Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist mit zahlreichen Unterstützungszusagen vom NATO-Gipfel in Ankara zurückgekehrt. US-Präsident Donald Trump kündigte eine Lizenz zur Produktion von Patriot-Abfangraketen an, doch Experten bezweifeln, dass die Waffen den akuten Mangel kurzfristig beheben können.
Ankara/Kiew, 09 Juli 2026
Vom NATO-Gipfel in Ankara ist der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit zahlreichen Unterstützungszusagen zurückgekehrt, während US-Präsident Donald Trump der Ukraine eine Lizenz zur heimischen Produktion von Patriot-Abfangraketen in Aussicht stellte.
Die Erwartungen an das Treffen in Ankara waren hoch, die konkreten Ergebnisse bleiben jedoch vage. „Was nützen der Ukraine die Beschlüsse beim NATO-Gipfel in Ankara?“, fragt deshalb auch die Abschlusserklärung des Bündnisses. „Doch was können die Beschlüsse bewirken? Werden sie das Kriegsgeschehen schnell verändern?" Beobachter sehen vor allem politische Signale, weniger sofortige militärische Effekte.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das Versprechen von US-Präsident Donald Trump, der Ukraine eine Lizenz zur Produktion von Patriot-Abfangraketen zu gewähren. Trump reagierte damit auf ukrainische Bitten um mehr Munition mit dem Satz: „Macht sie einfach selbst". Allerdings stellte er keine Lieferung der Raketen selbst in Aussicht. Die Patriots gelten bislang als „Patriot das einzige System ist, das russische Raketen abwehren kann" und haben sich gegen russische ballistische Flugkörper bewährt.
Trumps Angebot: Lizenz statt Lieferung
Allerdings fehlt es an den Raketen selbst: Die US-eigenen Bestände an Patriot-Abfangraketen sind drastisch geschrumpft, Nachlieferungen an die Ukraine sind dadurch blockiert. PAC-3-gesteuerte Raketen sind knapp, die Produktion in den USA kommt nur langsam voran. Lockheed Martin plant, die Produktion von PAC-3 MSE in den kommenden Jahren auf 2.000 Einheiten jährlich zu steigern. RTX, die Muttergesellschaft von Raytheon, hat eine erste Reaktion auf eine mögliche Lizenzierung nicht ausgeschlossen. Trump selbst räumte ein, dass es mit den Herstellern Raytheon und Lockheed Martin noch keine Vereinbarung gibt und das Pentagon noch nicht mit den betroffenen Unternehmen gesprochen hat.
Der deutsche Militärexperte Carlo Masala nannte die Ankündigung eine gute Nachricht, stellte jedoch die entscheidende Frage: „Aber wo kommen die Flugkörper her, bis die Ukraine selber welche hergestellt hat?" Auch der SRF-Russlandkorrespondent David Nauer verwies auf die Sprunghaftigkeit des US-Präsidenten: „In der Vergangenheit hat immer wieder erlebt, dass Donald Trump seine Meinung sprunghaft ändern kann." Nauer ordnete das Versprechen daher ein: „Es ist ein Versprechen. Nicht mehr und nicht weniger. Versprechen kann man halten, man kann sie aber auch brechen." Es sei „in erster Linie ein politisches, ein symbolisches Zeichen von Trump."
Die Produktion selbst ist hochkomplex und dauert lange. „Für jeden PAC-3-MSE-Abfangrakete beträgt die Produktionsvorlaufzeit 24 Monate für die Rakete selbst und 30 Monate für den Feststoffraketenantrieb". Das Foreign Policy Research Institute (FPRI) kommt in einer aktuellen Analyse zu dem Schluss, dass der Aufbau einer Fertigungsanlage typischerweise Jahre in Anspruch nimmt. Es dürfte daher mehrere Jahre dauern, bis die ersten ukrainisch gefertigten Patriots einsatzbereit sind. Sollte Washington die Zusage einhalten, wäre die Ukraine das dritte Land weltweit, das im Rahmen eines Lizenzprogramms Patriot-Raketen herstellen darf.
Langer Atem statt schnelle Hilfe
Deutschland hatte als zweites Land eine Patriot-Produktionslizenz erhalten. Die neue Produktionslinie bei Comlog Logistik in Schrobenhausen in Bayern, deren Bau 2024 begann, soll im September 2026 den Betrieb aufnehmen, die ersten dort gefertigten Raketen werden 2027 erwartet. Das geplante Produktionsvolumen am deutschen Standort liegt bei rund 180 Raketen pro Jahr, die Ukraine soll die ersten Lieferungen aus der deutschen Fertigung erhalten. Die USA und europäische Partner planen zudem eine Basis in Europa zur Wartung von Patriot-Lenkwaffen, wobei Deutschland, Polen, die Niederlande und Schweden Interesse angemeldet haben.
Während in Ankara beraten wurde, hatte Moskau die ukrainische Hauptstadt Kiew massiv mit Raketen beschossen, die nicht abgefangen werden konnten. Nach Schätzungen des Center for Information Resilience, die dem Wall Street Journal vorliegen, fängt die Ukraine rund 90 Prozent aller russischen Langstreckendrohnen ab und etwa 80 Prozent der russischen Marschflugkörper. Bei ballistischen Raketen ist die Lage indes düsterer: Von den 522 ballistischen Raketen, die Russland 2026 bis zum Berichtszeitraum abfeuerte, erreichten rund 70 Prozent ihr Ziel, darunter auch Schläge in der Hauptstadt Kiew mit zahlreichen Toten. Seit Anfang Juli wurden in Kiew mehr als 50 Menschen getötet.
Munition ist weltweit knapp, weil die Amerikaner viel davon im Iran-Krieg verbraucht haben. Auch andere Verbündete sehen sich mit Munitionsengpässen konfrontiert. Vor diesem Hintergrund gewinnen Drohnen an Bedeutung: Die Ukraine produziert große Mengen an Drohnen unterschiedlicher Größe und kann mit eigenen Waffen Ziele „weit über 1000 Kilometer im russischen Hinterland angreifen, mit eigenen Waffen". Die vom Kreml massiv vorangetriebene Raketenproduktion trifft die Ukraine derzeit vor allem in der Hauptstadt Kiew, wo es in den vergangenen Wochen zahlreiche zivile Tote und schwere Zerstörungen gab.
Angriff auf Kiew und Munitionsknappheit
Auf dem Gipfel in Ankara unterzeichneten der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius und sein ukrainischer Amtskollege Mykhailo Fedorow zudem eine Vereinbarung über die gemeinsame Produktion von Drohnen vom Typ Bars, die Ziele tief im russischen Hinterland in einer Entfernung von bis zu 800 Kilometern erreichen können. Es laufen Gespräche mit weiteren Ländern über Drohnenkooperationen. Selenskyj kündigte in Ankara zudem Drohnenabkommen mit Dänemark und den Niederlanden sowie ein Rüstungsabkommen mit Estland an. „Trump offenbar zum Schluss gekommen ist, dass Putin sich einfach beharrlich weigert, den Krieg auch nur halbwegs zu fairen Bedingungen zu beenden", beschreibt die Analyse die neue Haltung des US-Präsidenten.
Daneben wurde in Ankara auch die lizenzierte Produktion von Flugabwehrraketen vom Typ AMRAAM ausgeweitet. Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall plant zudem die erste europäische Produktion von ATACMS-Raketenartilleriemunition am Standort Unterlüß in Niedersachsen. Die Ukraine hat bereits eine begrenzte Zahl von ATACMS erhalten und gegen militärische Ziele in Russland eingesetzt. Verhandlungen laufen zudem, ob Diehl Defence die FP-5 Flamingo für Deutschland als Alternative zur US-Tomahawk produzieren könnte. Die ukrainische Marschflugkörper FP-5 Flamingo wird derzeit bei Angriffen auf russische Waffenfabriken eingesetzt.
Beim NATO-Programm PURL, bei dem Europäer Waffen in den USA kaufen und an die Ukraine liefern, spielt dieses Vorhaben eine wichtige Rolle. Das Bündnis bekräftigte seine Unterstützung für die von Russland angegriffene Ukraine – „nicht nur die europäischen NATO-Mitglieder, auch die USA". Die Abschlusserklärung des Gipfels stellte fest: „Die Ukraine trägt zur transatlantischen Sicherheit bei". Eine mögliche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine wurde in Ankara allerdings nicht thematisiert.
Europäische Eigenproduktion und Drohnenabkommen
Die europäischen NATO-Partner und Kanada sagten der Ukraine für dieses Jahr 70 Milliarden Euro an Militärhilfe zu. Im kommenden Jahr wurde die gleiche Summe von 70 Milliarden Euro zugesagt. „Zweimal 70 Milliarden Euro bringen dem Land auf jeden Fall Planungssicherheit", heißt es in der Analyse. Hinzu kommt ein EU-Unterstützungskredit in Höhe von 90 Milliarden Euro, von denen 60 Milliarden Euro für Militärhilfe vorgesehen sind. Damit verfügt die Ukraine nach eigenen Angaben nun über Planungssicherheit, dass die ausländische Militärhilfe für mindestens zwei Jahre weitergeht.
Die Ukraine verfügt über eine funktionierende, innovative und produktive Verteidigungsindustrie. Sie hat eigene Marschflugkörper entwickelt und produziert in großen Mengen Drohnen. Die Ukraine befindet sich derzeit eigenen Angaben zufolge in einer besseren militärischen Lage als in den Vorjahren, unter anderem dank Drohnenangriffen auf die russische Ölindustrie und Rüstungsfabriken tief hinter der Front. Selenskyj bedankte sich bei Trump für dessen Patriot-Versprechen. Die Ukraine wolle diese Abfangraketen selbst im Land herstellen, erklärte er.
Gleichzeitig warnen Experten, dass Russland seinen derzeitigen Rückstand bei der Drohnentechnologie in einem weiteren Entwicklungszyklus aufholen wird. In Ankara wurde auch über die Entwicklung eines europäischen Raketenabwehrsystems als Patriot-Nachfolger gesprochen, eine solche Waffe ist jedoch noch nicht in Sicht. Der militärische Druck auf die Ukraine bleibt also hoch, auch wenn der Gipfel der Ukraine Planungssicherheit und ein politisches Signal der Solidarität gebracht hat.
Milliardenzusagen und politische Signale
Die japanische Rüstungsfirma Mitsubishi Heavy Industries produziert bereits seit 2006 Patriot-Raketen, zunächst vom Typ PAC-2, mittlerweile die moderne PAC-3 MSE. Die jährliche japanische Produktion bleibt trotz jahrzehntelanger Erfahrung auf rund 30 Einheiten begrenzt. Polen hatte 2018 mit dem Aufbau einer Produktionslinie für PAC-3-MSE-Triebwerke begonnen, die erste Produktionslinie wurde erst 2025 zertifiziert – sieben Jahre bis zum ersten Produktionsauftrag. Im April 2026 unterzeichnete das Pentagon einen Rahmenvertrag zur Verdreifachung der Produktion dieser Radarsuchköpfe. Boeing lieferte 2025 etwa 650 bis 700 aktive Radarsuchköpfe aus. Kritische Kernkomponenten wie der aktive Radarsuchkopf werden weiterhin von Boeing aus einer einzigen Fertigungsstätte in Huntsville, Alabama, geliefert.
Fragen & Antworten
Was hat US-Präsident Donald Trump der Ukraine beim NATO-Gipfel in Ankara zugesagt?
Trump kündigte an, der Ukraine eine Lizenz zur heimischen Produktion von Patriot-Abfangraketen zu gewähren. Patriot-Raketen selbst liefern will er nicht; zudem räumte er ein, dass es mit den Herstellern Raytheon und Lockheed Martin noch keine Vereinbarung gibt.
Wie schnell kann die Ukraine eigene Patriot-Raketen produzieren?
Experten wie der Militärexperte Carlo Masala bezweifeln eine schnelle Eigenproduktion. Die Produktionsvorlaufzeit pro PAC-3 MSE beträgt 24 Monate für die Rakete selbst und 30 Monate für den Feststoffraketenantrieb; es dürfte daher mehrere Jahre dauern, bis ukrainisch gefertigte Patriots einsatzbereit sind.
Welche finanziellen Zusagen hat die Ukraine in Ankara erhalten?
Die europäischen NATO-Partner und Kanada sagten für 2026 und 2027 jeweils 70 Milliarden Euro Militärhilfe zu. Hinzu kommt ein EU-Unterstützungskredit über 90 Milliarden Euro, von denen 60 Milliarden Euro für Militärhilfe vorgesehen sind.
NATO-Gipfel Ankara: Patriot-Lizenz für die Ukraine | finanz360