Selenskyj an Putin: Treffen für Kriegsende vorgeschlagen | finanz360
Offener Brief an Putin: Selenskyj schlägt direktes Treffen zur Beendigung des Krieges vor
Berlin, 05. Juni 2026
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Kurzfassung
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einem offenen Brief an Kremlchef Wladimir Putin direkte Verhandlungen zur Beendigung des seit Februar 2022 andauernden Krieges vorgeschlagen. Der Kreml bestätigte den Eingang des Schreibens, äußerte sich bisher aber nicht inhaltlich.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich in einem am Freitag veröffentlichten offenen Brief direkt an Kremlchef Wladimir Putin gewandt und ein persönliches Treffen zur Beendigung des russischen Angriffskriegs vorgeschlagen.
Inhalt des Schreibens
In dem auf Ukrainisch verfassten Schreiben, das auf der Website des ukrainischen Präsidialamtes sowie auf der Plattform X veröffentlicht wurde, formulierte Selenskyj konkrete Bedingungen für Verhandlungen. „Genug des Krieges. Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg zu beenden“, schrieb der ukrainische Präsident. „Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg durch einen direkten Austausch zwischen Ihnen und uns zu beenden. Ich schlage ein Treffen vor.“ Eine ähnliche Wortwahl findet sich auch in der englischen Fassung: „Ukraine proposes to end this war through a direct exchange between you and us. I propose a meeting.“
Als ersten Schritt verlangte Selenskyj eine vollständige Waffenruhe entlang der gesamten Frontlinie für die Dauer der Gespräche. Die Waffenruhe solle von den Vereinigten Staaten überwacht werden. Zusätzlich forderte er einen Gefangenenaustausch „alle für alle“ sowie die Rückkehr deportierter ukrainischer Zivilistinnen und Zivilisten sowie von Kindern, die nach ukrainischer Lesart während des Krieges „verschleppt“ wurden.
Selenskyj schlug zudem vor, dass Vertreter Europas und der USA als mögliche Garanten an den Verhandlungen teilnehmen sollten. Als mögliche neutrale Drittstaaten für ein solches Treffen nannte er die Schweiz, die Türkei oder einen arabischen Staat. Gleichzeitig schloss er sowohl Kiew als auch Moskau als Ort der Begegnung kategorisch aus.
Reaktion des Kremls
Kremlsprecher Dmitri Peskow bestätigte zwar den Eingang des Briefes, ging aber nicht auf dessen Inhalt ein. Auf die Frage nach dem Schreiben verwies Peskow lediglich auf eine frühere Aussage Putins: „Präsident Putin hat gesagt, dass Selenskyj nach Moskau kommen könne, wenn er reden möchte.“ Einen inhaltlichen Standpunkt zu Selenskyjs Vorschlägen formulierte der Kreml bislang nicht.
Der Brief wurde zu einem brisanten Zeitpunkt veröffentlicht: Am selben Tag hielt Putin auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum eine Pressekonferenz vor ausgewählten internationalen Journalistinnen und Journalisten ab. Vor diesem Hintergrund äußerte sich der russische Präsident erneut zu seinen Kriegszielen und bekräftigte seine Forderung nach vollständiger russischer Kontrolle über die östlichen ukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk als Vorbedingung für einen Frieden.
Putins Bedingungen für Verhandlungen
Putin zeigte sich auf dem Forum grundsätzlich gesprächsbereit, knüpfte einen solchen Dialog aber an klare Bedingungen. Russland sei „zweifellos bereit, eine Vereinbarung mit der Ukraine zu erzielen“, erklärte der Kremlchef. Grundlage müssten jedoch die mit US-Präsident Donald Trump im Vorjahr in Anchorage, Alaska erzielten Verständigungen sein. Was bei dem Treffen in Alaska im August 2025 konkret besprochen wurde, ist öffentlich nicht bekannt.
In dem Schreiben, das ohne diplomatische Höflichkeiten formuliert war, griff Selenskyj den russischen Präsidenten persönlich an. „Dieser Krieg ist Ihre persönliche Entscheidung – ein Krieg ohne wirklichen Grund. So wird die Geschichte ihn in Erinnerung behalten“, schrieb Selenskyj. Zudem warf er Putin vor, sich bei der Invasion in die Ukraine verrechnet zu haben. „Nach 26 Jahren an der Macht beginnt das Alter, seinen Tribut zu fordern“, hieß es in dem Brief.
Inhaltlich forderte Selenskyj ein Ende der russischen Kriegsziele und verwahrte sich gegen die aus seiner Sicht bestehende Logik des „Geistes von Anchorage“. Selenskyj schrieb zudem, dass Fragen, die Europa und die Ukraine beträfen, nicht in Alaska entschieden würden. Erneut schloss er sich der Trump-Aussage an, wonach bestimmte russische Forderungen die Grundlage für ein Kriegsende bilden würden – eine Lesart, die der ukrainische Präsident ausdrücklich ablehnt.
Gleichzeitig versuchte Selenskyj, die Stimmung in der russischen Gesellschaft als Beleg für eine mögliche Wende zu deuten. „Es ist eine Tatsache der russischen Geschichte, die Sie gut kennen: Wenn Russland müde wird, kommt der Wandel“, schrieb er. „Wir können auf diese Müdigkeit hinarbeiten.“ Auch verwies er auf Berichte über eine wachsende Kriegsmüdigkeit in Russland, steigende Preise, Einschränkungen der Freiheiten und die Angst vor einer weiteren Mobilmachungswelle.
Haltung der USA
Angesichts der stockenden US-vermittelten Gespräche, die unter anderem wegen des US-Engagements im Nahost-Konflikt mit dem Iran derzeit weitgehend ruhen, erscheinen die Chancen auf eine rasche Annahme des Angebots gering. US-Präsident Trump äußerte sich am Donnerstag vor Journalisten im Weißen Haus grundsätzlich offen: „Ich bin froh, dass sie vielleicht über ein Treffen sprechen. Ich denke, es wäre großartig, wenn sie sich treffen würden.“
Beim St. Petersburger Wirtschaftsforum wiederholte Putin, die russische Armee greife an der gesamten Front an und erziele fortlaufend Geländegewinne. Er behauptete zuletzt territoriale Gewinne von 2.440 Quadratkilometern. Nach Berechnungen regierungsnaher ukrainischer Militärbeobachter hat Russland seit Jahresbeginn jedoch nur knapp 700 Quadratkilometer hinzugewonnen – deutlich weniger als von Putin angegeben. Im Mai habe die Ukraine zudem laut aktuellen Daten wieder Territorium von Russland zurückgewonnen.
Putin räumte zugleich Schwierigkeiten ein, darunter ukrainische Drohnenangriffe auf Energie- und Militäranlagen in St. Petersburg kurz vor Beginn des Forums. „Russland hat ein Luftabwehrsystem. Ja, wir müssen es verbessern. Ja, wir müssen es stärken. Und das werden wir tun“, sagte der Kremlchef. Erneut bezeichnete er Warnungen vor einer möglichen russischen Aggression gegen ein NATO-Mitglied als Unsinn und „bewusste Provokation“.
Militärische Lage
In dem Brief warnte Selenskyj vor einer möglichen Ausweitung des Konflikts. Ukrainische Geheimdiensterkenntnisse deuteten darauf hin, dass Putin den Krieg bis 2027 und 2028 fortsetzen wolle. Zu Putins Plänen gehörten ballistische Raketen, eine stärkere Einbindung Belarus' sowie eine inszenierte Operation in Transnistrien. Die Ukraine bereite sich auf diese Szenarien vor, schrieb Selenskyj. Zudem verwies er auf den bevorstehenden Jahrestag der Meuterei des Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin am 23. Juni.
Am Rande des Forums sorgte die Anwesenheit mehrerer deutscher AfD-Politiker für politische Diskussionen. Der stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende Frohnmaier war nach St. Petersburg gereist und sagte in einer Diskussion, es sei nicht im deutschen Interesse, mit Russland keinen Handel zu treiben. Zudem kritisierte er die westlichen Sanktionen. Putin erklärte dazu, man werde „mit den Leuten arbeiten, die mit Russland arbeiten wollten“.
AfD-Delegation in St. Petersburg
Das Auswärtige Amt hatte der AfD zuvor ausdrücklich von der Reise nach St. Petersburg abgeraten. „Vor dem Hintergrund der russischen Angriffe auf die Ukraine den Eindruck von Normalität zu erwecken, laufe den außen- und sicherheitspolitischen Grundsätzen der Bundesregierung zuwider“, hieß es aus dem Ministerium. Putin verteidigte zudem seinen Vorschlag, den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder als Vermittler einzubeziehen, und bezeichnete ihn als Staatsmann, der deutsche Interessen vertrete.
Putin erklärte weiterhin, Russland habe keine Einwände gegen eine assoziierte EU-Mitgliedschaft der Ukraine. „Das geht uns nichts an. Wir sind nicht dagegen“, sagte er. Gleichzeitig wandte er sich gegen eine Umwandlung der EU in einen Militärblock: „Wir sind dagegen, dass sich die EU in einen Militärblock verwandelt.“ Deutschland und andere europäische Staaten seien wegen ihrer Waffenlieferungen an die Ukraine keine neutralen Akteure, sagte der Kremlchef.
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine dauert nach ukrainischer Lesart mittlerweile fünf Jahre in vollem Umfang an. Die militärische Lage bleibt nach ukrainischen und westlichen Angaben angespannt: Demnach übersteigt die Zahl der getöteten russischen Soldaten die Zahl der neu eingestellten Rekruten. Selenskyj bezifferte die russischen Verluste im Mai auf über 30.000 Tote und Schwerverwundete an der Front. Putin kündigte an, die nuklearfähige Oreschnik-Rakette erneut getestet zu haben, und sprach von einem Probelauf.
Politisch bleibt die Lage verhärtet. Während Selenskyj auf direkte Gespräche und eine Waffenruhe unter US-Aufsicht drängt, beharrt Moskau auf der vollständigen Kontrolle über den Donbass als Vorbedingung für eine Einigung. Kiew hat territoriale Konzessionen bisher kategorisch abgelehnt. Beobachter werten Selenskyjs Brief als Versuch, den diplomatischen Druck auf Moskau zu erhöhen und die internationale Aufmerksamkeit für die Lage an der Front zu schärfen.
Berichtet wurde über die Entwicklungen unter anderem von der Deutschen Presse-Agentur, der AFP und der Nachrichtenagentur Reuters. Die Veröffentlichung des Briefes fällt in eine Phase, in der die USA ihre Vermittlungsbemühungen zwischen Russland und der Ukraine angesichts des Nahost-Konflikts weitgehend eingestellt haben und die EU zugleich die erste Phase von Beitrittsgesprächen mit der Ukraine und der Republik Moldau eröffnet hat.
Fragen & Antworten
Was hat Wolodymyr Selenskyj in seinem offenen Brief an Wladimir Putin vorgeschlagen?
Selenskyj schlug ein persönliches Treffen der beiden Präsidenten in einem neutralen Drittstaat vor, eine vollständige Waffenruhe entlang der Front für die Dauer der Verhandlungen unter US-Aufsicht, einen Gefangenenaustausch „alle für alle“ sowie die Rückkehr verschleppter ukrainischer Kinder und Zivilisten.
Wie hat der Kreml auf den Brief reagiert?
Kremlsprecher Dmitri Peskow bestätigte den Eingang des Schreibens, äußerte sich aber nicht inhaltlich. Er verwies lediglich auf eine frühere Aussage Putins, wonach Selenskyj jederzeit nach Moskau kommen könne, wenn er reden wolle – ein Vorschlag, den Kiew wiederholt abgelehnt hat.
Warum ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Briefes politisch bedeutsam?
Der Brief wurde am Tag von Putins Pressekonferenz auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum veröffentlicht, auf dem der Kremlchef seine Maximalforderungen erneut bekräftigte. Zugleich ruhen die US-vermittelten Gespräche wegen des Nahost-Konflikts, was den Brief zu einem Versuch Selenskyjs macht, den internationalen Druck auf Moskau aufrechtzuerhalten.