Schweiz stimmt über SVP-Initiative gegen Zuwanderung ab: Was die «10-Millionen-Schweiz» bedeutet
Bern, 13. Juni 2026
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Kurzfassung
Die Schweiz stimmt am Sonntag über die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» ab, die die Einwohnerzahl bis 2050 auf unter 10 Millionen begrenzen soll. Aktuelle Umfragen sehen eine Mehrheit von 52 Prozent gegen die Initiative, doch das Rennen gilt als offen.
Die Schweizer Stimmberechtigten entscheiden am 14. Juni 2026 über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», mit der die nationalkonservative SVP die ständige Wohnbevölkerung bis 2050 auf unter zehn Millionen begrenzen will.
Die Initiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP) zielt darauf, die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2050 unter der Marke von zehn Millionen zu halten. Ende 2025 lebten rund 9,1 Millionen Menschen in der Schweiz, vor allem durch Zuwanderung aus der EU ist die Bevölkerung seit Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 um etwa 1,7 Millionen gewachsen. Die größten ausländischen Gruppen sind Italiener (15 Prozent), Deutsche (14 Prozent), Portugiesen (11 Prozent) und Franzosen (8 Prozent). Insgesamt haben rund 27 Prozent der in der Schweiz lebenden Personen keinen Schweizer Pass, etwa 28 Prozent der dort lebenden Menschen sind ausländische Staatsangehörige.
Sollte die 10-Millionen-Marke vor 2050 überschritten werden, müsste die Schweizer Regierung internationale Verträge kündigen, die im Zusammenhang mit Migration stehen – als letzte Option auch die Personenfreizügigkeit mit der EU. Ab 9,5 Millionen Einwohnern wären Bundesrat und Parlament zudem verpflichtet, im Asylbereich und beim Familiennachzug einzugreifen. Die Zahl von 9,5 Millionen könnte laut Statistik bereits 2031 erreicht werden.
Argumente der Befürworter
Die Befürworter der Initiative bezeichnen die Abstimmung als «Nachhaltigkeitsinitiative». Sie argumentieren, die Zuwanderung führe zu «Dichtestress», Wohnungsnot, einer zubetonierten Landschaft, Stau und überfüllten Zügen. Auf Aufklebern in den Nationalfarben der Schweiz wirbt die Initiative mit dem Slogan «Bewahren, was wir lieben». Ein SVP-Vertreter bringt die Sorge auf den Punkt: «Die Problematik ist, dass wir an unsere Grenzen kommen.»
Gegner sehen in der Initiative ein wirtschaftliches Risiko. Im Gastgewerbe kommen 46 Prozent der Beschäftigten aus dem Ausland, im Baugewerbe 34 Prozent – Grenzgänger nicht mitgerechnet. Mehr als 400.000 Grenzgänger pendeln in die Schweiz, über die Hälfte von ihnen aus Frankreich. Mattea Meyer, Co-Präsidentin der Sozialdemokratischen Partei (SP), warnt vor «dramatischen Folgen» der Initiative und spricht von einer «menschenverachtenden Politik» der SVP.
Aktuelle Umfragen und Stimmung
Eine im Mai veröffentlichte Umfrage der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft sah zunächst ein Patt zwischen Befürwortern und Gegnern. Eine zweite Umfrage von Anfang Juni sieht nun jedoch eine Mehrheit gegen die Initiative: 52 Prozent der Schweizer wollen demnach mit Nein stimmen, 45 Prozent mit Ja. Das Rennen gilt dennoch als offen.
Wohnungsnot als Treiber der Debatte
Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung beschäftigt die Schweiz die Wohnungsnot. In 15 Kantonen lagen die Leerwohnungsziffern 2025 unter 1 Prozent, teilweise deutlich. Michael Furger, Leiter Kommunikation beim Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), erklärt: «Das grösste Hindernis beim Wohnungsbau sind Einsprachen und nicht, dass zu wenig Bauland verfügbar wäre.» In urbanen Regionen seien die Leerwohnungsziffern «seit Jahrzehnten deutlich unter 1 Prozent». So verfüge etwa die Stadt Zürich über mehr als 100 Hektaren freies Bauland.
Seit 2013 verfolgt der Bund die Strategie, mehr Wohnraum innerhalb bestehender Siedlungen zu schaffen und nicht auf der grünen Wiese. Damals sprach sich das Volk für das teilrevidierte Raumplanungsgesetz aus. FDP-Ständerat Damian Müller will im Raumplanungsgesetz «gezielt nachjustieren»: Neueinzonungen sollen dort wieder möglich werden, wo Regionen zwei Jahre lang eine Leerwohnungsziffer von unter einem Prozent verzeichnen und keine Besserung in Sicht ist. In den neu eingezonten Flächen soll ein Anteil von bis zu 30 Prozent preisgünstiger Wohnungen entstehen.
Politische Vorstösse im Parlament
Jakob Stark, SVP-Ständerat, unterstützte das Raumplanungsgesetz 2013 noch, sagt aber heute: «Man hat es übertrieben.» Er fordert zusätzlich eine «Bauoffensive in die Höhe», um Kulturland zu sparen: «Wir brauchen hohe Häuser.» Ständeräte aus allen grossen Parteien haben die Motion unterzeichnet, so auch der SP-Politiker Pierre-Yves Maillard, der den Vorschlag als Kompromiss wertet: «Die Motion sollte verbessert werden. Doch wenn das Bedürfnis nach gemeinnützigen Wohnungen in der FDP anerkannt scheint, kann man ihr eine Chance geben.»
Nachdem der Ständerat das Vorhaben begrüsst hat, muss nun der Nationalrat darüber beraten. Die kleine Kammer hat die Motion zwar besprochen, jedoch zur Beratung an die zuständige Kommission überwiesen – in der auch Stark sitzt. Der Bundesrat lehnt die Motion ab.
Ausblick: Nationalrat und Vernehmlassung
Parallel arbeitet das ARE bis Ende 2026 eine Vernehmlassungsvorlage aus, in der Massnahmen gegen missbräuchliche Einsprachen geprüft werden. Bereits 2023 hatten Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger und Mitte-Nationalrat Leo Müller vom Bundesrat verlangt zu prüfen, ob missbräuchliche Einsprachen kostenpflichtig werden könnten. Gmür-Schönenberger doppelte im September vergangenen Jahres mit einer Motion nach und fordert eine entsprechende Gesetzesanpassung. Der Bund prüft zudem mehrere Massnahmen, um Planungs- und Baubewilligungsverfahren zu beschleunigen – etwa indem gewisse Siedlungsprojekte zu Projekten von nationalem Interesse erklärt werden.
Auch auf Gemeindeebene formiert sich Widerstand gegen die aktuelle Praxis. Beispielsweise hat sich die Bevölkerung von Kriens im Frühling dieses Jahres dafür ausgesprochen, ein Einzonungsmoratorium für ein bestimmtes Gebiet zu verhängen. Die räumliche Planung bleibt dabei primär Sache der Kantone, die festlegen, wo verdichtet wird; die Gemeinden sind anschliessend eingebunden. Derzeit sind die Kantone verpflichtet, ihre Bauzonen so zu bestimmen, dass sie über genügend Bauland für die nächsten fünfzehn Jahre verfügen.
Mit der Volksabstimmung am 14. Juni fällt eine Vorentscheidung mit weitreichenden Folgen für die Migrations-, Wohnbau- und Aussenpolitik der Schweiz. Während Befürworter die Initiative als Beitrag zur Lebensqualität und Nachhaltigkeit verstehen, sehen Kritiker darin einen Bruch mit der bilateralen Linie gegenüber der EU und eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort.
Fragen & Antworten
Worum geht es bei der Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!»?
Die SVP-Initiative will die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2050 auf unter zehn Millionen begrenzen und nötigenfalls internationale Verträge zur Migration kündigen, darunter als letzte Option die Personenfreizügigkeit mit der EU.
Wie ist die aktuelle Stimmung in der Schweiz vor der Abstimmung?
Eine Umfrage von Anfang Juni 2026 sieht 52 Prozent der Stimmberechtigten bei Nein und 45 Prozent bei Ja, nachdem eine Mai-Umfrage noch ein Patt zwischen Befürwortern und Gegnern gezeigt hatte.
Welche Folgen hätte ein Ja für den Asylbereich?
Ab 9,5 Millionen Einwohnern müssten Bundesrat und Parlament im Asylbereich und beim Familiennachzug eingreifen; diese Marke könnte laut Statistik bereits 2031 erreicht werden.