Ukraine widerspricht russischer Eroberungsbehauptung: Kämpfe in Kostjantyniwka dauern an
Kiew, 05 Juli 2026
AI-generated image (z-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Die Ukraine hat die russische Behauptung zurückgewiesen, die strategisch wichtige Stadt Kostjantyniwka im ostukrainischen Donbass erobert zu haben. Präsident Wolodymyr Selenskyj warf dem Kreml eine bewusst platzierte Falschmeldung vor und bot Präsident Wladimir Putin ein persönliches Treffen vor Ort an.
Kiew, 05 Juli 2026
Die ukrainische Armee hat die russische Behauptung zurückgewiesen, die seit Ende 2025 umkämpfte Stadt Kostjantyniwka im Donbass vollständig erobert zu haben, während Präsident Wolodymyr Selenskyj Kremlchef Wladimir Putin eine zeitlich platzierte Falschmeldung vorwarf.
Der Kreml hatte am Freitag erklärt, die strategisch wichtige, ostukrainische Stadt Kostjantyniwka – eine der vier "Festungsstädte" im Donbass – stehe unter russischer Kontrolle. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte wörtlich: "Die Stadt steht nun vollständig unter unserer Kontrolle". Zuvor hatte der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow Präsident Wladimir Putin bei einem Besuch in einem Kommandozentrum über die angebliche Eroberung informiert.
Russische Darstellung und ukrainische Antwort
Die ukrainische Seite widersprach dieser Darstellung umgehend. Der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte erklärte, Einheiten des 19. Armeekorps verteidigten Kostjantyniwka weiterhin an zugewiesenen Linien innerhalb der Stadt und an ihren Zugängen. Die morgendliche Lageeinschätzung des Generalstabs hielt fest, dass die Kämpfe in der Kleinstadt andauern. Ein Sprecher wies die russische Darstellung zurück: "Wir weisen dies zurück. Das sind weitere Falschmeldungen".
Auch der Militärsprecher Andrij Kowalow bezeichnete die russische Behauptung als "falsch". Er ergänzte: "Die Lage ist schwierig, aber sie ist unter der Kontrolle der ukrainischen Verteidigungstruppen". Der österreichische Bundesheeroberst Matthias Wasinger bestätigte gegenüber dem ORF-Sender Ö1, dass die Ukraine in Kostjantyniwka weiterhin Stellungen halte.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzte die Gelegenheit für eine direkte diplomatische Initiative. "Wenn Kostjantyniwka derzeit unter russischer Kontrolle stünde, hätte Putin wohl kein Problem damit, sich dort mit mir zu treffen und diplomatische Lösungen zu finden, um den Krieg endlich beenden zu können", sagte Selenskyj. Die Aussage erfolgte während eines Telefonats mit Bundeskanzler Friedrich Merz. Ein Besuch in Moskau, den Peskow ins Gespräch gebracht hatte, wurde von Selenskyj kategorisch abgelehnt.
Selenskyjs diplomatische Initiative und Moskauer Reaktion
Putin wies die Bewertung Selenskyjs als "Informationskampagne" zurück, mit der die Kiewer Führung angebliche Erfolge vorführen wolle. Peskov hatte laut der staatlichen Agentur TASS zudem erklärt, Selenskyj könne nach Moskau kommen, wenn er zu verantwortungsvollen Entscheidungen bereit sei, und ergänzte: "Schließlich ist Moskau die Hauptstadt der Russischen Föderation und nicht Konstjantyniwka".
Das in den USA ansässige Institute for the Study of War (ISW) sah keine Belege für eine vollständige Eroberung Kostjantyniwkas. Nach Einschätzung des Instituts besteht die russische Präsenz in der Stadt vor allem aus kleinen Sturmgruppen zwischen ukrainischen Stellungen. Auch russische Militärblogger und der ukrainische Militäranalyseblog DeepState verzeichnen bislang nur Teile der Stadt als russisch besetzt.
Einschätzungen westlicher Militär-analysten
ISW deutete Putins Siegesmeldung als Versuch, mediale Aufmerksamkeit zu erzielen – zeitlich platziert kurz vor den Feierlichkeiten zum 250. Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten am Wochenende. Das Institut bewertete die Ansprache als gezielt auf westliche Berichterstattung und Adressaten ausgerichtet. Auch Selenskyj warf Putin eine zeitlich bewusst platzierte Lüge vor, die auch für den amerikanischen Präsidenten Donald Trump gedacht sei.
Putins Auftritt und Drohbotschaft
Putin war am Vorabend erstmals seit längerer Zeit in Militäruniform erschienen und sprach bei seinem Auftritt von einer Ausweitung sogenannter Sicherheitszonen. "Je mehr Angriffe die Ukraine auf zivile russische Einrichtungen versucht, desto größer muss die Sicherheitszone im angrenzenden Gebiet werden", sagte Putin. Zudem erklärte er: "Wir alle wissen, dass diese Stadt ein wichtiges Verkehrszentrum und ein großes Industriezentrum des Donbass ist".
Militärische Bedeutung und mögliche Folgen
Hintergrund der russischen Offensive ist nach Angaben von Analysten das strategische Ziel, die gesamte Region Donbass unter russische Kontrolle zu bringen. Eine Eroberung Kostjantyniwkas würde russischen Kräften einen Brückenkopf für weitere Vorstöße nach Norden bieten. Bei einem Fall der Stadt verblieben in der Oblast Donezk nur noch die größeren Städte Slowjansk, Kramatorsk und Druschkiwka unter ukrainischer Kontrolle.
Allerdings dürfte ein weiterer Vormarsch, so Analysten, langwierig und verlustreich sein und an die Belagerungen anderer ostukrainischer Städte wie Pokrowsk und Awdijiwka erinnern. Selenskyj hatte zuletzt erklärt, der russische Vormarsch im Osten habe sich seit Jahresbeginn deutlich verlangsamt.
Die humanitären Auswirkungen in Kostjantyniwka sind gravierend. Vor dem Krieg lebten dort nach unterschiedlichen Angaben 67.000 bis 78.000 Menschen, mittlerweile ist die Bevölkerung auf rund 2.000 Personen geschrumpft. Die Stadt ist eine von vier Eckpfeilern der ukrainischen Verteidigungslinie in der schwer industrialisierten Region Donezk und gilt als wichtiger Stützpunkt auf dem Weg zu den letzten größeren Städten im Donbass.
Neben den Kämpfen in Kostjantyniwka selbst meldete der ukrainische Generalstab auch Gefechte in Dörfern, die näher an russischen Stellungen liegen – etwa in Iwanopillja. Panzer wurden ausdrücklich erwähnt, ukrainische Einheiten setzten demnach ihre Verteidigung entlang der zugewiesenen Linien fort. Ein unabhängiger Vor-Ort-Beweis für die russische Behauptung liegt bislang nicht vor.
Im Hintergrund steht ein andauernder Konflikt um die russische Erdölindustrie. Nach einem Bericht von Kommandeur Jewgeni Nikiforow ist es bislang nicht vollständig gelungen, die ukrainischen Drohnenangriffe auf die russische Ölindustrie zu stoppen. Diese Angriffe haben laut Berichten in Russland eine Tankkrise verursacht, die für erhebliche Unzufriedenheit in der Bevölkerung sorgt – ein zusätzlicher innenpolitischer Druckfaktor für den Kreml.
Hintergrund: Drohnenangriffe und russische Energiekrise
Putin begründete die Notwendigkeit einer Ausweitung der Sicherheitszonen explizit mit den verstärkten ukrainischen Fernangriffen, die sich insbesondere gegen die russische Ölindustrie richteten. Diese Verknüpfung verband die Siegesmeldung mit einer Drohbotschaft an Kiew: Weitere Angriffe würden als Vorwand für eine geografische Ausweitung des Konflikts dienen.
Historisch wiederholen sich die Muster russischer Eroberungsbehauptungen: Im Dezember 2025 hatte Russland die Einnahme von Kupjansk verkündet. Selenskyj war daraufhin in die Vororte der Stadt gereist und hatte dort ein Video aufgenommen, das einen offensichtlich ungestörten Aufenthalt zeigte. Auch damals hatte sich die russische Behauptung als verfrüht erwiesen.
ISW und westliche Beobachter werteten den aktuellen Zeitpunkt der russischen Erfolgsmeldung als bewusst gewählt. Demnach sollte die Nachricht noch vor den amerikanischen Feierlichkeiten am Wochenende internationale Aufmerksamkeit erzielen. Diese Lesart stützt Selenskyjs Vorwurf, Putin wolle Trump durch die vermeintliche Eroberung von der Unausweichlichkeit eines russischen Sieges überzeugen.
Die Behauptungen ließen sich zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht unabhängig verifizieren. Während die russische Führung den vollständigen Erfolg verkündete, sprachen der ukrainische Generalstab, das ISW und unabhängige Militäranalysten weiterhin von andauernden Kämpfen und einer nur teilweisen russischen Präsenz.
Der Kreml wies Selenskyjs Treffenangebot in Kostjantyniwka umgehend zurück. Putin äußerte nach Darstellung des Kremls, er sei zwar bereit, Selenskyj in Moskau zu empfangen. Gleichzeitig erklärte Peskow jedoch, Selenskyj werde die Frontlinie nicht überqueren. Damit blieb das Angebot einer direkten Begegnung der beiden Präsidenten vorerst ohne Annahme – eine diplomatische Lösung des Konflikts rückte am Wochenende nicht näher.
Fragen & Antworten
Warum streiten Russland und die Ukraine um die Stadt Kostjantyniwka?
Kostjantyniwka ist eine von vier "Festungsstädten" im ukrainischen Donbass und gilt als wichtiger Verkehrsknotenpunkt sowie Brückenkopf für weitere russische Vorstöße nach Norden.
Wer hat die Eroberung der Stadt erklärt?
Der Kreml und insbesondere Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärten, die Stadt stehe vollständig unter russischer Kontrolle; die ukrainische Armee und das ISW bestätigten dies nicht.
Welche Bedeutung hat der Zeitpunkt der russischen Erfolgsmeldung?
ISW und Selenskyj deuten die kurz vor dem US-Unabhängigkeitstag platzierte Meldung als gezielten Versuch, westliche Aufmerksamkeit zu erzwingen und Donald Trump von einem russischen Sieg zu überzeugen.