Latina, 09 Juli 2026

Ein Gericht im südlateinischen Latina hat einen 39-jährigen Landwirt zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er den 31-jährigen indischen Erntehelfer Satnam Singh nach einem schweren Arbeitsunfall nicht in ein Krankenhaus brachte und ihn damit verbluten ließ.

Der Unfall auf dem Feld

Singh war auf einem Feld in der Nähe der Gemeinde Borgo Santa Maria, rund 60 Kilometer südlich von Rom, in eine Maschine geraten, die Felder großflächig mit Plastikfolien abdeckt. Dabei wurde ihm nach Angaben des Gerichts der rechte Arm abgetrennt und beide Beine schwer zerquetscht.

Nach dem Unfall habe der Landwirt den schwer verletzten Arbeiter nicht in eine Klinik gefahren. Stattdessen habe er ihn in einem Lieferwagen zu seiner Unterkunft gebracht und ihn dort zurückgelassen, teilte das Gericht am Mittwochabend mit. Nachbarn alarmierten schließlich den Rettungsdienst.

Singh wurde mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus in Rom geflogen, wo er rund anderthalb Tage nach dem Unfall an seinen Verletzungen starb. Der abgetrennte Arm lag laut Ermittlern in einer Obstkiste neben dem Mann.

Verhandlung und Schuldspruch

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Strafe von 22 Jahren gefordert. Das Gericht sprach den Landwirt am Mittwochabend der vorsätzlichen Tötung schuldig und verhängte eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der 39-jährige Landwirt hatte sein Verhalten vor Gericht damit erklärt, er habe in Panik gehandelt. Die Ehefrau des Opfers sagte in ihrer Zeugenaussage: „Ich habe den Besitzer angefleht, uns zu helfen, ich habe ihn auf Knien angefleht. Aber er hat uns vor dem Haus abgesetzt und ist weggelaufen.

Hintergrund: Ausbeutung in der Landwirtschaft

Der Fall hatte im Sommer 2024 in Italien und darüber hinaus großes Aufsehen erregt. Er gilt als erschütterndes Beispiel für die teils unmenschlichen Arbeitsbedingungen, unter denen asiatische Wanderarbeiter in der italienischen Landwirtschaft für extrem niedrige Löhne schuften.

Singh war 2021 gemeinsam mit seiner Frau nach Italien gekommen. Die Region um Borgo Santa Maria ist bekannt für den Anbau von Melonen und Zucchini. Schätzungen zufolge arbeiten in der italienischen Landwirtschaft etwa 230.000 Menschen illegal.

Die Ausbeutung ist nach Erkenntnissen von Gewerkschaften häufig in ein System eingebettet, in dem illegale Vermittler als Makler zwischen Betrieben und Arbeitern agieren und einen großen Teil der Löhne einbehalten. „Die Gewerkschaften sprechen von systematischer Ausbeutung."

Reaktionen und Forderungen

Viele Migranten in der italienischen Landwirtschaft stammen aus Ländern wie Indien und Pakistan und arbeiten für Stundenlöhne von drei oder vier Euro oder weniger. Ein Teil der landwirtschaftlichen Produktion gelangt auch in deutsche Supermärkte.

Die Gewerkschaften und Hilfsorganisationen sehen in dem Urteil ein wichtiges Signal gegen die Ausbeutung in der Landwirtschaft. Sie fordern schärfere Kontrollen, eine konsequentere Strafverfolgung von unseriösen Vermittlern sowie besseren Schutz für Wanderarbeiter.

Menschenrechtler verlangen zudem, dass die Verbraucher in Europa stärker auf die Herkunft ihrer Lebensmittel achten. Die EU-Kommission hatte in der Vergangenheit angekündigt, Lieferketten in der Landwirtschaft genauer zu prüfen, um Ausbeutung und moderne Sklaverei einzudämmen.

Weitere Ermittlungen und Folgen

Der Fall ist nicht der erste seiner Art in Italien. Wiederholt waren Erntehelfer unter teils sklavenähnlichen Bedingungen auf Höfen im Süden des Landes beschäftigt. Ermittlungen laufen gegen mehrere weitere Arbeitgeber und Vermittler.

Vor dem Prozess hatten Angehörige und Unterstützer in mehreren italienischen Städten demonstriert und eine harte Strafe gefordert. Bei einer Kundgebung in Rom wurde an den Vorfall erinnert und auf die Situation tausender Wanderarbeiter aufmerksam gemacht.

Die Verteidigung kündigte an, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. Ein Termin für die nächste Instand steht noch nicht fest. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens bleibt der Fall ein Mahnmal für die Schattenseiten der europäischen Lebensmittelproduktion.

Beobachter sehen in dem Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung eine bemerkenswerte rechtliche Einordnung. Üblicherweise werden schwere Arbeitsunfälle in der Landwirtschaft als fahrlässige Tötung gewertet – das Gericht folgte jedoch der Argumentation der Staatsanwaltschaft, dass das rücksichtslose Verhalten des Landwirts nach dem Unfall den Tatbestand erfüllte.

Die Anwälte der Familie Singh forderten unterdessen eine Entschädigung für die Hinterbliebenen sowie ein Bleiberecht für die Witwe. Die Frau hatte nach dem Tod ihres Mannes in einer Erklärung gesagt, sie wolle Gerechtigkeit und ein Zeichen gegen die Ausbeutung.