Erste Tanker passieren die Straße von Hormus – Reedereien warten ab
Berlin, 22 Juni 2026
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Kurzfassung
Nach dem Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran haben erste Supertanker die Straße von Hormus passiert. Deutsche Reedereien wie Hapag-Lloyd bereiten ihre Schiffe zwar auf die Durchfahrt vor, warten aber nach eigenen Angaben auf vollständige Sicherheit.
Berlin, 22 Juni 2026
Drei unter saudi-arabischer Flagge fahrende Supertanker mit insgesamt sechs Millionen Barrel Rohöl haben am Montag die Straße von Hormus passiert, nachdem ein Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran die Meerenge wieder für den Schiffsverkehr geöffnet hat.
Die ersten Durchfahrten markieren eine Wende nach einer Phase erheblicher Blockaden. Laut dem Verband Deutscher Reeder saßen vor dem Iran-Krieg täglich mehr als 100 Schiffe in der Meerenge fest, zuletzt wurden von der IMO am Dienstag 15 Fahrten und vom Datenanbieter Kpler am Mittwoch nur noch sechs Durchfahrten registriert. Der Datenanbieter Windward berichtete am Vormittag, sieben Frachter seien derzeit durch die Meerenge unterwegs, weitere Schiffe bewegten sich aus dem Persischen Golf in Richtung der Passage.
Lage in der Meerenge
Das Rahmenabkommen zwischen Washington und Teheran war über den Vermittlerstaat Pakistan verkündet worden und trat laut Premierminister Shehbaz Sharif mit sofortiger Wirkung in Kraft. Teheran werde die Straße von Hormus unverzüglich wieder öffnen, die USA würden im Gegenzug die Seeblockade iranischer Häfen umgehend aufheben. Die Führung in Teheran erklärte, gemäß der Vereinbarung für zunächst 60 Tage auf Gebühren für den Transit zu verzichten. In dieser Phase soll eine endgültige Vereinbarung ausgehandelt werden.
Deutsche Reedereien reagieren auf die Öffnung mit verhaltener Zuversicht. Deutschlands größter Containerreeder Hapag-Lloyd teilte der Deutschen Presse-Agentur mit: „Unsere vier Charterschiffe im Persischen Golf werden auf eine Passage durch die Straße von Hormus vorbereitet – wir fahren jedoch erst dann durch, wenn es sicher ist.“ Einen Zeitplan nannte das Unternehmen nicht. Auch Alexander Saverys, Chef der auf Öltransporte spezialisierten Reederei CMB Tech, zeigte sich zurückhaltend: „Wir werden erst dann handeln und durch die Straße von Hormus fahren, wenn wir zu 100 Prozent davon überzeugt sind, dass es sicher ist“, sagte er der Financial Times.
Deutsche Reedereien halten sich zurück
Nach Angaben des Verbands Deutscher Reeder sitzen derzeit noch 46 Schiffe deutscher Reedereien mit rund 1.000 Seeleuten im Persischen Golf fest. Der internationale Schifffahrtsverband beziffert die Zahl der wartenden Handelsschiffe insgesamt auf etwa 500, von denen 700 bis 800 nach Angaben von Fregattenkapitän Lange am liebsten sofort ins offene Meer auslaufen würden. Insgesamt etwa 3.000 Schiffe halten sich derzeit im Persischen Golf auf.
Die Wiedereröffnung der Passage hat unmittelbare Auswirkungen auf die Energiepreise. Der Brent-Ölpreis fiel nach Bekanntwerden der Vereinbarung auf rund 77 Dollar je Barrel und damit auf den niedrigsten Stand seit Anfang März. Während des Krieges war Brent zeitweise auf mehr als 120 Dollar gestiegen. An den deutschen Tankstellen verbilligte sich Diesel nach Angaben des ADAC innerhalb einer Woche um 9,1 Cent auf durchschnittlich 1,797 Euro je Liter. Super E10 kostete im Mittel 1,854 Euro und damit 5,2 Cent weniger.
Auswirkungen auf Energiepreise und Wirtschaft
Der Höchststand blieb allerdings deutlich unter dem Rekord von 147 Dollar aus dem Jahr 2008 – inflationsbereinigt entspräche dieser heute sogar etwa 227 Dollar. Volkswirte von Capital Economics schätzen, dass die Energieströme bis Ende September rund 80 Prozent des Vorkriegsniveaus erreichen werden. Andere maritime Sicherheitsexperten, die von Reuters befragt wurden, rechnen mit einer Normalisierung eher in 40 bis 50 Tagen.
Bereits am Donnerstag waren 41 Schiffe im Golf blockiert, wie aus Daten des Verbands Deutscher Reeder hervorgeht. In der Folge saßen 57 Schiffe von heute auf morgen fest, wie der Verband weiter erklärte. Fregattenkapitän Lange schilderte die Lage mit drastischen Worten: „Die Gefahr war so groß, dass man von Beschädigung oder Totalverlust ausgehen musste“, erläutert er. Die einfachste Sicherheitslösung bestehe darin, „dass Seestreitkräfte im Gebiet mit ihrem Radarsystem eine Art Regenschirm aufspannen, unter dem sich die Handelsschiffe bewegen“, so Lange weiter. Die höchste Sicherheitsvariante wäre, „dass ich ein Kriegsschiff einem Handelsschiff zur Seite stelle“ – wofür es allerdings jede Menge militärischer Geleitschiffe bräuchte.
Bundeswehr in Bereitschaft
Die Bundeswehr hat eine schrittweise Annäherung an den Golf bereits vollzogen. Das Minenjagdboot Fulda und der Tender Mosel haben vom Mittelmeer aus gemeinsam mit einem britischen Versorgungsschiff bereits den Suezkanal in Richtung Rotes Meer passiert. Insgesamt haben die beiden Schiffe laut Bundeswehr 140 Soldaten an Bord. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius sagte in Brüssel, man wolle „wenn es gefordert ist und Realität wird, schnell handlungsfähig und vor allen Dingen schnell dann in der Straße von Hormus sein“.
Die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts sind auch in Deutschland spürbar. Das ifo-Institut senkte seine Wachstumsprognose für 2027: Wegen der Folgen des Iran-Kriegs dürfte das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 0,8 Prozent steigen – und damit nicht wie noch im März erwartet um 1,2 Prozent. Der Ökonom Sebastian Dullien von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sagte, ohne weitere Energiepreis-Sprünge sei in Deutschland im Gesamtjahr eine Inflationsrate von 2,5 Prozent realistisch.
Kritik in den USA
Kritik an dem Rahmenabkommen kommt unter anderem aus den USA. Der republikanische Senator Bill Cassidy aus Louisiana schrieb auf X: „Das ist der schlimmste außenpolitische Fehler seit Jahrzehnten.“ Joel Rubin, ehemaliger ranghoher Mitarbeiter des US-Außenministeriums, bezeichnete das Rahmenabkommen als „strategisches Fiasko von epischen Ausmaßen“, wenn Teheran nun „Hunderte Milliarden Dollar ohne jegliche Einschränkungen übergeben werden“ könnten. Die Milliarden seien „eine Bestandsgarantie für die Islamische Republik – und das vor dem Hintergrund, dass der Krieg ja mit dem Ziel begonnen wurde, das Regime zu entfernen“, so Rubin weiter. Die Vereinbarung bedeute „den Bruch mit einer nahezu fünfzigjährigen, von beiden Parteien getragenen US-Politik gegenüber dem Iran“, sagte Rubin dem israelischen TV-Sender i24news.
Ein CNN-Analyst, der nach eigenen Angaben für die Regierungen von George W. Bush, Barack Obama und Joe Biden arbeitete, schrieb, die USA hätten „einen Großteil ihres Verhandlungsspielraums im Gegenzug für die Öffnung der Straße von Hormus aufgegeben“. Der Kern der Absichtserklärung bestehe „in der Praxis darin, dass der Iran jetzt viel erhält, darunter Dutzende Milliarden Dollar, im Gegenzug dafür, dass er keine Schiffe in der Straße von Hormus beschießt“.
Offene Fragen und Ausblick
US-Präsident Donald Trump wies die Kritik zurück und verwies auf steigende Kurse an den Börsen sowie fallende Ölpreise. Der Präsident erklärte, die Börse habe nach der Unterzeichnung „ein neues Rekordhoch erreicht“ und die Ölpreise seien abgestürzt. In seinem Onlinedienst Truth Social schrieb Trump, Kritiker, die fänden, dass er nicht hart genug mit dem Iran gewesen sei, seien „entweder neidisch, unehrlich oder dumm“.
Offene Fragen bleiben: Der Iran soll innerhalb von 30 Tagen nach Unterzeichnung der Absichtserklärung möglicherweise verlegte Seeminen in der Meerenge räumen. Mit der Freigabe soll auch die Freigabe eingefrorener Vermögen einhergehen sowie die Schaffung eines Wiederaufbau- und Entwicklungsfonds in Höhe von „mindestens 300 Milliarden Dollar“ (rund 260 Milliarden Euro). Der iranische Chefunterhändler Mohammed Bagher Ghalibaf bekräftigte am Donnerstag im iranischen Staatsfernsehen, dass man nach der 60-tägigen Phase zur Aushandlung des endgültigen Friedensabkommens „nicht zu den Vorkriegsbedingungen zurückkehren“ werde, sondern Gebühren für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus festschreiben wolle. Details zum Atomprogramm sollen in den nächsten 60 Tagen vereinbart werden.
Durch die Straße von Hormus liefen vor Beginn des Iran-Kriegs rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Energiebedarfs. Die Wiedereröffnung gilt daher als entscheidend für die Stabilisierung der globalen Energiemärkte. Die Nachricht über die ersten Passagen wurde am 19.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten. Während Fachleute mit einer schrittweisen Normalisierung des Schiffsverkehrs rechnen, betonen Reedereien die Notwendigkeit verlässlicher Sicherheitsgarantien, bevor sie ihre Schiffe auf die Reise schicken.
Fragen & Antworten
Welches Abkommen hat die Öffnung der Straße von Hormus ermöglicht?
Ein Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran, das über den Vermittlerstaat Pakistan verkündet wurde und laut Premierminister Shehbaz Sharif mit sofortiger Wirkung in Kraft trat. Die USA heben im Gegenzug die Seeblockade iranischer Häfen auf, der Iran verzichtet zunächst für 60 Tage auf Transitgebühren.
Wie viele Schiffe warten noch im Persischen Golf auf die Ausfahrt?
Nach Angaben des internationalen Schifffahrtsverbands warten rund 500 Handelsschiffe im Persischen Golf auf eine Weiterfahrt, davon 46 Schiffe deutscher Reedereien mit etwa 1.000 Seeleuten.
Wie hat sich der Ölpreis nach der Öffnung entwickelt?
Der Brent-Ölpreis fiel auf rund 77 Dollar je Barrel und damit auf den niedrigsten Stand seit Anfang März. Während des Krieges war Brent zeitweise auf mehr als 120 Dollar gestiegen.
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