Khalil al-Hayya löst Yahya Sinwar als Chef der Hamas ab
Gaza, 20. Juli 2026
Khamenei.ir / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Kurzfassung
Die Hamas hat ihren früheren Chefunterhändler Khalil al-Hayya zum Nachfolger des 2024 getöteten Anführers Yahya Sinwar gewählt. Der 66-Jährige setzte sich laut dem katarischen Sender Al-Arabi mit nur einer Stimme mehr gegen den im Exil lebenden Khaled Maschal durch und soll die laufende Legislaturperiode bis 2027 abschließen.
Die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas hat ihren früheren Chefunterhändler Khalil al-Hayya zum neuen Anführer gewählt und vollzieht damit den letzten Schritt der Nachfolge des 2024 getöteten Yahya Sinwar.
Eine überraschend knappe Wahl
Wie die Hamas am Montag mitteilte, wurde al-Hayya mit großer Mehrheit zum Nachfolger des 2024 getöteten Hamas-Chefs Jahja Sinwar bestimmt. Das Politbüro der Hamas, die in vielen Ländern als Terrororganisation eingestuft ist, will in Kürze in Istanbul zusammenkommen, um die Führungsgremien neu zu strukturieren. Bis dahin führt ein designierter Stellvertreter die tägliche Arbeit.
Der interne Wahlvorgang verlief nach Angaben des katarischen Senders Al-Arabi äußerst knapp: al-Hayya habe 35 Stimmen erhalten, sein Gegenkandidat Khaled Maschal 34. Auch in israelischen Gefängnissen inhaftierte Hamas-Mitglieder durften wählen; ihre Stimmen wurden über eingeschmuggelte Handys oder Anwälte nach außen übermittelt.
Al-Hayya folgt Yahya Sinwar nach, der 2024 von israelischen Truppen getötet wurde. Bis dahin wurde die Bewegung seit Sinwars Tod von einem fünfköpfigen Gremium geleitet, dem al-Hayya bereits angehörte. Die Wahl durch den Schura-Rat, das oberste Beratungsgremium der Hamas, markiert den vorläufigen Abschluss einer langen Übergangsphase.
Auch wenn die Hamas nach aussen einer formellen Regierung den Vortritt lässt, kann die eigentliche Macht weiterhin bei der bewaffneten Organisation liegen, sagt der Palästina-Experte Michael Milshtein vom Moshe Dayan Center. Er sieht die Hamas offenbar einem Modell nacheifern, das dem der libanesischen Hisbollah ähnelt.
Al-Hayyas Aufstieg und persönliche Verluste
Der 66-Jährige war zuletzt als Verhandler in den indirekten Gesprächen mit Israel aufgetreten, bei denen es um eine Waffenruhe im Gaza-Krieg ging. Nach Angaben aus Hamas-Kreisen unterhält er gute Beziehungen zur libanesischen Hisbollah-Miliz, zu Katar, Ägypten, Algerien und zum Iran. Bei Palästinensern ist er als Abu Osama bekannt.
al-Hayya war Berichten zufolge ein Ziel des israelischen Luftangriffs auf ein Wohngebäude in Doha am 9. September 2025, bei dem mehrere Hamas-Führer getroffen werden sollten. Nach Hamas-Angaben schlug die Attacke jedoch fehl. Sein Sohn Humam kam dabei ums Leben; bereits zuvor hatten israelische Angriffe weitere Söhne und Angehörige getötet.
Der als gemäßigt geltende al-Hayya hatte in den vergangenen Jahren mehrere israelische Tötungsversuche überlebt, bei denen mehrere seiner Angehörigen starben. 2007 traf ein israelischer Luftangriff das Haus seiner Familie in Gaza-Stadt und tötete mehrere Verwandte. 2014 starben bei einem Bombardement des Hauses seines ältesten Sohns Osama dessen Ehefrau und drei Kinder.
Im Jahr 2008 wurde ein weiterer Sohn, Hamza, bei einem Luftangriff getötet. Insgesamt verloren vier Söhne al-Hayyas durch israelische Angriffe ihr Leben. Nach Hamas-Angaben schlug die Attacke auf Doha fehl; al-Hayya selbst überlebte.
Seit dem Tod von Sinwar und Ismail Haniyeh wurde al-Hayya zu einer immer wichtigeren Figur in der Hamas. Haniyeh war im Juli 2024 während eines Besuchs in Teheran getötet worden. Nach Haniyehs Tod galt al-Hayya als wichtigster Repräsentant der islamistischen Bewegung im Ausland.
Übergangsmandat bis 2027
al-Hayya vollendete kein reguläres Mandat: Er wird die laufende Legislaturperiode lediglich bis zu regulären Neuwahlen im Jahr 2027 abschließen. Damit bleibt der designierte Nachfolger zunächst auf Bewährung – ohne die Möglichkeit, eigene Machtstrukturen dauerhaft zu zementieren.
Der bisherige Chefunterhändler der Hamas, Chalil Al-Hayya, ist zum neuen Anführer der radikalislamischen Palästinenserorganisation gewählt worden. Er gilt als pragmatisch und konservativ. In der Hamas-Beschreibung wird er als moderat eingeordnet.
Khalil al-Hayya wurde im Gazastreifen geboren und hat den größten Teil seines Lebens dort verbracht. In den frühen 1980er-Jahren trat er gemeinsam mit Haniyeh und Sinwar der Muslimbruderschaft bei, aus der die Hamas 1987 hervorging; er zählt zu den Gründungsmitgliedern der Organisation.
Hintergrund: Wer ist Khalil al-Hayya?
Al-Hayya studierte Islamwissenschaft in Jordanien und im Sudan: Er schloss sein Bachelor-Studium der islamischen Religionswissenschaft in Gaza ab, erwarb seinen Master an einer Universität in Jordanien und promovierte an der University of the Quran and Islamic Sciences im Sudan. 2006 wurde er zum Abgeordneten des palästinensischen Parlaments gewählt; es waren die letzten Parlamentswahlen, aus denen die Hamas als stärkste Kraft hervorging.
Er verbrachte Ende der 90er Jahre drei Jahre in einem israelischen Gefängnis. Vor den Massakern vom 7. Oktober 2023 verließ al-Hayya Gaza in Richtung Katar, offenbar um die Verhandlungen mit Israel vorzubereiten. Al-Hayya hält sich die meiste Zeit in Katar auf, wo er mit weiteren Hamas-Führern lebt.
Krieg, Waffenruhe und Friedensplan
Die Hamas und ihre Verbündeten hatten mit ihrem Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 den Krieg im Gazastreifen ausgelöst. Bei Massakern an dem Tag töteten die Islamisten 1221 Menschen, 251 weitere verschleppten sie als Geiseln in den Gazastreifen. Israel startete daraufhin eine Militäroffensive in dem Palästinensergebiet.
Sein Vorgänger Sinwar galt als Drahtzieher des Hamas-Großangriffs auf Israel im Oktober 2023. Im Kriegsverlauf der folgenden zwei Jahre wurden nach Hamas-Angaben mehr als 70.000 Palästinenser getötet. Die Lage für die rund zwei Millionen Einwohner Gazas bleibt katastrophal.
Seit Oktober 2025 gilt eine von den USA vermittelte Waffenruhe. de facto kommt es aber immer wieder zu tödlichen Angriffen oder Konfrontationen. Israel kontrolliert weiterhin mehr als 60 Prozent des Küstengebiets, und die im Friedensplan von US-Präsident Donald Trump vorgesehene Entwaffnung der Hamas ist bislang nicht umgesetzt.
Gleichzeitig hat die Hamas in dem von ihr kontrollierten Gebiet seit Inkrafttreten der Waffenruhe ihre Herrschaft wieder gefestigt. al-Hayya vertrat dem Vernehmen nach die Auffassung, der 7. Oktober 2023 sei als begrenzte Operation zur Gefangennahme von Soldaten und deren Austausch gegen inhaftierte Palästinenser gedacht gewesen; er bezeichnete die Tötung israelischer Zivilisten als grossartige Taten und historischen Moment.
Blick auf die künftige Strategie
Der Gaza-Friedensplan von US-Präsident Donald Trump sieht eine Machtübergabe der Hamas vor. Demnach soll ein „National Committee for the Administration of Gaza“ aus unabhängigen Experten, ernannt von Trumps Friedensrat und geleitet vom palästinensischen Technokraten Ali Shaath, die zivile Verwaltung übernehmen. Die Hamas weigert sich aber bislang, ihre Waffen abzugeben.
Maschal, der die Hamas schon einmal von 1996 bis 2017 leitete und ebenfalls in Doha residiert, vertritt eine von Teheran unabhängigere Linie mit engen Bindungen an Katar und die Türkei. Er hatte 1997 einen Mossad-Anschlag knapp überlebt.
Im vergangenen Jahr hatte Israels Luftwaffe versucht, die Führungsspitze der Hamas in der katarischen Hauptstadt Doha anzugreifen. Nach Hamas-Angaben schlug die Attacke jedoch fehl. Al-Hayya gehört zu den Gründungsmitgliedern der Hamas und vertrat nach eigenen Angaben zuletzt die Linie, den Gazastreifen künftig nach dem Vorbild der Hisbollah im Libanon zu organisieren.
Al-Hayya war auch Unterhändler bei den Verhandlungen über eine dauerhafte Friedensregelung für den Gazastreifen. Mit seiner Wahl rückt ein erfahrener Verhandler an die Spitze, der zugleich auf den Ausgleich mit Teheran und der Hisbollah setzt – ein Spagat zwischen Waffenstillstand und Bewahrung des bewaffneten Arms.
Fragen & Antworten
Wer ist Khalil al-Hayya?
Khalil al-Hayya ist ein 66 Jahre alter Mitgründer der Hamas, geboren im Gazastreifen, der seit den 1980er-Jahren der Muslimbruderschaft und später der Hamas angehört. Er war zuletzt Chefunterhändler in den indirekten Gesprächen mit Israel über eine Waffenruhe im Gaza-Krieg und ist Doktor der Islamwissenschaft.
Warum war die Wahl knapp?
Der katarische Sender Al-Arabi berichtet, al-Hayya habe sich mit 35 zu 34 Stimmen gegen den langjährigen früheren Hamas-Chef Khaled Maschal durchgesetzt. Maschal vertritt eine eher von Teheran unabhängige Linie mit engen Bindungen an Katar und die Türkei.
Was bedeutet die Wahl für die laufende Waffenruhe?
Al-Hayya tritt die Nachfolge Sinwars als Chef des Politbüros an, soll aber nur die laufende Legislaturperiode bis zu regulären Neuwahlen 2027 abschließen. Die von den USA vermittelte Waffenruhe besteht seit Oktober 2025; die im Friedensplan von US-Präsident Donald Trump vorgesehene Entwaffnung der Hamas ist bislang nicht umgesetzt.
Hamas: Khalil al-Hayya neuer Chef nach Sinwar | finanz360