtwirtschaftlichen Lage erfolgen kann. Es ist eine gemeinsame Aufgabe dieser Regierungskoalition, wieder für Wirtschaftswachstum zu sorgen", sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Inge Gräßle.
Von Seiten der SPD wurde der Kompromiss als Erfolg verkauft. "Nach intensiven Verhandlungen ist es der Koalition gemeinsam gelungen, alle bereits vereinbarten Leistungsverbesserungen in voller Höhe zu sichern", sagte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Wiebke Esdar. Ihr Parteikollege Oliver Kaczmarek, forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, betonte: "Für Studierende bedeutet die Reform mehr Geld, mehr Verlässlichkeit, weniger Bürokratie. Damit stärken wir das Vertrauen in das Bafög als verlässliche Studienfinanzierung."
Die Opposition kritisierte den Beschluss scharf. Die Grünen-Haushaltspolitikerin Paula Piechotta warf der Bundesregierung vor, "notorisch wortbrüchig" zu sein. "Wer an der Bildung spart, fördert Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit und erweist dem Land einen Bärendienst", warnte sie. Die stellvertretende Fraktionschefin der Linken im Bundestag, Nicole Gohlke, kritisierte die Anpassung an das Grundsicherungsniveau in knapp drei Jahren als zu spät und zu niedrig.
Kritik von Opposition und Studierendenwerk
Das Deutsche Studierendenwerk (DSW) bewertete das Ergebnis zwiegespalten. DSW-Vorsitzender Matthias Anbuhl sagte dem ARD-Hauptstadtstudio: "Nach Monaten der Unsicherheit gebe es jetzt zumindest eine Entscheidung" – und nannte den Kompromiss ein "guten und wichtigen Signal". Allerdings fügte er einen "dicken Wermutstropfen" hinzu: "Durch die Verschiebung der Erhöhung der Wohnkostenpauschale seien die aktuell Studierenden gekniffen."
Die Verzögerung trifft Studierende in einer Phase erheblicher Wohnkostenbelastung. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes geben Studentinnen und Studenten rund 53 Prozent ihres Einkommens für Wohnkosten aus. In der Gesamtbevölkerung liegt der Wert im Schnitt nur bei 25 Prozent. Die durchschnittlichen Preise für ein WG-Zimmer lagen zuletzt bei 512 Euro – mit gravierenden regionalen Unterschieden: In München waren es 800, in Bielefeld oder Bochum 375 bis 385 Euro. Diese Zahlen stammen vom Moses Mendelssohn Institut, das die Zahlen regelmäßig erhebt.
Die Ausgangslage der Reform ist prekär. Im Jahr 2024 zählte das Statistische Bundesamt rund 612.800 Bafög-Empfänger – der niedrigste Stand seit dem Jahr 2000. Unter den Empfängern waren 483.800 Studentinnen und Studenten und 129.000 Schülerinnen und Schüler. 71 Prozent davon wohnten nicht bei ihren Eltern. Die Sätze gelten seit zwei Jahren.
Wohnkosten als zentrale Belastung
Die Höhe der individuellen Leistung richtet sich nach dem Verdienst der Eltern und dem eigenen Vermögen. Bafög wird aber immer individuell berechnet. Zusammen mit der Wohnkostenpauschale kommen Empfänger auf bis zu 855 Euro; wer seine Krankenversicherung schon selbst zahlt, bekommt noch Zuschläge. Dann liegt das Bafög bei maximal 992 Euro.
Der Kompromiss sieht neben der zeitlichen Verschiebung auch strukturelle Änderungen vor. So soll es eine verlässliche und transparente Regelung zur Überprüfung und Anpassung der Fördersätze geben, die sich am Grundsicherungsniveau orientiert. Für weitere Anpassungen, also falls die Grundsicherung steigt, solle es eine Regelung zur Überprüfung und Anpassung der Fördersätze geben. Die Einkommensgrenzen etwa von den Eltern, die als Berechnungsgrundlage für das individuelle Bafög herangezogen werden, sollen ab Sommer 2028 und dem Wintersemester 2028/29 jährlich um 1,5 Prozent automatisch angehoben werden, heißt es von der SPD.
Strukturelle Änderungen und Digitalisierung
Zusätzlich soll das Antragsverfahren modernisiert werden. Die Antragstellung soll zudem erleichtert und weiter digitalisiert werden. Geplant ist ferner, den Leistungsnachweis ab dem fünften Fachsemester abzuschaffen, um den Bürokratieaufwand zu verringern. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) rechnet allerdings nicht mehr mit einer schnellen Bafög-Reform in diesem Sinne.
Die Bundesregierung will die vereinbarte Reform noch im Juli vom Kabinett beschließen lassen. Forschungsministerin Bär kündigte an, dass die beschlossenen Änderungen Ende Juli im Bundeskabinett verabschiedet werden sollen. Der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD hatte ursprünglich zum Ziel, die Wohnkostenpauschale zum kommenden Wintersemester zu erhöhen und das Bafög dauerhaft auf das Niveau der Grundsicherung anzuheben. Alle Maßnahmen des Koalitionsvertrages stehen unter Finanzierungsvorbehalt.
Historisch betrachtet ist das Bafög ein zentrales Instrument der Bildungspolitik. Das "Bundesausbildungsförderungsgesetz" (Bafög) trat am 1. September 1971 in Kraft. Anfangs war es ein reiner Zuschuss ohne Rückzahlung. Seit 1990 gilt die grundsätzliche Regel: Eine Hälfte gibt's geschenkt, die andere muss zurückgezahlt werden. Bei der Einführung sagte die damals zuständige Bundesjugendministerin Käte Strobel (SPD), das Bafög solle dazu dienen, "um Bildungsschranken abzubauen".
Historische Einordnung
Zum Hintergrund: Insgesamt sind in Deutschland rund 2,9 Millionen Menschen zum Studium eingeschrieben, es gibt etwa 11,5 Millionen Schüler. Der Anteil der Bafög-Beziehenden ist somit gemessen an der Gesamtzahl der Studierenden und Schüler gering. Der beschlossene Kompromiss wird zwar in mehreren Sendungen des ZDF aufgegriffen, etwa bei ZDFheute live am 09.07.2026 ab 08:50 Uhr und bei "Berlin direkt" am 05.07.2026 ab 19:10 Uhr, doch in der Sache bleibt er für die Betroffenen ein Aufschub.
Fragen & Antworten
Wann genau steigt das Bafög jetzt?
Die Wohnkostenpauschale und weitere Erhöhungen gelten laut Kompromiss der Koalitionsfraktionen erst ab dem Sommersemester 2027 statt zum Wintersemester 2026/27. Der Grundbedarf steigt in zwei Stufen auf 503 Euro im Wintersemester 2027/28 und auf 563 Euro im Sommersemester 2029.
Wie viele Menschen bekommen heute Bafög?
Im Jahr 2024 zählte das Statistische Bundesamt rund 612.800 Bafög-Empfänger – der niedrigste Stand seit dem Jahr 2000. Davon waren 483.800 Studierende und 129.000 Schülerinnen und Schüler.
Was hat Bundesforschungsministerin Dorothee Bär mit der Reform zu tun?
Die CSU-Politikerin ist Bundesforschungsministerin und hat angekündigt, dass die beschlossenen Änderungen Ende Juli im Bundeskabinett verabschiedet werden sollen. Zudem rechnet sie nicht mehr mit einer schnellen umfassenden Bafög-Reform.
Bafög-Reform verschoben: Erhöhung erst ab Sommersemester | finanz360