Papst Leo XIV. beginnt einwöchige Spanien-Reise mit Appell gegen Polarisierung
Madrid, 07. Juni 2026
Ricardo Stuckert / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Papst Leo XIV. ist zu einer einwöchigen Visite in Spanien eingetroffen und hat bei einer Rede im Madrider Königspalast vor wachsender Polarisierung gewarnt. In der überwiegend katholischen Iberischen Halbinsel werden Hunderttausende Teilnehmer bei den großen Open-Air-Veranstaltungen erwartet.
Papst Leo XIV. ist am Samstag zu einer einwöchigen Reise in Spanien eingetroffen und hat bei seinem ersten großen Auftritt im Madrider Königspalast vor wachsender gesellschaftlicher Polarisierung gewarnt.
Bei seiner Ankunft in Madrid wurde der Pontifex von König Felipe VI., Königin Letizia und dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez begrüßt. Tausende Menschen hatten sich nach Behördenangaben an den Straßen der Hauptstadt versammelt, um den Papst willkommen zu heißen. Allein in Madrid sind laut Behörden mehr als 14.000 Polizeibeamte zum Schutz des Kirchenoberhaupts im Einsatz.
Großer Empfang und strenge Sicherheitsvorkehrungen
Das Motto des rund einwöchigen Aufenthalts lautet „Erhebt den Blick“. Im Zentrum der Reise stehen Begegnungen mit Gläubigen, Politikern und Vertretern der Zivilgesellschaft sowie zwei große Open-Air-Veranstaltungen. An der Jugendvigilie am Samstagabend auf der Plaza de Lima in Madrid nahmen nach Schätzungen der spanischen Behörden rund 500.000 Menschen teil; die Veranstalter sprachen von 600.000 Teilnehmern.
Im Königspalast hielt der Papst vor Politikern, Diplomaten und Geistlichen eine Grundsatzrede. Er warnte, die Versuchung, „durch das Schüren von Polarisierung an Popularität zu gewinnen“, scheine eher zu- als abzunehmen, und die „Menschenwürde werde weiterhin verletzt“. Statt „fruchtloser Vereinfachungen“ forderte er eine „fruchtbare Anerkennung der Komplexität“ gesellschaftlicher Realität. Die Worte stießen im Saal auf stehenden Applaus ab, als erster erhob sich König Felipe VI.
Warnung vor Polarisierung und Künstlicher Intelligenz
Im Zeitalter neuer Technologien wie sozialer Medien und Künstlicher Intelligenz verschärften sich Vorurteile, während kritisches Denken geschwächt werde, sagte der Papst. Sich dem entgegenzusetzen, sei „eine besondere Berufung für Europa“. Europa solle „die Vielschichtigkeit schätzen und ergründen, lernen, sie nicht zu leugnen und sie als Segen anzunehmen, jenen identitären Ansätzen entfliehen, die alles zu erklären scheinen, aber die Welt mit Gespenstern und Feinden bevölkern“.
Explizit warb der Papst für mehr Investitionen in Bildung, Forschung und Zivilgesellschaft. Dies sei ein „Kurswechsel bei den Investitionen in Schulen, Hochschulen und Forschung, in lokale Gemeinschaften und in die Zivilgesellschaft“ nötig. Der Pontifex verwies auf die spanische Geschichte der Begegnung von Christen, Muslimen und Juden auf der Iberischen Halbinsel: „dass nicht die Kultur der Konfrontation, sondern die der Begegnung Stabilität und Wohlstand schafft“.
Lob für Spaniens Außenpolitik
Sicherheit entstehe nicht durch Waffen und Mauern, sondern „dadurch, dass wir lernen, gemeinsam mit anderen voranzugehen, gemeinsam zu wachsen, Seite an Seite“, sagte das Kirchenoberhaupt. In der Außenpolitik lobte der Papst Spaniens Engagement für Frieden und Solidarität. Er sprach dem Land seinen Dank aus „für dessen treue Einhaltung des Völkerrechts“ und Spaniens Verteidigung des Multilateralismus. Zugleich bedauerte er, „dass die Botschaft des Friedens in diesen Zeiten leider für manche naiv und für andere provokativ klingt“.
Auf dem Hinflug nach Madrid hatte der Papst den Missbrauchsskandal als eine „offene Wunde“ der katholischen Kirche bezeichnet. Während seines Aufenthalts ist ein Treffen mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen geplant, wie es Opferverbände gefordert hatten. König Felipe VI. hatte zuvor in seiner Begrüßungsrede das Eintreten des Papstes gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche gelobt und dessen „Klarheit und Entschlossenheit“ als wichtig „für den Prozess der Heilung und Wiedergutmachung“ bezeichnet.
Begegnung mit Missbrauchsopfern
Hintergrund ist eine umfassende Aufarbeitung: Im März hatten die links-regierte spanische Regierung und die katholische Kirche in Spanien nach jahrelangen Verhandlungen eine Vereinbarung über Entschädigungen für Missbrauchsopfer getroffen. Eine spanische Untersuchungskommission hatte zuvor von mehr als 200.000 Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der Kirche seit 1940 berichtet.
Nach Madrid stehen für den Papst Stationen in Barcelona und auf den Kanarischen Inseln an, wo zwei Treffen mit Migranten aus Afrika geplant sind. In Barcelona wird Leo XIV. am Mittwoch, am 100. Todestag des Architekten Antoni Gaudí, den Jesus-Turm der Basilika Sagrada Família segnen. Für Montag ist eine Rede vor dem spanischen Parlament vorgesehen – als erster Papst überhaupt vor beiden Kammern des Parlaments.
Stationen in Barcelona und auf den Kanaren
Am Sonntagmorgen will der Papst eine Messe vor dem Madrider Rathaus feiern, zu der rund eine Million Besucher erwartet werden. Am Abend zuvor ist ein Besuch einer Obdachlosenunterkunft in Madrid geplant, bevor am Abend eine Gebetsvigilie im Bernabéu-Stadion von Real Madrid stattfinden soll. An der Vigilie auf der Plaza de Lima sprach Leo XIV. bereits am Samstag zu Hunderttausenden jungen Menschen und rief sie auf, Hoffnungsträger gegen Krieg und Lüge zu sein.
Vor den jungen Gläubigen äußerte sich der Papst auch zu deren Lebensgefühl. Viele junge Menschen empfänden „eine Leere und einen Mangel an Sinn“, sagte er. Sein Besuch könne vielleicht etwas wachrufen, „das sie selbst noch nicht genau benennen können“. Auf die parallel stattfindenden Konzerte des US-Puerto-Ricanischen Sängers Bad Bunny in Madrid angesprochen, scherzte der Papst: „Wenn man sie fragt, ob sie Bad Bunny oder den Papst sehen wollen, würden sich viele wohl für Bad Bunny entscheiden. Aber ich glaube, es werden auch einige hier sein, um den Papst zu sehen.“
Weniger praktizierende Katholiken in Spanien
Spanien ist ein überwiegend katholisch geprägtes Land, doch hat die Kirchenbindung in den vergangenen Jahren abgenommen. Einer Umfrage zufolge bezeichnen sich 53 Prozent der Spanier als Katholiken – rund 20 Prozentpunkte weniger als noch vor 15 Jahren. Als praktizierende Katholiken sehen sich nur noch 16 Prozent.
Für Papst Leo XIV. ist es die erste Reise in ein größeres europäisches Land außerhalb Italiens; zuvor hatte er nur Monaco für einen halben Tagesbesuch aufgesucht. Der Papst, der seit Mai des vergangenen Jahres an der Spitze der katholischen Kirche steht, spricht fließend Spanisch, da er viele Jahre als Missionar und Bischof in Peru gearbeitet hat. Die letzte Papstreise nach Spanien hatte Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010 unternommen, der ein Jahr später zum Weltjugendtag zurückkehrte.
Der Papst, der als US-Amerikaner in Chicago geboren wurde, nutzte den Flug nach Madrid auch für einen weiteren friedenspolitischen Appell: Erneut forderte er ein Ende des von Russland begonnenen Kriegs in der Ukraine. „Man muss wirklich darauf drängen, dass die Gewalt ein Ende findet“, sagte er mit Blick auf die seit viereinhalb Jahren andauernden Kämpfe. Zudem äußerte er sich zur Rolle Europas: Die Spanier sollten „den Prozess der europäischen Einigung voranzutreiben – nicht im Gegensatz zu anderen Mächten, sondern als Geschenk für die ganze Menschheitsfamilie“.
Der Papst ist das Oberhaupt von weltweit 1,4 Milliarden Katholikinnen und Katholiken. Während seines Aufenthalts sind Begegnungen mit der politischen Spitze des Landes, mit jungen Menschen sowie mit Randgruppen der Gesellschaft vorgesehen. Auf dem Hinflug signierte der Papst nach Journalistenberichten unter anderem einen Baseball.
Mit Blick auf die spanische Geschichte und die Rolle der Kirche während des Bürgerkriegs (1936–39) auf Seiten des Putschisten und späteren Diktators Francisco Franco erklärte der Papst, die Kirche sei „heute bereit, sich in den Dienst der Zukunft eines Volkes zu stellen, das nach Versöhnung und Frieden sucht“. Er lud alle ein, „aus Liebe zur Wahrheit die spaltenden und polarisierenden Darstellungen Ihrer gesellschaftlichen Realität und ihrer Geschichte hinter sich zu lassen, um von fruchtlosen Vereinfachungen zu einer fruchtbaren Anerkennung ihrer Komplexität zu gelangen“.
Fragen & Antworten
Wer ist Papst Leo XIV.?
Papst Leo XIV. steht seit Mai des vergangenen Jahres an der Spitze der katholischen Kirche. Der in Chicago geborene US-Amerikaner spricht fließend Spanisch, da er viele Jahre als Missionar und Bischof in Peru arbeitete.
Welche Stationen umfasst die Reise des Papstes durch Spanien?
Die einwöchige Visite führt nach Madrid, Barcelona und auf die Kanarischen Inseln. Geplant sind unter anderem eine Messe vor dem Madrider Rathaus, eine Rede vor dem spanischen Parlament, die Segnung des Jesus-Turms der Sagrada Família und zwei Treffen mit afrikanischen Migranten auf den Kanaren.
Warum steht das Thema Missbrauch in der Kirche im Mittelpunkt der Reise?
Im März hatten die spanische Regierung und die katholische Kirche in Spanien eine Vereinbarung über Entschädigungen für Betroffene getroffen; eine Untersuchungskommission hatte zuvor mehr als 200.000 Betroffene seit 1940 dokumentiert. Der Papst traf im Rahmen seines Besuchs Opfer, wie es Betroffenenverbände gefordert hatten.
Papst Leo XIV. in Spanien: Madrid, Barcelona, Kanaren | finanz360