Sechs Frauen werfen früherem Elite-Modelagenturchef Gérald Marie Vergewaltigung vor
Paris, 16. Juli 2026
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Kurzfassung
Sechs Frauen haben in Paris Strafanzeige gegen den früheren Chef der Modelagentur Elite in Europa, Gérald Marie, erstattet und werfen ihm Vergewaltigung vor. Die Pariser Staatsanwaltschaft prüft nun, ob ein 2023 wegen Verjährung eingestelltes Verfahren neu aufgerollt wird.
Sechs Frauen im Alter von etwa 45 bis 60 Jahren haben bei der Pariser Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen den früheren Europa-Chef der Modelagentur Elite, Gérald Marie, erstattet und ihm Vergewaltigung sowie Menschenhandel vorgeworfen.
Hintergrund der Vorwürfe
Die Vorwürfe wurden am Mittwoch in Paris bekannt. Die Frauen werfen dem früheren Modelagenturchef sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen vor, die sich nach ihren Angaben über einen Zeitraum von mehreren Jahren ereignet haben sollen. Wie die Anwältin der Frauen, Mathias Darmon, mitteilte, sind die Beschwerdeführerinnen nach ihren Angaben etwa 45 bis 60 Jahre alt, die meisten von ihnen sind US-Bürgerinnen.
Den neuen Anzeigen war eine Strafanzeige des früheren US-Topmodels Carré Otis vom 5. vorausgegangen. Otis zählte in den 1990er Jahren neben Naomi Campbell, Cindy Crawford und Claudia Schiffer zu den erfolgreichsten Models der Welt. Otis hatte Marie ebenfalls Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch vorgeworfen, wie aus Justizkreisen verlautete.
Bereits im März hatten 15 Frauen öffentlich Ermittlungen zu mutmaßlichen Verbindungen zwischen Marie und dem verstorbenen US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gefordert. Darunter befand sich auch die frühere BBC-Journalistin Lisa Brinkworth, die 57 Jahre alt ist und angibt, Mitte der 1980er Jahre im Alter von 17 Jahren von Marie vergewaltigt und zum Opfer von Menschenhandel gemacht worden zu sein.
Verjährung als juristischer Kernpunkt
Brinkworth gehört damit zu den Frauen, deren Anzeigen schon zuvor bei der Justiz lagen. Die Pariser Staatsanwaltschaft hatte nach Brinkworths Anzeige bereits 2023 ein Verfahren gegen Marie wegen Verjährung eingestellt. Einige der Frauen hatten laut Darmon bereits 2020 oder 2021 Anzeige erstattet, andere wandten sich nun erstmals an die Justiz.
Marie leitete 25 Jahre lang das Europageschäft von Elite. Die Agentur gehört zu den traditionsreichsten Modelagenturen der Welt und prägte über Jahrzehnte die internationale Modebranche. Über die Plattform Elite wurden in den 1980er und 1990er Jahren zahlreiche bekannte Models vermittelt.
In Frankreich gilt für Vergewaltigungen eine Verjährungsfrist von 20 Jahren ab Vollendung des 18. Lebensjahrs der Betroffenen. Damit wären Taten aus den 1980er Jahren rein rechtlich nicht mehr verfolgbar. Die Anwältin Darmon vertritt jedoch die Auffassung, dass einzelne Tatvorwürfe auch in jüngere Zeiträume fallen könnten und damit nicht zwingend verjährt seien.
Maries Anwältin Céline Bekerman erklärte auf Anfrage von AFP, ihr Mandant bestreite die Vorwürfe "kategorisch". Sie kündigte an, dass Marie sich zu einem späteren Zeitpunkt umfassend äußern werde. Marie selbst hat sich bislang nicht persönlich zu den Vorwürfen geäußert.
Reaktionen und Kritik
Die Pariser Staatsanwaltschaft bestätigte den Eingang der neuen Anzeigen. Eine Sprecherin erklärte, die Vorwürfe würden nun im Hinblick auf mögliche Ermittlungen geprüft. Es gebe jedoch keinen Grund, das wegen Verjährung eingestellte Verfahren fast 40 Jahre nach den mutmaßlichen Taten wieder aufzurollen, hieß es aus Justizkreisen.
Die Anwältin Darmon kritisierte diese Haltung scharf. Sie sprach von einem Versagen der Justiz und verwies darauf, dass die Frauen jahrzehntelang geschwiegen hätten, weil sie sich schämten oder Repressalien befürchteten. Erst die öffentliche Debatte um den Fall Epstein habe vielen Betroffenen den Mut gegeben, Anzeige zu erstatten.
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Strukturen in der Modebranche der 1980er und 1990er Jahre. In dieser Zeit hatten mächtige Agenturchefs wie Marie nahezu uneingeschränkten Einfluss auf die Karrieren junger Models. Kritiker werfen der Branche seit langem vor, sexuelle Übergriffe systematisch gedeckt und Betroffene zum Schweigen gebracht zu haben.
Strukturelle Defizite in der Modebranche
Internationale Vergleiche zeigen, dass die Verjährungsfristen für Sexualstraftaten in mehreren Ländern in den vergangenen Jahren verlängert oder ganz aufgehoben wurden. In Frankreich selbst hatte die Regierung im Zuge der MeToo-Bewegung Reformen angekündigt, die unter anderem die Stellung von Verjährungsfristen betreffen.
Die Entwicklungen in Paris werden auch in den USA und Großbritannien mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Dort laufen ebenfalls Zivilverfahren gegen Marie, in denen Betroffene Schadenersatz fordern. Die nun eingereichten Strafanzeigen in Frankreich könnten diese Verfahren beeinflussen.
Brinkworth, die als 17-Jährige nach Paris gekommen war, um eine Modelkarriere zu starten, schilderte in einem Interview, wie sie nach ihrer Ankunft in ein Netzwerk aus Ausbeutung und sexuellem Missbrauch geraten sei. Sie wirft Marie vor, sie in diese Strukturen hineingezogen zu haben.
Auswirkungen auf laufende Verfahren
Mehrere der betroffenen Frauen haben in den vergangenen Monaten ihre Identität öffentlich gemacht und in Medien ausführlich über ihre Erlebnisse berichtet. Sie schlossen sich zu einer Gruppe zusammen, die gemeinsam juristische Schritte einleitet und sich gegenseitig unterstützt.
Die Staatsanwaltschaft kündigte an, die eingegangenen Anzeigen sorgfältig zu prüfen und dabei auch mögliche Verbindungen zu anderen Fällen zu untersuchen. Eine Entscheidung darüber, ob neue Ermittlungen aufgenommen werden, wurde für die kommenden Wochen erwartet.
Parallel zu den juristischen Verfahren hat die Modebranche selbst begonnen, ihre Strukturen kritisch zu hinterfragen. Mehrere große Modelagenturen haben in den vergangenen Jahren Ethikrichtlinien eingeführt und unabhängige Beschwerdestellen eingerichtet. Beobachter sehen darin eine direkte Folge der öffentlichen Debatte über Machtmissbrauch in der Branche.
Konsequenzen für die Branche
Die Anwältin Darmon kündigte an, sie werde auch weiterhin öffentlich für die Interessen ihrer Mandantinnen eintreten und notfalls bis vor internationale Gerichte ziehen. Sie bezeichnete den Fall als eine der größten Herausforderungen für die französische Justiz in den kommenden Jahren.
Sollte die Staatsanwaltschaft tatsächlich neue Ermittlungen aufnehmen, wäre dies ein außergewöhnlicher Schritt. Denn in der Regel werden in Frankreich einmal wegen Verjährung eingestellte Verfahren nicht erneut aufgegriffen. Der Ausgang der Prüfung gilt als ungewiss.
Fragen & Antworten
Wer ist Gérald Marie und welche Rolle hatte er bei Elite?
Gérald Marie leitete 25 Jahre lang das Europageschäft der traditionsreichen Modelagentur Elite. In dieser Zeit prägte er maßgeblich die Karrieren zahlreicher internationaler Models.
Warum hat die Pariser Staatsanwaltschaft das Verfahren 2023 eingestellt?
Die Pariser Staatsanwaltschaft hatte nach einer Anzeige der früheren BBC-Journalistin Lisa Brinkworth bereits 2023 ein Verfahren gegen Marie wegen Verjährung eingestellt. Sechs Frauen haben nun neue Anzeigen erstattet, deren Prüfung noch aussteht.
Welche Bedeutung hat der Fall für die Modebranche?
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf Machtstrukturen in der Modebranche der 1980er und 1990er Jahre. Mehrere große Agenturen haben inzwischen Ethikrichtlinien und unabhängige Beschwerdestellen eingeführt.
Vergewaltigungsvorwürfe gegen Ex-Elite-Chef Marie: sechs | finanz360