Ryanair-Chef O'Leary: Fenster-Schaden an Boeing 737 wohl durch Fremdkörper verursacht
Dublin, 20. Juli 2026
Michael Oldfield / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Nach dem schweren Zwischenfall an Bord einer Boeing 737 von Ryanair am 10. Juli hat Airline-Chef Michael O'Leary erste Untersuchungsergebnisse vorgelegt. Demnach deutet vieles auf einen Fremdkörperschaden am Triebwerk hin, während Alter und Wartung der Maschine als Ursache ausscheiden.
Der Chef der irischen Fluggesellschaft Ryanair, Michael O'Leary, hat am Montag bei der Vorlage von Quartalszahlen erklärt, dass ein am 10. Juli an Bord einer Boeing 737 aufgetretener Kabinenschaden vermutlich durch einen Fremdkörper beim Start in Thessaloniki verursacht wurde.
Erste Erkenntnisse aus der Untersuchung
Die ersten Anzeichen deuteten auf einen Fremdkörperschaden am Triebwerk beim Start in Thessaloniki hin, sagte O'Leary vor Analysten. Wörtlich erklärte er: "Die ersten Anzeichen deuten auf einen Fremdkörperschaden am Triebwerk beim Start in Thessaloniki hin, aber wir können das noch nicht definitiv sagen". Eine erste Untersuchung habe ergeben, dass weder das Alter noch der Wartungszustand der betroffenen Maschine für den Vorfall verantwortlich seien, so der Ryanair-Chef weiter.
Bei dem Vorfall auf einem Flug nach Memmingen kurz nach dem Start im griechischen Thessaloniki war ein Teil des Triebwerks abgebrochen und hatte das Fenster zertrümmert. Durch den Druckverlust wurde ein Passagier teilweise aus dem zerbrochenen Kabinenfenster gesaugt. Die Maschine musste daraufhin notlanden. Über den Gesundheitszustand der betroffenen Person wurde in den Ryanair-Angaben am Montag keine aktualisierte Erklärung abgegeben.
Was am 10. Juli geschah
Das betroffene Flugzeug ist nach Angaben von O'Leary eine Boeing 737, die 18 Jahre alt ist. Das Triebwerk sei in den vergangenen zwei Jahren vollständig gewartet und überholt worden. Damit schloss der Manager zwei Erklärungsansätze aus, die in der öffentlichen Debatte um Flugzeugzwischenfälle häufig eine Rolle spielen: technische Ermüdung durch hohes Alter sowie eine unzureichende Instandhaltung.
O'Leary verwies zugleich darauf, dass eine Bestätigung der Fremdkörper-Ursache die Haftung von Boeing und Ryanair verringern würde. Der irische Billigflieger gehört zu den größten Bestellern von Boeing-Flugzeugen in Europa und ist damit unmittelbar von möglichen Konstruktions- oder Herstellungsfragen betroffen, die parallel zu der laufenden Untersuchung geprüft werden.
Rolle der US-Behörde NTSB
Die für Boeing zuständige US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB untersucht den Vorfall. Die NTSB ist die nationale Behörde der Vereinigten Staaten für die Untersuchung von Unfällen im Luft-, Straßen- und Schienenverkehr sowie in der Seefahrt und ist damit international auch für Vorfälle mit US-amerikanischen Flugzeugtypen zuständig. Ein erster Berichtsentwurf soll in etwa 28 Tagen vorliegen.
Bis zum Vorliegen dieses Entwurfs bleibt die genaue Ursache offiziell unbestätigt. Ryanair betonte, der Vorfall werde weiter untersucht. O'Leary sprach von vorläufigen Erkenntnissen und warnte davor, aus den ersten Indizien bereits endgültige Schlüsse zu ziehen. Die endgültige Einordnung bleibt damit den Behörden vorbehalten.
Der Zwischenfall hatte unmittelbar nach dem 10. Juli für Aufsehen gesorgt, weil Videoaufnahmen aus der Kabine die dramatischen Sekunden des Druckabfalls dokumentierten. Solche Szenen sind in der zivilen Luftfahrt selten, da Kabinenfenster mehrfach gesichert sind und ein Herauslösen eines Passagierteils durch ein zerbrechendes Fenster eine Ausnahme darstellt.
Ryanair und Boeing im Fokus
Ryanair gehört zu den größten europäischen Billigfluggesellschaften und betreibt eine Flotte, die überwiegend aus Boeing 737-Modellen besteht. Nach den wiederholten Produktionsproblemen bei Boeing in den vergangenen Jahren, unter anderem bei der 737-MAX-Reihe, stehen Zwischenfälle mit Flugzeugen des Herstellers besonders im Fokus der Öffentlichkeit. Eine Verbindung zu früheren Vorfällen ist nach derzeitigem Stand jedoch nicht belegt.
O'Leary nutzte die Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen zugleich, um die operative Performance der Airline darzustellen. Ryanair hatte in den zurückliegenden Quartalen steigende Passagierzahlen gemeldet. Der Manager versuchte, die finanziellen Rahmenbedingungen des Unternehmens von dem laufenden Zwischenfall zu trennen, wies aber zugleich auf die Bedeutung einer raschen Klärung der Ursache hin.
Für die betroffenen Passagiere und die Besatzung des Fluges nach Memmingen dürfte die Aufarbeitung des Erlebten noch andauern. Notlandungen mit Druckverlust gelten in der Luftfahrt als äußerst kritische Ereignisse, da der plötzliche Höhenunterschied zwischen Kabinendruck und Außendruck zu Verletzungen führen kann. Die Fluggesellschaft äußerte sich am Montag nicht im Detail zu Entschädigungen oder betroffenen Kunden.
Fremdkörper auf Flughäfen
Die Branche beobachtet den Fall auch mit Blick auf die Frage, welche Rolle Fremdkörper auf Flughäfen spielen. Als Fremdkörperschaden, im Fachjargon "Foreign Object Debris" (FOD) genannt, werden Schäden durch Gegenstände bezeichnet, die auf Start- und Landebahnen, Rollwegen oder Vorfeldern liegen bleiben und von Triebwerken angesaugt werden. Flughafenbetreiber unterhalten deshalb eigene Programme zur regelmäßigen Kontrolle der Bewegungsflächen.
O'Leary erklärte nicht, um welche Art von Fremdkörper es sich handeln könnte. Auch zum konkreten Ablauf der Notlandung, etwa zum genauen Zielort und zur Dauer des Vorfalls, gab er am Montag keine weiteren Details bekannt. Diese Punkte bleiben dem offiziellen Untersuchungsbericht vorbehalten.
Die NTSB arbeitet bei der Untersuchung nach eigenen Angaben mit den griechischen Behörden zusammen, da der Start in Thessaloniki erfolgte. Üblich ist bei solchen Vorfällen auch eine Abstimmung mit der europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA, die für den Betrieb der Maschine im europäischen Luftraum zuständig ist. Welche Stellen letztlich den Abschlussbericht veröffentlichen, hängt vom Ausgang der Ermittlungen ab.
Ausblick auf den Berichtsentwurf
Ryanair kündigte an, über weitere Erkenntnisse zu informieren, sobald der Berichtsentwurf vorliege. Bis dahin gilt der Vorfall als nicht vollständig aufgeklärt. Die Airline betonte, die Sicherheit der Passagiere habe für das Unternehmen oberste Priorität, und verwies auf die bestehenden Wartungs- und Sicherheitsverfahren.
Die Folgen für den Flugbetrieb von Ryanair hielten sich nach Angaben des Unternehmens am Montag in Grenzen. Die betroffene Maschine wurde aus dem Verkehr gezogen, der übrige Flugplan werde mit anderen Flugzeugen der Flotte abgewickelt, hieß es. Buchungen für die Strecke Thessaloniki-Memmingen seien weiterhin möglich.
Insgesamt verdeutlicht der Fall die Sensibilität des Themas Flugzeugsicherheit. Selbst ein einzelner Vorfall, bei dem niemand dauerhaft zu Schaden kam, kann das Vertrauen in eine Airline und einen Flugzeughersteller kurzfristig beeinträchtigen. Die kommenden Wochen bis zur Veröffentlichung des ersten Berichtsentwurfs werden zeigen, ob die vorläufige Einschätzung O'Learys bestätigt wird oder ob neue Aspekte hinzukommen.
Der Vorfall fällt in eine Zeit, in der die zivile Luftfahrt insgesamt mit steigenden Passagierzahlen und einer hohen Auslastung der Flotten zu kämpfen hat. Engpässe bei Flugzeugherstellern, insbesondere bei Boeing, haben in den vergangenen Jahren zu Lieferverzögerungen geführt. Eine Häufung technischer Vorfälle könnte diese Probleme zusätzlich verschärfen, weshalb der Fall über Ryanair hinaus auch für die Branche insgesamt von Bedeutung ist.
Fragen & Antworten
Was sagt Ryanair-Chef O'Leary zur Ursache des Vorfalls?
O'Leary erklärte am Montag bei der Vorlage der Quartalszahlen, die ersten Anzeichen deuteten auf einen Fremdkörperschaden am Triebwerk beim Start in Thessaloniki hin, eine definitive Aussage sei aber noch nicht möglich.
Welche Rolle spielt die NTSB bei der Untersuchung?
Die für Boeing zuständige US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB untersucht den Vorfall, da es sich um ein Flugzeug des US-Herstellers handelt. Ein erster Berichtsentwurf soll in etwa 28 Tagen vorliegen.
Was geschah am 10. Juli an Bord der Boeing 737?
Beim Start in Thessaloniki auf einem Flug nach Memmingen brach ein Teil des Triebwerks ab und zertrümmerte das Kabinenfenster, die Maschine erlitt einen Druckverlust und musste notlanden.
Ryanair Boeing 737: O'Leary nennt Fremdkörper als Ursache | finanz360