Mehr Krankenhausbehandlungen seit Teillegalisierung: Hamburger Studie sieht Medizinal-Cannabis als Risikofaktor
Hamburg, 24. Juli 2026
AI-generated image (z-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Eine Hamburger Studie zeigt, dass seit der Teillegalisierung von Cannabis deutlich mehr Menschen mit Vergiftungen oder Psychosen ins Krankenhaus kommen. Forschende sehen hochpotentes Medizinal-Cannabis als wahrscheinlichste Ursache, die neue Bundesregierung plant schärfere Regeln.
Seit der Teillegalisierung von Cannabis am 1. April 2024 ist die Zahl der Krankenhausbehandlungen wegen Cannabis-Vergiftungen und -Psychosen in Deutschland deutlich gestiegen, wie eine neue Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt.
Seit dem 1. April 2024 dürfen Erwachsene in Deutschland Cannabis legal besitzen und anbauen. Knapp zwei Jahre später legt eine Hamburger Studie nun erste empirische Befunde zu den gesundheitlichen Folgen dieser Teillegalisierung vor. Die Forschenden kommen zu einem klaren Ergebnis: Die Zahl der Klinikaufnahmen, die auf Cannabis zurückgehen, ist messbar gestiegen – obwohl die Zahl der Konsumierenden insgesamt kaum zunahm.
Für die im Fachblatt "Deutsches Ärzteblatt" veröffentlichte Analyse wertete das Team um Jakob Manthey vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Leipzig rund 77.000 Krankenhauseinweisungen zwischen Januar 2022 und September 2025 aus. Die Daten stammen aus dem Forschungsprojekt "Ekocan", das vom Bundesgesundheitsministerium finanziert wird. Die Studie wurde am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung des UKE durchgeführt.
Datenbasis: 77.000 Klinikfälle seit 2022
Im ersten Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes landeten rund 1500 Menschen zusätzlich wegen Cannabiskonsums im Krankenhaus, vor allem wegen Vergiftungen und Psychosen. "Insgesamt waren es bundesweit rund 1.000 zusätzliche Fälle", heißt es in der Studie. Bezogen auf ein Szenario ohne Legalisierung entspreche das einem Anstieg um etwa sieben Prozent, im ersten Jahr rechnen die Forschenden mit 1395 zusätzlichen Einweisungen bei Erwachsenen und 91 bei Jugendlichen.
Besonders deutlich fällt der Anstieg bei akuten Intoxikationen aus: "Die Zahl der Fälle, bei denen Menschen wegen eines akuten Rausch-Zustands durch Cannabis ins Krankenhaus kamen, stieg demnach seit der Teil-Legalisierung um etwa ein Drittel." Konkret stiegen die Cannabis-bedingten Vergiftungen bei Erwachsenen unmittelbar nach der Legalisierung um 37,1 Prozent (von 0,08 auf 0,11 pro 1000 Aufnahmen) – das macht über ein Jahr gerechnet 392 zusätzliche Fälle.
Vergiftungen und Psychosen steigen deutlich
Noch häufiger waren cannabisinduzierte Psychosen: Hier stieg die Rate um 16,4 Prozent (von 0,32 auf 0,40), was 980 zusätzlichen Einweisungen entspricht. Insgesamt nahmen cannabisbedingte Krankenhausaufnahmen bei Erwachsenen um 5,6 Prozent zu, von 1,12 auf 1,27 pro 1000 Krankenhausaufnahmen. Bei Jugendlichen gab es 91 zusätzliche Einweisungen innerhalb eines Jahres, was einem Plus von 3,9 Prozent entspricht.
Bei Erwachsenen stabilisierte sich die Rate anschließend auf dem erhöhten Niveau, bei Jugendlichen normalisierte sie sich nach 35 Wochen rechnerisch wieder. Allerdings weisen die Autorinnen und Autoren darauf hin, dass Kinder und Jugendliche mit einer Cannabisvergiftung häufig nicht in psychiatrischen, sondern in Kinderkliniken behandelt werden, entsprechend tauchten sie in den Abrechnungsdaten, die der Studie zugrunde liegen, gar nicht auf. Zudem sei Mischkonsum, etwa mit Alkohol, in der Auswertung nicht berücksichtigt.
Der Anstieg ist überraschend – denn eigentlich ist die Zahl der Kiffer und Kifferinnen in Deutschland durch die Teil-Legalisierung kaum gestiegen. Andere Studien hatten dies bereits gezeigt. Die Forschenden diskutieren zwei mögliche Erklärungen. Erstens könnten mehr Menschen den Weg in die Klinik gefunden haben, weil die Angst vor Stigmatisierung seit der Legalisierung gesunken ist. Zweitens – und dies halten die Forschenden für die wahrscheinlichere Erklärung – sind viele Konsumierende auf hochpotentes Medizinal-Cannabis aus Online-Apotheken umgestiegen.
Hochpotentes Medizinal-Cannabis als Verdacht
Mit dem neuen Gesetz wurde es auch leichter, Medizinal-Cannabis aus Apotheken zu beziehen, gleichzeitig wurden die Regeln für die Verschreibung von Medizinalcannabis gelockert. "Dieses Cannabis ist meist wesentlich stärker als die Sorten, die ansonsten konsumiert werden", schreiben die Forschenden. Der Forscher illustriert: "Da der Konsum von Cannabis mit mehr als zehn Prozent oder 15 Prozent THC mit einem erhöhten Risiko für psychische Probleme verbunden ist, kann der Umstieg auf Medizinalcannabis selbst für erfahrene Konsumierende sowie für Patientinnen und Patienten ein Risiko darstellen."
THC, also Tetrahydrocannabinol, ist der wichtigste psychoaktive Wirkstoff der Cannabispflanze – die Substanz, die den Rausch auslöst. "Je höher der THC-Gehalt, desto größer das Risiko für Vergiftungen, Psychosen und Angstzustände", warnt Alkomiet Hasan, Professor für Psychiatrie an der Universität Augsburg. Hasan war nicht an der Studie beteiligt, kommentiert die Ergebnisse aber als externer Experte.
Experten fordern Konsequenzen
Der unkomplizierte Zugang zu Medizinalcannabis über Online-Rezepte und ohne persönlichen Arztkontakt sei gefährlich, sagt Hasan. "25 Fälle in der Woche sind umgerechnet über 1000 Fälle im Jahr. Davon können über die Jahre einige in eine schwere psychische Erkrankung übergehen." Ähnliche Entwicklungen seien aus anderen Ländern bekannt. Hasan sieht den Zusammenhang mit Medizinal-Cannabis als plausibel an und fordert, aus dem Gebrauch von Medizinalcannabis zu Freizeitzwecken die richtigen Konsequenzen zu ziehen.
Eine im April veröffentlichte Evaluation kam bereits zu dem Schluss, dass Deutschland den größten vermeintlich legal-kommerziellen Markt für Medizinal-Cannabis in Europa hat. 2025 wurden demnach 200 Tonnen Medizinal-Cannabis legal nach Deutschland importiert. Die Forschenden um Manthey betonen, dass ärztliche Diagnosen seit der Legalisierung möglicherweise häufiger auf Cannabis hinweisen, weil das Thema in der Debatte präsenter ist. "Selbst wenn wir diese in Betracht ziehen, kann dieser Sachverhalt nicht den gesamten Umfang der Zunahme erklären", sagt Hasan. Auch Stefan Gutwinski, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, erläuterte die Folgen einer Psychose: "Wer an Psychosen leidet, hört oft Stimmen oder hat Wahngedanken." "In der Regel sind diese Symptome sehr angstmachend."
Ursula Havemann-Reinecke, Professorin für Suchtmedizin an der Universitätsmedizin Göttingen, wertet die Daten als deutlichen Hinweis, "dass die Teillegalisierung nicht zu einer Senkung der Zahl von Cannabisintoxikationen oder Psychosen geführt hat". "Selbst ein moderater Anstieg, wie hier beschrieben, hat immense gesellschaftliche Konsequenzen", warnt sie.
Politik plant Verschärfung des Gesetzes
Was die neue Studie aber auch zeigt: Zwar sind die Akut-Fälle angestiegen – mehr Cannabis-süchtige Erwachsene wurden in den Krankenhäusern aber nicht verzeichnet. Die Forschenden betonen zudem, dass es kaum wissenschaftliche Belege und Umfragedaten dafür gibt, dass die Legalisierung den Erstkonsum erhöht hat.
Politisch steht das Thema bereits auf der Agenda der neuen Bundesregierung. Karl Lauterbachs Versprechen war groß: Cannabis aus der Tabuzone holen, den Schwarzmarkt austrocknen, den Konsum sicherer machen. Seine Nachfolgerin Nina Warken (CDU), die neue Gesundheitsministerin, will das Cannabisgesetz nun verschärfen und insbesondere Online-Rezepte ohne persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt unterbinden.
Die Studie dürfte dieser Linie weiteren Auftrieb geben. Die Hamburger Forschenden empfehlen, den leichten Zugang zu hochpotentem Medizinal-Cannabis kritisch zu überprüfen, um künftige Gesundheitsschäden zu begrenzen. Die Begleitforschung im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums soll in den kommenden Jahren fortgeführt werden.
Fragen & Antworten
Was hat die Hamburger Studie konkret untersucht?
Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf haben im Projekt "Ekocan" rund 77.000 Krankenhauseinweisungen zwischen Januar 2022 und September 2025 ausgewertet und dabei den Anstieg cannabisbedingter Diagnosen vor und nach dem 1. April 2024 verglichen.
Warum vermuten die Forschenden, dass Medizinal-Cannabis eine zentrale Rolle spielt?
Sie sehen den deutlichsten Risikofaktor im leichteren Zugang zu hochpotentem Medizinal-Cannabis aus Online-Apotheken, da die Zahl der Konsumierenden insgesamt kaum stieg, aber Krankenhausfälle mit höherem THC-Gehalt zunahmen.
Wie will die Bundesregierung auf die Ergebnisse reagieren?
Die neue Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, das Cannabisgesetz zu verschärfen und insbesondere Online-Rezepte ohne persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt zu unterbinden.
Cannabis-Studie UKE: Mehr Klinik-Fälle seit Legalisierung | finanz360