Banda Aceh, 04 Juli 2026
Ein unverheiratetes Paar ist in der indonesischen Provinz Aceh nach einem Kuss in einem viralen TikTok-Livestream öffentlich mit jeweils 21 Peitschenhieben bestraft worden.
Was ist neu seit dem 02. Juli 2026
Die Bestrafung ereignete sich in Banda Aceh, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz auf der Insel Sumatra, und wurde von der örtlichen Scharia-Behörde vorgenommen, wie die indonesische Nachrichtenseite Serambinews.com berichtet. Die Scharia-Behörde ist in Aceh für die Durchsetzung islamischer Strafvorschriften zuständig und vollstreckt regelmäßig öffentliche körperliche Züchtigungen, die in der Provinz als Teil der Anwendung des islamischen Rechts gelten.
Das Paar war zum Zeitpunkt der Tat und der Verurteilung nicht verheiratet. Ein Kuss, den die beiden in einem Livestream auf der Plattform TikTok geteilt hatten, war im Internet viral gegangen. Dieses virale Video wurde laut der Berichterstattung zum Auslöser der anschließenden Bestrafung durch die Behörden.
Hintergrund: Aceh und die Anwendung der Scharia
Jede der beiden Personen erhielt 21 Peitschenhiebe. Bei einer öffentlichen Auspeitschung, auf Indonesisch „Hukuman Cambuk“, wird die Bestrafung in der Regel vor einer versammelten Menschenmenge vor einer Moschee oder auf einem öffentlichen Platz vollstreckt. Schaulustige, Familienangehörige und gelegentlich auch Familien der Bestraften sind dabei häufig anwesend.
Die Bestrafung ist Teil der Anwendung des islamischen Rechts in Aceh. Aceh ist die einzige indonesische Provinz, in der die Scharia – also die islamische Rechtsordnung – auch im Strafrecht Anwendung findet. Andere Provinzen Indonesiens erkennen zwar den islamischen Glauben als Religion der Mehrheit an, wenden aber keine Scharia-Strafen an. Aceh erhielt diese Sonderrechte als Teil eines Friedensabkommens Anfang der 2000er-Jahre.
Ablauf der öffentlichen Bestrafung
BBC News griff den Fall auf und gab den Bericht an internationale Medien weiter. Deutsche Medien wie das Online-Portal t-online verwendeten Berichte mit der Überschrift „Wegen Kuss auf TikTok: Paar in Indonesien öffentlich ausgepeitscht“, um über den Vorfall zu informieren.
Die Bestrafung wurde von den Behörden damit begründet, dass der Kuss gegen lokale Moralvorstellungen verstieß. Zu den Delikten, die in Aceh nach der Scharia geahndet werden können, gehören neben außerehelicher Intimität unter anderem Glücksspiel, Alkoholkonsum und das enge Zusammensein unverheirateter Personen. In den vergangenen Jahren sind wiederholt Personen nach öffentlichen Auspeitschungen in der Provinz bekannt geworden, darunter verheiratete Paare oder Einzelpersonen.
Sowohl die Plattform TikTok als auch das Medium Livestream spielten im konkreten Fall eine zentrale Rolle, weil die intime Geste durch die Verbreitung im Internet ein Massenpublikum erreichte. Ohne die Verbreitung als Livestream, der viral ging, wäre der Kuss vermutlich nicht Gegenstand eines schariarechtlichen Verfahrens geworden.
Rechtliche Einordnung und Kritik
Beobachterinnen und Beobachter weisen seit Jahren darauf hin, dass Aceh mit seiner Anwendung der Scharia-Strafen innerhalb Indonesiens eine Sonderrolle einnimmt. Menschenrechtsorganisationen kritisieren öffentliche körperliche Züchtigungen wiederholt als unmenschlich und erniedrigend, während Befürworter die Bestrafungen als Wahrung der religiösen Identität und der lokalen Ordnung beschreiben.
Der indonesische Zentralstaat in Jakarta hat mehrfach betont, dass die Strafgewalt in Strafsachen eigentlich bei der nationalen Justiz liege, toleriert jedoch die Sonderregelungen in Aceh. Diese Spannung zwischen Zentralstaat und Provinz ist regelmäßig Gegenstand innenpolitischer Debatten.
Weltweit haben öffentliche körperliche Strafen in den vergangenen Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen. Die Vereinten Nationen und verschiedene internationale Gremien stufen körperliche Züchtigung als Folter oder unmenschliche Behandlung ein und fordern ihre Abschaffung, wie sie in der UN-Antifolterkonvention festgehalten ist.
Internationale Dimension und Debatte
Der Vorgang wirft Fragen zum Verhältnis von sozialen Medien, Öffentlichkeit und strafrechtlicher Verfolgung auf: Durch das Livestream-Format erreicht ein privater Moment eine unbeabsichtigte Reichweite, die ohne Internet-Plattformen nicht zustande gekommen wäre. Daraus ergibt sich die weitergehende Frage, welche Rolle Plattformregeln und nationale Behörden bei der Bewertung solcher Inhalte spielen.
In Aceh selbst wird die Bestrafung von Teilen der Bevölkerung ausdrücklich unterstützt, da sie als Mittel zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der islamischen Lebensweise gilt. Kritikerinnen und Kritiker, auch innerhalb Indonesiens, sehen darin vor allem ein Instrument sozialer Kontrolle, das überwiegend junge, mittellose oder machtlose Menschen treffe.
Die Provinzregierung von Aceh hat in offiziellen Stellungnahmen wiederholt erklärt, dass die Strafen im Einklang mit der qanun, der lokalen Scharia-Gesetzgebung, stünden und nach einem geregelten Gerichtsverfahren verhängt würden. Einzelne Verurteilte oder ihre Angehörigen haben jedoch in der Vergangenheit berichtet, dass die Verfahren nicht alle Garantien eines fairen Prozesses böten, wie sie internationaler Standard sind.
Abschließend lässt sich festhalten, dass der Fall international diskutiert wird, weil er zwei sehr unterschiedliche Sphären miteinander verknüpft: einerseits die intime Handlung eines jungen Paares, die auf einer weltweit genutzten Social-Media-Plattform live übertragen wurde, und andererseits ein lokales Strafregime, das solche Handlungen mit körperlicher Züchtigung beantwortet.
