Selenskyj schlägt Putin in offenem Brief persönliches Treffen für Verhandlungen vor
Kiew, 05 Juni 2026
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Kurzfassung
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einem offenen Brief an Kremlchef Wladimir Putin ein persönliches Treffen in einem neutralen Drittstaat vorgeschlagen, um den seit 2022 andauernden Krieg zu beenden. Der Kreml bestätigte den Erhalt des Schreibens, äußerte sich aber nicht inhaltlich und erneuerte lediglich sein früheres Angebot, Selenskyj könne jederzeit nach Moskau kommen.
Kiew, 05 Juni 2026
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin in einem am 4. Juli 2026 veröffentlichten offenen Brief zu einem direkten Treffen in einem neutralen Drittstaat aufgefordert, um den russischen Angriffskrieg zu beenden.
Die Vorschläge im Detail
In dem auf der Website des ukrainischen Präsidialamts und auf der Plattform X veröffentlichten Schreiben schlug Selenskyj vor, zunächst entlang der aktuellen Frontlinie einen Waffenstillstand zu vereinbaren, der von den Vereinigten Staaten überwacht werden solle. „Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg durch einen direkten Austausch zwischen Ihnen und uns zu beenden. Ich schlage ein Treffen vor", schrieb Selenskyj an Putin. Für die Dauer der Verhandlungen erklärte sich Kiew demnach zu einem umfassenden Waffenstillstand bereit.
Als mögliche Gastgeberländer für ein solches Gipfeltreffen nannte Selenskyj die Schweiz, die Türkei oder einen Staat aus der arabischen Welt. Einen Ort in Kiew oder Moskau schloss er ausdrücklich aus – Selenskyj hatte wiederholt erklärt, nicht in die russische Hauptstadt reisen zu wollen. An den Verhandlungen sollten nach seinem Willen Vertreter Europas und der USA als mögliche Garanten teilnehmen.
Über die Waffenruhe hinaus verlangte der ukrainische Präsident einen Gefangenenaustausch nach dem Prinzip „alle für alle", die Rückkehr deportierter ukrainischer Zivilisten sowie die Rückführung von Kindern, die nach Darstellung Kiews während des Krieges „verschleppt" worden seien. Selenskyj schrieb, die Ukraine sei „bereit für einen vollständigen Waffenstillstand für die Dauer solcher Verhandlungen".
Schärfer Tonfall ohne diplomatische Floskeln
Der Brief war in ungewohnt scharfem Ton gehalten und enthielt keine diplomatischen Höflichkeitsformeln. Selenskyj warf Putin eine Reihe von Fehlkalkulationen vor und forderte ihn zugleich direkt heraus: „Sie werden nicht genug Geld oder politisches Kapital haben, um weiterhin die Loyalität der Russen zu erkaufen, wie Sie es in den letzten 26 Jahren getan haben." Zugleich schrieb der ukrainische Präsident, die Ukraine sei bereit, den Kampf fortzusetzen, sollte kein Treffen zustande kommen.
Der Kreml bestätigte nach Angaben der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS, dass Putin über das Schreiben informiert wurde. Kremlsprecher Dmitri Peskov äußerte sich nicht zum Inhalt des Briefes und verwies lediglich auf eine frühere Aussage Putins: „Präsident Putin hat gesagt, dass Selenskij nach Moskau kommen könne, wenn er reden möchte." Die Antwort des Kremls auf den erneuten Vorschlag aus Kiew bestand damit im Wesentlichen aus der Wiederholung des bereits mehrfach unterbreiteten Angebots, Selenskyj solle nach Moskau kommen – ein Vorschlag, den Kiew kategorisch ablehnt.
Putin hält an Donezk und Luhansk fest
Putin selbst ging am Rande des Petersburger Wirtschaftsforums nicht direkt auf Selenskyjs Initiative ein. Bei einer Pressekonferenz mit ausgewählten internationalen Journalisten bekräftigte er vielmehr die bekannten russischen Maximalforderungen: eine vollständige Kontrolle über die international als ukrainisch anerkannten Gebiete Donezk und Luhansk sowie die Einhaltung dessen, was in Moskau als „Anchorage-Vereinbarungen" bezeichnet wird – ein im August 2025 in Alaska mit US-Präsident Donald Trump erzieltes, inhaltlich nicht öffentlich bekanntes Gesprächsergebnis. Zugleich erklärte Putin, Russland sei „zweifellos dazu bereit, mit der Ukraine eine Vereinbarung zu treffen".
Putin zeigte sich in St. Petersburg überzeugt, dass die russischen Streitkräfte an der gesamten Frontlinie im Vormarsch seien und zuletzt 2.440 Quadratkilometer Geländegewinn verzeichnet hätten. Nach Berechnungen regierungsnaher ukrainischer Militärexperten, die den russischen Wert deutlich nach unten korrigieren, hat Russland seit Jahresbeginn allerdings „nur" knapp 700 Quadratkilometer eingenommen, wobei sich das Tempo zuletzt verlangsamt habe. Für Mai 2026 meldete die Ukraine zudem Rückeroberungen.
Hohe Verluste und Drohnenangriffe
Der ukrainische Präsident bestritt die russischen Erfolgsmeldungen in seinem Brief mit harten Zahlen. „Allein im Mai habe die russische Armee an der Front über 30.000 Tote und Schwerverwundete verzeichnet", schrieb Selenskyj. „So viele Gefallene könne sich im 21. Jahrhundert 'keine Armee leisten'." Russland sei zunehmend von China und Nordkorea abhängig, leide unter Benzinengpässen und Inflation, und im Land herrsche Angst vor einer weiteren Mobilisierungswelle.
Selenskyj formulierte in dem Schreiben eine politische Zielsetzung: „Es ist eine Tatsache der russischen Geschichte, die Sie gut kennen: Wenn Russland müde wird, kommt der Wandel. Wir können auf diese Müdigkeit hinarbeiten." Er verwies zugleich auf den ukrainischen Drohnenangriff auf einen Ölterminal in St. Petersburg zur Eröffnung des dortigen Wirtschaftsforums, bei dem ukrainische Langstreckendrohnen „nach einer Flugstrecke von mehr als 1000 Kilometern" Putins Forum einen „Besuch abgestattet" hätten. „Wie Sie genau wissen, stellt diese Entfernung nicht die Grenze unserer Fähigkeiten dar", schrieb der ukrainische Präsident.
Reaktionen aus dem Westen
Die Reaktionen westlicher Regierungen fielen verhalten positiv aus. US-Präsident Donald Trump sagte im Weißen Haus, er würde ein Treffen der beiden Präsidenten begrüßen: „Ich denke, es wäre großartig, wenn sie sich treffen würden." Trump fügte hinzu: „Ich bin froh, dass sie vielleicht über ein Treffen sprechen. Ich glaube, wir hatten viel damit zu tun." Eine Sprecherin der deutschen Bundesregierung erklärte, Russland zeige derzeit keine ernsthafte Verhandlungsbereitschaft; Europa und die USA müssten aber in jede Friedenslösung eingebunden sein. Bundesaußenminister Johann Wadephul forderte Putin auf: „Es ist jetzt an der Zeit, an den Verhandlungstisch zu kommen."
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte am Rande eines EU-Westbalkan-Gipfels in Montenegro ein Spitzentreffen mit Selenskyj in wenigen Tagen an. „Ich glaube, dass es heute die Ukraine und Russland sind, die sowohl einen Waffenstillstand als auch einen Friedensplan ausarbeiten können", sagte Macron. Zugleich bekräftigte er: „Deshalb halte ich das für eine gute Initiative." Macron verwies zudem auf eine enge Abstimmung mit dem britischen Premierminister Keir Starmer und Bundeskanzler Friedrich Merz.
AfD-Reise nach St. Petersburg und Schröders Rolle
In Berlin sorgte zeitgleich die Reise mehrerer AfD-Politiker zum Petersburger Wirtschaftsforum für Verstimmung. Unter ihnen war nach Angaben des Berichts der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, Frohnmaier, der in einer Diskussionsrunde erklärte, es sei „nicht im deutschen Interesse, mit Russland keinen Handel zu treiben", und die westlichen Sanktionen kritisierte. Putin äußerte sich dazu mit dem Satz: „Man werde mit den Leuten arbeiten, die mit Russland arbeiten wollten." Das Auswärtige Amt hatte der AfD zuvor ausdrücklich von der Reise abgeraten und erklärt: „Vor dem Hintergrund der russischen Angriffe auf die Ukraine den Eindruck von Normalität zu erwecken, laufe den außen- und sicherheitspolitischen Grundsätzen der Bundesregierung zuwider."
Putin warb in St. Petersburg zudem erneut für den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder als Vermittler. „Von allen europäischen Politikern würde ich Gespräche mit Schröder bevorzugen", sagte er. Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder, der in dieser Woche im Moskauer Hotel Kempinski gesichtet wurde, ist nach Angaben der Bundesregierung 82 Jahre alt und steht seit Jahren wegen seiner Nähe zu Putin und seiner Tätigkeit für russische Energiekonzerne in der Kritik. Die Bundesregierung bezeichnete Putins Vorschlag als „Scheinangebot". Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warnte, Russland dürfe nicht im Namen Europas einen Unterhändler benennen.
Putin verteidigte in seiner Rede auch Russlands Luftabwehr nach Drohnenangriffen auf Energie- und Militäranlagen in St. Petersburg: „Russland hat ein Luftabwehrsystem. Ja, wir müssen es verbessern. Ja, wir müssen es stärken. Und das werden wir tun." Zugleich warnte er vor einer weiteren Militarisierung der Europäischen Union: „Wir sind dagegen, dass sich die EU in einen Militärblock verwandelt." Einen EU-Beitritt der Ukraine lehnte er jedoch nicht ab: „Das geht uns nichts an. Wir sind nicht dagegen."
Eingefrorene US-Vermittlung und Begleitumstände
Die von den USA vermittelten Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau sind derzeit nach Darstellung mehrerer Quellen praktisch eingefroren, unter anderem weil Washington durch den Krieg im Nahen Osten, insbesondere den Konflikt mit Iran, gebunden ist. Selenskyj schrieb in seinem Brief, die USA seien „derzeit vollständig durch den Konflikt mit Iran absorbiert"; es wäre falsch, darauf zu warten, dass die Ukraine-Krise wieder in den Mittelpunkt Washingtons rücke.
Am selben Tag explodierte nach Angaben des rumänischen Verteidigungsministeriums ein Seedrohnung in der Nähe eines Ölterminals im rumänischen Schwarzmeerhafen Constanța, ohne dass es Verletzte gab. Nach Angaben des ukrainischen Militärs habe das Gerät durch russische Störsysteme die Orientierung verloren; die Ukraine habe Rumänien vorab gewarnt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte: „Unsere Solidarität mit jedem Mitgliedstaat, der diesen Bedrohungen ausgesetzt ist, ist absolut." Der ukrainische Außenministerium wies darauf hin, dass die russische Aggression nicht nur die Ukraine, sondern auch deren Nachbarstaaten bedrohe. Bei einem russischen Drohnenangriff auf ein Lebensmittelwerk im Raum Browary nahe Kiew wurden am Freitag vier Menschen getötet und sieben verletzt.
In Saporischschja trat am Donnerstag unter Vermittlung der IAEA ein lokaler Waffenstillstand in Kraft, um Reparaturen an einer Stromleitung in der Nähe des seit März 2022 unter russischer Kontrolle stehenden, größten europäischen Kernkraftwerks mit sechs Reaktoren zu ermöglichen. Das Werk ist aus Sicherheitsgründen derzeit abgeschaltet, radioaktives Material wird weiterhin dort gelagert.
Fragen & Antworten
Was schlägt Wolodymyr Selenskyj Wladimir Putin in dem offenen Brief konkret vor?
Selenskyj schlägt ein persönliches Treffen in einem neutralen Drittstaat wie der Schweiz, der Türkei oder einem arabischen Staat vor, bei dem zunächst ein von den USA überwachter Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinie gelten soll. Darüber hinaus fordert er einen Gefangenenaustausch „alle für alle" sowie die Rückkehr deportierter ukrainischer Zivilisten und verschleppter Kinder.
Wie reagierte der Kreml auf den Brief?
Kremlsprecher Dmitri Peskov bestätigte lediglich, dass Präsident Putin über das Schreiben informiert worden sei, äußerte sich aber nicht zum Inhalt. Er wiederholte die frühere Aussage Putins, Selenskyj könne jederzeit nach Moskau kommen – ein Vorschlag, den Kiew wiederholt kategorisch abgelehnt hat.
Welche Bedingungen stellt Russland für Verhandlungen?
Putin bekräftigte am Rande des Petersburger Wirtschaftsforums die russische Forderung nach vollständiger Kontrolle über die international als ukrainisch anerkannten Gebiete Donezk und Luhansk. Er verwies zudem auf die in Alaska mit US-Präsident Donald Trump erzielten Gespräche als Grundlage einer möglichen Vereinbarung, deren Inhalt öffentlich nicht bekannt ist.
Selenskyjs offener Brief an Putin: Treffen und | finanz360