Rom/Econe, 02. Juli 2026

Die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. hat im schweizerischen Écone vier neue Bischöfe geweiht und damit einen offenen Bruch mit dem Vatikan vollzogen, den Papst Leo XIV. ausdrücklich bedauert.

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Update vom 2. Juli 2026: Die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. hat am Mittwoch im schweizerischen Écone nahe Martigny vier neue Bischöfe geweiht – einen Schweizer, zwei Franzosen und einen Amerikaner. Die Weihe erfolgte ohne die nach dem Kirchenrecht erforderliche päpstliche Erlaubnis; Generalobere Davide Pagliarani erklärte am Abend, man habe keine andere Wahl gesehen.

Der Vatikan hatte die Weihe in den Tagen zuvor mit dringlichen Appellen zu verhindern versucht. Papst Leo XIV., der selbst eine Dissertation im Kirchenrecht verfasst hat, hatte den Generaloberen persönlich angeredet: „In diesem Geist und erfüllt von christlicher Liebe bitte ich euch und ersuche euch von ganzem Herzen: Kehrt um!“, schrieb der Pontifex an Pagliarani.

In den Stunden vor der Zeremonie wiederholte der Papst seine Warnung, die unerlaubte Weihe sei ein „schismatischer Akt“ und eine „Sünde von äußerster Schwere“. Zugleich signalisierte er Bewegung: Die Kirche sei „offen für einen Weg des Dialogs und der Verständigung“, erklärte Leo XIV. unmittelbar vor dem Termin.

Die Reaktion aus Rom fiel unmittelbar nach Abschluss der Zeremonie deutlich aus. „Durch diesen Akt des Ungehorsams haben sich sowohl die Spender als auch die Empfänger der Weihe selbst exkommuniziert und einen schismatischen Akt gesetzt“, hielt der Salzburger Erzbischof Franz Lackner am Mittwoch in einer Stellungnahme fest.

Hintergrund: Der jahrzehntelange Konflikt mit Rom

Lackner, Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz, fügte hinzu: „Jedes Schisma ist für den Papst, dem die Sorge um die Einheit der Kirche obliegt, und für die Kirche weltweit schmerzlich, zugleich ist nun ein Schlusspunkt hinter eine jahrzehntelange Konfliktgeschichte zwischen Rom und der Piusbruderschaft gesetzt worden.“

Auf Seiten der Bruderschaft wies Generalobere Pagliarani jede kirchliche Strafe zurück: „Alle Strafen und Zensuren, die gegen die Weihen ausgesprochen werden, besitzen nach der ausdrücklichen Auffassung des Generaloberen ‚keinerlei Gültigkeit‘“, berichtete die Deutsche Presse-Agentur aus Écone. Zugleich dankte er dem Papst „in kindlicher Ergebenheit“ für dessen „väterliche Fürsorge“ und bat ihn, sich vor einer Erklärung des Schismas „die notwendige Zeit“ zur Unterscheidung der Geister zu nehmen.

Der Konflikt reicht Jahrzehnte zurück. Erzbischof Marcel Lefebvre (1905–1991) hatte die Bruderschaft 1970 in Écone als Gegenbewegung zu den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) gegründet. 1988 weihte er ohne päpstliche Billigung vier eigene Bischöfe, darunter Bernard Fellay und Alfonso de Galarreta. Am Tag darauf bestätigte der Vatikan die automatisch eingetretene Exkommunikation.

Die automatische Exkommunikation für unerlaubte Bischofsweihen hatte bereits Papst Pius XII. in den 1950er-Jahren eingeführt, nachdem das kommunistische Regime in China eine von Rom unabhängige Nationalkirche hatte errichten wollen. Benedikt XVI. hob die Strafe 21 Jahre später zwar auf, eine theologische Einigung mit der Bruderschaft kam jedoch nicht zustande.

Papst Franziskus hatte 2019 die für den Dialog mit traditionalistischen Gemeinschaften zuständige Kommission Ecclesia Dei aufgelöst. Der Wiener Kirchenrechtler Jan-Heiner Tück wertete diesen Schritt als „Ende der Charmeoffensive“ gegenüber der Bruderschaft. Franziskus gestattete den Piusbrüdern allerdings weiterhin, Beichte zu hören und Ehen zu assistieren.

Die Piusbrüder – Zahlen und Strömungen

Die Piusbruderschaft zählt nach eigenen Angaben rund 600 000 Anhänger und etwa 720 Priester weltweit, die meisten davon in Nordamerika und in Frankreich. Der österreichische Distrikt (FSSPX) führt nach Angaben der Webseite fsspx.at derzeit 20 Priester, drei Brüder und drei Oblatinnen. Damit ist die Gemeinschaft im Vergleich zu den etwa 1,4 Milliarden Katholiken weltweit eine kleine Gruppe.

Vergeblich hatte ein leitender Bruder die Konsequenzen bereits vor zwei Jahren benannt: „In diesem Moment werden wir mit Widersprüchen, Beleidigungen, Verachtung, Ablehnung und vielleicht sogar mit dem Bruch mit nahestehenden Personen konfrontiert sein“, warnte er. Der Vatikan hatte in jüngster Zeit mehrfach versucht, die Bruderschaft von dem Schritt abzubringen, und den Papst sowie den Generaloberen direkt angeschrieben.

Auf Seiten der Traditionalisten gibt es unterschiedliche Strömungen. Die „Sedisvakantisten“ etwa betrachten den Stuhl Petri seit 1958 – nach dem Tod Pius’ XII. – als vakant und halten alle nachfolgenden Päpste für „modernistische Häretiker“. Die Piusbrüder selbst lehnen entscheidende Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab und feiern die lateinische Tridentinische Messe, bei der der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde steht.

Die Bruderschaft verfügt derzeit nur über zwei aktive Bischöfe: den Schweizer Bernard Fellay und den Spanier Alfonso de Galarreta, die beide auf die 70 zugehen. Mit den vier neu Geweihten – einem Schweizer, zwei Franzosen und einem Amerikaner – wird die Leitung der Gemeinschaft verbreitert. In den vergangenen Jahren errichtete die Bruderschaft in St. Marys im US-Bundesstaat Kansas eine eigene Großkirche.

Reaktionen aus Österreich und aus dem Vatikan

Vor diesem Hintergrund fielen die Reaktionen aus Österreich und Deutschland verhalten bis kritisch aus. Mit den Weihen werde „den Gläubigen der Gemeinschaft des ‚rechtmäßigen und in manchen Fällen sogar des gültigen Empfangs der Sakramente beraubt‘“, hieß es aus kirchlicher Sicht. Der Papst habe die Bruderschaft gebeten, „das geistliche Wohl der Gläubigen sorgfältig zu bedenken“.

Bereits am Vorabend der Weihen hatte Leo XIV. die Verdienste der Piusbrüder gewürdigt: Er hob ausdrücklich „die große Verbundenheit der Piusbrüder mit der Liturgie, ihr Engagement in der Priesterausbildung und ihren ‚Wunsch nach Treue zur Tradition‘“ hervor. Nach dem vollzogenen Schritt sagte er: „Es ist ihre Entscheidung. Ich bedauere es, aber wir müssen nach vorn blicken.“

Über die Bruderschaft waren in den vergangenen Jahren zudem schwere Vorwürfe laut geworden. Die Schweizer Zeitung „Le Temps“ enthüllte 2024 zahlreiche Fälle von Kindesmissbrauch sowie sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt. Opferverbände schätzten, dass ein „erheblicher Anteil“ der Priester der Gemeinschaft Missbrauch begangen habe – begünstigt durch die überhöhte Stellung der Priester und die Tabuisierung von Sexualität.

Belastete Vergangenheit und gesellschaftlicher Kontext

Eine weitere Belastung ist die Vorgeschichte des 2012 aus der Bruderschaft ausgeschlossenen Bischofs Richard Williamson, eines der vier 1988 Geweihten. Williamson hatte den Holocaust geleugnet und behauptet, in den Gaskammern von Auschwitz sei niemand getötet worden; zudem vertrat er die Auffassung, Frauen seien von Natur aus weniger intellektuell leistungsfähig und sollten daher nicht studieren.

Innenpolitisch gilt Leo XIV., der erste US-Amerikaner an der Spitze der katholischen Kirche, als politischer Gegner von US-Präsident Donald Trump und Vizepräsident J.D. Vance, der zum Katholizismus konvertiert ist. Vor diesem Hintergrund wird der Konflikt mit der traditionalistischen Bruderschaft auch von außen aufmerksam beobachtet; einzelne konservative Strömungen in den USA sympathisieren mit den Piusbrüdern.

Ob es nach den Weihen überhaupt zu weiterem Dialog kommt, ist offen. Die Bruderschaft beharrt auf ihrem Standpunkt, die Bischofsweihen seien rechtens. Leo XIV. hat erklärt, die Entscheidung liege bei der Gemeinschaft; die Türen Roms blieben aber grundsätzlich offen. Weitere Reaktionen aus den Bischofskonferenzen und von Ökumene-Gesprächen sind in den kommenden Tagen zu erwarten.