Ölpreise fallen deutlich – USA und Iran nähern sich nach über 100 Tagen Energiekrise an
Frankfurt, 25. Juni 2026
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Kurzfassung
Nach mehr als 100 Tagen der schwersten jemals verzeichneten Störung der weltweiten Energieversorgung haben die USA und Iran ein Rahmenabkommen unterzeichnet. Die Entspannung an der Straße von Hormus drückt den Brent-Preis erstmals seit Kriegsbeginn unter 75 Dollar.
Der Preis für ein Barrel Brent-Rohöl ist Mitte Juni erstmals seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar unter 75 US-Dollar gefallen, nachdem die USA und der Iran nach mehr als 100 Tagen der schwersten jemals verzeichneten Störung der weltweiten Energieversorgung ein Rahmenabkommen unterzeichnet hatten.
Mit dem Preisrutsch hat sich Brent seit dem Krisenhoch von 126 Dollar im März um rund 40 Prozent verbilligt. Analystinnen und Analysten sehen darin vor allem die Erwartung wiederhergestellter Lieferketten durch die Straße von Hormus eingepreist. „In dem jetzigen Ölpreisrückgang steckt eine sehr positive Erwartungshaltung drin“, sagt Thomas Benedix, Rohstoffanalyst bei Union Investment, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
Hintergrund des Preisverfalls ist eine diplomatische Annäherung: Nach mehr als 100 Tagen der schwersten jemals verzeichneten Störung der weltweiten Energieversorgung hatten die USA und Iran ein Rahmenabkommen unterzeichnet. Zugleich normalisiert sich der Schiffsverkehr durch die Meerenge, die im Konflikt zeitweise kaum passierbar war. Nach Angaben des auf die Analyse von Schifffahrtsdaten spezialisierten Unternehmens Kpler hat der Frachtverkehr durch die Straße von Hormus zuletzt den höchsten Stand seit Beginn des Iran-Kriegs erreicht.
Diplomatische Annäherung und wiedereröffnete Schifffahrtsroute
Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) erklärte, Hunderte Schiffe könnten die Meerenge nun mit Sicherheitsgarantien verlassen. Allerdings stecken laut dpa-AFX weiterhin zahlreiche Schiffe im Persischen Golf fest. Daan Struyven, Rohstoffexperte bei Goldman Sachs, sagte in einem Bloomberg-Interview, die Wiederöffnung der Straße von Hormus verlaufe „gut und zügig“.
Trotz der Entspannung sehen Fachleute den Markt noch nicht aus der Gefahrenzone. Der Markt bleibe jedoch zunächst „äußerst anfällig für Schocks und erneute Störungen“, heißt es in der Analyse. Auch Thu Lan Nguyen, Leiterin der Rohstoff- und Devisenanalyse der Commerzbank, warnt: „Der Rückgang der Ölpreise ist zum Teil schon übertrieben, weil wir nicht wissen, in welcher Geschwindigkeit der Schiffsverkehr sich jetzt wirklich normalisieren wird.“
Physisch hat sich die Lage am Ölmarkt laut Bloomberg grundlegend gewandelt: weg von einer akuten Angebotsknappheit, hin zu einem wachsenden Überangebot. Mittlerweile werde Rohöl aus dem Nahen Osten in Contango gehandelt – Lieferungen zur sofortigen Abnahme sind also billiger als Terminkontrakte, ein klassisches Signal für Überangebot. „Aufgrund der schwachen Nachfrage aus Asien nach Rohölsorten aus dem Nahen Osten erhält man derzeit tatsächlich einen Preisnachlass, wenn man ein Barrel heute statt morgen kauft“, so Struyven.
Vom Knappheits- zum Überangebotsmarkt
Schwache Nachfrage aus China verstärkt den Effekt. Chinesische Raffinerien bieten laut Bloomberg Carges zum Verkauf an, statt sie einzukaufen – Händler sprechen von einer drastischen Umkehrung der üblichen Handelsströme. June Goh, leitende Ölmarktexpertin bei Sparta Commodities, sagt: „Asiatische Raffinerien sind bereits bis August gut versorgt, und die kurzfristig verfügbaren Mengen aus der Straße von Hormus führen lediglich zu einem Angebotsüberhang, da die Nachfrage aus China nicht anzieht.“
Gleichzeitig verlagern sich Handelsrouten: Mehrere Supertanker mit insgesamt rund zwölf Millionen Barrel Rohöl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Oman steuern nach Informationen von Bloomberg europäische Häfen an, statt asiatische. Angolanisches Rohöl wird Bloomberg zufolge mit den höchsten Preisabschlägen seit mehr als einem Jahrzehnt gehandelt.
Hintergrund: Bereits während des Konflikts hatten zahlreiche Produzenten Wege gefunden, Öl aus dem Persischen Golf über alternative oder verdeckte Routen zu exportieren. Die Vereinigten Arabischen Emirate steigerten ihre „verdeckten“ Lieferungen nach IEA-Schätzungen bis Anfang Juni auf rund 85 Prozent des Vorkriegsniveaus. Citi-Analysten erwarten, dass die Vereinigten Arabischen Emirate und Iran ihre Produktion deutlich erhöhen werden. „Und dadurch verringert sich natürlich die Angebotslücke am Ölmarkt, die die Preise nach oben getrieben hatte“, sagt Nguyen.
Lagerabbau und Produktionsausfälle
Während des Konflikts hatten Regierungen versucht, fehlende Rohöllieferungen aus der Golfregion auszugleichen. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) sanken die weltweiten Lagerbestände bis zum 12. Juni um 252 Millionen Barrel; allein in den OECD-Staaten wurden 163 Millionen Barrel entnommen. In den USA sind die Vorräte einschließlich der strategischen Reserven laut Bloomberg auf den niedrigsten Stand seit den 1980er-Jahren gefallen. Diese Reserven müssen in den kommenden Quartalen wieder aufgefüllt werden.
Die Produktionsausfälle lassen sich Experten zufolge nur langsam aufholen. Morgan Stanley schätzt, dass bis September erst etwa die Hälfte der Produktionsausfälle wieder aufgeholt werden könnten, bis Dezember seien es rund 80 Prozent. Citi geht davon aus, dass die Brent-Notierung im vierten Quartal bei 70 Dollar liegt – unter der Annahme, dass die Handelsströme durch Hormus bereits Mitte oder Ende Juli wieder weitgehend normal laufen.
Auch Goldman Sachs korrigierte seine Prognose für das vierte Quartal von 90 auf 80 Dollar pro Fass Brent. Morgan Stanley sieht die Nordseesorte zum Jahresende ebenfalls bei 80 Dollar – 15 Dollar weniger als zuvor. „Es dürfte etwa zwei bis drei Monate dauern, bis sich die Logistikketten wieder normalisiert haben, dann weitere zwei bis drei Monate, bis alle Produktionsanlagen im Mittleren Osten ihre Arbeit aufgenommen haben“, sagt Benedix.
Angebotsausweitung und Preiserwartungen
Der Lagerbestandsaufbau werde deutlich länger dauern als der -abbau der vergangenen Monate, so der Union-Investment-Analyst weiter. „Bis sich alle Lagerbestände normalisiert hätten, könnte es sogar Ende 2027 werden.“ Ein Fass Rohöl (159 Liter) Brent hatte Anfang Juni noch etwa 97,22 US-Dollar gekostet; inzwischen ist der Preis fast wieder auf dem Vorkriegsniveau.
Auf der Angebotsseite wächst die US-Produktion. Die Zahl aktiver Ölbohrungen ist zuletzt gestiegen: Die US-Produktion liegt bei 13,8 Millionen Barrel pro Tag und damit nur knapp unter dem Rekordhoch. Die Internationale Energieagentur prognostiziert, dass die weltweite Ölnachfrage auf 105,3 Millionen Barrel pro Tag steigen dürfte, das Angebot aber auf rund 110 Millionen Barrel pro Tag – die IEA rechnet für 2027 sogar mit einem deutlichen Überangebot auf dem Weltmarkt.
Am Devisen- und Aktienmarkt reagierten Anleger verhalten optimistisch. Tankstellen- und Heizölpreise dürften in den kommenden Wochen ebenfalls nachgeben, falls sich die Entspannung verfestigt. Die Citigroup ist ebenfalls deutlich optimistischer und rechnet mit 70 Dollar für das Fass Brent im vierten Quartal – allerdings unter der Annahme, dass die Handelsströme durch Hormus bereits Mitte oder Ende Juli wieder weitgehend normal laufen.
Risiken und Ausblick
Auf mittlere Sicht, so Benedix, werde der Lageraufbau „deutlich länger“ dauern als der Abbau. „Bis sich alle Lagerbestände normalisiert hätten, könnte es sogar Ende 2027 werden.“ Das bedeutet: Auch nach dem Abflauen der akuten Krise bleiben Preisrisiken bestehen, weil politische Spannungen jederzeit zurückkehren können. Die weitere Entwicklung der Verhandlungen zwischen Washington und Teheran sowie die tatsächliche Normalisierung des Schiffsverkehrs durch die Meerenge bleiben daher die entscheidenden Faktoren für die Preisentwicklung.
Beobachter verweisen zudem auf die zeitliche Lücke zwischen politischer Einigung und physischer Wiederaufnahme der Exporte. Selbst wenn die Straße von Hormus offen bleibt, dürften Raffinerien und Logistiker Wochen brauchen, um Lieferpläne anzupassen. Die kommenden Wochen gelten daher als Lackmustest, ob die Entspannung anhält – oder ob ein neuer Schock den Markt erneut überrascht.
Fest steht: Der Ölpreisrutsch unter 75 Dollar markiert die tiefste Marke seit Ausbruch des Konflikts Ende Februar und signalisiert, dass die Märkte auf eine nachhaltige Deeskalation setzen. Wie lange dieser Trend anhält, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die diplomatischen Fortschritte zwischen den USA und Iran in einen umfassenden Vertrag münden.
Fragen & Antworten
Warum ist der Brent-Preis unter 75 Dollar gefallen?
Nach mehr als 100 Tagen der schwersten jemals verzeichneten Störung der weltweiten Energieversorgung haben die USA und Iran ein Rahmenabkommen unterzeichnet. Gleichzeitig normalisiert sich der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, wodurch Millionen Barrel Rohöl auf den Weltmarkt zurückkehren.
Welche Rolle spielt China für den Preisverfall?
China, normalerweise der größte Rohölimporteur der Welt, hat derzeit schwache Nachfrage. Chinesische Raffinerien bieten laut Bloomberg Carges zum Verkauf an, was Händler als drastische Umkehr der üblichen Handelsströme beschreiben und so den Angebotsüberhang verstärkt.
Wie schnell können sich die Öllager wieder normalisieren?
Laut Thomas Benedix von Union Investment dürfte es zwei bis drei Monate dauern, bis sich die Logistikketten normalisiert haben, und weitere zwei bis drei Monate, bis alle Produktionsanlagen im Nahen Osten wieder arbeiten. Bis sich alle Lagerbestände normalisiert hätten, könnte es sogar Ende 2027 werden.
Ölpreis fällt unter 75 Dollar: USA-Iran-Deal entspannt Markt | finanz360