Caracas, 01 Juli 2026

Sechs Tage nach dem verheerenden Doppel-Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 in Venezuela haben Rettungskräfte einen dreijährigen Jungen lebend aus den Trümmern geborgen; gleichzeitig stieg die offizielle Zahl der Toten auf mindestens 2.295.

Update vom 2. Juli 2026: Die Lage in Venezuela hat sich am Mittwoch weiter zugespitzt. Nach Angaben von Parlamentspräsident Jorge Rodríguez ist die Zahl der bestätigten Todesopfer auf mindestens 2.295 gestiegen, während die Vereinten Nationen weiterhin mehr als 50.000 Menschen als vermisst führen – wobei Doppelzählungen nicht ausgeschlossen werden.

Was ist neu seit dem 1. Juli

Am Mittwoch vor einer Woche hatten zwei schwere Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 Venezuela erschüttert, die sich im Abstand von nur 39 Sekunden westlich der Hauptstadt Caracas ereigneten. Die Erdstöße brachten Gebäude zum Einsturz und begruben Tausende Menschen unter den Trümmern. Bis Dienstag wurden nach offiziellen Angaben mehr als 1.900 Todesopfer geborgen.

Am stärksten betroffen ist die Küstenstadt La Guaira im Bundesstaat Caraballeda. In nur zwei Stadtteilen – Catia La Mar und Caraballeda – hielten sich nach Schätzungen der Behörden zum Zeitpunkt der Erschütterungen rund 30.000 Menschen auf. Wie Rodríguez mitteilte, wurden 855 Gebäude vollständig zerstört oder schwer beschädigt, nach Angaben der US-Raumfahrtbehörde NASA sind vermutlich mehr als 58.000 Gebäude beschädigt oder zerstört worden. Die Erdbebenkatastrophe hinterließ Schätzungen zufolge 1,2 Millionen Tonnen Schutt.

Ausmaß der Zerstörung in La Guaira

Ein kleines Wunder ereignete sich am Mittwoch: Nach Angaben jordanischer Rettungskräfte wurde ein dreijähriger Junge sechs Tage nach dem Beben lebend aus den Trümmern geborgen. Fachleuten zufolge sind die ersten 72 Stunden nach einer Naturkatastrophe entscheidend, um noch Überlebende zu finden. Dass die Rettung nun doch glückte, werteten die Einsatzkräfte als Ausnahme. "Wir haben hier schon sehr viele erlebt", sagte ein Helfer mit Blick auf solche Ausnahmen. "Wir warten auf Wunder", sagte Johann Pérez.

Insgesamt 6.461 Menschen wurden nach Angaben von Rodríguez bislang von Suchmannschaften lebend aus den Trümmern geborgen. Hinzu kommen rund 13.500 Personen, die sich nach Schätzungen der Behörden selbst in Sicherheit bringen konnten. Insgesamt geht Rodríguez davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Überlebenden eher bei 20.000 liegt. 3.000 ausländische Katastrophenhelfer suchen noch immer in den Trümmern an der Karibikküste nach Verschütteten.

Die Hoffnung, eine Woche nach dem Unglück mit fast 2.000 Toten noch Verschüttete lebend zu finden, schwindet jedoch zusehends. "Wir sind sehr spät dran, aber unser Ziel ist es, weiter Leben zu retten", sagte der spanische Helfer Luis Arteaga Benatuil am Mittwoch nach seiner Ankunft in Venezuela. Außenstehende könnten sich das "nicht einmal ansatzweise vorstellen".

Suche nach Überlebenden unter schwierigen Bedingungen

Unterdessen suchen viele Menschen immer noch ohne professionelle Hilfe oder Ausrüstung nach Verschütteten. "In meinem Haushalt lebten elf Menschen. Nur zwei von uns haben überlebt, weil wir bei der Arbeit waren", berichtete ein Überlebender. Der 37-jährige Darvin Silva versuchte tagelang vergeblich, seine Mutter zu retten, die schließlich in einem eingestürzten Gebäude starb. Er habe "mit bloßen Händen, mit Vorschlaghämmern, mit Spitzhacken" gegraben, berichtete er. "Es ist nicht die Rede davon, zu bleiben", sagte er.

Auch salvadorianische Einsatzkräfte erreichten in der Nacht auf Dienstag (Ortszeit) einen 44-Jährigen unter den Trümmern eines Einkaufszentrums in der Küstenstadt Maiquetía, wie El Salvadors Präsident Nayib Bukele auf der Plattform X schrieb. Insgesamt sind nach offiziellen Angaben mehr als 26.000 Einsatzkräfte sowie über 17.000 Freiwillige in den betroffenen Gebieten im Einsatz.

Am Dienstag waren bereits 782 Nachbeben registriert worden, die die Rettungsarbeiten weiter erschwerten. Mehr als 26.400 Menschen sind direkt von der Katastrophe betroffen, darunter Verletzte, psychisch Belastete sowie Menschen, deren Wohnungen zerstört oder schwer beschädigt wurden. 38 Spitäler wurden beschädigt, drei mussten geschlossen werden.

Humanitäre Lage und internationale Hilfe

Die humanitäre Lage in La Guaira ist laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) katastrophal: "Lebensmittelknappheit ist verbreitet, die Grundversorgung zusammengebrochen und die Kommunikationsverbindungen sind weitgehend unterbrochen". Das UNHCR benötigt Schätzungen zufolge rund 13 Millionen Euro für den Schutz, die Versorgung mit Hilfsgütern und für Notunterkünfte für 30.000 Erdbebenopfer für sechs Monate.

Auch die Gesundheitsdienste stehen unter massivem Druck. "Die Gesundheitsdienste stehen unter extremem Druck, die Einrichtungen arbeiten über ihren Kapazitäten angesichts des Zustroms von Traumapatienten", sagte WHO-Sprecher Christian Lindmeier vor Journalisten in Genf. Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) rief zu internationaler Unterstützung in Höhe von 24 Millionen US-Dollar auf und warnte vor einem erhöhten Risiko von Krankheitsausbrüchen.

Eine besondere Wende im Katastropheneinsatz stellt das US-Militär dar. Wie der Befehlshaber des US-Südkommandos, General Francis Donovan, am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters sagte, befinden sich mehr als 900 Einsatzkräfte im Land, weitere rund 800 stehen auf Stützpunkten in Puerto Rico und Curaçao bereit. Mindestens vier oder fünf MQ-9-Reaper-Drohnen werden über Venezuela eingesetzt, um den venezolanischen Behörden ein besseres Lagebild zu verschaffen. "Und man muss sich nur ansehen, wie sich diese Beziehung gewandelt hat", sagte Donovan. Der Einsatz markiert eine bemerkenswerte Wende in den Beziehungen zwischen den USA und Venezuela.

US-Militär mit großem Hilfseinsatz

Washington will nach Angaben eines westlichen Diplomaten 150 Millionen Dollar in einen Hilfsfonds einzahlen; zeitweise war sogar von 300 Millionen Dollar die Rede. Ein westlicher Diplomat kommentierte: «Jetzt wollen sie Venezuela von den 3 Milliarden nur 150 Millionen geben». Donovan äußerte die Hoffnung, dass der Einsatz die Tür für engere militärische Beziehungen zu Venezuela öffnen könnte: "Wir gehen, wenn wir fertig sind."

Zuletzt tötete das US-Militär in Abstimmung mit den venezolanischen Behörden den Anführer der Gefängnisbande "Tren de Aragua". 3.000 freiwillige Helferinnen und Helfer des Venezolanischen Roten Kreuzes sind im Einsatz, um Leben zu retten. Die österreichische Bundesregierung stellte 500.000 Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds für die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) bereit.

Auch Einsatzkräfte aus Deutschland gehören zu den rund 44 ausländischen Hilfstruppen und stellen eine der größten Kontingente. Eine ehrenamtliche THW-Helferin, die am Freitagabend mit einer Sucheinheit ankam, berichtete: "In La Guaira, wo wir eingesetzt sind, finden wir viele eingestürzte Häuser." Ein 26-jähriger Helfer aus Baden-Baden, der zwei Monate bei einer Gastfamilie in La Guaira gewohnt hatte und das Beben überlebte, schilderte: "Ich dachte nur, oh mein Gott, das sind schon fast Kriegszustände." Die Familie verlor beim Beben nicht nur ihr Haus, sondern auch ein Familienmitglied. "Sie waren voller Trauer, wir haben uns gleich in den Arm genommen", sagte er.

Deutsche Helfer vor Ort

Der Helfer will über die geplante Abreise hinaus in Venezuela bleiben: "Eigentlich wäre ich zu der Zeit, als das Erdbeben passiert ist, in meinem Stammlokal gesessen", sagte er. "Wenn alle abziehen oder müde sind, möchte ich noch weiter helfen." "Wir erleben vor Ort viel Solidarität", sagte auch Harms dem Evangelischen Pressedienst: "Viele Leute aus anderen Regionen und Betroffene kommen mit Hilfsgütern und suchen selbst nach Überlebenden."

Malteser International berichtete über Engpässe: "Es fehlen insbesondere medizinische Notfallausrüstung, Medikamente und Material für die Traumaversorgung", sagte Nothilfekoordinator Jonas Jung aus La Guaira. Die Sprecherin des UNHCR, Carlotta Wolf, warnte: "Die Spannungen in der Bevölkerung nehmen zu, weil der Zugang zu Hilfe eingeschränkt bleibt".

Angesichts der Zerstörung wächst auch die Wut der Überlebenden. "Man wird sie nicht in ein Massengrab werfen", forderte ein Mann in der schwer getroffenen Stadt Tanaguarena im Bundesstaat La Guaira lautstark, wie in einem Video der venezolanischen Journalistin Maryorin Méndez zu sehen ist. Nach UN-Angaben waren rund 7,9 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Die schweren Schäden in La Guaira sind auch eine Folge von Korruption und staatlicher Vernachlässigung unter der 27 Jahre währenden Herrschaft des Chavismus, der 1999 mit Hugo Chávez begann und nach dessen Tod 2013 unter Nicolás Maduro fortgeführt wurde. Die Krise könnte nach Einschätzung von Beobachtern eine Chance für Interimspräsidentin Delcy Rodríguez sein, sich als Krisenmanagerin zu zeigen. Die führende Oppositionspolitikerin, der das Regime 2024 die Teilnahme an den Wahlen untersagt hatte, kritisierte die Versorgung der Bevölkerung.

Bei der Identifizierung der Toten herrschen chaotische Zustände. "Man fragt an einer Stelle nach und wird zur nächsten geschickt", beklagte eine Frau namens Mariela. Eine 80-jährige Frau suchte vergeblich nach ihrem Sohn. "Es sind meine Kinder, ich möchte sie zurückhaben – ob lebendig oder tot –, aber ich will sie bei mir haben", sagte ein anderer Angehöriger. Wilker Molalla, der gekommen war, um die Leichen zu identifizieren, sagte: "Man hat mir gesagt, dass meine Schwester und ihre Kinder hier sind und die Kinder meines Bruders."