Varta stellt Insolvenzantrag in Eigenverwaltung – Löhne sind vorerst gesichert
Stuttgart, 24. Juli 2026
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Kurzfassung
Der schwäbische Batteriehersteller Varta hat am Freitag beim Amtsgericht Stuttgart Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Betroffen sind die Varta AG sowie drei Tochtergesellschaften; die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen ihre Löhne vorerst weiter erhalten.
Der schwäbische Batteriehersteller Varta hat am Freitag beim Amtsgericht Stuttgart Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt; die Gehälter der rund 3.260 Beschäftigten sind nach Unternehmensangaben vorerst gesichert.
Antrag in Eigenverwaltung und die Rolle des Gerichts
Die Varta AG mit Sitz in Ellwangen reichte den Antrag auf vorläufige Insolvenz in Eigenverwaltung am Freitag ein, wie das Amtsgericht Stuttgart bestätigte. Eine Sprecherin des Gerichts erklärte, die Anträge würden derzeit von der zuständigen Richterin geprüft. Betroffen sind neben der Muttergesellschaft Varta AG die Varta Microbattery GmbH, die Varta Micro Production GmbH und die Varta Storage GmbH. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben rund 3.260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, viele davon am Stammsitz in Ellwangen.
Im Verfahren der Eigenverwaltung bleibt der Vorstand im Amt und führt das Unternehmen unter Aufsicht eines vom Gericht bestellten Sachwalters weiter. Das Ziel der Eigenverwaltung sei, so das Unternehmen, die wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens zu sichern und eine nachhaltige Fortführung des Betriebs zu ermöglichen. „Der Vorstand arbeite ‚mit aller Kraft daran, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten, eine nachhaltige Fortführung zu ermöglichen und für alle Stakeholder die bestmöglichen Perspektiven zu schaffen‘“, hieß es in einer Mitteilung.
Warum geriet Varta in die Krise?
„Die Antragstellung erfolgt daher nicht aufgrund einer akuten Zahlungsunfähigkeit im laufenden Geschäftsbetrieb“, erklärte Varta. Das Unternehmen sei aber ohne frisches Kapital überschuldet. Eine unabhängige Analyse habe ergeben, dass kurzfristig ein zusätzlicher Finanzbedarf im mittleren zweistelligen Millionenbereich bestehe. „Trotz intensiver Gespräche mit allen Stakeholdern ist von keiner Seite eine Zusage zur Bereitstellung der erforderlichen zusätzlichen Finanzmittel eingegangen“, sagte ein Unternehmenssprecher.
Als Gründe für die erneute Krise nannte Varta deutlich verschlechterte Marktbedingungen, eine schwächere Nachfrage, negative Währungseffekte und die Entscheidung eines wichtigen Kunden, die Zusammenarbeit zu beenden. Bei diesem Kunden handelt es sich nach eigener Darstellung des Unternehmens um Apple. Der US-Konzern bezieht die Knopfzellen für seine AirPods künftig aus China statt aus dem Varta-Werk im bayerischen Nördlingen. Die Produktion für Apple soll dort noch bis November fortgesetzt werden; im Herbst steht am Standort Nördlingen mit etwa 350 Beschäftigten die Schließung an.
Apple als verlorener Großkunde
Erste Probleme zeigten sich bereits 2022, als Vartas Abhängigkeit vom Apple-Geschäft mit den drahtlosen Ohrhörern sichtbar wurde. Apple lässt die wiederaufladbaren „CoinPower“-Knopfzellen künftig aus China liefern. Auch die Wettbewerbslage mit chinesischen Herstellern, die Varta nach eigener Einschätzung unter Preisdruck setzt, belastet das Geschäft. Zudem hatte das Unternehmen unter dem früheren Vorstand umfangreich in Elektroauto-Batterien, Mikrobatterien und neue Produktionskapazitäten investiert.
Varta-CEO Michael Ostermann verwies auf die Belastungen der vergangenen Quartale: „Die Varta AG hatte in den vergangenen Quartalen mit großen Herausforderungen zu kämpfen“. Aufsichtsratschef Michael Tojner, selbst Miteigentümer, sagte der Frankfurter Allgemeenen Zeitung: „Wir haben die Latte zu hoch gelegt. Wir haben verschiedene Projekte gestartet, groß investiert, die Produktion ausgebaut.“ Auch habe man „zu viel Geld zu leichtfertig investiert“, wie Tojner weiter erklärte.
Die Gläubiger und das Haushaltsbatterien-Geschäft
Zugleich kündigte die sogenannte Ad-hoc-Gläubigergruppe um die Deutsche Bank und die Finanzinvestoren RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox an, das Geschäft mit den bekannten Haushaltsbatterien aus dem Varta-Konzern ausgliedern zu wollen. Als Begründung verwiesen die Gläubiger auf die angespannte Finanzlage des Unternehmens. „Wir bedauern diesen Schritt der finanzierenden Banken, der in dieser Form leider voraussehbar war“, kommentierte Tojner den Vorstoß der Geldgeber. Die Sparte Varta Consumer Batteries wird auf 240 Millionen Euro taxiert und soll aus den Insolvenzverfahren der AG und ihrer drei Töchter herausgehalten werden.
„Das Geschäft mit den Haushaltsbatterien sei nicht von dem beantragten Insolvenzverfahren betroffen“, teilte Varta mit. Der Bereich sei „rechtlich und operativ separiert und finanziell eigenständig“ aufgestellt. Damit bleibt das Geschäft mit den klassischen AAA-Batterien und Akkus für Endverbraucher unangetastet, während die industrielle Seite um Mikrobatterien, Speichersysteme und E-Auto-Batterien in die Restrukturierung rutscht.
Tojners Pläne für die Mikrobatterie-Sparte
Tojner zeigte zugleich Interesse an einer Übernahme der Mikrobatterie-Sparte, die unter anderem Knopfzellen für Hörgeräte produziert. „Die Montana-Gruppe wird sich darum bemühen, die Microbattery-Sparte und das Solutionsgeschäft aus dem Sanierungsverfahren herauszulösen, um das Know-how in der Batterieproduktion in Europa zu behalten und weiterzuführen“, kündigte Tojner an. „Dies würde auch die Varta Innovation Graz und die Tochtergesellschaft in Rumänien umfassen.“ Seiner Einschätzung nach „war klar, dass die Varta in ihrer bestehenden Form nicht weitergeführt werden kann und einen weiteren Sanierungsschritt braucht“.
Bereits vor rund zwei Jahren hatte sich Varta mit dem deutschen Sanierungs- und Restrukturierungsgesetz (StaRUG) zu retten versucht. Damals stellten die damaligen Mehrheitseigentümer Michael Tojner und Porsche 60 Millionen Euro frisches Kapital bereit; Gläubiger erließen etwa die Hälfte ihrer Forderungen im Gegenzug für eine Beteiligung an künftigen Gewinnen. Porsche übernahm zugleich die Mehrheit am Lithium-Ionen-Geschäft V4Smart für seine Elektromodelle. Tojner und Porsche drängten andere Aktionäre heraus und nahmen Varta von der Börse. Die damalige Restrukturierung erklärte das Unternehmen im Frühjahr des Vorjahres für abgeschlossen und glaubte sich auf Kurs. Die Beschäftigten waren in der Zwischenzeit in Kurzarbeit geschickt worden, Hunderte Stellen wurden später abgebaut.
Die gescheiterte Restrukturierung von 2024
Die jetzige Kehrtwende kommt für Beobachter nicht überraschend. Tojner und Porsche hatten sich geweigert, weiteres Kapital nachzuschießen. Varta sei „ein Stück weit auch Opfer seines Erfolgs aus der Vergangenheit“, hieß es in Finanzkreisen. Mit dem Verlust des Apple-Auftrags brach einer der wichtigsten Umsatzträger weg; zugleich ist der Marktanteil in den übrigen Sparten begrenzt. Laut Umsatzzahlen aus dem Jahr 2024 erzielte Varta rund 793 Millionen Euro Umsatz, musste aber einen Verlust von 64,5 Millionen Euro hinnehmen. Das sind die letzten veröffentlichten Geschäftszahlen.
Der Batteriespezialist und RWTH-Aachen-Professor Dirk Uwe Sauer, Inhaber des Lehrstuhls für Elektrochemische Energiewandlung und Speichersystemtechnik, sieht den angedrohten Verkauf der Haushaltsbatterie-Sparte kritisch: „Die Zerschlagung von Varta wäre ein weiterer Schlag für die Batterieindustrie“. Sauer sieht das Unternehmen gut aufgestellt: „Technologisch ist das, was Varta macht, sehr gut“. Bei einem Herauslösen des profitablen Geschäfts „stellt sich die Frage, wie Innovationen finanziert werden können“. Zugleich verwies er auf den Wettbewerbsdruck aus Asien: „Wir verfügen nicht über eine große Volumenherstellung“.
Batterieforschung in Europa unter Druck
Sauer forderte mehr europäische Eigenständigkeit in der Batterieproduktion und verwies auf Natrium-Ionen-Batterien als Zukunftsfeld, an dem auch Varta arbeitet. „Natrium-Ionen-Batterien sind für Europa eine echte Chance, um weniger abhängig von China zu sein, weil man über den Weltmarkt hierfür besser an die benötigten Rohstoffe kommt“. Allerdings, so Sauer: „Letzten Endes sei aber alles eine Frage des Preises.“ „Wir wissen schon lange, dass wir in dieses Dilemma mit der Abhängigkeit von China hineinlaufen“, ergänzte er. „Die Autoindustrie zum Beispiel lasse sich nicht von kleinen Start-ups beliefern, sondern brauche Unternehmen mit Qualität, Zuverlässigkeit und einer gewissen Größe.“ Auf die Frage nach europäischen Herstellern sagte er: „ist es jedenfalls keine Option, auf europäische Batteriehersteller zu verzichten“.
Sollte das Eigenverwaltungsverfahren vom Gericht eröffnet werden, dürfte der Druck auf die Beteiligten weiter steigen. Für die rund 3.260 Beschäftigten bei Varta bedeuten die kommenden Wochen erhebliche Unsicherheit, auch wenn die Löhne kurzfristig über das Insolvenzgeld gesichert sind. Am Standort Nördlingen ist der Verlust von rund 350 Arbeitsplätzen bereits absehbar; das Werk soll im Herbst geschlossen werden. Die Gläubigergruppe um die Deutsche Bank hält nach eigenen Angaben eine Zerschlagung des Varta-Konzerns für möglich.
Die Geschichte des Unternehmens reicht bis ins Jahr 1887 zurück, als die Accumulatoren-Fabrik in Hagen gegründet wurde; der Markenname Varta steht für „Vertrieb, Aufladung, Reparatur transportabler Akkumulatoren“. Nach einer Krise in den 1990er-Jahren wurde das Unternehmen stückweise verkauft; 2007 erwarb der Österreicher Michael Tojner die Mikrobatteriesparte und brachte Varta 2017 an die Frankfurter Börse. Tojner, der laut Forbes mit einem Vermögen von rund 1,2 Milliarden US-Dollar auf Platz acht der reichsten Österreicher steht, hält 50 Prozent an Varta, die übrigen 50 Prozent liegen bei Porsche.
Fragen & Antworten
Welche Varta-Gesellschaften sind vom Insolvenzantrag betroffen?
Den Antrag auf vorläufige Insolvenz in Eigenverwaltung haben die Varta AG mit Sitz in Ellwangen sowie die Töchter Varta Microbattery GmbH, Varta Micro Production GmbH und Varta Storage GmbH beim Amtsgericht Stuttgart gestellt.
Welche Rolle spielt Apple im Varta-Verfahren?
Apple war laut Varta ein Schlüsselkunde und bezog wiederaufladbare Knopfzellen für seine AirPods aus dem Werk in Nördlingen; Apple hat die Zusammenarbeit beendet und bezieht die Zellen künftig aus China, was Varta als Auslöser der erneuten Krise nennt.
Was planen Deutsche Bank und Hedgefonds mit dem Haushaltsbatterien-Geschäft?
Die Ad-hoc-Gläubigergruppe um die Deutsche Bank sowie die Investoren RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox will die profitable Sparte Varta Consumer Batteries aus dem Konzern ausgliedern; Varta beziffert den Wert auf 240 Millionen Euro.