Prien stellt Bildungsbericht vor: Schere zwischen Herkunft und Chancen bleibt groß
Berlin, 15. Juni 2026
Matthias Süßen / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Karin Prien hat in Berlin den Nationalen Bildungsbericht 2026 vorgestellt. Er zeigt, dass der Bildungserfolg in Deutschland weiterhin stark vom sozialen Hintergrund abhängt und sich die Schere zwischen Kindern unterschiedlicher Herkunft schon vor der Einschulung öffnet.
Karin Prien (CDU) hat am Montag in Berlin den Nationalen Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026" vorgestellt, der eine anhaltend starke Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom sozialen Hintergrund dokumentiert.
Bildungsschere öffnet sich früh
Der alle zwei Jahre erscheinende Bericht wurde von einer unabhängigen Wissenschaftlergruppe im Auftrag von Bund und Ländern erstellt. Er soll als Grundlage für bildungspolitische Entscheidungen dienen. Karin Prien (CDU) bezeichnete die Befunde bei der Vorstellung als besorgniserregend und verwies darauf, dass die Herkunft weiterhin über die Chancen eines Kindes mitentscheide.
Kernergebnis des Berichts ist eine sogenannte Bildungsschere, die sich bereits ab der Geburt öffne und sich bis zur Einschulung vergrößere. Prien sagte wörtlich: „Die geht im Grunde mit der Geburt auf, vergrößert sich bis zur Einschulung und dann bleibt sie nahezu gleich, was aber kein guter Befund ist." An anderer Stelle formulierte sie: „Die Bildungsschere tut sich ab der Geburt auf. Das entsteht nicht erst in der Schule – in Wahrheit ist es genau andersrum: Die Schere ist zu, wenn ein Kind auf die Welt kommt, und sie öffnet sich dann bis zur Einschulung. Und danach wird sie nur noch unwesentlich geschlossen."
Bereits im Alter von zwei Jahren unterscheide sich der Wortschatz von Kindern je nach Bildungsstand der Mutter, heißt es in dem Bericht. Bei der Einschulung ließen sich etwa 20 Prozent der Unterschiede in den Sprachkompetenzen auf den sozialen Hintergrund zurückführen. Kinder von Alleinerziehenden und aus Familien mit Einwanderungsgeschichte schließen laut Bericht deutlich häufiger die Schule ohne Abschluss ab und erhielten seltener eine Gymnasialempfehlung, selbst bei vergleichbaren Leistungen.
Weniger erreichen die Mindeststandards
Dabei wisse man aus der Forschung durchaus, dass Bildungsungleichheiten veränderbar seien, sagte der Mitautor Kai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Nach dem PISA-Schock im Jahr 2000 seien die Kompetenzen in Deutschland über etwa zehn Jahre messbar gestiegen, soziale Unterschiede hätten abgenommen – bevor diese Entwicklung wieder ins Stocken geriet. Nun stagnierten die Werte oder verschlechterten sich teilweise.
Der Bericht benennt mehrere Problemlagen: So verfehlten „immer mehr Schülerinnen und Schüler in Deutschland die Mindeststandards im Lesen und Rechnen". Die Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften hätten sich insgesamt abgeschwächt. Zugleich habe sich der Anteil von Lehrkräften ohne anerkannte Qualifikation an Schulen binnen zehn Jahren auf rund 12 Prozent nahezu verdoppelt. Die Autoren sprechen von einer wachsenden Knappheit an qualifiziertem Personal.
Auch beim Zugang zu frühkindlicher Bildung zeigen sich deutliche Unterschiede. Besucht rund die Hälfte der Kinder unter drei Jahren aus Familien mit hohem Bildungsstand eine Kita, sind es bei Kindern von Eltern mit niedrigem Bildungsstand nur etwa 20 Prozent. Prien sagte dazu: „Wir haben einen drastischen Ausbau der Kitas geschafft. Aber dort, wo sie besonders gebraucht werden, ist es immer noch nicht genug."
Kita-Zugang ungleich verteilt
Im internationalen Vergleich hänge der Bildungserfolg in Deutschland besonders stark vom sozialen Hintergrund ab – gemessen an Bildung, Beruf und Einkommen der Eltern. Diese Unterschiede setzten sich laut Bericht in der beruflichen Ausbildung und im Studium fort, etwa in Form höherer Abbruchsquoten. Co-Autor Maaz warnte: „Zu viele junge Menschen erreichen grundlegende Kompetenzziele nicht. Das verweist auf längerfristige strukturelle Probleme bei der Sicherung dieser Kompetenzen und damit auf eine zentrale Schwäche des Bildungssystems."
Maaz forderte eine konsequente politische Reaktion. „Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Arzt, kriegen eine Diagnose, dass der Fuß gebrochen ist – aber es passiert nichts. Jede Diagnose macht nur Sinn, wenn daraus etwas folgt." Bildung gehöre ins Zentrum staatlicher Zukunftspolitik, „nicht als Randthema, sondern als zentrale Zukunftsinvestition". Auch Prien betonte, dass das Schließen der Schere „eine Aufgabe über mehrere Wahlperioden" sei.
Für den Zeitraum 2024 bis 2026 haben die Länder nach Angaben des Berichts 347 Maßnahmen ergriffen, der Bund zusätzlich 13, um die soziale Ungleichheit im Bildungsbereich zu verringern. Dazu zählen mehr Qualität in der Kita als Vorbereitung auf die Schule, ein bundesweiter Ganztagsausbau bis zur vierten Klasse, gezielte Sprachförderung und Nachhilfeangebote sowie eine kontinuierliche Weiterqualifizierung des pädagogischen und Lehrpersonals.
Bund und Länder unter Druck
Prien kündigte an, das im Koalitionsvertrag von Union und SPD vorgesehene Qualitätsentwicklungsgesetz noch vor der Sommerpause ins Kabinett bringen zu wollen. Mit dem Gesetz soll unter anderem eine verpflichtende Sprach- und Entwicklungsdiagnostik für alle Vierjährigen eingeführt werden. Einzelne Länder wie Baden-Württemberg gingen bereits mit einer Kita-Pflicht für das letzte Jahr vor der Einschulung voran, sagte Prien im ARD-Fernsehen.
In Berlin äußerte sich auch die Senatsverwaltung für Bildung zu dem Bericht. Katharina Günther-Wünsch (CDU) wies darauf hin, dass ostdeutsche und mitteldeutsche Länder bei der frühkindlichen Bildung und beim Ganztagsausbau besonders gut aufgestellt seien. „Da haben wir eine gute Infrastruktur, eine gute Versorgungslage." Gleichzeitig mahnte sie, dass weiterhin zu wenig Länder nach einem verpflichtenden Sprachtest konsequente Sprachförderung sicherstellten – laut Bericht sind es derzeit nur 8 von 16 Ländern.
Aus der Opposition kam scharfe Kritik. Nicole Gohlke, bildungspolitische Sprecherin der Linken, sprach von einem „Bildungs-Roulette, bei dem die Herkunft über die Zukunft entscheidet". Sie forderte die Abschaffung des sogenannten Kooperationsverbots, das die dauerhafte Zusammenarbeit von Bund und Ländern in der Bildung einschränkt. Auch die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner verlangte mehr Engagement des Bundes.
Kritik aus den Ländern und der Opposition
Der Bericht greift zudem die Erwartungen der Bevölkerung auf. Neun von zehn Erwachsenen wünschen sich demnach mehr Personal für Schulen und Kitas, mehr Chancengleichheit und einheitliche Bildungsstandards. 87 Prozent der Kinder in Deutschland sprechen sich laut einer Erhebung für bundesweit einheitliche Bildungsstandards aus.
Henrik Neumann, Schulleiter einer Oberschule in Dresden, schilderte im Deutschlandfunk die Lage vor Ort. Wenn Schülerinnen und Schüler Defizite hätten, müssten Lehrkräfte dringend Elterngespräche führen und Nachhilfe empfehlen, „oder über Alternativen gesprochen werden, die nicht an der Schule angeboten würden". Der Bericht macht deutlich, dass solche individuellen Hilfen allein nicht ausreichen, um die strukturellen Ungleichheiten zu überwinden.
Insgesamt ziehen die Autorinnen und Autoren des Bildungsberichts ein ernüchtertes Fazit: „Wenn man die Gesamtgeschichte der letzten 20 Jahre betrachtet, muss man relativ ernüchtert feststellen, dass wir heute da stehen, wo wir vor 20 Jahren gestartet sind." Die Veröffentlichung am 26. Mai 2026 sowie die Begleitaussagen Priens vom 15. Juni 2026 im Programm des Deutschlandfunks verdeutlichen, dass das Thema Bildungsungleichheit ganz oben auf der politischen Agenda steht.
Fragen & Antworten
Wer ist Karin Prien und welche Rolle hat sie bei dem Bildungsbericht?
Karin Prien ist Bundesbildungsministerin und Mitglied der CDU. Sie hat den Nationalen Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026" am 15. Juni 2026 in Berlin gemeinsam mit Mitautorinnen und Mitautoren der Öffentlichkeit vorgestellt.
Warum steht der Bildungsbericht 2026 in der Kritik?
Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass sich die Bildungschancen in Deutschland seit rund 20 Jahren kaum verbessert haben und weiterhin stark vom sozialen Hintergrund abhängen. Insbesondere Kinder von Alleinerziehenden und aus Familien mit Einwanderungsgeschichte sind benachteiligt, so der Bericht.
Welche Maßnahmen fordert der Bericht gegen die Bildungsungleichheit?
Die Autorinnen und Autoren nennen unter anderem mehr Qualität in der Kita, einen bundesweiten Ganztagsausbau bis zur vierten Klasse, gezielte Sprachförderung und Nachhilfe sowie eine kontinuierliche Weiterqualifizierung des pädagogischen Personals. Prien will dazu das im Koalitionsvertrag vorgesehene Qualitätsentwicklungsgesetz noch vor der Sommerpause ins Kabinett bringen.
Bildungsbericht 2026: Prien mahnt – Herkunft prägt weiter | finanz360