Wien/Chongqing, 06. Juli 2026

Eine überwiegend chinesische Forschungsgruppe unter Leitung von Yuanyuan Du von der Universitätsklinik Chongqing hat im Fachjournal "The Lancet Obstetrics, Gynaecology, & Women's Health" dargelegt, dass die Zahl der Frauen mit Unfruchtbarkeitsdiagnosen weltweit zwischen 1990 und 2023 von etwa 27 auf fast 54 Millionen gestiegen ist.

Für die Studie hatte das Team um Yuanyuan Du von der Universitätsklinik Chongqing über eine Suche in Fachliteratur und Datenbanken Angaben aus 204 Ländern und Regionen von 1990 bis 2023 ausgewertet. Im Jahr 2023 waren geschätzt rund 54 Millionen Frauen im Alter von 35 bis 49 Jahren von Unfruchtbarkeit betroffen.

In dieser Gruppe hätten die Diagnosen von Unfruchtbarkeit zwischen 1990 bis 2023 weltweit deutlich zugenommen, schreibt die Gruppe: von rund 27 Millionen auf fast 54 Millionen. Bis zum Jahr 2036 könnten es rund 80 Millionen werden, wie ein überwiegend chinesisches Forschungsteam im Fachjournal "The Lancet Obstetrics, Gynaecology, & Women's Health" berechnet.

Globale Trends: Anstieg in 204 Ländern

Eine Ursache sehen die Forschenden darin, dass viele Frauen erst in deutlich höherem Alter als früher Kinder bekommen möchten – und es dann wegen altersbedingter Unfruchtbarkeit nicht mit einer Schwangerschaft klappt. Weltweit hätten etwa acht bis zwölf Prozent der Paare Fruchtbarkeitsprobleme, heißt es in der Studie.

Vor allem wohlhabendere Länder seien betroffen, in denen Frauen im Mittel später Kinder bekommen. Éva Beaujouan von der Universität Wien erklärte, Menschen bekämen Kinder in höherem Alter aufgrund längerer Studienzeiten, wirtschaftlicher Unsicherheit und Jugendarbeitslosigkeit.

Einordnung aus Österreich

Wie präzise die präsentierten Werte tatsächlich seien, lasse sich nur schwer beurteilen, weil Methodik und insbesondere die Hochrechnung nicht ausreichend beschrieben seien, so die Professorin für Demografie, die selbst nicht an der Studie beteiligt war. Zweifel habe sie unter anderem an den Daten aus Österreich, die viel zu hoch wirkten.

Einfluss hätten auch Faktoren wie die höhere Lebenserwartung und Veränderungen bei Werten und Einstellungen, sagte Beaujouan weiter. Sie betonte zugleich die politische Dimension des Problems: Ein Staat müsse dafür ausreichend in verlässliche Kinderbetreuung und unterstützende Infrastruktur investieren, "sodass jede Person, die Kinder haben möchte, dies in dem von ihr gewünschten Alter tun kann".

Beda Hartmann von der Sigmund Freud Privatuniversität Wien erläuterte die biologischen Hintergründe. Ab einem Alter von 35 Jahren nähmen die Eizellreserve und die Qualität der Eizellen deutlich ab, sagte die Expertin. Im Zuge dessen sinke die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft.

Biologische Ursachen und Social Egg Freezing

Hartmann ergänzte, der Erfolg einer Schwangerschaft sei maßgeblich abhängig vom Alter der Eizelle. "Der Erfolg einer Schwangerschaft ist maßgeblich abhängig vom Alter der Eizelle", sagte sie wörtlich. Daher rate sie, sich frühzeitig mit der eigenen Fruchtbarkeit auseinanderzusetzen.

Vor diesem Hintergrund erwartet Hartmann in den kommenden Jahren eine steigende Nachfrage nach sogenanntem Social Egg Freezing. Darunter versteht man das vorsorgliche Einfrieren unbefruchteter Eizellen für eine Schwangerschaft zu einem späteren Zeitpunkt. Zu empfehlen sei, die Eizellen bereits mit 25 Jahren einzufrieren.

Allerdings ist Social Egg Freezing mit hohen Kosten, gesundheitlichen Risiken und einer begrenzten Erfolgswahrscheinlichkeit verbunden. Fachleute betonen, dass die Methode keine Garantie für eine spätere Schwangerschaft bietet und zudem nicht in allen Ländern zugänglich oder finanzierbar ist.

Politische Forderungen und Methodenkritik

Die Studienautorinnen und -autoren sehen die Ergebnisse als Warnsignal. Sie fordern bessere Aufklärung über Fruchtbarkeit, einen leichteren Zugang zu reproduktionsmedizinischer Versorgung und familienpolitische Maßnahmen, die es erleichtern, Kinder in jüngeren Jahren zu bekommen.

Dazu zählen aus Sicht der Forschung bezahlbare Kinderbetreuung, finanzielle Sicherheit für junge Familien und eine Arbeitswelt, die Elternschaft nicht bestraft. Auch Beaujouan verwies auf diese strukturellen Ursachen und auf den Einfluss veränderter Lebensentwürfe.

Die Studie selbst enthält nach Angaben von Beaujouan methodische Schwächen, die eine seriöse Einordnung der genauen Zahlen erschweren. Gleichzeitig liefert sie nach Einschätzung mehrerer Fachleute ein bislang einmaliges Gesamtbild der globalen Entwicklung seit 1990.

Das Science Media Center, das die Einschätzungen von Beaujouan und Hartmann eingeholt hatte, wies darauf hin, dass die Ergebnisse in mehreren Punkten weiter erforscht werden müssten. Dazu gehörten genauere Daten zur Verbreitung von Fruchtbarkeitsstörungen sowie zur Wirksamkeit politischer Gegenmaßnahmen.

Insgesamt zeichnet die Studie das Bild einer globalen gesellschaftlichen Herausforderung: Immer mehr Frauen können erst in einem Alter Kinder bekommen, in dem die biologische Fruchtbarkeit bereits sinkt. Ohne verlässliche Kinderbetreuung und bessere Rahmenbedingungen drohe sich der Trend bis 2036 weiter zu verschärfen.

Die Originalmitteilung wurde über den dpa-Newskanal verbreitet. Das ist eine Nachricht direkt aus dem dpa-Newskanal. Eine Reaktion der beteiligten Universitäten oder von politischer Seite lag zunächst nicht vor.