VW-Chef Blume will Sparkurs bis Jahresende unter Dach und Fach bringen
Wolfsburg, 25. Juli 2026
Foto: Marco Prosch, Porsche AG, überreicht durch Diana Sänger, Public Relations and Press an Norbert Bangert / Wikimedia Commons / CC0
Kurzfassung
VW-Chef Oliver Blume will den umstrittenen Sparkurs beim Autobauer bis Jahresende festzurren. Im Raum stehen bis zu 50.000 weitere Stellen in Deutschland sowie mögliche Werksschließungen.
Volkswagen-Chef Oliver Blume hat angekündigt, das umstrittene Sparpaket des Autobauers bis Ende dieses Jahres unter Dach und Fach bringen zu wollen; im Konzern sind bis zu 50.000 weitere Jobs in Deutschland bedroht.
Wolfsburg – Volkswagen-Chef Oliver Blume will den Sparkurs des Autobauers bis Jahresende absichern. Bei einer Telefonkonferenz zur Vorstellung der Halbjahreszahlen sagte Blume: „Da gehe ich schon fest davon aus, dass wir das in diesem Jahr machen müssen.“ Angesichts der Größe des Pakets werde es „auch noch weitere Sitzungen in diesem Jahr dazu geben“. Nach Angaben von Manager Magazin sollen die Sparpläne im September erneut im Aufsichtsrat beraten werden.
Das Paket war im Aufsichtsrat zuvor durchgefallen. Blume sprach selbst von einem Scheitern: „Die Pläne wurden vom Tisch gefegt.“ Die Beratungen seien „sehr konstruktive, aber auch kontroverse Diskussionen“ gewesen, „wir haben dort noch keinen umfassenden Beschluss treffen können“. Auf Widerstand stießen die Pläne vor allem beim Land Niedersachsen und auf der Arbeitnehmerseite.
Halbjahreszahlen im freien Fall
Hintergrund des Sparkurses ist die tiefe Krise des Konzerns. Im ersten Halbjahr erzielte der Volkswagen-Konzern ein operatives Ergebnis von rund sechs Milliarden Euro, „mit einer Rendite von rund vier Prozent“. Damit liegt das operative Ergebnis etwa zwölf Prozent hinter dem Vorjahr. Im zweiten Quartal fiel der Konzerngewinn um 32,9 Prozent auf 1,54 Milliarden Euro; bereits ein Jahr zuvor lag der Nettogewinn im zweiten Quartal mit 2,29 Milliarden Euro schon 36 Prozent unter dem Vorjahreswert. Für das Gesamtjahr 2025 liegt der Konzern-Nettogewinn nach Steuern fast halbiert unter dem Vorjahr; im ersten Quartal war er bereits um knapp ein Drittel eingebrochen.
„Wir haben den Volkswagen-Konzern in den letzten drei Jahren umfassend neu ausgerichtet“, sagte Blume. Dennoch verdiene VW mit seinen Autos schlicht zu wenig Geld. „Das ist im Wesentlichen im militärischen Transport oder in Verteidigungssystemen“ sei künftig ein Feld, auf dem der Konzern sein Know-how einbringen wolle. Mit dem israelischen Rüstungsunternehmen, das vom Land Niedersachsen gestützt werde, sei man „im Moment in fortgeschrittenen Gesprächen mit der Rüstungsindustrie“; ein Einstieg in das Werk Osnabrück ist demnach möglich. „Was der Volkswagenkonzern nicht macht, ist in Waffen zu investieren. Das ist auch nicht unsere Kompetenz“, stellte Blume zugleich klar.
China schwächelt, Europa verliert, Konkurrenz wächst
Die Geschäftszahlen des ersten Halbjahres untermauern die Dringlichkeit: Im zweiten Quartal fielen die Konzernauslieferungen um knapp 9 Prozent auf 2,08 Millionen Fahrzeuge. Während die Verkäufe außerhalb Chinas anzogen – Europa 3 Prozent, Nordamerika 8 Prozent, Südamerika 9 Prozent – brach das Geschäft in China regelrecht ein: VW verkaufte dort mit 424.300 Fahrzeugen mehr als ein Drittel weniger als im Vorjahr. „Wenn wir uns China anschauen, ist dort der Markt um 20 Prozent in diesem Jahr zurückgegangen“, sagte Blume. Insgesamt ist der Gesamtmarkt in diesem Jahr um 20 Prozent zurückgegangen.
Auch der europäische Markt hat sich nach Blumes Worten „in den letzten Jahren um 16 Prozent zurückgegangen“. „Chinesische Hersteller drängen in den Markt“, sagte der VW-Chef. VW stehe „sogar unseren Absatz in so herausfordernden Zeiten mit über 150 Wettbewerbern weiterhin außerhalb Chinas zu steigern“. Hinzu kommen laut Blume die US-Zölle: „Und dazu kommen noch die US-Zölle.“ Die Rahmenbedingungen – Zölle, Kriege, geopolitische Spannungen und schärferer Wettbewerb – nannte er als Belastungsfaktoren.
Vor diesem Hintergrund will der Konzern eine weitere Million Fahrzeuge aus dem Produktionsnetz nehmen. „Wir haben in den letzten Jahren bereits jeweils zwei Millionen Fahrzeuge aus dem Netz genommen und werden jetzt noch eine weitere Million aus dem System nehmen müssen“, sagte Blume. „500.000 davon in China und rund 500.000 in Europa.“ Das Produktionsnetz sei in der Vergangenheit auf über zwölf Millionen Fahrzeuge ausgerichtet worden, „damals mit deutlich optimistischen Annahmen in der Weltmarktentwicklung“.
Eine Million Fahrzeuge weniger im Produktionsnetz
Beim Personal baut VW bereits ab: Mehr als 37.000 Beschäftigte haben nach Konzernangaben bereits Vereinbarungen für die zuvor angekündigten Stellenstreichungen unterzeichnet. Von den insgesamt 50.000 wegfallenden Stellen sollen 35.000 auf die Kernmarke VW entfallen, der Rest auf Töchter wie Audi und Porsche. Nach einem internen Memo, das AFP vorlag, hat Blume den Beschäftigten am 13. Juli 2026 mitgeteilt, dass weitere 50.000 Jobs gefährdet seien – womit der Konzern weltweit 100.000 Stellen ins Visier nehmen könnte. „Bis 2030 sollen 50.000 Jobs wegfallen, weltweit womöglich noch mehr“, berichtete ZDF-Reporter Peter Kunz.
Standorte unter Druck: Vier Werke im Fokus
Bereits Ende 2024 hatte VW zugesagt, von 2027 an in Osnabrück keine VW-Produkte mehr herzustellen. Die Autoproduktion dort wird eingestellt. Vier Werke stehen laut Medienberichten besonders unter Druck: Emden, Hannover, Zwickau und das Audi-Werk Neckarsulm. In den existierenden Werken, „insbesondere in Deutschland haben wir Modelle in der Produktion und wir brauchen diese Modelle“, betonte Blume jedoch. „Ein Werk zu schließen, ist immer die letzte und auch die teuerste Lösung.“ Er persönlich wolle „jeden Arbeitsplatz erhalten“ und setze auf „intelligente Lösungen“ statt Schließungen. Es sei „nicht realistisch, über Werksschließungen bis 2030 zu reden“.
Niedersachsen und Arbeitnehmer halten die Mehrheit
Rund 80 Prozent des Pakets sind nach Blumes Worten nicht zustimmungspflichtig; nur über die übrigen Teile müsse der Aufsichtsrat entscheiden. Im Aufsichtsrat verfügen das Land Niedersachsen – es hält 20 Prozent an VW und hat zwei Sitze – und die Arbeitnehmerseite gemeinsam über die Mehrheit. Blume steht in engem Kontakt mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies: „Ich bin in einem sehr guten Austausch mit Ministerpräsident Olaf Lies.“ Niedersachsen sei und bleibe VWs Heimat: „Niedersachsen ist unsere Heimat und wird auch unsere Heimat bleiben.“
Bei der Telekonferenz Ende Juli 2026 präsentierten Blume und Finanzvorstand Arno Antlitz die Halbjahresergebnisse in einer digitalen Analysten- und Pressekonferenz. Bereits Anfang des Jahres hatte VW das Renditeziel für 2026 auf mindestens 4 Prozent gesenkt; zuvor hatte das Ziel bei mindestens 9 Prozent gelegen. Bis 2030 soll die operative Umsatzrendite wieder mindestens 8 Prozent erreichen. Der Umsatz schrumpfte in den ersten drei Monaten leicht um 2,5 Prozent.
Renditeziel gesenkt, Ausblick bestätigt
Mit Verweis auf eine „theoretische Ableitung“ hatte Blume die Zahl von rund 50.000 weltweit gefährdeten Stellen genannt. Er rechne fest damit, dass das Paket noch in diesem Jahr unter Dach und Fach komme, sagte er. Ob Werksschließungen Teil der Lösung sein werden, ließ er offen. „Persönlich geht es mir darum, ich möchte jeden Arbeitsplatz erhalten. Und Werkschließung ist für mich immer die letzte Konsequenz.“ Dennoch wolle er Klarheit bis Jahresende: „Konzernchef Blume will bis Jahresende Klarheit zum Sparkurs schaffen“, wie die Reporter von NDR und ZDFheute in einem Interview am 24.07.2026 formulierten.
NDR hatte Blume in dem Interview gefragt, ob die Ablehnung seiner Pläne durch den Aufsichtsrat einer Niederlage gleichkomme. Blume wies das zurück: „Mit mir muss man kein Mitleid haben. Wir sind zwar in anspruchsvollen Zeiten, aber wir wissen ganz genau, was wir tun, haben einen klaren Plan.“ Bundeskanzler Friedrich Merz hat seinen Job nach eigener Aussage als „einen der schwersten überhaupt“ bezeichnet – die politischen Erwartungen an den Konzern sind hoch.
Bei der Marke Audi lief das Geschäft im zweiten Quartal ebenfalls schwächer: Der Umsatz fiel von 17,1 auf 15 Milliarden Euro, das operative Ergebnis war etwas schwächer als ein Jahr zuvor. Auch Porsche steckt in einer tiefgreifenden Restrukturierung mit weiteren Stellenstreichungen; der Pkw-Umsatz von Porsche AG (ohne Finanzdienstleistungen) sank im zweiten Quartal von 8,3 auf 7,8 Milliarden Euro. „Es ist das umfassendste, tiefgreifendste Transformationsprogramm, was wir je im Volkswagen-Konzern gemacht haben“, sagte Blume.
Audi und Porsche im selben Stresstest
Trotz der Belastungen will VW beim Ausblick für das Gesamtjahr nicht zurückrudern: „werden aber den Ausblick auf dieses Jahr bestätigen“, sagte Blume. Für Zuversicht sorgt aus Sicht des Managements auch die neue Elektroauto-Familie: „Wir haben von der New Urban Car Family über 70.000 Aufträge in den ersten Wochen eingesammelt.“ Der Konzern prüfe zudem, „dass wir möglicherweise mit anderen industriellen Partnern prüfen, was wir in unseren Werken dort nutzen können oder auch Produkte, die wir in China entwickelt haben bei Volkswagen, dass wir das eine oder andere Produkt in einem Segment nach Europa bringen“. Die nächsten Beratungen dazu sind laut Blume im September vorgesehen; bis Jahresende, so sein Bekenntnis, soll das Paket stehen – danach könnten die Belastungen für Werke und Beschäftigte konkreter werden.
Analysten zeigen sich bei Vorzugsaktien von Volkswagen überwiegend zuversichtlich: Deutsche Bank (Buy, 16.07), RBC Capital Markets (Outperform, 14.07), Jefferies (Buy, 10.07). JP Morgan Chase stuft die Papiere weiterhin mit Neutral ein (14.07 und 10.07). Angesichts der Dimension der anstehenden Entscheidungen kündigte Blume an, dass die Konzernführung Ende August auf mehreren Betriebsversammlungen direkt zur Belegschaft sprechen werde.
Die Bewertung des Gesamtjahres bleibt unter Druck. Für 2025 weist der Konzern-Nettogewinn nach Steuern einen Rückgang um fast die Hälfte gegenüber dem Vorjahr aus. Das operative Ergebnis im ersten Halbjahr liegt zwölf Prozent unter dem Vorjahr. Gleichzeitig steigt die Notwendigkeit, das Produktionsnetz an die sinkende Nachfrage – vor allem in China – anzupassen. Blume sprach von einem Programm, „was wir je im Volkswagen-Konzern gemacht haben“, und sieht das Unternehmen trotz aller Widerstände auf Kurs.
Fragen & Antworten
Wer ist Oliver Blume und welche Rolle hat er bei Volkswagen?
Oliver Blume ist CEO des Volkswagen-Konzerns und seit 2018 Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG. Er war von 2015 bis Ende 2025 Vorstandsvorsitzender der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG und zuvor in leitenden Funktionen bei Audi und Seat tätig.
Was hat der Aufsichtsrat von Volkswagen mit den Sparplänen gemacht?
Die Sparpläne wurden laut Blume vom Tisch gefegt. Zwei Wochen vor dem Interview hatte der Aufsichtsrat das Paket erstmals umfassend diskutiert, aber keinen Beschluss gefasst; im September soll das Thema nach Angaben von Manager Magazin erneut auf die Tagesordnung.
Wie viele Stellen sind bei Volkswagen insgesamt bedroht?
Bis 2030 sollen in Deutschland 50.000 Stellen wegfallen, davon 35.000 bei der Kernmarke VW; weitere Stellen sind bei Audi und Porsche geplant. Nach einem internen Memo an die Belegschaft vom 13. Juli 2026 könnten zusätzlich weitere 50.000 Jobs weltweit hinzukommen, womit der Konzern 100.000 Stellen weltweit im Visier hätte.
VW-Sparpaket: Blume will Klarheit bis Ende 2026 | finanz360