Ungarns Premier Magyar will Schach-Großmeisterin Judit Polgár als Staatspräsidentin nominieren
Budapest, 20. Juli 2026
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Kurzfassung
Nach der Absetzung von Staatspräsident Tamás Sulyok durch eine Verfassungsnovelle hat Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar angekündigt, die Schachlegende Judit Polgár für das höchste Staatsamt zu nominieren. Das Parlament muss binnen 30 Tagen in geheimer Abstimmung über die Nachfolge entscheiden, wobei die Tisza-Partei über die nötige Zweidrittelmehrheit verfügt.
Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar hat am Sonntagabend angekündigt, die Schach-Großmeisterin Judit Polgár für das Amt der Staatspräsidentin zu nominieren, nachdem sein Vorgänger Tamás Sulyok durch eine Verfassungsnovelle abgesetzt worden war.
Das ungarische Parlament ist nun verpflichtet, innerhalb der nächsten 30 Tage in geheimer Abstimmung über die Nachfolge an der Staatsspitze zu entscheiden. „Zuständig ist dafür das Parlament, das in den nächsten 30 Tagen in geheimer Abstimmung über die Personalie entscheiden muss“, heißt es in der Berichterstattung. Bis zur Wahl führt die bisherige Parlamentspräsidentin Ágnes Forsthoffer von Magyars Tisza-Partei die Amtsgeschäfte kommissarisch.
Judit Polgár als Präsidentin: Magyar plant Nominierung | finanz360
Die Absetzung von Tamás Sulyok trat am Montag nach einer in der Vorwoche verabschiedeten Verfassungsnovelle in Kraft. Sulyok war von Viktor Orbán als Staatspräsident eingesetzt worden und galt als Vertrauter des ehemaligen Ministerpräsidenten. „Nach der am Montag wirksam gewordenen Absetzung von Staatspräsident Tamás Sulyok durch eine Verfassungsnovelle“ verlor er sein Amt. Am Samstag hatte Sulyok die Verfassungsänderung kritisiert, eingeräumt aber, dass ihm keine Mittel zur Gegenwehr zur Verfügung stünden.
Ausgangslage: Sulyoks Absetzung
Ministerpräsident Magyar begründete seinen Vorstoß am Sonntagabend über die Plattform Facebook. Er beschrieb den Namen Judit Polgár als „Synonym für Talent und Ausdauer“. In dem Post erklärte er weiter: „Ich habe sie vor ein paar Tagen getroffen und gefragt, ob sie bereit wäre, unserem Land in einer neuen Rolle zu dienen, bis die neue Verfassung angenommen wird“. Magyar bezeichnete es als „große Ehre, wenn sie das Angebot annehmen würde“. Die Anerkennung ihrer Persönlichkeit verdanke sie „nicht politischen Bindungen oder Beziehungen, sondern ihrem Ausnahmetalent, ihrem Fleiß, ihrer beispiellosen Belastungsfähigkeit und ihrer Korrektheit“.
In seiner Rede im Parlament am Montag erwähnte Magyar den Namen Polgár allerdings nicht. „Polgárs Namen erwähnte er aber nicht. Zugleich betonte er, dass die Diskussion weiter offen sei und dass es auch nur um ein „Provisorium“ gehe“, heißt es in der Berichterstattung. Die endgültige Entscheidung über die Kandidatur solle erst bei der nächsten Fraktionssitzung der Tisza-Partei fallen.
Wer ist Judit Polgár?
Judit Polgár, die am 23. Juli 50 Jahre alt wird, gilt als beste Schachspielerin der Geschichte. Sie wurde 1989 im Alter von zwölf Jahren die Nummer eins der Weltrangliste der Frauen und hielt diese Position bis zum Ende ihrer Karriere im Jahr 2014 – insgesamt rund 26 Jahre ununterbrochen. Bereits 1985 hatte sie im Alter von neun Jahren ihr erstes internationales Turnier gewonnen. Polgár ist die einzige Frau, die jemals die globale Top Ten über alle Kategorien hinweg sowie die Top Ten der Männerweltrangliste erreichte. Sie besiegte unter anderem die Weltmeister Garry Kasparov, Anatoly Karpov und Magnus Carlsen.
Polgár engagiert sich nach dem Ende ihrer aktiven Schachkarriere mit der „Judit-Polgár-Schachstiftung“ für Kinder und Jugendliche. Die Stiftung unterstützt „Kinder und Jugendliche beim Entwickeln von Problemlösungskapazitäten und logischem Denken“. Über ihre schachliche Laufbahn hinaus setzt sie sich öffentlich für Chancengleichheit und die Förderung von Frauen ein. In einem Artikel in The Guardian schrieb sie 2019: „Auch wenn Frauen anders denken und sich im Wettbewerb anders verhalten, können sie die gleichen Leistungen erbringen wie Männer – sei es in der Wissenschaft, in der Kunst oder im Schach“. Sie spricht zudem offen über ihre jüdische Identität und bezeichnet sich selbst als stolze ungarische Jüdin. Einige ihrer Verwandten wurden im Holocaust ermordet; ihre Großmutter überlebte das Konzentrationslager Auschwitz.
Magyars Vorstoß stieß in der eigenen Partei nicht nur auf Zustimmung. Fraktionschefin Andrea Bujdosó erklärte zwar: „Judit Polgár ist eine für dieses Amt berufene Persönlichkeit, sie ist in der Lage, die Einheit der Nation zu verkörpern“ und „Die gesamte Fraktion stehe hinter ihr als geeignetste Kandidatin für das Amt des Staatsoberhauptes“. Anderen Berichten zufolge habe der Vorschlag das Lager Magyars jedoch gespalten. Zudem äußerten Kritiker, Magyar habe den Prozess nicht als echten gesellschaftlichen Dialog geführt. Péter Krekó, Direktor der Denkfabrik Political Capital, bemängelte, dass Magyars Facebook-Verdikt „nicht gerade als Teil eines wirklichen gesellschaftlichen Debattenprozesses“ zu werten sei. Krekó bezeichnete Polgár aber dennoch als „ausgezeichnete Kandidatin“, da sie „in einem von Männern beherrschten Sport […] starken geschlechtlichen Stereotypen trotzend, an die absolute Weltspitze“ gelangt sei und sich „seit Jahrzehnten aufgrund ihrer herausragenden Rolle im Schach auf dem internationalen Parkett und den damit einhergehenden Begegnungen mit Staats- und Regierungschefs souverän bewegen“ würde.
Reaktionen und Kritik
Kritiker wenden zudem ein, dass Polgár über keinerlei politische Erfahrung und keine juristische Ausbildung verfüge. „Polgár verfüge über keine politische Erfahrung und habe keine juristische Ausbildung, wurde bemängelt. Wo sei sie in den 16 langen Jahren der Herrschaft des Rechtspopulisten Viktor Orbán geblieben?“, heißt es in den kritischen Stellungnahmen. Magyar entgegnete, „dass für die Qualifikation als Staatsoberhaupt keine politische Vortätigkeit und auch kein Jus-Studium nötig seien“.
Magyars Tisza-Partei war bei der Parlamentswahl im April mit einer Zweidrittelmehrheit ausgestattet worden. Die Fraktion „verfügt über 141 von 199 Abgeordneten“, was Magyar die Durchsetzung von Verfassungsänderungen ermöglicht. Mit dieser Mehrheit hatte das Parlament bereits die Absetzung Sulyoks beschlossen. Der Wahlsieg beendete eine 16-jährige Regierungszeit der rechtsnationalen Regierung von Viktor Orbán, und Magyar wurde zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. In der Folge gab die EU zuvor eingefrorene Mittel frei, darunter ein Betrag von mehr als 16 Milliarden Euro.
Langfristig plant Magyar eine grundlegende Reform des Staatspräsidentenamts. „Ab Herbst nämlich werde ein neuer Verfassungsgebungsprozess beginnen, unter maximaler Einbeziehung der Bevölkerung“. Die von ihm vorgeschlagene Übergangslösung sieht vor, dass das vom Parlament gewählte Staatsoberhaupt nur ein bis zwei Jahre im Amt bliebe, bis eine neue Verfassung per Referendum verabschiedet werde und ein direkt vom Volk gewählter Präsident das Amt übernimmt. Magyar hatte sich bereits früher für die Volkswahl des Präsidenten ausgesprochen, „wie etwa in Österreich“. Zudem formulierte er den Anspruch: „Unser Land braucht Einheit, Frieden und einen Präsidenten, auf den alle Ungarn stolz sein können“.
Politischer Kontext und Machtverhältnisse
Bereits am Samstag hatte Magyar die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, Kandidatinnen und Kandidaten für das Amt des Staatsoberhaupts vorzuschlagen. In seiner Parlamentsrede forderte er Parteien und Zivilgesellschaft auf, zu erklären, wen sie für würdig halten und warum. Er kündigte an, in den kommenden Tagen darauf hinzuarbeiten, „dass die TISZA-Partei zusammen mit Oppositionsfraktionen und der Zivilgesellschaft eine geeignete Person für das Amt finde“.
Polgár selbst hatte sich „vorerst noch nicht dazu geäußert, ob sie die Nominierung für das höchste Staatsamt annehmen würde“. Sie ist „die politisch bisher nicht in Erscheinung trat“ und steht nur lose in Verbindungen zu politischen Parteien. Ihre Beliebtheit in Ungarn ist jedoch ungebrochen. In einem Interview erklärte sie: „In unserer Multitasking-Welt sind Kreativität, logisches Denken und die Fähigkeit, Probleme zu lösen und gute Entscheidungen zu treffen, essentiell“. Über ihre Motivation sagte sie: „Sie sollen große Träume haben, die richtigen Schritte im Leben gehen, sich hohe Ziele setzen und das Unmögliche erreichen“.
Ausblick: Übergangslösung und Verfassungsreform
Magyar hatte den abgesetzten Präsidenten Sulyok und andere ranghohe Staatsbeamte als „Marionetten“ seines Vorgängers bezeichnet. Die Präsidentin beziehungsweise der Präsident hat nach der derzeitigen ungarischen Verfassung ohnehin „ziemlich beschränkte“ Befugnisse. Damit würde das Amt auch für eine politisch unerfahrene Persönlichkeit wie Polgár machbar erscheinen. Die Nachfolgeentscheidung gilt als erste große Bewährungsprobe für Magyars neue Regierung nach dem Machtwechsel.
Die Tisza-Partei sieht in Polgár eine Kandidatin, die nationale Einheit verkörpern kann. Bujdosó bekräftigte: „Dies sei der einmütige Standpunkt der Fraktion“. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, wie sich die Spaltungsberichte in der eigenen Partei auf den Nominierungsprozess auswirken werden. Die kommenden Tage bis zur nächsten Fraktionssitzung der Tisza-Partei dürften zeigen, ob der Vorstoß Magyars Bestand hat oder ob noch ein anderer Kandidat ins Spiel gebracht wird.
Polgárs Haltung und Motive
Magyar begründete seinen Schritt auch damit, dass er den Präsidenten „nicht in Hinterzimmern oder Zigarrenclubs bestimmen“ wolle. Mit der nun vorgeschlagenen Lösung soll eine möglichst breite, transparente Auswahl gewährleistet werden, die später in eine Direktwahl durch das Volk mündet. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob dieses Versprechen eingelöst werden kann und ob Polgár tatsächlich bereit ist, in die Politik zu wechseln.
Der Bericht wurde von Gregor Mayer aus Budapest verfasst und ist auf den 20. Juli 2026 datiert. Bis zum Ablauf der 30-Tage-Frist wird das Parlament voraussichtlich eine endgültige Entscheidung über die Nachfolge von Sulyok treffen müssen, wobei Magyar sowohl die politischen Mehrheiten als auch die öffentliche Debatte für sich zu mobilisieren versucht.
Fragen & Antworten
Wer ist Judit Polgár und warum wird sie als mögliche Präsidentin gehandelt?
Judit Polgár ist eine ungarische Schach-Großmeisterin und gilt als beste Spielerin der Geschichte. Ministerpräsident Péter Magyar kündigte am Sonntagabend an, sie für das Amt der Staatspräsidentin zu nominieren, da sie laut seiner Aussage Talent, Ausdauer und Integrität verkörpere.
Warum wurde der vorherige Präsident Tamás Sulyok abgesetzt?
Das ungarische Parlament verabschiedete in der Vorwoche eine Verfassungsnovelle, die am Montag in Kraft trat und Sulyok aus dem Amt entfernte. Sulyok war von Viktor Orbán als Staatspräsident eingesetzt worden und galt als dessen Vertrauter.
Welche Mehrheit hat die Tisza-Partei im ungarischen Parlament?
Die Tisza-Partei verfügt laut Bericht über 141 von 199 Sitzen im ungarischen Parlament. Damit besitzt Ministerpräsident Magyar die Zweidrittelmehrheit, die für Verfassungsänderungen erforderlich ist, und kann auch die Präsidentenwahl beeinflussen.