Schulbarometer 2026: Schülerverhalten belastet Lehrkräfte stärker als noch vor zwei Jahren
Stuttgart, 23 Juni 2026
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Kurzfassung
Das Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung zeigt: 46 Prozent der Lehrkräfte empfinden das Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler als größte berufliche Belastung – elf Prozentpunkte mehr als noch 2024. Gleichzeitig geben 83 Prozent an, mit ihrem Beruf zufrieden zu sein, und fordern mehr multiprofessionelle Unterstützung.
Stuttgart, 23 Juni 2026
Das Deutsche Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung zeigt, dass 46 Prozent der befragten Lehrkräfte den Umgang mit dem Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler als größte berufliche Belastung empfinden.
Die Robert Bosch Stiftung lässt mit dem Deutschen Schulbarometer seit 2019 regelmäßig repräsentative Befragungen zur Situation der Schulen in Deutschland durchführen. Für die aktuelle Ausgabe wurden zwischen dem 11. November und 2. Dezember 2025 insgesamt 1.547 Lehrkräfte an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen vom Meinungsforschungsinstitut Forsa befragt. Die Ergebnisse haben eine Fehlertoleranz von drei Prozentpunkten.
Demnach nennen 46 Prozent der Befragten das Schülerverhalten als größte berufliche Belastung. Vor zwei Jahren hatte das nur gut jede dritte befragte Lehrkraft (35 Prozent) so empfunden. Auf Platz zwei der genannten Belastungen folgt mit 34 Prozent die Heterogenität der Klassen – also große Leistungsunterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern. 27 Prozent sehen hohe Arbeitsbelastung und Zeitmangel als Problem.
Als Beispiele für belastendes Verhalten werden in der Erhebung mangelnde Motivation und fehlender Lernwille, psychische Probleme, Aggressivität oder Konzentrationsprobleme genannt. Besonders häufig nehmen Lehrkräfte an Haupt-, Real- oder Gesamtschulen sowie an Berufsschulen das Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler als belastend wahr, während Kolleginnen und Kollegen an Grundschulen oder Gymnasien dies deutlich seltener berichten.
Was Lehrkräfte am meisten belastet
47 Prozent geben an, sie bräuchten Fortbildungen im Umgang mit psychisch belasteten Schülern. Sogar 82 Prozent hätten gerne mehr Wissen darüber, wie sie Kompetenzen wie Empathie, Teamfähigkeit, Selbstständigkeit oder kritisches Denken bei den Schülern fördern können. Experten aus der Praxis führen auch den Einfluss sozialer Medien als Ursache an.
Bildungsexpertin Katharina Thoren von der Robert Bosch Stiftung sagt: "Das große Interesse an Fortbildungen ist eine echte Chance, die wir nutzen sollten, um Lehrkräfte beim Umgang mit schwierigen Unterrichtssituationen gezielt zu stärken. Aber das reicht nicht aus." Die Schulen bräuchten dringend multiprofessionelle Teams, also etwa Sozialarbeiter, Schulpsychologen oder IT-Spezialisten. Ziel sei, "damit Lehrkräfte sich wieder voll auf das konzentrieren können, was ihre eigentliche Aufgabe ist: guten Unterricht."
Ein Schulbarometer der Stiftung, bei dem Schülerinnen und Schüler befragt wurden, hatte erst im März einen Anstieg der psychischen Belastungen bei jungen Menschen gezeigt. Thoren zufolge passen die Beobachtungen der Lehrkräfte auch zum Empfinden der Schülerinnen und Schüler. Das könne sich auf das Verhalten der Schüler auswirken. Sie verwies zudem darauf, dass auch Kriege und Krisen weltweit eine Rolle spielen könnten.
Fortbildungswunsch und Forderung nach Teams
Trotz der Belastungen übt die große Mehrheit der Befragten ihren Beruf gerne aus. 83 Prozent sind demnach zufrieden mit ihrer Arbeit. Allerdings würden laut Stiftung 28 Prozent den Beruf aufgeben, wenn sich eine Alternative böte. Mehr als ein Drittel der Lehrkräfte fühlt sich nach Angaben der Stiftung allein gelassen.
Der Anteil der Lehrkräfte, die mehrmals pro Woche mit KI arbeiten, hat sich auf 25 Prozent mehr als verdoppelt. Die Stiftung nennt Schülerverhalten, politische Äußerungen und den Umgang mit Künstlicher Intelligenz als die drei größten Herausforderungen für Lehrkräfte in Deutschland. 48 Prozent wünschen sich, dass ihre Schulen im Bereich Demokratiebildung mehr tun.
Unterschiede zwischen Schulformen und Ländern
Im Ländervergleich sind Lehrkräfte in Bayern und Baden-Württemberg deutlich zufriedener mit ihrem Beruf als jene im Norden, Osten und in Nordrhein-Westfalen. In NRW liegt die Zufriedenheit auf einer Skala von 1 (niedrig) bis 4 (hoch) bei 2,9; der Burnout-Wert ist laut Schulbarometer dort bundesweit am höchsten. Eine Erhebung des Philologenverbands NRW aus dem Jahr 2025 ergab, dass 37 Prozent der befragten Lehrkräfte mehr als 50 Stunden pro Woche arbeiten, 12 Prozent sogar mehr als 60 Stunden.
Laut GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) ist ein wesentlicher Stressfaktor, dass Lehrkräfte nicht ausreichend Zeit haben, ihren Unterricht nach eigenen pädagogischen Maßstäben vorzubereiten. Laut rheinischer Post haben im Jahr 2025 insgesamt 650 Lehrkräfte in NRW den Beruf verlassen – 283 Beamte und 367 Angestellte. Fast 7.800 Stellen waren laut Bericht unbesetzt.
Wie viel Arbeitszeit Lehrkräfte tatsächlich aufwenden, wird entgegen einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2019 weiterhin nicht erfasst. Die wöchentliche Arbeitszeit einschließlich Vor- und Nachbereitung wird vom Schulministerium NRW festgelegt; das Landesbeamtengesetz sieht für Beamtenlehrkräfte eine Pflichtstundenzahl von 41 Stunden pro Woche vor. Lehrkräfte an Gesamtschulen und Gymnasien in NRW müssen 25,5 Stunden pro Woche unterrichten.
Entlastungsangebote an Schulen
An der Europaschule Langerwehe im Kreis Düren hat Schulleiterin Regina Westermann nach eigenen Worten Rückzugsräume geschaffen, "sodass sich die Lehrerinnen aus dem Lehrraum zurückziehen können, zum Beispiel in einen Ruheraum, in dem nicht gesprochen werden darf". Außerdem gebe es einen Schulgarten. Die Schule versende außerdem alle zwei Wochen einen Newsletter, um Informationen gebündelt weiterzugeben: "So gibt es keinen digitalen Overkill – da nicht jede Info immer direkt mit jedem geteilt wird." Westermann beobachtet wachsende organisatorische und erzieherische Aufgaben, die zusätzlich zum Unterricht auf Lehrkräfte zukommen. Diese hätten an einem Tag durchgehend soziale Interaktion mit unterschiedlichen Lerngruppen mit jeweils 20 bis 30 Schülerinnen – "das zieht viel Kraft und Energie".
Für Lehrkräfte an öffentlichen Schulen in NRW gibt es unter 0800-0007715 eine kostenlose psychosoziale Beratungshotline, täglich und rund um die Uhr erreichbar; die Beratung ist vertraulich und anonym.
27 Prozent der Lehrkräfte glaubt, seine eigene politische Meinung nicht im Unterricht äußern zu dürfen.
(dpa)
Fragen & Antworten
Wer ist Katharina Thoren?
Katharina Thoren ist Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung und wird im Schulbarometer 2026 mehrfach als Expertin zitiert.
Was sind die größten Belastungen für Lehrkräfte laut Schulbarometer 2026?
Den Umgang mit dem Verhalten der Schülerinnen und Schüler (46 Prozent), gefolgt von Heterogenität in der Klasse (34 Prozent) und hoher Arbeitsbelastung (27 Prozent).
Wie viele Lehrkräfte wurden für das Schulbarometer 2026 befragt?
Für die aktuelle Ausgabe hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa zwischen dem 11. November und 2. Dezember 2025 insgesamt 1.547 Lehrkräfte an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen befragt.
Schulbarometer 2026: Lehrkräfte klagen über Schülerverhalten | finanz360