Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hat die hohe Teilzeitquote unter Frauen in Deutschland als ungenutztes Wirtschaftspotenzial und Belastung für das Rentensystem bezeichnet.
Fratzscher sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), der Anteil an Frauen, die in Teilzeit arbeiteten, sei ungewöhnlich groß. „Der Anteil an Frauen, die Teilzeit arbeiten, ist ungewöhnlich groß. Die Gesellschaft verzichtet so auf eine Menge Wohlstand“, erklärte der Ökonom. Damit bleibe wirtschaftlich ein enormes Potenzial ungenutzt.
Konkret könnte Deutschland nach seinen Worten für den Arbeitsmarkt mehrere Hunderttausend Vollzeitkräfte zusätzlich gewinnen, „wenn wir Hürden abbauen würden und mehr Frauen dazu bewegen könnten, ihre Arbeitsstunden aufzustocken“, sagte Fratzscher. Er betonte zugleich, von einer höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen profitiere die gesamte Gesellschaft. „Wenn wir die Erwerbsbeteiligung von Frauen erhöhen, dann profitieren alle“, sagte der DIW-Präsident.
Hintergrund: Warum Frauen häufig in Teilzeit arbeiten
Als zentrale Hürde gilt aus Sicht vieler Expertinnen und Experten unter anderem die Kinderbetreuung. Der Ausbau von Kita-Plätzen und eine verlässliche Ganztagsbetreuung gelten als wesentliche Voraussetzungen, damit Beschäftigte ihre Arbeitszeiten ausweiten können. Auch steuerliche Fehlanreize, etwa die gemeinsame Veranlagung, werden in der Debatte immer wieder als Gründe genannt, warum vor allem Frauen ihr Arbeitsangebot einschränken.
Fratzscher verwies zudem auf den Zusammenhang mit der Altersvorsorge. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen wäre nach seiner Einschätzung das effektivste und beste Instrument, um das gesetzliche Rentensystem in Deutschland über die nächsten 15 bis 20 Jahre zu stabilisieren. Mehr Beitragszahlerinnen und höhere Beiträge könnten die demografisch bedingten Belastungen abmildern, die sich aus dem steigenden Rentneranteil ergeben.
Wirkung auf Rente und Wirtschaftswachstum
Auch auf europäischer Ebene sieht der Ökonom erhebliche Effekte. Kalkulationen einer EU-Behörde, wonach mehr Gleichstellung von Frauen das Bruttoinlandsprodukt europaweit bis 2050 um bis zu 10 Prozent erhöhen könnte, bezeichnete Fratzscher als realistische Größenordnung. Solche Szenarien beruhen auf Annahmen über höhere Beschäftigungsquoten, mehr Vollzeittätigkeit und einen Abbau von Lohnunterschieden.
Die Debatte um die Teilzeitquote ist nicht neu. Bereits in den vergangenen Jahren hatten Wirtschaftsforschungsinstitute und Sozialverbände auf die Lücke zwischen den Erwerbsquoten von Männern und Frauen in Deutschland hingewiesen. Der OECD-Durchschnitt liegt in diesem Bereich über dem deutschen Wert, was den Standort nach Einschätzung von Fachleuten wirtschaftlich belastet.
Fratzscher plädiert deshalb für ein Bündel von Maßnahmen: bessere Betreuungsangebote, flexiblere Arbeitszeiten, gezielte Anreize zur Aufstockung von Teilzeitstellen und eine Reform der Minijobs. „Dadurch bleibt wirtschaftlich ein riesiges Potenzial ungenutzt“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er verbindet die Analyse mit einem klaren Appell an Politik und Unternehmen.
Politische Forderungen des DIW-Präsidenten
Wirtschaftspolitisch ordnet der DIW-Chef das Thema in eine größere Debatte um Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Fachkräftesicherung ein. Angesichts einer alternden Gesellschaft und eines sich abzeichnenden Arbeitskräftemangels gewinne die Frage, wie vorhandenes Personal besser eingebunden werden könne, weiter an Bedeutung. Die Erwerbstätigkeit von Frauen sei dabei ein entscheidender Stellhebel.
Die Aussagen fallen in eine Phase, in der die Bundesregierung über Reformen der Rentenversicherung berät und zugleich Maßnahmen zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts vorbereitet. Vor diesem Hintergrund dürften Fratzschers Berechnungen und Forderungen in die anstehenden Beratungen einfließen. Konkrete politische Beschlüsse zu dem Komplex stehen laut RND allerdings noch aus.
Insgesamt zeichnet Fratzscher das Bild einer Volkswirtschaft, die sich vorhandene Ressourcen nicht vollständig erschließt. Die Teilzeitquote von Frauen ist für ihn sowohl ein Gleichstellungs- als auch ein makroökonomisches Problem, dessen Lösung er als Voraussetzung für mehr Wachstum, stabile Renten und eine höhere gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt sieht.
