Wehrdienst-Reform Österreich: Kompromiss zwischen ÖVP, SPÖ | finanz360
Wehrdienst-Reform: ÖVP-Ministerin Tanner spricht von "äußerst schwerer Geburt" – Opposition zerpflückt Kompromiss
Wien, 28. Juli 2026
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Kurzfassung
Die österreichische Regierung hat sich auf eine Reform des Wehrdienstes geeinigt, die ein Stufenmodell mit sechs Monaten Grundwehrdienst und freiwilligen Übungen vorsieht. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner sprach von einer "äußerst schweren Geburt" – FPÖ und Grüne kritisierten den Kompromiss scharf.
Die türkis-rot-pinke Koalition hat sich nach monatelangen Verhandlungen auf eine Reform des Grundwehrdienstes geeinigt, die 2027 in Kraft treten und mit einem Automatismus zur Zivildienst-Verlängerung verknüpft sein soll; Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) bezeichnete den Konsens am Dienstag im APA-Interview als "äußerst schwere Geburt".
Verteidigungsministerin Klaudia Tanner zeigte sich am Dienstag im APA-Interview zugleich erleichtert und erschöpft. "Es war eine äußerst schwere Geburt", sagte sie rückblickend auf die Verhandlungen mit den Koalitionspartnern SPÖ und NEOS. Gleichzeitig betonte die ÖVP-Politikerin, dass der erzielte Kompromiss "in jedem Fall mehr an Sicherheit bringt und für die Landesverteidigung etwas ist, das es seit über drei Jahrzehnten nicht gegeben hat" – darunter die Wiedereinführung verpflichtender Milizübungen.
Konkret sieht das Modell einen Grundwehrdienst von sechs Monaten vor, an den sich freiwillige Übungen im Ausmaß von weiteren drei Monaten anschließen können. Für Stellungspflichtige, die sich gegen den Wehrdienst entscheiden, soll der Zivildienst künftig ab 2027 zunächst neun Monate dauern, ab 2028 grundsätzlich ebenfalls neun Monate, mit der Möglichkeit einer freiwilligen Verlängerung auf elf Monate. Parallel dazu wird die finanzielle Vergütung der Rekruten von derzeit rund 625 Euro auf 1.000 Euro pro Monat angehoben.
Modell 6+3 und längerer Zivildienst
Tanner räumte ein, dass die türkis-rote Regierung über keine absolute Mehrheit verfüge und es daher eines breiten Konsenses bedurft habe. "Aber wir haben keine absolute Mehrheit, und daher ging es darum, einen Konsens zu finden", so Tanner. Sie und ihre Partei hätten eigentlich das "Österreich plus"-Modell mit acht plus zwei Monaten Wehrdienst in Verbindung mit zwölf Monaten Zivildienst bevorzugt; die Argumente von NEOS und SPÖ gegen diese Variante seien "keine sachlichen, ausschließlich parteipolitische" gewesen, kritisierte die Ressortchefin.
Die ÖVP-Ministerin verwies zudem auf das Votum der Bevölkerung aus dem Jahr 2013: "Wir aber wissen, dass die Österreicherinnen und Österreicher sich im Jahr 2013 - sehr klug - mit 60 Prozent für die Wehrpflicht entschieden haben", betonte Tanner. Nach ihrer Darstellung könnten die Grundwehrdiener mit dem neuen Modell "gut ausgebildet" werden, da die kürzere Dauer eine intensivere Ausbildung ermögliche.
Automatismus bei zu wenigen Rekruten
Knackpunkt der Reform ist ein Automatismus: Unterschreitet die jährliche Zahl der Grundwehrdiener die Marke von 13.875 – das entspricht 15.000 minus 7,5 Prozent –, soll ab dem Folgejahr der Zivildienst dauerhaft auf elf Monate angehoben werden. Hintergrund ist die Sorge, dass bei einer deutlichen Verlängerung des Wehrdienstes ohne entsprechende Anpassung des Zivildienstes ein Ansturm auf den Ersatzdienst zulasten des Heeres ausgelöst würde. Wie aus der aktuellen Stellungsbefragung hervorgeht, gaben laut Tanner rund 30 Prozent der Stellungspflichtigen, die sich für den Grundwehrdienst entschieden haben, an, dass die kürzere Dauer ein Kriterium für deren Wahl war.
Die Kosten der Reform sind laut Berechnungen der Wehrdienstkommission erheblich: Das nun vorliegende Stufenmodell soll in der Umsetzung etwa um 200 Millionen Euro teurer sein als das von der Kommission bevorzugte Modell. Noch nicht beziffert sind die zusätzlichen Ausgaben für die Anhebung des Soldes. Tanner stellte zugleich klar, dass die Finanzierung keinesfalls zulasten des Aufbauplans 2032+ gehen dürfe, mit dem das Bundesheer umfassend modernisiert werden soll: "Eins ist aber klar: Diese Dinge dürfen auf gar keinen Fall zulasten des Aufbauplans 2032 plus gehen." Die ab 2028 vereinbarte "Wehrdienst-Garantie" werde wohl recht bald greifen.
Kosten und Finanzierung
Auch Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hatte bereits bei der Präsentation des Regierungsplans dezidiert ausgeschlossen, dass die Reform des Wehrdienstes von der Reform des Zivildienstes abgekoppelt werden könnte: "Es gehört zusammen. Wir können nicht den Wehrdienst einfachgesetzlich verlängern und den Zivildienst davon unberührt lassen." Dahinter steht die Furcht, dass bei gleicher Dauer beider Dienste ein Ansturm auf den Zivildienst zulasten des Heeres entfesselt werden könnte.
Die Reaktionen aus der Opposition fielen vernichtend aus. FPÖ-Parteichef Herbert Kickl schimpfte über einen "faulen politischen Kuhhandel", einen "Beweis für die totale Handlungsunfähigkeit der Koalition" und ein "Stückwerk des Versagens, das weder dem Bundesheer noch den Zivildienern oder der Sicherheit unseres Heimatlandes dient" – "nicht unbedingt Formulierungen, die Raum für Kooperation eröffnen", wie profil in einer Analyse festhielt. Der freiheitliche Wehrsprecher Volker Reifenberger kritisierte vor allem die geplante Schonfrist bei der Zivildienst-Verlängerung: "Es kommt wie das Amen im Gebet, dass in dieser Phase mehr Leute zum Zivildienst gehen werden." Der jetzige Plan sei "militärisch schlechter und teurer".
Kritik von FPÖ und Grünen
Auch die Grünen zeigten sich unzufrieden. Wehrsprecher David Stögmüller ärgerte sich über den "chaotischen Auftritt", den die Regierung bei der Präsentation hingelegt habe. "Jetzt muss die Regierung überhaupt einmal einen legistisch sauberen Entwurf vorlegen, über den man verhandeln kann", schickte er voraus. Eine Verlängerung dürfe jedenfalls nicht dazu dienen, den Zivildienst unattraktiver zu machen: "Wenn, dann soll er einen Ausbildungscharakter mit Mehrwert haben." Zudem moniert Stögmüller, dass nur die Entlohnung der Wehrdiener von 625 auf 1.000 Euro erhöht werden soll. "Rekruten und Zivis finanziell so ungleich zu behandeln, sei wohl auch verfassungsrechtlich problematisch", argumentierte der Abgeordnete.
Der Vorsitzende der Wehrdienstkommission, Erwin Hameseder, zeigte sich vom Kompromiss der Koalition nicht überzeugt, sah aber immerhin einen "Fortschritt" gegenüber dem Status quo. In Bundesheer-Kreisen bevorzugt man ein System, wie es das von der Wehrdienst-Kommission erarbeitete Stufenmodell vorgesehen hätte: 60 Tage würden unmittelbar der Basisausbildung folgen, die restlichen 30 Tage würden im Abstand von zwei Jahren bis zum 30. Lebensjahr absolviert. Unklar ist laut profil-Analyse zudem, was die Zivildiener in den angekündigten "Übungen" tun sollen, die in den zwei zusätzlichen Monaten vorgesehen sind.
Knapp 45 Prozent der Stellungspflichtigen wählen laut den vorliegenden Daten jeweils den Zivildienst. Sollte die Zahl der Grundwehrdiener unter die kritische Marke fallen, verlängert sich der Zivildienst automatisch und dauerhaft auf elf Monate – eine Konstruktion, die laut Reifenberger in der Praxis wohl rasch schlagend werden wird: "Ich hoffe, dass wir in Verhandlungen noch retten können, was zu retten ist." Die Regierung habe bisher nur den verwackelten Rahmen zu einem Puzzle geliefert, das es nun zu befüllen gelte.
Sicherheitspolitischer Hintergrund
Hintergrund der Debatte ist auch die sicherheitspolitische Gesamtlage. Bis 2032 will Österreich 2 Prozent der Wirtschaftsleistung für Verteidigung aufwenden, derzeit sind es rund 1 Prozent. Dass die Abschaffung der Milizübungen 2006 ein Fehler war, ist inzwischen weitgehend unbestritten. Die Wiedereinführung verpflichtender Milizübungen im nun vorliegenden Kompromiss gilt daher als zentrale sicherheitspolitische Weichenstellung – auch wenn die Opposition an der konkreten Ausgestaltung deutliche Kritik übt.
Für eine mögliche Zustimmung im Nationalrat zeichnet sich dennoch eine Zwei-Drittel-Mehrheit ab. Neben ÖVP, SPÖ und NEOS könnte auch die grüne Fraktion mitziehen, sofern in den noch ausstehenden Verhandlungen weitere Verbesserungen für Zivildiener durchgesetzt werden. "Am Ende werden wir das Gesamtpaket anschauen und dann entscheiden, ob wir mitgehen können", signalisierte Stögmüller Verhandlungsbereitschaft. Tanner zeigte sich zuversichtlich, dass der Kompromiss nach der Sommerpause parlamentarisch behandelt werden kann – mit Inkrafttreten ab 2027.
In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob die Regierung den angekündigten legistischen Entwurf noch rechtzeitig vorlegen kann und welche Änderungen in den parlamentarischen Verhandlungen durchgesetzt werden. Die FPÖ kündigte bereits an, den Kompromiss nicht mitzutragen. (Theo Anders, 28.7.2026)
Fragen & Antworten
Was sieht die Wehrdienst-Reform der österreichischen Regierung konkret vor?
Die Reform sieht einen Grundwehrdienst von sechs Monaten vor, an den sich freiwillige Übungen im Ausmaß von weiteren drei Monaten anschließen können. Gleichzeitig wird die Vergütung der Rekruten von rund 625 auf 1.000 Euro pro Monat erhöht und verpflichtende Milizübungen wiedereingeführt.
Warum kritisieren FPÖ und Grüne den Kompromiss?
Die FPÖ bezeichnete den Kompromiss als "faulen politischen Kuhhandel" und kritisierte vor allem die geplante Schonfrist bei der Zivildienst-Verlängerung; die Grünen störten sich am "chaotischen Auftritt" der Regierung und forderten mehr Geld sowie einen klaren Ausbildungscharakter für Zivildiener.
Wann soll die Wehrdienst-Reform in Kraft treten?
Die Reform soll ab 2027 gelten, wobei ab 2028 ein Automatismus greift, der den Zivildienst auf elf Monate verlängert, falls die Zahl der Grundwehrdiener unter die Marke von 13.875 fällt.