Expertenkommission legt Bericht zu Berliner Stromausfall vor – 150 Maßnahmen empfohlen
Berlin, 06. Juli 2026
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Kurzfassung
Eine unabhängige Expertenkommission hat am Montag im Roten Rathaus ihren Bericht zum Stromausfall in Berlin im Januar 2026 vorgestellt. Insgesamt empfiehlt das Gremium 150 Einzelmaßnahmen, um die Hauptstadt krisenfester zu machen.
Eine unabhängige Expertenkommission hat am Montagvormittag im Roten Rathaus ihren Bericht zu dem mutmaßlich linksextremistischen Anschlag auf das Berliner Stromnetz im Januar 2026 vorgelegt und 150 Einzelmaßnahmen zur Stärkung der Krisenfestigkeit empfohlen.
Ausmaß des Stromausfalls
Bei dem Vorfall, der den größten Stromausfall in Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg darstellt, waren nach Angaben der Kommission zeitweise bis zu 100.000 Menschen betroffen. Viele von ihnen mussten tagelang ohne Strom und Heizung auskommen, obwohl draußen Dauerfrost herrschte. Rund 45.000 Haushalte und 2.200 Gewerbebetriebe waren ohne Versorgung.
Die Kommission beschreibt die Ereignisse zu Jahresbeginn klar als Terror. Das, was Teile des Berliner Südwestens in den ersten Tagen des noch jungen Jahres erleben mussten, das war Terror. Zugleich betont das Gremium: Der Terroranschlag auf das Stromnetz im Januar 2026 war ein Signal für Berlin und andere Städte. Die Bewältigung der Lage habe Berlin an die Belastungsgrenze geführt.
Zentrale Empfehlungen
Zentrales Ergebnis des Berichts ist die Empfehlung, einen Chief Resilience Officer (CRO) bei der Senatskanzlei auf Staatssekretärsebene zu etablieren. Diese neue Stelle soll künftig ressortübergreifend die Vorbereitung auf Krisen koordinieren und damit eine bislang fehlende zentrale Anlaufstelle schaffen.
Darüber hinaus regt die Kommission an, ein Lage- und Krisenzentrum aufzubauen, das alle Krisenstäbe im Land und mit der Bundesebene verbinden soll. Damit sollen Informationsbrüche verhindert werden, die im Januar 2026 die schnelle Reaktion erschwert hatten. Auch die Kommunikation mit der Bevölkerung müsse grundlegend verbessert werden.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Notstromversorgung. Die Kommission stellt fest, dass es hier teils erhebliche Mängel gab und empfiehlt unter anderem, sogenannte Katastrophenschutz-Leuchttürme einzurichten. Diese sollen als wohnortnahe Anlaufstellen dienen, an die sich Betroffene im Ernstfall wenden können. Ergänzend sind sogenannte Kiezboxen vorgesehen.
Zeitplan und Investitionen
Zusätzlich schlägt das Gremium die Einrichtung von Resilienzhubs vor. Diese Anlaufstellen sollen zentral Notstrom, Wärme und Informationen bereitstellen und damit vor allem jene Menschen auffangen, die im Ernstfall auf schnelle Hilfe angewiesen sind. Die Vorschläge zur Stärkung der Resilienz in Berlin umfassen darüber hinaus deutlich mehr Übungen als Vorbereitung auf Krisenfälle.
Als zeitliches Ziel formuliert die Kommission, dass alle in einem Berliner Krisenfall betroffenen Akteure bis spätestens 2029 in der Lage sein müssen, den Betrieb ihrer Kernfunktionen über zehn Tage zu gewährleisten. Dafür seien laut Innensenatorin Iris Spranger (SPD) Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe nötig.
Mitglieder der Kommission
Die Kommission arbeitet nach den Worten von Albrecht Broemme, ehemaliger Präsident des Technischen Hilfswerks (THW) und Mitglied des Gremiums, mit Hochdruck daran, die Resilienz der Stadt zu stärken. Dieser Stromausfall war ein Weckruf, der vieles verbessert hat und auch verbessern wird. Mit Blick auf die Mitwirkung vieler Stellen fügte er hinzu, mittlerweile habe auch die letzte Schnarchnase begriffen, dass sie Teil der Resilienz-Strategie ist.
Zu den weiteren Mitgliedern der Kommission gehören Sigrid Nikutta, frühere Bahn-Managerin, sowie Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. Damit sind Expertise aus dem öffentlichen Nahverkehr und der Krankenhausversorgung direkt in die Beratungen eingebunden. Auch ein ehemaliger Brigadiergeneral, Uwe Nerger, gehört dem Gremium an und verwies darauf, dass eine militärische Intervention nicht in Wanne-Eickel, sondern in Berlin stattfinden werde – ein Hinweis auf die besondere Bedrohungslage der Bundeshauptstadt.
Politische Reaktionen
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) unterstrich die politische Dimension des Themas: Berlin als Bundeshauptstadt hat natürlich eine besondere Bedrohungslage. Er kündigte zugleich finanzpolitische Konsequenzen an: Wir werden im Haushalt umsteuern müssen, wir müssen andere Prioritäten setzen. Zugleich formulierte er das Ziel, Berlin solle nach seinen Vorstellungen zu einer Modellstadt der Krisenfestigkeit werden.
In dem Bericht werden neben dem konkreten Stromausfall auch weitere Szenarien behandelt, darunter ein möglicher Klimanotstand durch Hitze sowie eine theoretische militärische Intervention. Damit soll die Stadt auf ein breites Spektrum denkbarer Krisen vorbereitet werden – von Extremwetter über Anschläge bis hin zu hybriden Bedrohungen.
Insgesamt arbeiteten die Expertinnen und Experten 150 Einzelmaßnahmen heraus, die nun in die Umsetzung gehen sollen. Die Kommission stellt zugleich klar: Die Hauptstadt ist nicht ausreichend auf Krisen und Katastrophen vorbereitet. Der Bericht versteht sich deshalb ausdrücklich als Aufruf zum Handeln, nicht als bloße Bestandsaufnahme.
Weitere Krisenszenarien
Mangelhafte Notstromversorgung hatte im Januar dazu geführt, dass Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und andere kritische Infrastrukturen zeitweise nur eingeschränkt arbeiten konnten. Heyo Kroemer verwies in diesem Zusammenhang auf die besondere Verantwortung der Charité und betonte, dass die Versorgung schwer erkrankter Patientinnen und Patienten unter allen Umständen sichergestellt werden müsse.
Auch die Kommunikation mit der Bevölkerung wies aus Sicht der Kommission erhebliche Defizite auf. Warnungen seien teils zu spät, unpräzise oder über unterschiedliche Kanäle verbreitet worden, was zu Verunsicherung geführt habe. Die Kommission empfiehlt daher ein einheitliches Warn- und Informationssystem, das Stadt und Bund miteinander verknüpft.
Schließlich bewertet das Gremium den Anschlag selbst als gezielte Attacke auf kritische Infrastruktur. Die Täter hätten eine Kabelbrücke am Teltowkanal attackiert und damit eine Kaskade von Ausfällen ausgelöst. Die Ermittlungen dauern an; die Kommission äußert sich ausdrücklich nicht zur Täterfrage, sondern konzentriert sich auf Konsequenzen für den Bevölkerungsschutz.
Mit der Vorstellung des Berichts beginnt nun die politische Umsetzungsphase. Bis 2029 sollen die zentralen Strukturen stehen – vom Chief Resilience Officer über das Lage- und Krisenzentrum bis zu den Katastrophenschutz-Leuchttürmen. Ob der ehrgeizige Zeitplan eingehalten werden kann, hängt auch davon ab, wie schnell die nötigen Mittel im Landeshaushalt bereitgestellt werden.
Fragen & Antworten
Wer hat den Bericht zum Berliner Stromausfall vorgestellt?
Eine unabhängige Expertenkommission unter Beteiligung des früheren THW-Präsidenten Albrecht Broemme, der ehemaligen Bahn-Managerin Sigrid Nikutta und des Charité-Vorstandsvorsitzenden Heyo Kroemer hat den Bericht am Montagvormittag im Roten Rathaus präsentiert.
Welche konkreten Maßnahmen empfiehlt die Kommission?
Die Kommission empfiehlt unter anderem die Einrichtung eines Chief Resilience Officer auf Staatssekretärsebene, den Aufbau eines Lage- und Krisenzentrums, Katastrophenschutz-Leuchttürme, Kiezboxen und deutlich mehr Übungen für Krisenfälle.
Bis wann sollen die wichtigsten Strukturen stehen?
Nach den Vorgaben der Kommission sollen alle betroffenen Akteure bis spätestens 2029 in der Lage sein, den Betrieb ihrer Kernfunktionen über zehn Tage zu gewährleisten.
Berliner Stromausfall: 150 Maßnahmen im Bericht | finanz360