Selenskyj schickt Polens höchsten Orden zurück – Geschichtsstreit eskaliert
Warschau/Kiew, 20. Juni 2026
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Kurzfassung
Im Streit um die Benennung einer ukrainischen Armeeeinheit nach der UPA hat Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers nach Warschau zurückgeschickt. Polens Präsident Karol Nawrocki hatte die Auszeichnung zuvor entzogen, woraufhin auch weitere ukrainische Politiker ihre polnischen Orden zurückgaben.
Warschau/Kiew, 20. Juni 2026
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den Orden des Weißen Adlers, die höchste staatliche Auszeichnung Polens, an den polnischen Präsidenten Karol Nawrocki zurückgesandt und damit den historisch aufgeladenen Streit zwischen beiden Ländern weiter verschärft.
Hintergrund: Die UPA und der Streit um die Erinnerung
Selenskyj kündigte die Rückgabe am Samstag über die Plattform X an. In einem auf Deutsch verfassten Beitrag schrieb er: "Heute habe ich den Orden dem polnischen Präsidenten zurückgeschickt." Fotos aus dem Postamt des Präsidialamts in Kiew zeigen das verpackte, an Nawrocki adressierte Ordenszeichen. Selenskyj erklärte, der Orden des Weißen Adlers sei eine besondere Ehrung und ein Symbol des höchsten Vertrauens der Republik Polen. Ein solches Symbol brauche jedoch Verdienst und Respekt für die Werte, die die Grundlage der Gesellschaft bildeten.
Hintergrund des Konflikts ist Selenskyjs Entscheidung von Ende Mai, einer ukrainischen Armeeeinheit den Ehrennamen "Helden der UPA" zu verleihen. Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) war in den 1940er Jahren der militärische Arm der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Die UPA kämpfte nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetherrschaft und wird in der heutigen Ukraine als Symbol des Widerstands gegen die sowjetische Herrschaft verehrt. Im Kampf für die ukrainische Unabhängigkeit von der Sowjetunion kollaborierten OUN und UPA im Zweiten Weltkrieg zeitweise mit Hitler-Deutschland.
Während des Zweiten Weltkriegs begingen bewaffnete UPA-Mitglieder Massaker an Zehntausenden Polen und Juden im Gebiet des heutigen Westukraine. Nach polnischen Angaben töteten ukrainische Nationalisten zwischen 1943 und 1945 in den Wolhynien-Massakern rund 100.000 ethnische Polen. Tausende Ukrainer kamen bei den Vergeltungsaktionen ums Leben. In Polen werden die Taten von OUN und UPA als Völkermord eingestuft. Wolhynien gehörte bis 1939 zu Polen und wurde durch den Hitler-Stalin-Pakt der ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen.
Nawrockis Entscheidung und Warschaus Begründung
Der polnische Präsident Karol Nawrocki, der seit seinem Amtsantritt 2025 eine kritische Position gegenüber der Ukraine vertritt, hatte Selenskyj am Freitag den 2023 verliehenen Orden entzogen. Der damalige Präsident Andrzej Duda hatte Selenskyj die Auszeichnung überreicht, um die Freundschaft zwischen Polen und der Ukraine angesichts der russischen Aggression gegen Kiew zu unterstreichen. In einer Erklärung beteuerte Nawrocki allerdings, die Aberkennung sei "nicht gegen die ukrainische Nation gerichtet" und ändere nichts an der strategischen Ausrichtung der polnischen Sicherheitspolitik.
Selenskyj reagierte auf die Entscheidung mit scharfer Ironie. In seinem X-Beitrag schrieb er: "Wenn daher die Ansicht besteht, dass dieses besondere Symbol bei (Zarin) Katharina II., bei (Italiens Diktator) Benito Mussolini und (Ex-Bundeskanzler) Gerhard Schröder verbleiben darf, dann haben wir dem in der Ukraine nichts entgegenzusetzen." Mit der Anspielung verwies er auf frühere Träger polnischer Auszeichnungen. Gleichzeitig erklärte er sich offen für eine weitere Zusammenarbeit: Sein Land werde weiterhin offen sein "alle sinnvollen Formate der Zusammenarbeit", um widersprüchliche Auslegungen der schwierigen und schmerzhaften Kapitel der gemeinsamen Vergangenheit zu vermeiden.
Reaktionen in Kiew: Botschafter, Minister, Ex-Präsidenten
Aus Kiew kam scharfe Kritik an der polnischen Entscheidung. Der ukrainische Botschafter in Warschau, Vasyl Bodnar, bezeichnete Nawrockis Schritt als "Geste, die sich gegen das gesamte ukrainische Volk richtet". Der Leiter des Präsidialamts, Kyrylo Budanow, sprach in einem Telegram-Beitrag von einer unfreundlichen Geste gegenüber dem ukrainischen Volk und einem Geschenk an den Aggressor Russland. "Das ist ein Geschenk für den Moskauer Aggressor, der es mit Sicherheit gegen unsere beiden Länder einsetzen wird", schrieb er. Budanow kündigte an, auf das Goldene Offizierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen zu verzichten, mit dem er im vergangenen Jahr ausgezeichnet worden war.
Auch der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha kündigte die Rückgabe einer polnischen Auszeichnung an. Sybiha nannte Nawrockis Entscheidung einen strategischen Fehler und erklärte, kein ausländischer Präsident werde der Ukraine ihre Geschichte vorschreiben. Der ehemalige ukrainische Präsident Leonid Kutschma erklärte am Abend, er werde auf den Orden des Weißen Adlers verzichten, den er 1997 erhalten hatte. Er gab sich überzeugt, dass dieser "unfreundliche Schritt" von Präsident Nawrocki die Freundschaft der beiden Länder nicht zunichtemachen könne. Auch Ex-Präsident Viktor Juschtschenko (2005-2010) kündigte an, auf die Auszeichnung zu verzichten. Sein Amtsnachfolger Petro Poroschenko (2014-2019) bezeichnete Nawrockis Entscheidung als "falsch und gegenüber dem ukrainischen Volk für ungerecht".
Tusk ruft zur Mäßigung auf
Polens Ministerpräsident Donald Tusk, ein politischer Rivale Nawrockis und starker Unterstützer der Ukraine, rief beide Seiten zur Mäßigung auf. "Die Frontlinie verläuft anderswo", schrieb Tusk auf X. Der Konflikt zwischen Polen und der Ukraine "freut Putin und schockiert unsere Verbündeten". Es sei die Aufgabe Nawrockis und Selenskyjs, "die Gemüter zu beruhigen und die Spannungen nicht weiter anzufachen". Tusk hatte bereits am Freitag an Nawrocki und Selenskyj appelliert, Zurückhaltung zu üben.
Belastungsprobe vor der Konferenz in Danzig
Der Streit fällt in eine Phase, in der Polen eine zentrale Rolle in der westlichen Unterstützung der Ukraine spielt. Das Land hat hunderttausende ukrainische Geflüchtete aufgenommen, gehört zu den wichtigsten militärischen und humanitären Unterstützern Kiews im Verteidigungskrieg gegen Russland und dient als logistische Drehscheibe für westliche Hilfe an die Ukraine. Der Konflikt eskaliert rund eine Woche vor einer Ukraine-Wiederaufbaukonferenz im polnischen Danzig.
Aus Russland kam eine andere Reaktion. Der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew erklärte auf X, Moskau begrüße die Entscheidung, "endlich" sei Selenskyj der Orden aberkannt worden. Russland begründet seinen Krieg gegen die Ukraine unter anderem mit der Behauptung, in Kiew seien "Neonazis" an der Macht – ein Argument, das durch die symbolische Ehrung von UPA-Einheiten aus polnischer Sicht weiter Nahrung erhält.
Der Krieg geht weiter: Angriffe in Charkiw und im Schwarzen Meer
Parallel zum diplomatischen Streit dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine an. Nach Angaben des Regionalgouverneurs Oleh Syniehubow wurden bei einem russischen Luftangriff auf die Stadt Charkiw im Nordosten der Ukraine neun Menschen verletzt. Bürgermeister Ihor Terechow sagte, eine Person sei tot unter den Trümmern eines zerstörten Wohnhauses geborgen worden. Aus der südukrainischen Region Cherson meldeten die lokalen Behörden vier Verletzte. Im Schwarzen Meer wurde nach Angaben der panamaischen Seebehörde ein Frachtschiff unter panamaischer Flagge bei einem Drohnenangriff beschädigt, wobei ein Besatzungsmitglied getötet und zwei weitere verletzt wurden, eines davon schwer. Das Schiff konnte seine Fahrt fortsetzen.
Auch an anderen Fronten setzte sich der Krieg fort. Russische Streitkräfte wiesen nach Angaben des Gouverneurs Alexander Moor einen Drohnenangriff auf eine Ölraffinerie im westsibirischen Gebiet Tjumen ab. Die Anlage gilt als eine der modernsten Russlands und hat nach Branchenschätzungen eine Kapazität von etwa acht Millionen Tonnen pro Jahr. Tjumen liegt mehr als 2.500 Kilometer östlich der ukrainischen Grenze und ist eine der wichtigsten Öl- und Gasförderregionen Russlands. Selenskyj warf unterdessen Belarus vor, an der Grenze zur Ukraine Signalverstärker für russische Drohnen zu installieren, die zur Lenkung des Beschusses auf die ukrainische Bevölkerung dienten. Er forderte den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko auf, die Anlagen innerhalb einer Woche abzubauen: "Wenn er das nicht macht, machen wir es."
Internationale Gespräche über ein Ende des Kriegs laufen unterdessen weiter. US-Präsident Donald Trump äußerte sich optimistisch: "Wir versuchen, diesen Krieg zu beenden – zwischen der Ukraine und Russland. Ich würde ihn gerne beendet sehen", sagte er. In Berlin ist für die kommende Woche ein Treffen im erweiterten E5-Format geplant, an dem Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen teilnehmen sollen, um über den Krieg in der Ukraine zu beraten. Polens Außenminister Radosław Sikorski kritisierte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die führende Rolle Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens in den Ukraine-Gesprächen und forderte einen Platz für Polen am Verhandlungstisch. Polen liege an der Frontlinie und sei eine Transportroute für Waffenlieferungen. Der deutsche Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte, der Zeitpunkt sei momentan nicht geeignet, um über Formate oder Teilnehmerschaften zu diskutieren, derzeit führe man keine Verhandlungen.
Diplomatische Bemühungen und Suche nach einem Format
Die IAEO meldete unterdessen, das seit März 2022 von Russland kontrollierte Kernkraftwerk Saporischschja habe zum 20. Mal seit Kriegsbeginn die externe Stromversorgung verloren. Ursache sei ein Problem mit den internen Stromleitungen gewesen, das die einzige verbliebene 330-Kilovolt-Verbindung Ferosplawna-1 betroffen habe. Notstromdieselgeneratoren hätten die Reaktorkühlung und andere kritische Sicherheitsfunktionen aufrechterhalten.
Die Rückgabe des Ordens markiert einen neuen Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen zwei Ländern, die im Abwehrkampf gegen Russland eng zusammenarbeiten. Während Tusk zur Deeskalation aufrief und Selenskyj seine grundsätzliche Bereitschaft zum Dialog über die gemeinsame Vergangenheit bekräftigte, bleibt die symbolische Aufladung des Konflikts hoch. Die Ukraine besteht auf ihrem Recht, die eigene Geschichte zu interpretieren, Polen auf seinem Gedenken an die Opfer der Wolhynien-Massaker. Wie der Streit vor der Wiederaufbaukonferenz in Danzig noch beigelegt werden könnte, blieb zunächst offen.
Fragen & Antworten
Warum hat Polens Präsident Selenskyj den Orden des Weißen Adlers entzogen?
Polens Präsident Karol Nawrocki entzog Selenskyj die Auszeichnung, nachdem Selenskyj Ende Mai einer ukrainischen Armeeeinheit den Ehrennamen "Helden der UPA" verliehen hatte. Die UPA wird in Polen für Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg verantwortlich gemacht.
Was ist die UPA und warum ist ihre Ehrung in Polen umstritten?
Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) war in den 1940er Jahren der militärische Arm der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Während des Zweiten Weltkriegs begingen UPA-Mitglieder Massaker an Zehntausenden Polen und Juden in Wolhynien. In Polen werden die Taten als Völkermord eingestuft, in der Ukraine werden UPA-Kämpfer als Widerstandshelden gegen die Sowjetherrschaft verehrt.
Welche ukrainischen Politiker haben noch polnische Orden zurückgegeben?
Neben Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigten der Leiter des Präsidialamts Kyrylo Budanow, Außenminister Andrij Sybiha, Ex-Präsident Leonid Kutschma und Ex-Präsident Viktor Juschtschenko an, auf ihre polnischen Auszeichnungen zu verzichten. Ex-Präsident Petro Poroschenko schloss sich dem Protest an.
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