Gläubiger setzen Varta unter Druck: Konzern droht Insolvenz und Zerschlagung
Ellwangen, 24 Juli 2026
AI-generated image (z-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Dem schwäbischen Batteriehersteller Varta droht nach Angaben seiner Hauptgläubiger die Insolvenz und eine anschließende Zerschlagung. Die von der Deutschen Bank angeführte Gläubigergruppe hat die Kredite fällig gestellt und will den Geschäftsbereich mit Haushaltsbatterien aus dem Konzern herauslösen.
Ellwangen, 24 Juli 2026
Dem schwäbischen Batteriehersteller Varta mit Sitz in Ellwangen droht nach übereinstimmenden Medienberichten die Insolvenz und eine anschließende Zerschlagung, nachdem die von der Deutschen Bank geführte Gläubigergruppe ihre Kredite fällig gestellt hat.
Hintergrund der Krise
Das traditionsreiche Unternehmen steckt nach eigenen Angaben seit Jahren in einer tiefen Krise. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Wirtschaftswoche unter Berufung auf eine Mitteilung der sogenannten Ad-hoc-Gläubigergruppe mit Deutscher Bank, RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox berichten, wollen die wichtigsten Geldgeber des Unternehmens nun Teile des Konzerns pleitegehen lassen und bestimmte Bereiche herauslösen. „Die wichtigsten Gläubiger des Unternehmens sollen entschieden haben, Kredite an die Firma fällig zu stellen. Damit drohe auch die Zerschlagung des Unternehmens“, hieß es in den Berichten.
Eine unabhängige Analyse der Unternehmensberatung FTI habe ergeben, dass Varta einen operativen Liquiditätsbedarf in Höhe eines mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrags habe. „Hinzu komme erheblicher weiterer Kapitalbedarf, um den Geschäftsbetrieb dauerhaft fortzuführen“, teilten die Gläubiger mit. Die fehlenden Mittel werden benötigt, um Lieferanten und Löhne zu zahlen und die Maschinen am Laufen zu halten. Laut Wirtschaftswoche wurde zunächst aber noch nicht sofort die Fälligkeit der Kredite durchgesetzt – es habe eine „Galgenfrist“ gegeben.
Die Gläubigergruppe hat der Geschäftsführung nach den Berichten bis zum 12. August Zeit gegeben, einen Sanierungsplan vorzulegen. „Trotz intensiver Gespräche mit allen Stakeholdern ist von keiner Seite eine Zusage zur Bereitstellung der erforderlichen zusätzlichen Finanzmittel eingegangen“, erklärte ein Sprecher der Gläubiger. Auch die derzeitigen Eigentümer, der österreichische Unternehmer Michael Tojner und der Sportwagenhersteller Porsche AG, seien nach Informationen der Wirtschaftswoche nicht bereit, weiteres Kapital nachzuschießen.
Apple als Auslöser
Die Krise des Unternehmens ist eng mit der jahrelangen Zusammenarbeit mit dem US-Technologiekonzern Apple verknüpft. Varta hatte die Produktion für Apple stark ausgeweitet, um große Mengen an Knopfzellenbatterien für AirPods zu liefern. Als Apple dann seine Bestellungen reduzierte, standen dem Unternehmen hohe Investitionen, aber deutlich geringere Erlöse als geplant gegenüber. „Apple hatte im Mai den Liefervertrag für Knopfzellenbatterien für AirPods gekündigt. Die Batterien sollen künftig in China gefertigt werden“, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Im Mai gab das Unternehmen bekannt, dass ein zentraler Ankerkunde die Verträge gekündigt habe. Dabei handelte es sich um Apple, das über Jahre Knopfzellakkus (Coin-Power) für seine AirPods bei Varta bestellt hatte.
Die Folge war die Schließung des Varta-Werks im bayerischen Nördlingen mit rund 350 Beschäftigten, die im Oktober erfolgen soll. Zuvor hatte es bereits Arbeitsplatzabbau und Kurzarbeit gegeben. Varta beschäftigt weltweit rund 4.000 Menschen, davon etwa 3.000 in Deutschland. Der Konzern betreibt sechs Produktionsstandorte in Deutschland, unter anderem in Ellwangen, Dischingen im Landkreis Heidenheim und Nördlingen an der bayerischen Grenze.
Gescheiterte Sanierung von 2024
Im Sommer 2024 hatte Varta bereits ein Sanierungsverfahren nach dem Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen (StaRUG) eingeleitet, um eine Insolvenz abzuwenden. „Im Sommer 2024 kam es zudem erstmals zu einer Sanierung nach dem Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen, die aber augenscheinlich nicht erfolgreich war“, bilanzierten Beobachter. Im Zuge dieses Verfahrens wurden die Altaktionäre aus dem Unternehmen gedrängt. „Neue Eigentümer wurden der Unternehmer Michael Tojner sowie der Autohersteller Porsche.“ Porsche war bereits 2024 bei Varta eingestiegen, was dem Unternehmen allerdings wenig half.
Heute halten die Investitionsgesellschaft MT-Invest von Michael Tojner sowie eine Beteiligungsgesellschaft der Porsche AG jeweils 32 Prozent an Varta, weitere 36 Prozent liegen bei anderen Investoren. „Ein Einstieg von Porsche, der bereits 2024 erfolgt war, half Varta wenig“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Anfang April vergangenen Jahres hatte Varta noch mitgeteilt: „Die monatelange Neuaufstellung des Batterieherstellers sei abgeschlossen“. Nur ein Jahr später steht das Unternehmen erneut am Abgrund.
Die Gläubiger haben nun klare Vorstellungen von der Zukunft des Konzerns. Sie wollen den Geschäftsbereich mit Haushaltsbatterien, der als vergleichsweise stabil und profitabel gilt, aus dem Konzern herauslösen und in eine eigene Gesellschaft überführen. „Die Gruppe sei deshalb zu dem Schluss gekommen, dass die Herauslösung und Stabilisierung des Geschäftsbereichs Consumer Batterie der tragfähigste Weg sei“, heißt es in der Mitteilung. „So soll die Consumersparte mit Haushaltsbatterien aus dem Unternehmen herausgelöst und veräußert werden.“ Es sei denkbar, dass dieser Bereich eigenständig weitergeführt oder an einen neuen Investor verkauft werde.
Pläne der Gläubiger
Für die übrigen Teile des Varta-Konzerns, darunter die Geschäftsbereiche Microbattery und Solutions, die Varta Innovation Graz sowie die Tochtergesellschaft in Rumänien, soll eine neue Eigentümerstruktur gefunden werden. Auch die Zukunft des Gemeinschaftsunternehmens CellForce mit Porsche, das derzeit nur noch etwa 50 Mitarbeiter beschäftigt, ist ungewiss – laut Informationen aus dieser Woche soll es nun gänzlich abgewickelt werden. Die Gläubiger begründeten ihren Kurswechsel mit der angespannten Finanzlage des Unternehmens.
Michael Tojner kündigte an, den Erhalt von Teilen des Unternehmens sichern zu wollen. „Wir haben dazu ein detailliertes Konzept erarbeitet und werden versuchen, mit den verbleibenden Unternehmensteilen die Varta Gruppe in Nischenbereichen zu positionieren“, teilte der österreichische Investor mit. „Der Augsburger Allgemeinen sagte er, dies werde allerdings nur mit einem weiteren Sanierungsverfahren und harten Einschnitten möglich sein.“ Mit dem Wegfall des Großkunden Apple sei allerdings klar gewesen, „dass die Varta in ihrer bestehenden Form nicht weitergeführt werden kann und einen weiteren Sanierungsschritt braucht“.
Reaktionen aus Wirtschaft und Politik
Tojner bedauerte den Schritt der Gläubiger als „in dieser Form leider voraussehbar“. Er machte zugleich auf die strukturellen Probleme der europäischen Batterieindustrie aufmerksam: „Hohe Energiepreise, hohe Lohnkosten und andere Standortnachteile machen die Entwicklung des Batteriegeschäftes in Europa im Vergleich zu Asien zu einer großen Herausforderung“. Der Schritt der Gläubiger erfolgte laut Medienberichten, nachdem das Konzernergebnis unter eine mit den Kreditgebern vereinbarte Mindestschwelle gefallen war.
Die Arbeitnehmerseite reagierte empört auf die drohende Zerschlagung. „Das ist eine riesige Katastrophe“, sagte Fabian Fink, Zweiter Bevollmächtigter und Geschäftsführer der IG Metall Aalen und Schwäbisch Gmünd. „Arbeitsplätze und Existenzen stehen auf dem Spiel - auch die vieler Familien.“ Fink forderte vom Unternehmen schnell Transparenz und Gespräche mit den Arbeitnehmervertretungen.
Varta selbst wollte sich auf Anfrage nicht zu der Ankündigung der Gläubigergruppe äußern. Die Umsetzung der Zerschlagung und Sanierung steht zudem unter dem Vorbehalt behördlicher und anderer Genehmigungen. Ob am Ende ein formelles Insolvenzverfahren eingeleitet wird oder ob eine geordnete Sanierung außerhalb eines Verfahrens gelingt, ist derzeit offen.
Bereits im vergangenen Herbst hatte Varta nach Medienberichten ein Konzernergebnis erzielt, das unter der mit den Geldgebern vereinbarten Quote lag. „Varta steckt seit Jahren in der Krise“, resümierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Grund für die Krise sei eine schwächelnde Nachfrage. Nach wirtschaftlichen Problemen wurden die Aktien 2025 von der Börse genommen und die Kleinanleger enteignet.
Mit der Consumersparte mit Haushaltsbatterien soll der Bereich mit den klassischen Batterien für Fernbedienungen, Spielzeug und Haushaltsgeräte, die in Supermärkten, Drogerien und Elektronikfachmärkten verkauft werden, aus dem Konzern herausgelöst werden. Dieser Geschäftsbereich gilt als vergleichsweise stabil. Sollte bis Mitte August kein Sanierungsplan vorliegen, „droht Varta die Insolvenz und wahrscheinlich eine anschließende Zerschlagung“.
Fragen & Antworten
Wer gehört zur Gläubigergruppe bei Varta?
Zur Ad-hoc-Gläubigergruppe gehören laut Mitteilung an die Nachrichtenagentur dpa die Deutsche Bank sowie die drei Londoner Investmentfonds RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox. Die Deutsche Bank führt die Gruppe an.
Welche Rolle spielte Apple im Niedergang von Varta?
Apple war über Jahre ein zentraler Ankerkunde und bestellte Knopfzellenbatterien für seine AirPods bei Varta. Im Mai kündigte Apple den Liefervertrag und kündigte an, die Mini-Akkus künftig aus China zu beziehen, woraufhin Varta im Mai die Schließung des Werks in Nördlingen mit 350 Beschäftigten ankündigte.
Wie soll Varta nach dem Willen der Gläubiger zerlegt werden?
Die Gläubiger wollen den Geschäftsbereich Consumer Batterie mit Haushaltsbatterien als vergleichsweise stabiles und profitables Segment aus dem Konzern herauslösen und in eine eigene Gesellschaft überführen. Für die übrigen Teile wie Microbattery, Solutions, Varta Innovation Graz und die Tochter in Rumänien soll eine neue Eigentümerstruktur gefunden werden.
Varta: Insolvenz & Zerschlagung durch Gläubiger | finanz360