Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat Deutschland als Standort für ihr erstes Bildungszentrum außerhalb Israels ausgewählt, mit einem Hauptsitz in München und einer Zweigstelle in Leipzig.
Was ist neu seit dem 28. Mai 2026
Update vom 28. Mai 2026: Nach einer umfassenden Machbarkeitsstudie steht nun fest, dass das Zentrum in München am Karolinenplatz entstehen wird und eine kleinere Außenstelle in Leipzig erhält. Zuvor hatten sich auch Nordrhein-Westfalen und Sachsen als Standorte beworben.
Die Entscheidung wurde im September 2025 von Yad-Vashem-Leiter Dani Dayan und Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) gemeinsam mit den Landesregierungen Bayerns und Sachsens bekannt gegeben. Die Gedenkstätte reagiert damit nach eigenen Angaben auf den weltweit zunehmenden Antisemitismus.
„Dies geschieht in einer Zeit, in der weltweit verzerrte Darstellungen der Geschichte des Holocaust zunehmen und der Antisemitismus sich weiter ausbreitet“, erklärte die Gedenkstätte. Das Bildungszentrum soll die jüdische Perspektive in der deutschen Erinnerungskultur stärken.
Dani Dayan betonte die symbolische Bedeutung des Standorts München. Die Stadt sei die Wiege der NSDAP, die dort 1920 gegründet wurde und ihre Parteizentrale hatte. „Die Wahl Münchens, des Geburtsortes der NSDAP, hat eine tiefe symbolische Bedeutung“, sagte Dayan.
München: Symbolträchtiger Standort mit historischer Last
Der Hauptsitz soll im Gebäude eines ehemaligen NSDAP-Parteigerichts am Karolinenplatz 4 entstehen. In der Nähe befand sich das „Braune Haus“, die frühere Parteizentrale der Nationalsozialisten. Heute sind in dem Viertel auch das israelische Generalkonsulat und das NS-Dokumentationszentrum angesiedelt.
Laut NS-Dokumentationszentrum arbeiteten in der NS-Zeit fast 6.000 Beschäftigte für die Parteiführung in mehr als 60 Gebäuden im Münchner Stadtteil Maxvorstadt. Adolf Hitler unternahm 1923 von München aus einen Putschversuch, und Anhänger bezeichneten die Stadt als „Hauptstadt der Bewegung“.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte die Auswahl Bayerns eine „Ehre“ und gab eine persönliche „Schutzzusage“ für Yad Vashem ab. „Wir stehen zu unserer geschichtlichen Verantwortung: Die Gräuel des Nationalsozialismus dürfen sich niemals wiederholen“, erklärte Söder.
Die bayerische Staatsregierung hat für das Zentrum eine finanzielle Zusicherung gegeben. Im Kulturhaushalt sind für 2026 und 2027 bereits mehr als 200 Millionen Euro vorgesehen. Davon entfallen 93 Millionen Euro auf die Betriebskosten der nächsten 15 Jahre, 50 Millionen auf den Bauunterhalt und 16,7 Millionen auf Sicherheitsmaßnahmen.
Finanzierung und Zeitplan
Die genauen vertraglichen Details sollen nach Angaben der Bayerischen Staatskanzlei in den kommenden Monaten finalisiert werden. Das Zentrum könnte etwa zwei bis drei Jahre nach der Standortbestimmung den Betrieb aufnehmen und wird rund 20 Mitarbeiter beschäftigen.
Die Leipziger Außenstelle wird interaktive Lernräume einrichten und sich an Pädagogen in der gesamten Region sowie in den Nachbarländern richten. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte, Leipzig könne in puncto Bildungsarbeit eine Brücke nach Osteuropa sein – zu Polen und Tschechien.
Kretschmer bezeichnete die Entscheidung als „eine große Ehre und zugleich Verpflichtung“. Die Zweigstelle soll im Leipziger Ariowitsch-Haus untergebracht werden, einem Gebäude mit bewegter Geschichte: Es wurde 1931 als jüdisches Altenheim eröffnet, 1942 wurden die Bewohner nach Theresienstadt deportiert, und 1946 erhielt die jüdische Gemeinde das Haus zurück.
Leipziger Außenstelle als Brücke nach Osteuropa
Bundesbildungsministerin Karin Prien, die selbst jüdische Wurzeln hat, erklärte, dass junge Menschen in Deutschland „zu wenig über die Shoah und die systematische Ermordung von Millionen Juden im Nationalsozialismus“ wüssten. „Das Wissen über das, was war, ist wichtig, um das Übel in der Zukunft zu verhindern“, so Prien.
Die Bundesregierung wird den Aufbau des Münchner Bildungszentrums nach Angaben Priens eng begleiten. Die Einrichtung soll allen offenstehen, richtet sich aber besonders an Lehrkräfte. Auch Polizei, Justiz, Verwaltung, Ehrenamtliche und die Erwachsenenbildung sollen angesprochen werden.
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, lobte die Standortwahl als „richtige Entscheidung“. Sie bezeichnete München als „Knotenpunkt des jüdischen Lebens in Europa“ und den Schritt als „nötiges Gegengewicht“ zu politischem Extremismus.
Stimmen zu dem Projekt
Yael Richler-Friedman, Pädagogische Direktorin des Internationalen Instituts für Holocaust-Bildung von Yad Vashem, erklärte: „Wir möchten mit dem Bildungszentrum ein größeres Bild als bisher in den Dialog der Erinnerungskultur in Deutschland einbringen. Das wird vor allem Stimmen der Opfer beinhalten und weniger der Täter.“
Die Idee für das Zentrum entstand 2023 bei einem Treffen von Yad-Vashem-Chef Dani Dayan mit dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Neben Bayern und Sachsen hatte sich auch Nordrhein-Westfalen als Standort beworben. Im dortigen Landtag begrüßten CDU, Grüne, SPD und FDP den Vorschlag in einem gemeinsamen Antrag.
NRW verwies auf die größte jüdische Gemeinde Deutschlands und die langjährige Zusammenarbeit mit Yad Vashem, bei der Lehrkräfte, Staatsanwälte und Polizisten regelmäßig Fortbildungen in Israel absolvieren. Als mögliche Standorte waren Essen, Dortmund, Düsseldorf und Köln im Gespräch.
Hintergrund: Der Weg zur Standortentscheidung
München wurde nach umfassenden Machbarkeitsstudien aufgrund seiner historischen Bedeutung, der bestehenden Bildungslandschaft, der Infrastruktur und hoher Sicherheitsstandards ausgewählt. Yad Vashem unterhält langjährige Kooperationsabkommen mit allen 16 Bundesländern.
Die zentralen Holocaust-Gedenkstätten in Deutschland befinden sich bislang vor allem an ehemaligen Konzentrationslagern und in Berlin, wo das Holocaust-Mahnmal und das Jüdische Museum stehen. Yad Vashem in Jerusalem ist die weltweit größte Holocaust-Gedenkstätte und dient als zentrale Erinnerungsstätte, Ausstellungshaus und Forschungsinstitut.
Während der Olympischen Spiele 1972 in München wurden zudem elf Mitglieder der israelischen Mannschaft und ein deutscher Polizist bei einem palästinensischen Terroranschlag getötet – ein weiteres Ereignis, das die historische Verbindung zwischen München und Israel prägt.
