Bending Spoons kauft Tractive: 900-Mio-Deal in Pasching
Pasching, 30 Juni 2026
Mittermair / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Der italienische Tech-Konzern Bending Spoons übernimmt das oberösterreichische Haustier-Tracker-Unternehmen Tractive aus Pasching für insgesamt 900 Millionen US-Dollar. Damit gehört der Deal zu den größten Übernahmen, die jemals für ein österreichisches Startup erzielt wurden, während zugleich ein Stellenabbau droht.
Pasching, 30 Juni 2026
Der italienische Softwarekonzern Bending Spoons übernimmt die oberösterreichische tractive GmbH mit Sitz in Pasching für insgesamt 900 Millionen US-Dollar und sichert sich damit einen der bislang höchstdotierten Deals der österreichischen Startup-Geschichte.
Vertragsdetails und Kaufpreis
Die Transaktion wurde am 25. März 2026 vertraglich fixiert und am 18. Mai 2026 offiziell abgeschlossen, wie aus dem Börsenprospekt von Bending Spoons hervorgeht. Demnach flossen beim Closing 781 Millionen US-Dollar, weitere 119 Millionen US-Dollar sollen ein Jahr nach Abschluss, also im Mai 2027, als aufgeschobene Kaufpreisbestandteile nachgezahlt werden. Insgesamt beläuft sich die Kaufsumme damit auf rund 900 Millionen US-Dollar.
Tractive wurde 2012 gegründet und entwickelt GPS-Tracker sowie Gesundheitsüberwachungsgeräte für Haustiere, die am Halsband befestigt werden und über eine zugehörige Smartphone-App den Aufenthaltsort, die Aktivität und Gesundheitsdaten des Tieres in Echtzeit übermitteln. Das Geschäftsmodell basiert auf einem Abonnement-System. Nach Angaben des Unternehmens erzielte Tractive zuletzt einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro und galt vor der Übernahme als einziges „Einhorn" Oberösterreichs, also als Startup mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar.
Tractive: Vom Startup zum Einhorn
„On March 25, 2026, we entered into a definitive agreement to acquire tractive GmbH, an Austria-based technology company specializing in GPS tracking and health monitoring devices for pets", heißt es im Börsenprospekt wörtlich. Mit der Übernahme erweitert Bending Spoons, das bereits Plattformen wie WeTransfer oder Vimeo betreibt, sein Portfolio um ein weiteres Consumer-Tech-Unternehmen mit Abo-Modell.
Für die österreichische Startup-Landschaft markiert der Deal einen Meilenstein: Laut den „Oberösterreichischen Nachrichten" gehört die Transaktion zu den höchsten, die jemals für ein heimisches Startup erzielt wurden. Der bisherige Rekordhalter war die 2015 von Adidas übernommene Lauf-App Runtastic des Gründers Florian Gschwandtner, die damals für 220 Millionen Euro den Besitzer wechselte.
Die Eigentümer und ihre Anteile
An Tractive waren zuletzt mehrere prominente Investoren beteiligt. Den größten Anteil hielt der Schweizer Schlumberger-Erbe und Ex-Rennfahrer Harold Primat mit 16 Prozent, gefolgt von Tractive-Gründer Michael Hurnaus mit rund 12,8 Prozent. Für Gschwandtner, der 2020 als Investor und „Wachstumsexperte" einstieg und zuletzt knapp fünf Prozent über seine Privatstiftung hielt, schließt sich mit dem Verkauf an Bending Spoons nun ein persönlicher Kreis.
Gleichzeitig steht der Standort Pasching nach der Übernahme vor ungewissen Veränderungen. Wie es mit dem erst 2022 bezogenen Büro-Campus und den rund 235 Beschäftigten langfristig weitergeht, ist derzeit offen. Berichten zufolge plant Bending Spoons einen massiven Stellenabbau, der rund 160 Arbeitsplätze betreffen könnte. Damit wäre mehr als die Hälfte der rund 300 Beschäftigten von Entlassungen betroffen.
Ungewisse Zukunft für die Beschäftigten
Die Dimension der möglichen Kürzungen wiegt besonders schwer vor dem Hintergrund der Belegschaftsstruktur: Laut Unternehmensangaben stammt das internationale Team von Tractive aus etwa 40 verschiedenen Nationen. „Besonders schwer wiegt dies für das internationale Team, das laut Unternehmensangaben aus Mitarbeitenden aus etwa 40 Nationen besteht", heißt es dazu.
Bending Spoons selbst äußerte sich zur genauen Zahl der Stellenstreichungen bisher nicht und verwies lediglich auf die Notwendigkeit einer „schlankeren Organisation". Die Mailänder begründeten den Kurs gegenüber der Belegschaft mit dem Hinweis, dass eine „schlankere Organisation" notwendig sei, „um die langfristige Flexibilität und den Fokus des Unternehmens zu sichern". Das Mutterhaus in Italien schweigt somit bislang offiziell dazu, wie viele der rund 235 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren könnten.
Das Echo von Runtastic
Die Sorge der Beschäftigten ist nicht zuletzt durch ein prominentes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit genährt: Das sogenannte „Runtastic-Schicksal" wirft lange Schatten. Der deutsche Sportartikelhersteller Adidas hatte Ende 2024 sämtliche österreichische Standorte radikal geschlossen, rund 200 Mitarbeiter verloren damals ihren Job. Der Vergleich liegt nahe, da mit dem Verkauf von Tractive ausgerechnet jene Runtastic-Gründer-Figur Gschwandtner erneut einen großen Deal in Oberösterreich begleitet.
Neben den direkten Auswirkungen auf Pasching hat der Deal auch eine signifikante Signalwirkung für die gesamte heimische Tech-Szene. Bending Spoons, in Mailand beheimatet, ist für seinen aggressiven Effizienzkurs bekannt und setzt intern auf eine Reihe selbst entwickelter Automatisierungswerkzeuge, die unter den Codenamen „Minerva", „Juno", „Xina", „Matrix" und „Galf" zentrale Geschäftsbereiche wie Marketing, User Experience, Zahlungsverkehr und Analytics steuern. Diese Strategie soll offenbar auch bei Tractive zur Anwendung kommen.
Kritiker sehen darin ein Muster: Während die Übernahme Preise in neuer Höhe erreiche, gehe sie für die übernommenen Belegschaften regelmäßig mit einschneidenden Restrukturierungen einher. Branchenbeobachter verweisen darauf, dass Bending Spoons bei früheren Übernahmen – etwa bei Evernote oder Meetup – ähnlich vorgegangen sei und dort Stellen in großem Umfang abgebaut worden seien.
Wirtschaftspolitische Einordnung
Für die oberösterreichische Wirtschaftspolitik bedeutet der Vorgang einen ambivalenten Befund: Einerseits unterstreicht der Deal die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts, andererseits droht der Verlust zahlreicher qualifizierter Arbeitsplätze in der Region. Die Landespolitik, die den Erfolg von Tractive über Jahre medial begleitet hatte, sieht sich nun mit unbequemen Fragen konfrontiert.
Die genauen Modalitäten eines möglichen Sozialplans oder einer Standortgarantie sind bisher nicht öffentlich gemacht worden. Auch ein Zeitrahmen für die angekündigten Restrukturierungen wurde nicht kommuniziert. Bending Spoons verwies in seiner bisherigen Stellungnahme lediglich allgemein auf die Notwendigkeit unternehmerischer Anpassungen.
Fest steht, dass mit der Zahlung von 781 Millionen US-Dollar unmittelbar nach Vertragsabschluss bereits ein erheblicher Teil des Kaufpreises geflossen ist und die restlichen 119 Millionen Dollar im kommenden Mai fällig werden. Damit ist die Transaktion aus Sicht der Verkäufer finanziell besiegelt – die Folgen für Pasching, die Beschäftigten und den Standort werden erst mit Verzögerung vollständig sichtbar werden.
Unabhängig vom Ausgang der Restrukturierung ordnet sich der Tractive-Deal in eine Reihe namhafter europäischer Tech-Übernahmen ein, bei denen Bending Spoons als Käufer auftritt. Das Unternehmen hatte in den vergangenen Jahren wiederholt bewiesen, dass es bereit ist, hohe Summen für etablierte Consumer-Tech-Marken auszugeben, auch wenn die Integration häufig mit tiefgreifenden Einschnitten verbunden ist.
Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob Bending Spoons am Standort Pasching Wege findet, die Belegschaft spürbar zu entlasten, oder ob das Szenario einer Halbierung der Mitarbeiterzahl Realität wird. Für die Region und die betroffenen Familien geht es um nicht weniger als die Frage, wie die größte Startup-Erfolgsgeschichte Oberösterreichs in eine Zukunft jenseits der Gründergeneration geführt werden kann.
Fragen & Antworten
Wie viel zahlt Bending Spoons für Tractive?
Laut dem Börsenprospekt von Bending Spoons wurden beim Closing am 18. Mai 2026 781 Millionen US-Dollar überwiesen, weitere 119 Millionen US-Dollar folgen ein Jahr später. Insgesamt beläuft sich die Kaufsumme damit auf 900 Millionen US-Dollar.
Wer waren die größten Anteilseigner von Tractive vor dem Verkauf?
Den größten Anteil hielt der Schweizer Schlumberger-Erbe Harold Primat mit 16 Prozent, gefolgt von Tractive-Gründer Michael Hurnaus mit rund 12,8 Prozent. Ex-Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner war zuletzt mit knapp fünf Prozent über seine Privatstiftung beteiligt.
Wie viele Jobs bei Tractive sind durch den Stellenabbau bedroht?
Berichten zufolge plant Bending Spoons den Abbau von rund 160 Arbeitsplätzen, womit mehr als die Hälfte der rund 300 Beschäftigten betroffen wäre. Das Unternehmen hat sich zur genauen Zahl bisher nicht offiziell geäußert und lediglich auf eine „schlankere Organisation" verwiesen.
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