Faust I Salzburg: Rasches Inszenierung auf der Pernerinsel | finanz360
Salzburger Festspiele eröffnen mit radikaler Kurzfassung von Goethes „Faust I"
Hallein, 26. Juli 2026
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Kurzfassung
Die Salzburger Festspiele haben am Samstag mit einer radikal gekürzten Fassung von Goethes „Faust I" auf der Pernerinsel in Hallein eröffnet. Regisseur Ulrich Rasche inszeniert das Drama mit nur fünf Darstellerinnen und Darstellern auf einer ständig rotierenden Drehscheibe, zwei übergroßen Videowänden und einem minimalistischen Bühnenhaus.
Die Salzburger Festspiele sind am Samstag auf der Pernerinsel in Hallein mit einer radikal gekürzten und neuinszenierten Fassung von Johann Wolfgang von Goethes „Faust, der Tragödie erster Teil" unter der Regie von Ulrich Rasche eröffnet worden.
Spielort und Konzept
Die Premiere auf der Pernerinsel, einer Spielstätte der Festspiele in der Nähe von Salzburg, markierte den Auftakt des Festivals in einer Übergangssaison. Regisseur Ulrich Rasche, der nach Inszenierungen von Aischylos' „Die Perser", Lessings „Nathan der Weise" und Donizettis Oper „Maria Stuarda" als Stammgast des Festivals gilt, präsentierte eine stark gekürzte Textfassung mit einem auf fünf Mitwirkende reduzierten Ensemble. Die Aufführung dauerte etwas mehr als drei Stunden und erntete beim Publikum freundlichen bis euphorischen Applaus.
Gespielt wird auf dem nackten Bühnenhaus, dem markanten Backsteinbau eines früheren Salzspeichers. Das Bühnenbild, das Rasche selbst entworfen hat, besteht aus einer stetig sanft rotierenden Drehscheibe im Bühnenboden mitsamt einem inneren Ring, der die meiste Zeit gegengleich läuft. Aus dem Schnürboden sind zwei riesige rechteckige Lichtkästen an einer ringförmigen Deckenkonstruktion befestigt, die um ihre eigene Achse rotieren und sich zu einer großen Lichtfläche ausfalten können. Sie bilden je nach Position entweder eine überdimensionale Leinwand über dem Geschehen oder einen schmalen Korridor, der nach der Beschreibung des Rezensenten wie ein psychedelischer Geburtskanal wirkt.
Radikale Kürzung und Konzentration auf fünf Figuren
Steven Scharf übernimmt die Titelrolle des Faust. Scharf, dessen Spiel vom Rezensenten mit der Ästhetik der Düsseldorfer Elektropioniere Kraftwerk verglichen wird, eröffnet die Vorstellung mit dem berühmten Eingangsmonolog, in dem der Gelehrte Philosophie, Juristerei und Medizin und „leider auch Theologie" studiert hat. Über mehrere Minuten hinweg geht Faust in einer unbeholfenen, eckigen Choreografie über die Bühne, die nach Angaben des Hauses als Sinnbild seiner inneren Zerrissenheit zu verstehen ist. Das Lichtkonzept, das Gerrit Jurda entworfen hat, erhellt diese rotierende Sinnsuche des Getriebenen.
Bereits zu Beginn verzichtet Rasche auf einen Prolog im Himmel. Auch andere berühmte Szenen wie Auerbachs Keller, der Osterspaziergang oder die Hexenküche sind gestrichen, ebenso Figuren wie Famulus Wagner, Gott oder die Hexe. Übrig bleibt ein konzentriertes Seelendrama, in dem Rasche, anders als in Goethes Original mit seinen zwei Seelen in der Brust, eine multiple Seelenbeschau vornimmt. Wie der Regisseur beim Terrassen-Talk vorab erläuterte, werde Faust in diesem Tunnel ganz auf sich zurückgeworfen und mit „Anteilen seiner selbst konfrontiert, die er zuvor verdrängt hat".
Besetzung und choreografisches Prinzip
Valery Tscheplanowa, die 2023 bei Rasche bereits Nathan in „Nathan der Weise" spielte, erscheint zunächst als Geist und beherrscht die Inszenierung, sobald sie schallend auflacht, als Mephistopheles. Sie trägt Anzug und Krawatte, ebenso wie Faust. Beide Darsteller liefern ihre Verse betont langsam und häufig gegen das Versmaß, während die Drehscheibe sie unablässig in Bewegung hält. Alfred Brooks steuert erneut das wummernde, wabernde Sounddesign bei, das er bereits für frühere Arbeiten des Regisseurs komponiert hat.
Neben Scharf und Tscheplanowa wirken Anna Drexler als Margarete, Johannes Nussbaum als junger Faust und Max Rothbart als Valentin mit. Drexler wird vom Rezensenten für die Rolle der Gretchen ausdrücklich gelobt. Nussbaum bringt quirlige und kommunikative Facetten von Fausts Psyche ins Spiel, was besonders in den Dialogen, auch den nonverbalen, mit dem älteren Faust für Spannung sorgt. Rothbart übernimmt die Partie des Bruders Valentin.
Die Walpurgisnacht, in Goethes Text ein ausgedehntes Spektakel, ist bei Rasche auf reine Lichteffekte der beiden Bildschirme reduziert. Wenn Faust den Trank aus dem Fläschchen trinkt, beschwört er zuerst Mephistopheles herauf und greift später erneut zum Phiol, um sich ein jüngeres Alter ego, den „jungen Faust", zu imaginieren. Sobald sich Steven Scharf als Faust in den Korridor der beiden Lichtwände begibt, spaltet sich seine Persönlichkeit auf und gebiert einen neuen Anteil.
Licht, Klang und Videowände
Zum tragischen Schluss antwortet Gretchen auf Mephistos „Sie ist gerichtet" mit ihrem eigenen „Ist gerettet". Der berühmte Vers „Verweile doch, du bist so schön" ist eine Phrase, die dieser Faust nach Rasches Konzept nie sagen würde. Stattdessen klagt er: „Es möchte kein Hund so länger leben!" und steht am Ende, klassisch goethisch, „da steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor". In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hatte Scharf vorab die Frage aufgeworfen, wie der Körper „eine möglichst intensive Verbindung zur Sprache herstellen" könne, was in dieser Inszenierung sichtbar beantwortet werde.
Das Fazit des Rezensenten Ronald Pohl, datiert auf den 26. Juli 2026, fällt entsprechend aus: Er bewertet die Produktion mit vier Sternen und sieht in ihr einen Höhepunkt im Schauspielprogramm der Festspiele in einer Übergangssaison. Die Inszenierung sei ein Beweis für die Verlässlichkeit des „bewährten Taktgebers" Rasche und liefere dem Festival einen eindrucksvollen Auftakt. Peter Stein, der einstmals den gesamten „Faust" Goethes auf die Bühne bringen wollte, wird als Referenz genannt, ohne dass die Inszenierung sich mit diesem Monumentalprojekt messen müsste.
Es handelt sich um eine Koproduktion mit dem Residenztheater in München, die dort am 6. November Premiere feiern wird. Bis dahin ist die Salzburger Version auf der Pernerinsel in Hallein zu sehen. Damit setzt das Festival seine Tradition fort, ambitionierte und eigenwillige Lesungen des klassischen Repertoires auf der besonderen Spielstätte im ehemaligen Salzspeicher zu zeigen.
Rezeption und Ausblick
Das Publikum auf der Pernerinsel spendete dem Schauspielensemble und dem Regieteam freundlichen bis euphorischen Applaus, heißt es in der Besprechung. Mit großem Applaus, so das Fazit, ist die Inszenierung von „Faust I" bei den Salzburger Festspielen aufgenommen worden. Für die Eröffnung des Festivals ist dies ein ungewöhnlich persönlicher Tonfall, getragen von einer Regiehandschrift, die sich auf das Wesentliche konzentriert.
Fausts Gang über die Bühne ist in dieser Inszenierung nicht mehr der eines Gelehrten, sondern der eines Verzweifelten, der nicht mehr weiter weiß. Die Korridor-Situation, die Rasche geschaffen hat, lässt kein Entrinnen zu, sie zwingt zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Auch der ältere Regisseur Peter Stein, der einst den kompletten Doppelteil inszenieren wollte, wird in der Besprechung als Kontrast erwähnt, an dem sich Rasches konsequent entschlackter Ansatz scharf profiliert.
Vom Klassiker zur Seelenbeschau
Während Goethes Drama die Zweispaltigkeit der Seele ins Zentrum rückt, unternimmt Rasche, wie es in der Rezension heißt, eine multiple Seelenbeschau. Das Innere wird nicht als statischer Raum gezeigt, sondern als ständige Drehung, in der sich die Figuren verlieren und zugleich aneinander abarbeiten. So wird aus dem klassischen Vexierspiel der Seelen ein Tanz eines Verzweifelten, der nicht zur Ruhe kommen kann.
Die kraftvolle körperliche Präsenz von Scharf, das polternde Sounddesign von Brooks, das kühle Licht von Jurda und die präzise Choreografie, die alle Mitwirkenden auf der rotierenden Scheibe in Gang hält, ergeben in der Summe ein seltenes Theaterereignis. Die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele 2026 liefert damit den Beweis, dass auch im vierundzwanzigsten Jahr nach der Jahrtausendwende ein Klassiker wie „Faust I" neu befragt werden kann.
Als Mitwirkende werden zudem die Produktionsleitung und das künstlerische Team des Festivals genannt, das die Koproduktion mit dem Residenztheater in München ermöglicht hat. Der Spielort selbst, das ehemalige Salzspeicherhaus auf der Pernerinsel, bot mit seiner nüchternen Backsteinarchitektur den passenden Rahmen für eine Inszenierung, die ganz auf Klang, Licht und Bewegung setzt und auf die übliche Ausstattung mit Kulissen verzichtet.
Fragen & Antworten
Wo und wann wurde die Inszenierung gezeigt?
Die Premiere fand am Samstag auf der Pernerinsel in Hallein als Eröffnung der Salzburger Festspiele statt; als Koproduktion mit dem Residenztheater in München wird sie dort am 6. November Premiere feiern.