Kiew, 02 Juli 2026
In der Nacht auf Donnerstag hat Russland die Ukraine mit fast 500 Drohnen sowie Dutzenden Marschflugkörpern und Raketen angegriffen, wobei in Kiew mindestens 13 Menschen getötet und 86 weitere verletzt wurden.
Was ist neu seit dem 2. Juli 2026
Update vom 2. Juli 2026: Zum ersten Mal liegt nun die offizielle Opferbilanz der ukrainischen Hauptstadt vor. Zudem veröffentlichte die US-Denkfabrik CSIS einen neuen Bericht zu den Gesamtverlusten des russischen und ukrainischen Militärs seit Februar 2022.
In der Nacht auf Donnerstag hat Russland die Ukraine mit einer beispiellosen Wucht angegriffen. Nach Angaben des Nachrichtenportals "The Kyiv Independent" setzte die russische Seite fast 500 Drohnen sowie Dutzende Marschflugkörpern und Raketen ein. Der Angriff erfolgte in mehreren Wellen und traf mehrere ukrainische Städte gleichzeitig. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko schrieb auf Telegram, "die ganze Stadt" werde angegriffen. Reporter des Portals meldeten "unglaublich laute Explosionen", die selbst in tief unter der Erde gelegenen Luftschutzbunkern deutlich zu hören gewesen seien.
Schwerpunkt Kiew: 13 Tote und 86 Verletzte
Die ukrainische Hauptstadt Kiew war am schwersten betroffen. Nach Behördenangaben starben dort mindestens 13 Menschen, 86 weitere wurden verletzt. Der Militärgouverneur der Region Kiew, Tymur Tkatschenko, sprach von mindestens 56 Geschädigten, darunter zwei Kinder; Militärgouverneur Oleh Kiper meldete zudem 13 Verletzte. Nach den Einschlägen am Abend wurde demnach auch am frühen Morgen wieder Luftalarm ausgelöst. Verängstigte Bewohner Kiews suchten in U-Bahn-Stationen Zuflucht; viele hätten dort Zelte aufgeschlagen, um die Nacht vor Luftangriffen geschützt unter der Erde zu verbringen.
Auch andere Städte der Ukraine wurden Ziel der Angriffe. Berichten zufolge gab es Luftalarm und Explosionen in Saporischschja und Pawlohrad im Südosten sowie in Sumy und Charkiw im Nordosten des Landes. Mehrstöckige Gebäude – darunter ein Hotel – seien in Flammen aufgegangen, einige Wohnhäuser komplett zerstört worden, berichtete das Nachrichtenportal "The Kyiv Independent". Im Bericht des Portals war von einer der heftigsten Angriffswellen seit Kriegsbeginn die Rede.
Angriffe auch auf Saporischschja, Pawlohrad, Sumy und Charkiw
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Mittwoch in Dublin vor einem bevorstehenden Großangriff gewarnt. Er sprach am Rande einer Zeremonie zum Wechsel der EU-Ratspräsidentschaft in Irland und sagte: "Alle ein, zwei Wochen gibt es heftige Attacken mit Hunderten Drohnen und Dutzenden Raketen, und heute gibt es die unangenehme Information über die nächste Vorbereitung eines solchen massiven russischen Angriffs." Wegen der Warnung habe er seinen Aufenthalt in der irischen Hauptstadt Dublin verkürzt, die er zum Beginn der sechsmonatigen EU-Ratspräsidentschaft Irlands besucht hatte.
Nach dem Angriff äußerte sich Selenskyj erneut und sprach von mindestens 13 Toten und mehr als 90 Verletzten. Wegen der erhöhten Gefahr gab das Energieunternehmen Western Oil Group bekannt, ab Donnerstag in Kiew sowie allen frontnahen Provinzen alle Tankstellen zwischen 21 und 7 Uhr zu schließen.
Selenskyjs Warnung aus Dublin
Parallel zu den Luftangriffen veröffentlichte die Washingtoner Denkfabrik CSIS (Center for Strategic and International Studies) einen neuen Lagebericht zu den Gesamtverlusten des Krieges. Demnach sind seit Kriegsbeginn im Februar 2022 rund zwei Millionen Soldaten getötet, verletzt oder als vermisst gemeldet worden – allein 1,4 Millionen davon auf russischer Seite. "Die kombinierten russischen und ukrainischen Verluste haben zwei Millionen überschritten", heißt es in der Studie.
Die Gesamtzahl der russischen Gefallenen gab CSIS mit 400.000 bis 450.000 an, auf ukrainischer Seite seien es 125.000 bis 150.000. Ende Jänner hatte die Bilanz noch bei etwa 325.000 getöteten Russen und 100.000 bis 140.000 Ukrainern gestanden. Damit sind die Schätzungen für russische Verluste innerhalb weniger Monate um 75.000 bis 125.000 gestiegen, während die Ukraine nach CSIS-Schätzungen zwischen 25.000 und 60.000 weitere Soldaten verlor.
Besonders auffällig ist nach Angaben der Denkfabrik das sich verschiebende Verhältnis der Verluste. Während es die meiste Zeit über bei 2:1 oder 3:1 gelegen habe, sei es im ersten Halbjahr 2026 schätzungsweise auf 8:1 gestiegen. Russland verliere also derzeit achtmal so viele Soldaten wie die Ukraine. "Mehr russische Verluste als Neurekrutierungen" – so fasst die Studie die Lage zusammen. Russland müsse demnach mehr Soldaten ersetzen als es neu einziehen könne.
CSIS-Studie: Zwei Millionen Soldaten als Opfer
Der CSIS-Bericht zeichnet auch ein Bild der Lage an der Front. Demnach konnten die Angreifer das von ihnen kontrollierte Gebiet in der Ukraine im Frühling 2026 erstmals seit Jahren nicht mehr vergrößern und mussten einzelne Geländegewinne der Ukrainer hinnehmen. Langsame Vorstöße und kaum Geländegewinne prägten das Bild.
Diese Entwicklungen stehen im Kontrast zu der massiven Luftangriffswelle auf zivile Ziele, die Russland in der Nacht zum Donnerstag flog. Nach Einschätzung des Ex-NATO-Generals Erhard Bühler, der im Podcast "Was tun, Herr General?" sprach, verschärfen die ukrainischen Angriffe auf die russische Ölindustrie und Logistik die Treibstoffkrise in Russland. In 78 russischen Regionen werde der Treibstoff mittlerweile knapp.
Russland meldete zudem eigene Verluste durch ukrainische Drohnenangriffe. Bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf die zentralrussische Region Nischni Nowgorod wurde nach Angaben der örtlichen Behörden ein Mensch getötet.
Die ukrainische Luftwaffe und die Luftabwehr waren in der Nacht im Dauereinsatz, konnten aber nach ersten Erkenntnissen nicht alle Geschosse abfangen. Die genaue Bilanz der abgefangenen und durchgelassenen Drohnen sowie Raketen lag am Morgen noch nicht abschließend vor.
Lage an der Front und in Russland
Internationale Reaktionen auf die Angriffswelle blieben zunächst verhalten. Die EU hatte bereits zuvor Hilfspakete für die Ukraine angekündigt; die ukrainische Regierung bat die EU zuletzt um die Freigabe von 6,6 Milliarden Euro. Der ukrainische Parlament beschloss unterdessen mit großer Mehrheit die Errichtung eines "Pantheon" als Gedenkstätte in Kiew, in der "herausragende Vertreter der ukrainischen Nation" geehrt werden sollen.
Die Nachricht wurde am 2. Juli 2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet. Die Reporter in Kiew berichteten, dass die Aufräumarbeiten in den betroffenen Vierteln am Morgen begonnen hätten. Rettungskräfte suchten weiterhin in den Trümmern der zerstörten Wohnhäuser nach möglichen weiteren Opfern.
