Wiener Wirtschaftskammer-Chef Ruck unter Druck: Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer kontert
Wien, 21. Juli 2026
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Kurzfassung
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer hat die kolportierten Aussagen des Wiener Wirtschaftskammer-Präsidenten Walter Ruck über ihn und Industrievertreter als „befremdlich“ zurückgewiesen. Aus der Industrie, der Wiener ÖVP und der Opposition mehren sich zugleich Rücktrittsforderungen an Ruck.
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) hat die aus einem geleakten Gesprächsprotokoll kolportierten Äußerungen des Wiener Wirtschaftskammer-Präsidenten Walter Ruck am Dienstag scharf zurückgewiesen, während aus Industrie, Wiener Volkspartei und Opposition der Druck auf Ruck wächst.
Hintergrund: Die geleakten Protokolle
Seit das Nachrichtenmagazin „profil“ und die „Kronen Zeitung“ am Freitag erste und am Montagabend weitere Auszüge aus einem mutmaßlich vertraulichen Gesprächsprotokoll veröffentlicht haben, kämpft Walter Ruck um sein Amt an der Spitze der Wiener Wirtschaftskammer. Die Aufzeichnungen, deren Echtheit von einem Sprecher Rucks nicht bestätigt, von den publizierenden Medien aber als gesichert bezeichnet wird, sollen den Jahreswechsel 2025 auf 2026 betreffen. Demnach soll Ruck offen über Postenschiebereien in der eigenen Partei, die ÖVP, gesprochen, sexistische Bemerkungen über Frauen gemacht und Industrievertreter aus Oberösterreich als „degeneriert“ bezeichnet haben.
In den am Montagabend veröffentlichten neuen Passagen soll Ruck auch über Hattmannsdorfer hergezogen sein. „Der kommt zu dir rein mit 300 Seiten, die er auswendig gestrebert hat, und will dir in zwei Minuten alle 300 Seiten erzählen“, zitierte „profil“ Ruck sinngemäß. In einer weiteren zugeschriebenen Passage soll der Wiener Kammerchef Hattmannsdorfer als „Typ Sachbearbeiter und Vorstandsassistent“ tituliert haben. Auch der Obmann der Industriesparte in der Bundes-Wirtschaftskammer (WKÖ), Siegfried Menz, soll gemeinsam mit weiteren nicht namentlich genannten Industrievertretern aus Oberösterreich bei Diskussionen über die Kammerumlage 2 „gescheit dahergeredet, vom Kaviarfrühstück kommend“, wie es im Protokoll heißen soll.
Hattmannsdorfer wehrt sich
Der Wirtschaftsminister reagierte am Dienstag in einem schriftlichen Statement gegenüber der APA und auch gegenüber oe24. „Deutlich befremdlicher finde ich das kolportierte Politikverständnis sowie das Bild über Frauen und Unternehmerinnen und Unternehmer. In diesem Zusammenhang sei es respektlos, wenn die Aussagen so gefallen sind und sehr erstaunlich, wenn nicht befremdlich“, sagte Hattmannsdorfer. „Beides entspricht meinem Amtsverständnis als Bundesminister“, fügte der Spitzenpolitiker hinzu.
Zugleich wies Hattmannsdorfer den impliziten Vorwurf, ein hohes Arbeitstempo und inhaltliche Vorbereitung an den Tag zu legen, gelassen zurück. „Mit dem Vorwurf, ein hohes Arbeitstempo zu haben und inhaltlich gut vorbereitet zu sein, kann ich gut leben“, sagte er dem STANDARD. Dass Ruck und er ÖVP-Parteikollegen sind und Hattmannsdorfer vor seinem Wechsel ins Ministerium selbst in der Wirtschaftskammer tätig war, macht die Sache zusätzlich brisant.
Rückendeckung aus dem eigenen Lager
Aus seinem unmittelbaren Umfeld hieß es laut Ö1-Mittagsjournal, Ruck werde „sicher nicht zurücktreten“. Auch der Wirtschaftsbund Wien stellte sich hinter den Kammerpräsidenten. „Keine Sorge, Walter wird nicht zurücktreten“, hieß es in einer Mitteilung, die der APA vorliegt. Wirtschaftsbunddirektor Florian Kollenz schrieb am Montag in einer internen Whatsapp-Nachricht an Bezirksvertreterinnen und Bezirksvertreter, man wolle sich den Präsidenten „sicher nicht herausschießen lassen“. Gleichzeitig versuche das Umfeld Rucks laut STANDARD, die Aufnahme als „illegal“ zu brandmarken und weibliche Fürsprecher Rucks für öffentliche Aussagen zu gewinnen.
Rucks Vizepräsidentin Margarete Kriz-Zwittkovits, die selbst in den geleakten Protokollen ungünstig vorkommt, stärkte dem WKW-Präsidenten ebenfalls den Rücken. Auch die Vorsitzende des Wirtschaftsparlaments der Wiener Wirtschaftskammer, Martha Schultz, stellte sich hinter Ruck – verband dies aber mit einer deutlichen Erwartung. Sie gehe davon aus, dass Ruck Schaden von der Kammer abwenden wolle und „die richtigen Schritte setzen wird“, sagte sie – was allgemein als wenig verhüllte Aufforderung zum Rücktritt gelesen wurde.
Industrie zieht die Konsequenzen
Die Reaktionen aus der eigenen Kammerorganisation fielen demgegenüber deutlich kritischer aus. Die Industriellenvereinigung (IV) distanzierte sich am Dienstag offiziell von Ruck. IV-Generalsekretär Christoph Neumayer verwies am Rande einer Pressekonferenz darauf, dass die Industriebetriebe maßgebliche Wirtschaftskammer-Finanzierer seien – „auch in Wien“: „Alleine die Voestalpine führte Jahr für Jahr rund zehn Millionen Euro an Pflichtmitgliedsbeiträgen an die WKO ab.“ Das Vertrauen in Ruck sei „zutiefst erschüttert“, so Neumayer. „Ich kann sagen, dass das Vertrauen naturgemäß zutiefst erschüttert und wie es wieder hergestellt werden kann, mehr als fraglich ist“, sagte der IV-Generalsekretär weiter.
Dass der Umgangston „indiskutabel“ sei und „auch für einen Wiener Kammerspitzenfunktionär unwürdig“, sagte die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic, die Vorsitzende des WKÖ-Ethikrats, am Dienstag im Ö1-Mittagsjournal. Die Causa sei auch ein Fall für den ÖVP-Ethikrat, berichtete der Sender weiter. „Wenn das stimmt, dann hat es nicht nur Handlungsbedarf, sondern hat es auch Entscheidungsbedarf“, sagte Klasnic. Man habe bereits eine Information an die Mitglieder ausgeschickt, ein Sitzungsdatum müsse aber erst gefunden werden. Auch die Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec bezeichnete die kolportierten Äußerungen als „unglaublich“.
Wiener ÖVP und Opposition
Aus der Wiener ÖVP kam am Dienstag ebenfalls Kritik. Deren Wiener Chef Markus Figl wunderte sich über die „Tonalität“ und das „Politikverständnis“ Rucks. „Unglaublich“, kommentierte Figl die Vorwürfe. Bundeskanzler und ÖVP-Chef Christian Stocker hatte bereits am Montag Aufklärung gefordert: „Die medial kolportierten Aussagen sind zutiefst irritierend und widersprechen dem Frauenbild und Politikverständnis der Volkspartei.“ Die Opposition spannte den Bogen zur Volkspartei insgesamt: Stocker legte man nahe, sich eine „sinnvolle“ Beschäftigung zu suchen, der Fall liefere einen Einblick in den „moralischen Abgrund der ÖVP“.
Die Opposition ging noch weiter. „Was diese Protokolle zeigen, ist kein Ausrutscher. Was wir hier erleben, ist keine private Entgleisung, sondern ein Sittenbild der schwarzen Machtzirkel“, sagte FPÖ-Chef Herbert Kickl am Dienstag in einer Aussendung in Richtung Ruck. Die stellvertretende grüne Klubobfrau Sigrid Maurer hatte bereits am Freitag klare Worte gefunden: „Öffentliche Funktionen dürfen nicht in Weinkellern, Hinterzimmern oder auf Skiurlauben vergeben werden“, sagte sie. „Wir sehen nicht weg, wenn Frauen abgewertet, kleingemacht und ihnen aufgrund ihres Geschlechts der Zugang zu Entscheidungspositionen verwehrt wird“, formulierte die Opposition weiter.
Rechtliche Möglichkeiten
Aus der Zivilgesellschaft kam ebenfalls scharfe Kritik. Der Industrielle Stephan Zöchling, Gründer der Initiative „#zusammenstaerker“, schrieb in einer Aussendung: „Das ist die Geisteshaltung des Kammer-Kaisers Walter Ruck. Wer aus Schloss Hernstein, Opernballlogen und Weinkellern heraus Posten an Familienmitglieder und Parteifreunde verschachert, ist nicht in der Position, Leistungsträger derart zu verunglimpfen.“ Für Zöchling ist „ein Rücktritt die einzige Konsequenz.“
Was die rechtliche Seite betrifft, könnte das Wirtschaftsministerium theoretisch eingreifen. Das Ministerium kann Funktionäre abberufen, wenn „sie sich eine gröbliche Verletzung oder Vernachlässigung ihrer Pflichten zuschulden kommen lassen“, wie es im Gesetz heißt. „Damit endet die Funktion des Einzelorgans“, heißt es laut WKO-Gesetz. In der Praxis sei das jedoch unwahrscheinlich, berichtete das Ö1-Mittagsjournal. Die politische Dynamik rund um die Causa hatte sich bereits am Wochenende deutlich zugespitzt: Auch aus dem Vorwurf, Ruck habe sich laut dem Protokoll dafür eingesetzt, dass einer seiner Söhne einen ÖVP-Listenplatz bei der Wien-Wahl erhält, entstand eine eigene Diskussion.
Insgesamt bleibt die Situation für den Wiener Kammerchef prekär: Während die Wirtschaftskammer Wien und sein direktes Umfeld weiter zu ihm halten, wächst der Druck aus Industrie, Politik und Öffentlichkeit. Bis zum Erscheinen dieses Artikels hatte Ruck selbst keine Stellung zu den neuen Vorwürfen genommen.
Wie aus dem STANDARD vorliegenden Mitteilungen hervorgeht, plant die Wirtschaftskammer Wien unterdessen keine kurzfristigen personellen Schritte. Die Entscheidung über einen möglichen Rücktritt liege bei Ruck selbst, hieß es aus dem Umfeld. Klar ist aber, dass die kommenden Tage zeigen werden, ob der Druck ausreichend ist, um Bewegung in die Causa zu bringen – oder ob Ruck sich trotz aller Kritik im Amt halten kann.
Fragen & Antworten
Was wirft man Wiener Wirtschaftskammer-Präsident Walter Ruck vor?
Laut von „profil“ und „Krone“ veröffentlichten Gesprächsprotokollen soll Ruck sich über Postenschiebereien in der ÖVP geäußert, sexistische Bemerkungen über Frauen gemacht und Industrievertreter aus Oberösterreich als „degeneriert“ bezeichnet haben.
Wie hat Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer auf die Vorwürfe reagiert?
Hattmannsdorfer bezeichnete die ihm zugeschriebenen Aussagen Rucks als „befremdlich“ und „respektlos“ und wies den Vorwurf, ein „Sachbearbeiter und Vorstandsassistent“ zu sein, mit dem Hinweis zurück, dass er gut mit dem Vorwurf eines hohen Arbeitstempos leben könne.
Welche Konsequenzen drohen Ruck?
Aus Industrie, Wiener ÖVP und Opposition mehren sich Rücktrittsforderungen, die Industriellenvereinigung sprach von zutiefst erschüttertem Vertrauen; gleichzeitig halten Wirtschaftsbund und Teile der Wiener Kammerorganisation weiter zu Ruck, der laut seinem Umfeld nicht zurücktreten will.
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