Protest gegen Google-Rechenzentrum in Kronstorf entfacht Debatte über Umweltverträglichkeitsprüfung
Kronstorf, 17 Juli 2026
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Kurzfassung
Rund 300 bis 400 Menschen haben am Freitag in Kronstorf in Oberösterreich gegen den Bau eines Google-Rechenzentrums demonstriert. Gleichzeitig verschärft sich die politische Debatte um eine fehlende Umweltverträglichkeitsprüfung für solche Anlagen.
Kronstorf, 17 Juli 2026
Rund 300 bis 400 Menschen haben am Freitagnachmittag an einer Demonstration gegen den Bau des Google-Rechenzentrums in Kronstorf in Oberösterreich teilgenommen, während auf politischer Ebene über eine Gesetzeslücke im Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz (UVP) gestritten wird.
Die "Bürgerinneninitiative Rechenzentrum Kronstorf" hatte für den Nachmittag zu dem Protest an der Großbaustelle aufgerufen. Laut Veranstalterangaben kamen 300 bis 400 Personen, die Polizei sprach von über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Demonstrantinnen und Demonstranten richteten sich gegen den geplanten Ausbau des Google-Standorts und kritisierten den hohen Energie- und Wasserverbrauch der Anlage.
Das Rechenzentrum war Ende April mit einem Spatenstich offiziell gestartet worden. In der ersten Ausbaustufe sind eine Spitzenleistung von 150 Megawatt und ein Jahresverbrauch von bis zu 1,31 Terawattstunden geplant, was laut Netz Oberösterreich dem Jahresstromverbrauch von rund 375.000 Haushalten entspricht. Oberösterreich insgesamt verbrauchte 2024 laut Oberösterreichischem Energiebericht 14 Terawattstunden.
Ausmaß des Projekts und Energiebedarf
Der oberösterreichische Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner (ÖVP) bestätigte, dass Google weitere Ausbaustufen für das gesamte 50-Hektar-Areal zur Genehmigung eingereicht hat. Eine wasserrechtliche Genehmigung für das Gesamtprojekt liege bereits vor. Achleitner sprach von "historisch gesehen die größte Einzelinvestition in Oberösterreich"; kolportiert wird ein Milliardeninvestment.
Für die zweite Ausbaustufe rechnet Achleitner mit einer Spitzenleistung von 500 MW und einem zusätzlichen Jahresverbrauch von bis zu 4,4 TWh. Damit würde das Rechenzentrum den oberösterreichischen Strombedarf insgesamt um etwa ein Drittel erhöhen. Die Kühlung soll über Brunnen nahe der Enns erfolgen, wobei täglich bis zu 5,8 Millionen Liter erwärmtes Kühlwasser in den Nebenfluss der Donau eingeleitet werden könnten.
Wassernutzung und Umweltauflagen
Der Wasserbescheid erlaubt Google, maximal 99 Liter Wasser pro Sekunde in die Enns einzuleiten, mit einer Maximaltemperatur von 30 Grad Celsius. Laut Google-Aussendung stuften Amtssachverständige die Auswirkungen auf die Enns als vernachlässigbar ein. "Das Kühlwasser, das zurückgeleitet wird, wird die Enns um unter 0,005 Grad erwärmen und ist daher vernachlässigbar", hieß es. Die 30 Grad Abwärme solle am Standort selbst sowie für benachbarte Betriebe genutzt werden.
Umweltschutzorganisationen sehen hingegen eine regulatorische Lücke. Global 2000 und Ökobüro sprachen am Freitag bei einer Pressekonferenz von einer "Gesetzeslücke". Diese beruhe darauf, dass es zurzeit der Erstellung noch keine Rechenzentren in diesem Ausmaß gegeben habe. Ökobüro-Geschäftsführer Gregor Schamschula verglich die Lage mit einem "Kutschengesetz, das Robotertaxis einfangen will".
Forderungen nach einer UVP-Pflicht
Die SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr forderte eine Nachschärfung des UVP-Gesetzes: "Es kann nicht sein, dass kleine Windkraftprojekte streng auf ihre Umweltwirkung geprüft werden, während riesige Server-Hallen auf der grünen Wiese ohne Überprüfung auskommen können." Herr kündigte an, das Thema in die aktuell laufenden Verhandlungen über die UVP-Novelle einzubringen.
Die Grünen kündigten ebenfalls einen Antrag zur Schließung der "UVP-Lücke" an. Der grüne Umweltsprecher Lukas Hammer begrüßte das SPÖ-Engagement: Es sei "löblich", dass die SPÖ "nun endlich aufgewacht ist und eine Gesetzeslücke entdeckt hat, die die Regierung eigentlich schon längst hätte schließen können".
Die Regierung wies die Forderungen nach einer pauschalen UVP-Pflicht zurück. Energiestaatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) erklärte, eine pauschale UVP-Pflicht für Rechenzentren sei "der falsche Weg". Die Auswirkungen dieser Projekte würden zudem bereits heute im Raumordnungs-, Bau-, Betriebsanlagen- und gegebenenfalls Wasserrecht geprüft, so Zehetner. Sie warnte: "Wir können nicht mehr europäische Souveränität bei KI fordern und gleichzeitig jene Infrastruktur durch immer neue Hürden ausbremsen, auf der sie beruht."
Bedenken aus der Wissenschaft
Der Umweltrechtsexperte Wilhelm Bergthaler von der Universität Linz betonte, es gebe bisher keinen rechtlichen Tatbestand speziell für Rechenzentren. Strengere UVP-Anforderungen könnten laut Bergthaler "eine Flut sehr strittiger Rechtsfragen" auslösen. Sinnvoller sei es, Vorgaben für Rechenzentren über Flächenwidmung und Planung umzusetzen, anstatt durch einen "Einmalgenehmigungsakt".
Schamschula schlug im Ö1-Mittagsjournal verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfungen ab einer Abnahme von 50 MW vor. Ab 20 MW solle eine UVP zudem verpflichtend sein, wenn Kühlwasser aus Gewässern oder Grundwasser entnommen oder weniger als die Hälfte der Abwärme extern genutzt wird. Ein vereinfachtes Verfahren könnte es ab 10 MW geben.
Global 2000 fordert ein Moratorium für die Errichtung von Rechenzentren, bis die rechtlichen Fragen geklärt seien. Die Forderung nach einer UVP-Pflicht kam zudem von den Umweltorganisationen WWF und Virus. Der grüne oberösterreichische Umweltlandesrat Stefan Kaineder erklärte, der UVP-Behörde würden keine offiziellen Informationen zum Projekt vorliegen.
Stromversorgung und Ausbaupläne
Die Energie-Control sieht indessen keine Gefahr für die Stromversorgung. Vorstand Alfons Haber erklärte, auch im Endausbau sei die Versorgung nicht gefährdet, ebenso wenig das Ziel von bilanziell 100 Prozent Ökostrom bis 2030. E-Control erklärte am Donnerstag, die notwendigen Netzanschlussmöglichkeiten seien in Oberösterreich gegeben. Achleitner verwies auf 64 Windkraftanlagen in verschiedenen Genehmigungsverfahren sowie ein im Bau befindliches Pumpspeicherkraftwerk in Ebensee mit 170 MW.
Google kündigte überdies an, über einen Fonds gemeinsam mit dem Oberösterreichischen Landesfischereiverband Projekte zur Verbesserung des Gewässerökosystems der Enns zu unterstützen. Kronstorfs Bürgermeister Christian Kolarik (ÖVP) erklärte, Google habe das Grundstück vor 18 Jahren für die etappenweise Entwicklung erworben, und genau das werde jetzt umgesetzt.
Zehetner betonte abschließend, Österreich sollte um solche Zukunftsinvestitionen werben, statt sie mit zusätzlicher Bürokratie zu vertreiben. Die politische Debatte über die UVP-Reform und den Ausbau von Rechenzentren in Österreich dürfte damit weiter anhalten.
Fragen & Antworten
Wer hat in Kronstorf gegen das Google-Rechenzentrum demonstriert?
Die "Bürgerinneninitiative Rechenzentrum Kronstorf" hatte für Freitagnachmittag zu dem Protest an der Großbaustelle aufgerufen. Laut Veranstalterangaben kamen 300 bis 400 Personen, die Polizei sprach von über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
Welche Gesetzeslücke im UVP-Verfahren sehen Umweltorganisationen?
Global 2000 und Ökobüro sprachen am Freitag bei einer Pressekonferenz von einer "Gesetzeslücke". Diese beruhe darauf, dass es zurzeit der Erstellung des UVP-Gesetzes noch keine Rechenzentren in diesem Ausmaß gegeben habe, weshalb Rechenzentren keine eigene Vorhabenskategorie seien.
Wie viel Strom soll das Rechenzentrum in Oberösterreich verbrauchen?
In der ersten Ausbaustufe sind 150 MW Spitzenleistung und bis zu 1,31 TWh Jahresverbrauch geplant. Eine zweite Stufe mit 500 MW Spitzenleistung könnte den Jahresverbrauch um bis zu 4,4 TWh erhöhen, womit das Rechenzentrum den oberösterreichischen Strombedarf insgesamt um rund ein Drittel steigern würde.