Hitzewelle stellt Spitäler vor neue Aufgaben: Klimaanlagen, Medikamentenlager und geschulte Teams
Wien, 17 Juli 2026
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Kurzfassung
Steigende Temperaturen verändern den Arbeitsalltag in Krankenhäusern: von der Medikamentenlagerung über Dienstpläne bis hin zur Schulung der Mitarbeitenden. Ein Symposium in Niederösterreich widmete sich der Frage, wie Einrichtungen einsatzfähig bleiben können. Gleichzeitig warnen Expertinnen und Experten, dass auch der Gesundheitssektor selbst zur Klimafrage beiträgt.
Wien, 17 Juli 2026
Klinikchefs und Psychiatrie-Expertinnen sehen sich angesichts häufigerer Hitzewellen gezwungen, Kühlketten, Dienstpläne und Schulungen in ihren Häusern neu zu organisieren, wie ein Symposium in Niederösterreich zeigt.
Kühlung und Schulung im Spital
Wenn das Thermometer über 30 Grad klettert, reicht eine Klimaanlage im Arztzimmer längst nicht mehr. Christian Korbel, Primar der Psychiatrie und Veranstalter des Symposiums „Klima und Psyche", bringt es auf den Punkt: „Wir haben umgebaut und Kühlungsmöglichkeiten für die Medikamente bereitgestellt." Sein Haus habe die Vorkehrungen in den vergangenen Jahren deutlich erweitert, berichtet er im Gespräch mit der „NÖN".
Die Herausforderung betrifft mehrere Bereiche gleichzeitig. „Da müssen wir schauen, dass wir einsatzfähig bleiben", sagt der Klinikchef. Konkret bedeutet das: Personal muss auf neue Belastungen vorbereitet werden, Lagerräume brauchen andere Temperaturen, und Notfallpläne müssen auch bei Naturereignissen wie Hochwasser oder Hitzewellen greifen. „In diesen Bereichen müssen wir unsere Leute gut schulen", kündigt er an.
Dass solche Belastungen keine Theorie sind, zeigte die sogenannte Jahrhundertflut 2024 im niederösterreichischen Mauer. Damals geriet das Spital laut Korbel in einen „Personalnotstand". Die Erfahrungen daraus fließen nun in die Schulungspläne ein. Auch bei der Spritzenbehandlung seien nach 72 Wochen Gewichtsverluste von bis zu 19 Prozent erreicht worden, berichtet er zum Vergleich.
Medikamente und Kühlkette
Ein weiterer Knackpunkt ist die Lagerung von Medikamenten. Viele Tabletten, etwa häufig verschriebene Präparate zur Gewichtsreduktion, müssen laut Hersteller bei Zimmertemperaturen unter 25 Grad gelagert werden. „Auch die Lagerung von Medikamenten muss bei Temperaturen um die 36 Grad neu durchdacht werden", heißt es in einem Bericht. Bei oralem Semaglutid etwa, das den Appetit verringert und das Sättigungsgefühl verstärkt, verliert die optimale Wirkung schnell, wenn die Kühlkette reißt. Studien zufolge verloren Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht nach 64 Wochen mit oralem Semaglutid durchschnittlich rund 14 Prozent ihres Körpergewichts.
Auch neuere Präparate stehen vor denselben logistischen Fragen. Das Präparat wirkt an drei verschiedenen Hormonrezeptoren und erreichte laut Hersteller in Studien durchschnittlich mehr als 30 Prozent Gewichtsverlust nach zwei Jahren. In den USA wurde im April 2026 bereits Orforglipron unter dem Handelsnamen Foundayo zugelassen. Die Tabletten seien – wie die Spritze – für Erwachsene mit Adipositas vorgesehen, in der Regel ab einem Body-Mass-Index von 30. Bereits ab einem BMI von 27 können sie infrage kommen, wenn Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes oder Schlafapnoe bestehen.
Adipositas-Therapien im Wandel
Der Blick auf solche Präparate verdeutlicht einen zweiten Trend: weltweit befinden sich laut dem Verband der forschenden Arzneimittelhersteller mehr als 70 weitere Medikamente gegen Adipositas in Entwicklung. Viele davon sind empfindliche Biologika, deren Handhabung strenge Temperaturvorgaben verlangt. Anschließend dürfen mindestens 30 Minuten lang weder Speisen noch Getränke oder andere Medikamente eingenommen werden, ein Hinweis, wie eng die Einnahmebedingungen getaktet sind.
Das Symposium selbst war Teil der NÖ Landesausstellung über psychische Gesundheit. Korbel betont darin auch die Rolle des Gesundheitssektors beim Klimaschutz. „Generell müsste sich der gesamte Gesundheitssektor samt den Spitalsbetreibern bewusst werden, dass sie selbst rund acht Prozent des CO2-Ausstoßes verursachen", sagt Korbel. Sein Anspruch ist klar formuliert: „Außerdem wollen wir Vorbild sein." Damit greift er eine Diskussion auf, die in Fachkreisen seit Jahren geführt wird: Kliniken sind nicht nur Leidtragende, sondern auch Verursacher.
Psychische Belastung in heißen Sommern
Die psychische Dimension betrifft auch die Patientinnen und Patienten. Steigende Temperaturen werden mit Schlafstörungen, Reizbarkeit und einer Zunahme psychischer Belastungen in Verbindung gebracht. Korbel sieht darin eine doppelte Aufgabe: einerseits die Versorgung der Betroffenen sicherzustellen, andererseits die eigenen Mitarbeitenden zu schützen. Wer bei 36 Grad im OP-Saal steht, wer im Hochsommer durch überhitzte Gänge geht, brauche nicht nur technische, sondern auch organisatorische Antworten.
Dass diese Antworten nicht überall gleich aussehen, zeigt der Blick in andere Politikbereiche. Auf Bundesebene beschäftigt sich die Bundesregierung derzeit mit der Frage dreijähriger Entschuldungsfristen in Insolvenzverfahren. „Wenn sich sogar die Fachebene im Justizministerium dafür ausspricht, dass die 3-jährige Entschuldung dauerhaft für alle gelten soll, dann ist es schon seltsam, wenn die Regierung alle Bedenken ignoriert", sagt Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der Dachorganisation der Schuldenberatungen. Alma Zadić, stellvertretende Klubobfrau und Konsument:innenschutzsprecherin der Grünen, sieht in der dreijährigen Frist einen der wichtigsten Fortschritte der Insolvenzrechtsreform 2021.
Debatte um die Insolvenzordnung
Auch die Wirtschaftskammer-Seite meldet sich zu Wort. „Die Verkürzung der Entschuldungsdauer hat zulasten der Gläubiger gewirkt und die durchschnittlichen Rückflüsse deutlich reduziert", sagte Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer des Gläubigerschutzverbands. Auf Unternehmer gemünzt, ergänzt er: „Letztere würden ein wirtschaftliches Risiko auf sich nehmen und leisten einen wesentlichen Beitrag zum Wohlstand unseres Landes." Die Insolvenzordnung müsse repariert und rückwirkende Übergangsbestimmungen für Verfahren ab dem 17. Juli 2026 schaffen, ist der Geschäftsführer der Dachorganisation überzeugt.
Parallel dazu beschäftigen sich gesundheitspolitische Statistiken mit ganz anderen Zahlen. 87.902 Menschen starben 2025 in Österreich, teilt Statistik Austria mit. Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems waren mit 33 Prozent die häufigste Todesursache. In der Gruppe der 40- bis 79-Jährigen war Krebs die häufigste Todesursache, wobei 41 Prozent der Todesfälle auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückgingen. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen zehn und 40 Jahren standen Suizide, Krebs und Unfälle an der Spitze. Dennoch nahm die absolute Zahl der Krebssterbefälle zu, da heute mehr Menschen ein hohes Alter erreichen. Mehr als die Hälfte aller Verstorbenen war mindestens 80 Jahre alt, und diese Altersgruppe machte rund 39 Prozent aller Sterbefälle aus.
Statistik-Austria-Generaldirektorin Manuela Lenk ordnet die Entwicklung ein: „Die Sterblichkeit ist in Österreich von 2015 bis 2025 deutlich gesunken." Vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs starben, in Bezug auf die Bevölkerungsstruktur, weniger Menschen als noch vor zehn Jahren. Auf den Totenscheinen standen im Schnitt 3,8 weitere Erkrankungen, die zum Tod beigetragen hatten – bei Männern 4,0, bei Frauen 3,7. Besonders viele Begleiterkrankungen gab es bei Aids mit 6,0, Diabetes mit 5,6 und Covid mit 5,3.
Sterblichkeit in Österreich
Ganz anders gelagert ist das Thema der internationalen Migration. Nach Angaben der Bundesregierung sind 3,9 Millionen Menschen in der Ukraine als Binnenvertriebene registriert. Die Bundesregierung schreibt: „Die verheerenden russischen Angriffe auf Energie- und Heizinfrastruktur in der Ukraine, mit negativen Rückwirkungen auf die Wasserversorgung, haben weitreichende humanitäre Folgen für die dortige Bevölkerung." Diese Verquickung zeigt, dass Klimafolgen und Konflikte in der Praxis eng zusammenfallen.
Verschiedene Akteure versuchen, die Lage vor Ort zu entschärfen. Nach Angaben des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) sind 10,8 Millionen Menschen in der Ukraine auf humanitäre Hilfe angewiesen – besonders in den Sektoren Schutz (6,54 Millionen), Wasser/WASH (6,43 Millionen), Unterkunft (5,6 Millionen) und Gesundheit (4,47 Millionen). Allein im Mai 2026 seien 274 Tote und 1.763 Verletzte gemeldet worden – die bisher höchsten Zahlen seit April 2022, schreibt die Bundesregierung in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke.
Humanitäre Lage in der Ukraine
Seit Februar 2022 sind nach UN- und EU-Daten rund sechs Millionen Menschen aus der Ukraine geflüchtet, davon etwa 5,5 Millionen in europäischen EU- und Nicht-EU-Staaten registriert. Die Bundesregierung beziffert die seit 2022 getöteten ukrainischen Zivilistinnen und Zivilisten auf mindestens 16.126. Die Mitte Juli 2026 vorgelegten Antworten verdeutlichen, dass internationale Hilfssysteme weiterhin stark gefordert sind.
Über all diesen Themen steht die Frage, wie belastbar europäische Gesundheitssysteme sind, wenn Klima, Demografie und Konflikte zusammenkommen. Das Symposium in Niederösterreich, die Insolvenzdebatte in Wien und die Statistik Austria liefern jeweils einen Puzzleteil, das in der Summe ein Bild ergibt: Öffentliche Institutionen müssen sich auf parallele Krisen einstellen und ihre Resilienz weiter ausbauen.
Fragen & Antworten
Wer hat das Symposium „Klima und Psyche" organisiert?
Organisiert wurde das Symposium vom Primar Christian Korbel, der an der NÖ Landesausstellung zum Thema psychische Gesundheit mitwirkte und dabei Aspekte der Klimaanpassung im Spital beleuchtete.
Welche neuen Abnehmmittel stehen 2026 vor der Zulassung?
Im April 2026 wurde in den USA Orforglipron unter dem Handelsnamen Foundayo zugelassen; nach Angaben des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller befinden sich weltweit mehr als 70 weitere Medikamente gegen Adipositas in Entwicklung.
Wie viele ukrainische Binnenvertriebene gibt es nach Schätzungen der Bundesregierung?
Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind rund 3,9 Millionen Personen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung, in der Ukraine als Binnenvertriebene registriert.
Hitze und Gesundheit: Spitäler im Klimastress | finanz360