WWF und ÖVGW warnen vor ausgeprägter Wasserknappheit in Österreichs Flüssen
Wien, 08. Juli 2026
Ank Kumar / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Eine WWF-Auswertung zeigt, dass an rund 85 Prozent der Pegelmessstellen die Juni-Abflüsse unter dem langjährigen Mittel lagen. Besonders betroffen sind der Kamp bei Zwettl mit minus 83 Prozent sowie die Thaya bei Raabs und die Leitha bei Deutsch Haslau mit jeweils minus 75 Prozent.
Die Umweltschutzorganisation WWF und die Trinkwasserversorger haben am Mittwoch vor einer ausgeprägten Wasserknappheit in Österreich gewarnt und rasche politische Gegenmaßnahmen gefordert.
WWF-Daten zur Wasserknappheit
Laut WWF lagen die Abflüsse im Juni an rund 85 Prozent der Pegelmessstellen unter dem langjährigen Monatsmittel. An über 40 Prozent der Messstellen wurden die Werte als „sehr niedrig“ eingestuft. Die Daten stammen aus der Hydrografie des Umweltministeriums, wie die Organisation am Mittwoch mitteilte.
Die deutlichste Abweichung verzeichnete der Kamp an der Messstelle im niederösterreichischen Zwettl mit einem Minus von 83 Prozent gegenüber dem langjährigen Juni-Mittel. Damit führt der Kamp die Liste der betroffenen Gewässer deutlich an und gilt als Indikator für die angespannte Lage in Niederösterreich.
An der Thaya bei Raabs und an der Leitha bei Deutsch Haslau (Niederösterreich) betrug das Minus jeweils 75 Prozent. Die Leitha bei Deutsch Haslau zählt damit zu den am stärksten betroffenen Messstellen im Osten Österreichs.
Besonders betroffene Regionen
Auch die Vöckla bei Vöcklabruck (Oberösterreich) zeigte mit minus 67 Prozent ein erhebliches Defizit. Besonders auffällige Defizite sind demnach bei mehreren Referenzpegeln in Niederösterreich, dem Burgenland und Oberösterreich vorhanden. Die östlichen Landesteile sind insgesamt am stärksten von der Trockenheit betroffen.
WWF-Expertin Marie Pfeiffer warnte: „Viele Flüsse haben kaum noch Reserven für die heißesten Wochen des Jahres. Jeder weitere Hitzetag verschärft daher den Stress für Fische und andere Gewässerarten.“ Mit dem Hochsommer beginne aus Sicht des WWF jene Phase, in der viele Flüsse ohnehin am stärksten belastet sind.
Folgen für Fische und Gewässer
Bei hohen Temperaturen erwärmen sich laut der NGO seichte Abschnitte rascher, zugleich sinkt der Sauerstoffgehalt. In verbauten oder umgeleiteten Flussbereichen fehlen Schatten, Struktur und kühlere Rückzugsorte für Fische, was die Lage zusätzlich verschärft.
Kaltwasserliebende Arten wie Äsche, Huchen und Bachforelle verlieren bei steigenden Wassertemperaturen und sinkendem Sauerstoffgehalt wichtige Lebensräume. Laut WWF gehen viele Gewässer daher „stark geschwächt“ in den Hochsommer.
Pfeiffer betonte zudem: „Vor allem im Osten Österreichs ist die Lage sehr angespannt. Lokale Gewitter können einzelne Pegel kurzfristig anheben, lösen aber kein Niedrigwasserproblem, das sich über Monate aufgebaut hat. Viele Flüsse gehen stark geschwächt in den Hochsommer.“
Die NGO fordert ein Schutzprogramm für besonders hitzegefährdete Flüsse. Vorgeschlagen werden ausreichend Wasser in Restwasserstrecken der Wasserkraft, natürliche Beschattung durch Auwälder, die Wiederanbindung von Seitenarmen und Auen sowie verbindliche Beschränkungen für Wasserentnahmen in Trockenphasen.
Forderungen des WWF
„Die rasante Klimaveränderung erhöht den Handlungsdruck. Viele Flüsse brauchen mehr Platz, mehr Schatten und ausreichend Wasser, damit sie Wetterextreme besser überstehen. Davon profitieren nicht zuletzt auch wir alle“, sagte Pfeiffer weiter.
ÖVGW fordert Novelle des Wasserrechts
Parallel zur WWF-Warnung schlug die Österreichische Vereinigung für Gas und Wasser (ÖVGW) Alarm. Der Interessenverband der Trinkwasserversorger forderte am Mittwoch eine Novelle des Wasserrechtsgesetzes vom für Trinkwasser zuständigen Minister Norbert Totschnig (ÖVP).
Laut ÖVGW sind mehr als 80 Prozent der Grundwasserpegel derzeit von einem unterdurchschnittlich niedrigen Wasserstand betroffen. Vorgeschlagen wurde unter anderem die Verankerung des Vorranges der Trinkwasserversorgung in Wassermangellagen, eine flächendeckende Erfassung aller Grundwasserentnahmen als Grundlage für eine vollständige datenbasierte Wasserbilanz sowie die langfristige und vorausschauende Absicherung der Trinkwasserversorgung.
Politische Unterstützung aus der SPÖ
Unterstützung bekam der ÖVGW am Mittwoch auch von SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr. „Wir müssen die Forderungen der Wasserversorger ernst nehmen und das Regierungsprogramm schnellstmöglich umsetzen“, forderte sie. „Die dafür nötigen Änderungen sollen schnellstmöglich auf den Weg gebracht werden“, ergänzte Herr.
Die SPÖ fordere seit Langem ein Wasserentnahmeregister für Großverbraucher, eine vorausschauende Wasserstrategie, einen klaren Vorrang für Trinkwasser in Mangellagen und eine Überarbeitung der Genehmigungen für Großverbraucher, wurde betont. Mit den Forderungen wollen die Wasserversorger und die Opposition auf den schwelenden Konflikt zwischen Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft und Energieerzeugung aufmerksam machen.
Hintergrund der Debatte ist eine Reihe trockener Jahre, in denen sich die Niedrigwassersituation in Österreichs Flüssen und im Grundwasser zunehmend verfestigt hat. Die NGO sieht durch den Klimawandel steigenden Handlungsdruck, um die Gewässerökologie und die Trinkwasserversorgung dauerhaft zu sichern.
Der Bericht wurde am 8. Juli 2026 von der Austria Presse Agentur (APA) verbreitet. Die kommenden Wochen mit den höchsten Temperaturen und der geringsten Niederschlagsneigung gelten aus Sicht aller Beteiligten als entscheidend dafür, ob sich die Lage weiter zuspitzen oder stabilisieren wird.
Fragen & Antworten
Welcher Fluss verzeichnet laut WWF das größte Defizit?
Der Kamp an der Messstelle Zwettl in Niederösterreich weist mit minus 83 Prozent gegenüber dem langjährigen Juni-Mittel die größte Abweichung auf.
Was fordert die ÖVGW vom zuständigen Minister?
Der Interessenverband der Trinkwasserversorger ÖVGW fordert von Minister Norbert Totschnig (ÖVP) eine Novelle des Wasserrechtsgesetzes, die den Vorrang der Trinkwasserversorgung in Mangellagen verankert und Grundwasserentnahmen bundesweit erfasst.
Welche Fischarten sind laut WWF besonders betroffen?
Kaltwasserliebende Arten wie Äsche, Huchen und Bachforelle verlieren bei steigenden Wassertemperaturen und sinkendem Sauerstoffgehalt wichtige Lebensräume.
Niedrigwasser in Österreich: WWF und ÖVGW schlagen Alarm | finanz360