Wiederaufbaukonferenz für Ukraine in Danzig eröffnet – polnisch-ukrainischer Streit überschattet Treffen
Danzig, 25 Juni 2026
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Kurzfassung
In Danzig hat die fünfte internationale Ukraine Recovery Conference begonnen. Delegationen aus mehr als 50 Ländern, darunter Bundeskanzler Friedrich Merz, beraten zwei Tage lang über den Wiederaufbau der von Russland angegriffenen Ukraine – überlagert vom Streit zwischen Warschau und Kiew um die Aberkennung des Ordens des Weißen Adlers durch Präsident Nawrocki.
Danzig, 25 Juni 2026
In Danzig hat am Donnerstag die fünfte internationale Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine (Ukraine Recovery Conference, URC) begonnen, an der Delegationen aus mehr als 50 Ländern teilnehmen und bei der laut polnischer Regierung rund 200 Vereinbarungen und Verträge zur Unterzeichnung vorbereitet wurden.
Die zweitägige Konferenz in der historischen Hansestadt Danzig steht im Zeichen des Wiederaufbaus der durch den russischen Angriffskrieg schwer beschädigten Ukraine. Nach Angaben der Weltbank, der ukrainischen Regierung und der EU beläuft sich der physische Zerstörungsschaden nach mehr als vier Jahren Krieg auf rund 195 Milliarden US-Dollar (171 Milliarden Euro). Der mittel- und langfristige Bedarf wird auf etwa 588 Milliarden US-Dollar (rund 516 Milliarden Euro) über die kommenden zehn Jahre geschätzt, während wirtschaftliche und soziale Schäden mit 666 Milliarden US-Dollar beziffert werden.
Anders als in den vergangenen Jahren in Berlin und Rom wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Danzig nicht selbst erwartet. Er lässt sich von Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko vertreten. Die ukrainische Delegation steht damit unter Regierungsverantwortung, während der Staatschef der Konferenz fernbleibt.
Hohe politische Beteiligung aus Deutschland und Österreich
Aus Deutschland reisen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Entwicklungsministerin Alabali Radovan nach Danzig. Zudem haben rund 20 Vertreter österreichischer Unternehmen ihre Teilnahme angemeldet; Österreich wird erstmals auf Regierungschef-Ebene durch Bundeskanzler Stocker vertreten, der bilaterale Gespräche mit Donald Tusk und Julia Svyrydenko plant und eine Rede im Eröffnungsteil der Konferenz halten will. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wird als hochrangige politische Gastgeberin erwartet.
Auf polnischer Seite ist Ministerpräsident Donald Tusk Co-Gastgeber. Tusk hatte sich bereits am Vorabend mit Merz in Berlin getroffen, wo ein Treffen der fünf großen europäischen Staaten (E5) stattfand. Er sicherte Kiew am Abend erneut Polens Unterstützung zu und betonte: „Es ist im Interesse Polens und der Ukraine, die Zusammenarbeit fortzusetzen“.
Konkrete Hilfszusagen und Wirtschaftsinteressen
Im Mittelpunkt der Beratungen stehen konkrete Hilfszusagen und Investitionen für den Wiederaufbau. Polens Vize-Entwicklungsminister Michał Baranowski erklärte: „Der eigentliche Wiederaufbau der Ukraine beginnt in dem Moment, wenn Drohnen und Bomben aufhören zu fliegen, wenn Kanonen nicht mehr schießen. Doch der Wiederaufbau fängt auch jetzt schon an“. Baranowski kündigte an, dass „konkrete Summen“ diskutiert würden und „der gesamte Westen“ sich treffe, um „weitere Hilfen und Unterstützung für den Wiederaufbau der Ukraine zuzusagen“.
Auch die wirtschaftliche Dimension ist erheblich. Deutsche Unternehmen aus den Bereichen Technologie, Logistik, Drohnenbau, Rüstungsindustrie und Stromanlagenherstellung haben großes Interesse an Aufträgen angemeldet. Laut österreichischer Bundeskanzleramt sind rund 1.000 österreichische Firmen in der Ukraine aktiv, etwa 200 mit eigener Niederlassung; Österreich war vor dem Krieg sechstgrößter Investor in dem Land.
Konkrete Zusagen wurden bereits am ersten Konferenztag bekannt. Andriy Sadovyi, Bürgermeister der westukrainischen Stadt Lwiw, gab auf der Plattform X bekannt, dass seine Stadt Unterstützung in Höhe von 2,5 Millionen Euro erhalten und sechs Verträge mit Partnern aus Litauen, Deutschland, Tschechien, Schweden und Frankreich unterzeichnet habe. Sadovyi unterstrich: „Entgegen allem, was man uns in letzter Zeit in der Öffentlichkeit aufzuzwingen versucht, empfängt uns Polen herzlich“.
Hintergrund: Russische Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur
Polen zählt zu den wichtigsten militärischen Unterstützern der Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland. Vor dem Hintergrund des laufenden Krieges sind nach Angaben aus dem vergangenen Winter Millionen Menschen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew wochenlang ohne Heizung und mit nur wenig Stromversorgung ausgekommen, nachdem Russland wiederholt Kraftwerke und Energienetze bombardiert hatte. Viele Wohnhäuser und Betriebe in der Ukraine sind beschädigt oder zerstört.
Streit um die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit
Überschattet wird die Konferenz durch einen historisch-politischen Streit zwischen Warschau und Kiew. Auslöser war Ende Mai die Entscheidung Selenskyjs, einer Einheit des ukrainischen Militärs den Beinamen „Helden der ukrainischen Aufständischen Armee (UPA)“ zu geben. Die UPA kämpfte im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjets. Selenskyj erklärte, die Umbenennung sei auf Bitten der Einheit geschehen: „Ich bin Oberbefehlshaber, der dazu verpflichtet ist, den Streitkräften alles zu geben, was sie für die Verteidigung unseres Volkes und unseres Landes brauchen“.
In Polen rief dieser Schritt große Empörung hervor. Die UPA ist nach polnischer Lesart auch für Massaker an Zehntausenden Polen und Juden im heutigen Westukraine verantwortlich; Polen betrachtet diese Taten als Völkermord. Präsident Karol Nawrocki zog daraufhin die Konsequenzen und entschied sich, seinem Amtskollegen Selenskyj die höchste Auszeichnung Polens, den Orden des Weißen Adlers, abzuerkennen. Selenskyj schickte den Orden daraufhin per Post zurück.
Polens innenpolitische Differenzen im Umgang mit Kiew
Während der liberale Ministerpräsident Tusk sich seit Tagen bemüht, den Streit mit Kiew zu beruhigen, hat der konservative Präsident Nawrocki ihn verschärft. Tusk versicherte: „Trotz der Emotionen stehe man für die Ukraine in deren Konfrontation mit Russland ein“. Beide Seiten haben nach Angaben der Konferenzorganisatoren mehrfach betont, dass die Unterstützung der Ukraine durch den Streit keinen Schaden nehmen solle.
Dennoch droht der historische Konflikt auch andere Bereiche der strategisch wichtigen Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und Polen zu belasten. Beobachter werten die Tatsache, dass Selenskyj in Danzig fehlt und Svyrydenko die Delegation leitet, als sichtbares Zeichen dieser Belastung, auch wenn die Konferenz nach Angaben aus Warschau operativ weitgehend im geplanten Rahmen verläuft.
Bedeutung der Konferenz für den Wiederaufbau
Die Ukraine Recovery Conference findet seit Kriegsbeginn jährlich statt. Sie befasst sich traditionell mit der Reparatur laufender Kriegsschäden an der ukrainischen Infrastruktur und mit der Frage, wie der künftige Wiederaufbau gestaltet werden soll. Mit Danzig als diesjährigem Austragungsort haben sich die Veranstalter für einen Ort entschieden, der historisch für grenzüberschreitenden Handel und für die Erfahrung von Krieg und Wiederaufbau steht.
Insgesamt zeigen die vorbereiteten 200 Vereinbarungen und Verträge das wirtschaftliche und politische Gewicht der Konferenz. Für die Ukraine, deren Energieinfrastruktur, Wohngebäude und Industrieanlagen unter den fortgesetzten russischen Angriffen leiden, sind die in Danzig zugesagten Hilfen und Investitionen ein entscheidender Baustein, um den Wiederaufbau bereits jetzt zu beginnen – noch während der Krieg andauert.
Fragen & Antworten
Wer nimmt an der Ukraine Recovery Conference in Danzig teil?
An der Konferenz nehmen Delegationen aus mehr als 50 Ländern teil. Zu den hochrangigen Gästen zählen Bundeskanzler Friedrich Merz, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der österreichische Bundeskanzler Stocker und Polens Ministerpräsident Donald Tusk. Die Ukraine wird von Ministerpräsidentin Julia Svyrydenko vertreten.
Warum hat Polens Präsident Selenskyj den Orden des Weißen Adlers entzogen?
Präsident Karol Nawrocki entschied sich, seinem Amtskollegen Selenskyj die höchste Auszeichnung Polens, den Orden des Weißen Adlers, abzuerkennen, nachdem Selenskyj Ende Mai einer ukrainischen Militäreinheit den Beinamen „Helden der UPA“ gegeben hatte. Polen sieht die UPA wegen Massakern an Zehntausenden Polen und Juden im Zweiten Weltkrieg als verantwortlich für Völkermord.
Welche Summen sind für den Wiederaufbau der Ukraine nötig?
Nach Schätzungen der Weltbank, der ukrainischen Regierung und der EU beläuft sich der physische Zerstörungsschaden auf etwa 195 Milliarden US-Dollar. Für den Wiederaufbau über die kommenden zehn Jahre werden rund 588 Milliarden US-Dollar veranschlagt, die wirtschaftlichen und sozialen Schäden werden auf 666 Milliarden US-Dollar beziffert.