ORF-Chefin Thurnher verzichtet auf Kandidatur für 2027 | finanz360
ORF-Generaldirektorin Thurnher bewirbt sich nicht für weitere Amtszeit
Wien, 28. Mai 2026
Dieter Zirnig (sugarmelon.com) / Wikimedia Commons / CC BY 2.0
Kurzfassung
Ingrid Thurnher hat am Donnerstag bekannt gegeben, dass sie sich nicht für die ORF-Führung ab 2027 bewirbt. Sie appellierte an die Politik, sich mit Zurufen zurückzuhalten, und kündigte an, ihr Arbeitsprogramm bis zum Jahresende umzusetzen.
ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher hat am Donnerstag in einer E-Mail an die rund 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitgeteilt, dass sie sich nicht für die Führungsposition des öffentlich-rechtlichen Senders für die Amtszeit 2027 bis 2031 bewerben wird.
Freiheit durch Verzicht
Die Entscheidung fiel am Tag des Bewerbungsschlusses. Thurnher erklärte, der Schritt sei ihr nicht leichtgefallen, und dankte für zahlreiche Ermutigungen, erneut anzutreten. Gleichzeitig betonte sie, dass der Verzicht auf eine Kandidatur ihr eine gewisse Freiheit bringe: „Ich muss nicht taktieren, ich muss nicht tun, was opportun ist.“
Thurnher, die den Sender seit dem Abgang von Roland Weißmann zunächst provisorisch und seit Mitte April als reguläre Generaldirektorin führt, will die verbleibenden Monate bis zum Jahresende nutzen, um ihr Programm „Transparenz. Konsequenz. Aufarbeitung.“ durchzusetzen. „Bis 1. Jänner wird nicht auf Pause gedrückt“, schrieb sie.
Die 63-jährige gebürtige Vorarlbergerin war im März in einer schwierigen Phase in die Verantwortung gerückt. Der ORF war von mehreren Skandalen und Debatten erschüttert worden, unter anderem um Werbechef Oliver Böhm, ORF-III-Chef Peter Schöber, die Führungskultur und politische Einflussnahme. Thurnher wurde Mitte April mit 31 von 35 Stimmen im Stiftungsrat zur regulären Generaldirektorin gewählt.
Appell an die Politik
In ihrer Botschaft an die Belegschaft unterstrich Thurnher die besondere Verantwortung des Stiftungsrates. Sie gehe davon aus, dass das Gremium „im Einklang mit allen rechtlichen Voraussetzungen eine Entscheidung treffen wird, die im Interesse des Publikums und eines starken ORF ist“.
Zugleich richtete sie einen deutlichen Appell an die Politik. „Der ORF ist nicht der Spielball der Politik und er gehört auch nicht der Politik. Er gehört den Menschen, er gehört dem Publikum“, betonte Thurnher. Und weiter: „Ich appelliere auch an die Politik, sich mit Zurufen zurückzuhalten.“
Die Generaldirektorin kündigte an, noch im Sommer einen Planungsgipfel mit der künftigen ORF-Spitze einzuberufen. Dabei sollen gemeinsam die Wege erarbeitet werden, wie ab 2027 zusätzliche Einsparungen erzielt werden können. Hintergrund ist die Ankündigung der Bundesregierung, die Bundeszuschüsse an den ORF ab 2027 um 70 bis 90 Millionen Euro pro Jahr zu kürzen.
Sparzwang und Planungsgipfel
Thurnher bezeichnete die geplanten Kürzungen als Eingriff in die „Grundfesten“ des ORF. Der Sender erwirtschaftet jährliche Erlöse von rund 1,1 Milliarden Euro, der Großteil stammt aus dem ORF-Beitrag, der bis 2029 bei 15,30 Euro festgeschrieben ist. Ein Sparprogramm läuft bereits, die Subventionskürzung erfordert jedoch weitere Einschnitte.
Der von Thurnher eingesetzte Transparenzbeirat soll noch vor dem Sommer seinen Bericht vorlegen. Die Generaldirektorin versprach, alle Empfehlungen umzusetzen, die in ihren Verantwortungsbereich fallen. „Dort, wo Entscheidungen in meiner Verantwortung als Generaldirektorin liegen, werde ich diese Empfehlungen auch umsetzen“, erklärte sie.
Thurnher räumte ein, dass die anstehenden Entscheidungen schmerzhaft sein könnten. „Was noch zu tun ist, wird nicht leicht. Es stehen Entscheidungen an, die möglicherweise weh tun werden. Entscheidungen, die Widerstand auslösen werden. Aber ich bleibe bei dem, was ich bei meinem Amtsantritt versprochen habe“, schrieb sie an die Belegschaft.
Transparenz und Aufarbeitung
Sie bekräftigte, dass sie die Hände frei brauche, um das umzusetzen, womit sie angetreten sei. Die Entscheidung gegen eine weitere Amtszeit verschaffe ihr die nötige Unabhängigkeit: „Diese Unabhängigkeit ermöglicht mir, das zu tun, was Voraussetzung für den Neustart des ORF ist.“
Thurnher, die seit 1985 beim ORF ist und als Moderatorin der ZiB2, von „Im Zentrum“ und der „Sommergespräche“ breite Bekanntheit erlangte, war später Chefredakteurin von ORF III und Hörfunkdirektorin. Sie versprach, die Amtsübergabe ordentlich vorzubereiten und ihre Nachfolgerin oder ihren Nachfolger ab 2027 bestmöglich zu unterstützen.
Die Wahl der neuen ORF-Führung findet am 11. Juni im Stiftungsrat statt. Gesucht wird die alleinige Geschäftsführung des größten öffentlich-rechtlichen Medienunternehmens Österreichs. Als Favorit gilt APA-Chef Clemens Pig, dessen Bewerbung noch am Donnerstag erwartet wurde.
Die Kandidaten für die Nachfolge
Neben Pig wird auch dem international erfahrenen Medienmanager Johannes Larcher eine Kandidatur zugetraut. Bereits eingereicht hat seine Bewerbung der frühere ProSiebenSat1-Vorstand Markus Breitenecker. Mit weiteren Kandidaturen wurde in den letzten Stunden vor Ablauf der Frist gerechnet.
Thurnher selbst will sich bis zu ihrem Ausscheiden Ende des Jahres auf die Aufarbeitung der Turbulenzen der vergangenen Monate konzentrieren. Sie habe in einer schwierigen Phase Verantwortung übernommen, „dafür, dass aufgearbeitet wird, dafür, dass die richtigen Weichen gestellt werden, dafür, dass der ORF wieder Vertrauen zurückgewinnt“.
Die Generaldirektorin zeigte sich überzeugt, dass der Stiftungsrat sich seiner besonderen Verantwortung bewusst sei – gerade angesichts der Diskussionen der letzten Wochen. Sie erwarte eine Entscheidung, die im Interesse des Publikums und eines starken ORF getroffen werde.
Mit ihrer Ankündigung, nicht mehr zu kandidieren, endet eine wochenlange Spekulation über ihre Zukunft an der ORF-Spitze. Thurnher hatte stets betont, sich auf die laufende Arbeit zu konzentrieren. Nun ist der Weg frei für eine neue Führung ab 2027, die vor enormen finanziellen und strukturellen Herausforderungen steht.
Fragen & Antworten
Warum bewirbt sich Ingrid Thurnher nicht erneut als ORF-Generaldirektorin?
Thurnher erklärte, dass der Verzicht auf eine weitere Kandidatur ihr die nötige Unabhängigkeit und Freiheit gebe, um ohne taktische Rücksichten ihr Programm aus Transparenz, Konsequenz und Aufarbeitung durchzusetzen.
Wer sind die aussichtsreichsten Kandidaten für die ORF-Führung ab 2027?
Als Favorit gilt APA-Chef Clemens Pig; auch dem Medienmanager Johannes Larcher wird eine Kandidatur zugetraut, und der frühere ProSiebenSat1-Vorstand Markus Breitenecker hat seine Bewerbung bereits eingereicht.
Welche finanziellen Herausforderungen kommen auf die neue ORF-Führung zu?
Die Bundesregierung plant, die Bundeszuschüsse an den ORF ab 2027 um 70 bis 90 Millionen Euro pro Jahr zu kürzen, was zusätzliche Einsparungen zu einem bereits laufenden Sparprogramm erfordert.