Drohnenangriff auf Moskau: Ukraine trifft | finanz360
Ukraine fliegt massivsten Drohnenangriff auf Moskau – und russische Abwehr beschießt offenbar die eigene Raffinerie
Moskau, 19 Juni 2026
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Kurzfassung
Beim bislang schwersten Drohnenangriff der Ukraine auf Moskau hat die ukrainische Armee nach russischen Angaben fast 200 Drohnen auf die Hauptstadt angesetzt. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin sprach von rund 180 abgefangenen Flugobjekten, dennoch schlugen mehrere Drohnen ein und beschädigten unter anderem eine zentrale Ölraffinerie. Videoaufnahmen legen nahe, dass der spektakuläre Treffer an einem Treibstofftank womöglich von einer eigenen russischen Abwehrrakete verursacht wurde.
Moskau, 19 Juni 2026
Beim bislang schwersten Drohnenangriff der Ukraine auf Moskau seit Kriegsbeginn hat die ukrainische Armee am Donnerstag nach russischen Angaben insgesamt 555 Drohnen Richtung russisches Staatsgebiet geschickt, allein rund 180 Flugobjekte sollen über der Hauptstadt abgefangen worden sein; dabei wurde unter anderem die wichtige Kapotnja-Raffinerie im Südosten Moskaus getroffen.
Nach russischen Angaben handelte es sich um den heftigsten Drohnenangriff der Ukraine auf Moskau seit Beginn des Krieges. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin teilte mit, die Luftabwehr habe rund 180 Drohnen über der Stadt abgefangen. Dennoch kam es zu mehreren Einschlägen und Bränden. In der Nacht auf Donnerstag schickte die Ukraine nach russischen Angaben insgesamt 555 Drohnen in Richtung russisches Staatsgebiet. Allein über Moskau sollen rund 180 Flugobjekte abgefangen worden sein.
Ausmaß des Angriffs und Folgen für die Hauptstadt
Besonders betroffen war die Kapotnja-Raffinerie im Südosten der Hauptstadt, eine der wichtigsten Treibstoffquellen für den Großraum Moskau. Getroffen wurde zum wiederholten Mal eine Ölraffinerie, im Südosten der Hauptstadt stiegen gewaltige schwarze Rauchsäulen auf. Neben der Raffinerie wurden zwei Einkaufszentren beschädigt. In der Stadt Schukowski am Rand der Metropole traf eine Drohne ein Wohnhaus.
Erneut geriet die Versorgung der Millionenstadt unter Druck. In mehreren Distrikten der russischen Hauptstadt berichteten Bewohnerinnen und Bewohner gestern von öligem Niederschlag, an Fenstersimsen Wohnhäuser blieb ein öliger Film zurück. Anrainerinnen und Anrainer mussten evakuiert werden. Der Verkehr auf dem Moskauer Autobahnring rund um die Raffinerie wurde gestoppt, die Moskauer Flughäfen waren vorübergehend geschlossen. Es kam zu mehrstündigen Wartezeiten, diverse Flüge wurden gestrichen.
Eigene Abwehr als Verursacher?
Der SRF-Korrespondent Calum MacKenzie besuchte das Umfeld der Raffinerie. Immer noch stiegen Rauchwolken auf und ständig flogen Löschhelikopter hin und her. Bei 19 Grad, einem dichten Wolkenschleier über der Metropole, war die Brandbekämpfung in vollem Gange. Moskau war bisher der Inbegriff der privilegierten Hauptstadt. Abgeschirmt von den wirtschaftlichen Problemen durch den Krieg – und geschützt von der besten Luftverteidigung des Landes.
Nun jedoch mehren sich Hinweise, dass ausgerechnet die eigene Luftverteidigung den spektakulärsten Schaden angerichtet haben könnte. Videos, die in sozialen Netzwerken kursieren, sollen zeigen, wie eine russische Flugabwehrrakete eine ukrainische Drohne verfehlt und anschließend auf dem Gelände der Raffinerie einschlägt. Kurz darauf folgt eine gewaltige Explosion, schwarze Rauchwolken steigen über der Millionenmetropole auf. Mehrere Militärbeobachter halten die Darstellung jedoch für plausibel, eine unabhängige Bestätigung der Aufnahmen gibt es bislang nicht. Nach Berichten russischer und ukrainischer Beobachter könnte ein spektakulärer Brand in einer wichtigen Ölraffinerie sogar von der eigenen Luftabwehr verursacht worden sein.
Kiews Begründung: Langstrecken-Sanktionen
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete den Angriff auf der Plattform X als Teil ukrainischer Langstrecken-Sanktionen und als logische Reaktion auf russische Angriffe auf ukrainische Städte. Auf X schrieb er: „Unsere Langstrecken-Sanktionen haben die Region Moskau erreicht“ und „Wenn die Ukraine brennt, brennt auch Moskau“. Die Angriffe seien eine gerechte Antwort auf russische Angriffe auf unsere Städte und Gemeinden. Explizit nannte er den Beschuss des berühmten Höhlenklosters in Kiew vom 15. Juni.
Die Ukraine versucht, die Lebensader der russischen Kriegsmaschinerie abzuschneiden: die Öl- und Gasinfrastruktur. Immer wieder gelangen der ukrainischen Armee spektakuläre Schläge gegen industrielle Ziele. Mit einem der bislang größten Drohnenangriffe auf russisches Territorium hat die Ukraine gezeigt, wie verwundbar selbst die am stärksten geschützten Regionen Russlands geworden sind. Nun gelingt es der Ukraine immer häufiger, Ziele tief im russischen Hinterland anzugreifen – selbst in unmittelbarer Nähe des Machtzentrums.
Stimmung in Moskau: Angst und Kriegsmüdigkeit
Trotz abgewehrter Drohnen ist die Stimmung in der russischen Hauptstadt gekippt. Es macht sich eine gewisse Angst und Beunruhigung breit, so MacKenzie. Auch wenn man im Zentrum der Hauptstadt wenig von den gestrigen Angriffen mitbekommen hat. In Moskau nimmt MacKenzie verbreitete Kriegsmüdigkeit wahr, bei Unterstützern des Kremls wie auch bei seinen (stillen) Kritikern. Mein Eindruck ist aber, dass sich eine Mehrheit der Menschen wünscht, dass der Krieg endlich vorbei ist.
Für andere Russinnen und Russen sind die Drohnenangriffe auf Moskau quasi eine Bestätigung ihrer Haltung. Bei diesen Menschen rufen die ukrainischen Angriffe auch nicht Kritik am Kreml hervor, sondern eher Hass auf die Ukraine. So berichtete eine Anwohnerin dem Online-Portal Meduza: „Aber wissen Sie was? Wenn ich mit meinen Nachbarn spreche, lautet die Antwort in zwei von zehn Fällen: ‚Bombardiert sie doch einfach alle in Kiew, dann ist die Sache erledigt!‘“
Die unmittelbaren Auswirkungen auf die Bevölkerung sind deutlich spürbar. Die Bewohnerin Arina wurde eigenen Angaben gegen fünf Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen: „Heute Morgen bin ich gegen fünf Uhr aufgewacht, entweder durch eine Explosion oder durch das Raketenabwehrsystem. Ich wurde förmlich aus dem Bett geschleudert – so heftig war der Knall“. Eine andere Moskauerin formulierte in einem viralen Telegram-Video: „Der Krieg ist hier; meine Fenster zittern und die Luft riecht nach Rauch“.
Warnungen der deutschen Botschaft
Der Anwohner Artem zeigte sich vor allem über das Fehlen jeder Vorwarnung erschüttert. „Am meisten schockierte mich an diesem Angriff, dass es keinerlei Alarm oder Benachrichtigung gab. Ich mache mir große Sorgen um meine Familie. Sollten solche Angriffe weitergehen, sehe ich mich möglicherweise gezwungen, mit meiner Familie Russland zu verlassen.“ Die russische Regierung hat die Veröffentlichung solcher Augenzeugen-Aufnahmen in sozialen Netzwerken inzwischen unter Strafe gestellt, russische Militärblogger fordern harte Strafen für die Verbreitung.
Die deutsche Botschaft in Moskau reagierte mit konkreten Verhaltenshinweisen. In der Regel gibt es keine Vorwarnzeiten bei Drohnenangriffen. Nehmen Sie propellerartige Fluggeräusche wahr, gilt es, unverzüglich Schutz zu suchen. Entfernen Sie sich umgehend von Glasfassaden. Eine maßvolle Treibstoffbevorratung (Tank immer halb gefüllt) erscheint angesichts der aktuellen Lage ratsam.
Treibstoffkrise und Exportbeschränkungen
Die Treibstofflage in Russland selbst ist bereits angespannt. In Moskau gebe es bereits eine Treibstoffknappheit, nun sei auch noch die größte Raffinerie der Region getroffen worden. Einige russische Tankstellennetze haben Kaufbeschränkungen eingeführt. Die russische Regierung hat den Export von Flugbenzin bis zum 30. November verboten und den Export von Benzin eingeschränkt. Nach Angaben einer unabhängigen Forschungsplattform ist die Treibstofflage besonders gravierend auf der Krim und in besetzten Gebieten der Ostukraine. In Donezk wird Treibstoff teilweise nur wenige Stunden pro Tag verkauft, in Luhansk und Saporischschja gelten offizielle Kaufgrenzen von maximal 20 Litern.
Der Chef des staatlichen Ölkonzerns Rosneft, Igor Setschin, bemühte sich um Beruhigung: „Wir empfehlen zwar nicht unbedingt die Verwendung von Kanistern, aber wir befüllen die Tanks ganz normal“. Dennoch steigt der Druck auf die russische Ökonomie. Dennoch steigt der Druck auf die russische Ökonomie. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) sank die russische Ölproduktion im vergangenen Monat im Jahresvergleich um rund fünf Prozent. Russische Ölexporte stiegen im Jahresvergleich allerdings um 490.000 Barrel auf 5,2 Millionen Barrel pro Tag und erreichten damit wieder das Niveau von 2022.
Aus Moskau kommen zunehmend Drohungen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow drohte mit «massiven Angriffen». Lawrow wiederholte damit Drohungen des Kremlchefs Wladimir Putin. MacKenzie beobachtet in der Hauptstadt zudem indirekte Kriegsfolgen: Einschränkungen des Internets, erhöhte Steuern, Inflation, teure Kredite und kriselnde Unternehmen.
Pleitgen: zunehmender Druck auf das Putin-Regime
Dass die jüngsten Angriffe ausgerechnet zeitgleich mit einem internationalen Gipfeltreffen stattfanden, das von Wladimir Putin ausgerichtet wurde, dürfte den Imageschaden für den Kreml zusätzlich vergrößern. Der langjährige CNN-Korrespondent Fred Pleitgen sprach deshalb von einer zunehmenden Belastung für das Putin-Regime: „Das ist schon ein Schlag ins Kontor – vor allem, weil die Russen ja eigentlich gewarnt sind. Also die haben ja ihre Luftabwehr, die gerade um Moskau enorm stark zu sein schien. Aber selbst die konnte das nicht verhindern.“ Jahrelang präsentierte sich Russland als militärische Großmacht mit nahezu undurchdringlicher Luftabwehr.
Pleitgen sieht die Lage insgesamt kritisch für die russische Führung. „Die großflächigen Drohnenangriffe der Ukrainer machen den Russen enorm zu schaffen“, sagte er im Gespräch mit Paul Ronzheimer (Podcast Ronzheimer). Die Kriegskosten steigen weiter, die Wirtschaft steht unter Druck und die Inflation belastet viele Haushalte. „Das schwächt das Vertrauen in die Regierung Putin. Die Probleme sind für Wladimir Putin noch größer geworden.“ Ohne einen grundlegenden Strategiewechsel sehe er derzeit nicht, „wie die ihre Ziele in nächster Zeit erreichen wollen.“
Pleitgen verwies zudem auf die demografischen Grenzen der russischen Kriegführung. „Russland ist, was die Bevölkerungszahl angeht, nicht mehr die Sowjetunion. Und man kann sich mittlerweile nur noch in einem gewissen Umfang leisten, jeden Monat so viele Soldaten zu verlieren.“ An der Front ist kein Ende in Sicht. Es ist wirtschaftlich immer schwieriger. Die Inflation wird auch immer höher, die Arbeitslosigkeit wird höher. Gleichzeitig gelingt es Russland trotz hoher Verluste bislang nicht, seine strategischen Ziele in der Ukraine entscheidend zu erreichen.
Pleitgen sieht derzeit zwar keine akute Gefahr für Putins Macht, aber eine Stimmung, die kippen könnte. „Aber es ist schon eine gewisse Hoffnungslosigkeit, die sich jetzt breitmacht.“ Russland führt den Krieg, den Russland vor mehr als vier Jahren gegen die Ukraine begonnen hat, mit enormem Aufwand weiter – doch die Verwundbarkeit im eigenen Hinterland wächst. Der Bericht wurde aus Moskau von Jo Angerer verfasst (19.6.2026).
Fragen & Antworten
Was ist über den Drohnenangriff auf Moskau vom 19. Juni 2026 bekannt?
Nach russischen Angaben schickte die Ukraine in der Nacht auf Donnerstag insgesamt 555 Drohnen Richtung russisches Staatsgebiet; Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin sprach von rund 180 abgefangenen Flugobjekten über der Stadt, mehrere Einschläge verursachten dennoch Brände.
Welche Ziele wurden in Moskau getroffen?
Besonders betroffen war die Kapotnja-Raffinerie im Südosten der Hauptstadt, eine der wichtigsten Treibstoffquellen für den Großraum Moskau; zudem wurden zwei Einkaufszentren beschädigt und in der Stadt Schukowski ein Wohnhaus getroffen.
Warum geht die Rede von einem russischen Fehlschlag?
Auf sozialen Medien kursierende Videoaufnahmen zeigen nach Darstellung mehrerer Militärbeobachter plausibel, wie eine russische Flugabwehrrakete eine ukrainische Drohne verfehlt und auf dem Gelände der Raffinerie einschlägt; eine unabhängige Bestätigung der Aufnahmen steht bislang aus.