ISS-Leck 2026: Crew-12 weicht in Dragon aus – Hintergrund | finanz360
Luftlecks an der ISS: Crew zieht sich vorsorglich in Dragon-Kapsel zurück
Washington, 06. Juni 2026
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Kurzfassung
An Bord der Internationalen Raumstation ISS sind zwei neue Luftlecks im russischen Swesda-Modul aufgetreten, woraufhin die Besatzung der NASA-Mission Crew-12 vorsorglich in die angedockte Dragon-Kapsel ausweichen musste. Nach etwa zwei Stunden gab die NASA Entwarnung, Roskosmos erklärte die Lage für stabil. Experten sehen dennoch ein wachsendes Risiko durch Materialermüdung in dem 26 Jahre alten Modul.
Wegen zweier neuer Luftlecks im russischen Swesda-Modul der Internationalen Raumstation ISS hat die NASA die vier Raumfahrer der Mission Crew-2 angewiesen, sich vorsorglich in die angedockte Dragon-Kapsel zu begeben und Raumanzüge anzulegen.
Die Anordnung erfolgte am Freitag, nachdem sich die Leckrate an der ISS binnen 24 Stunden nahezu verdoppelt hatte. Nach Angaben eines leitenden NASA-Mitarbeiters, der gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters anonym sprach, stieg der tägliche Luftverlust von rund 450 Gramm auf etwa 900 Gramm pro Tag. Dieser Anstieg alarmierte die Flugkontrolle in Houston und im russischen Koroljow. Die Evakuierungsanordnung wurde nach rund zwei Stunden wieder aufgehoben, NASA erteilte der Besatzung die Freigabe zur Rückkehr in die Station, sobald die Reparaturarbeiten unterbrochen wurden.
Vorsorglicher Rückzug in die Dragon-Kapsel
Die Besatzung von Crew-12 besteht aus zwei US-Amerikanern, einem Franzosen und einem russischen Kosmonauten. Zusätzlich befanden sich nach NASA-Angaben fünf weitere Astronauten an Bord, insgesamt also neun Personen. Sie alle wurden aufgefordert, in der Crew-Dragon-Kapsel des Betreibers SpaceX Platz zu nehmen. Nach Angaben von SpaceX bietet das Dragon-Raumschiff bis zu sieben Menschen Platz. Die Maßnahme sei reine Vorsicht gewesen, betonte die NASA.
Das Leck befindet sich nach Angaben der NASA in einem Verbindungsstollen des Swesda-Service-Moduls, der die Wohnsektion des Moduls mit einem Andockport für russische Sojus- und Progress-Raumschiffe verbindet. Roskosmos erklärte, eine der beiden Leckstellen sei sofort abgedichtet worden, an der zweiten werde vorbereitende Arbeit für die Reparatur geleistet. Die russische Weltraumbehörde teilte mit: „Die Sicherheit der Besatzung und der Bordsysteme ist nicht gefährdet, der Druck an Bord der ISS ist stabil und wird auf dem vorgesehenen Niveau gehalten." Wann die Reparaturen fortgesetzt werden, war zunächst unklar.
Lecks im Swesda-Modul: eine bekannte Schwachstelle
Die Lecks im Swesda-Modul sind nicht neu. Erstmals registrierten Sensoren an Bord der ISS im Jahr 2019 einen leichten Druckabfall. Im Jahr 2020 wurde die Stelle in dem Tunnel lokalisiert. Damals gelang es der Crew, das Leck mit einem speziell entwickelten Harz abzudichten, allerdings handelte es sich um keine dauerhafte Lösung. In den Folgejahren wurden immer wieder neue Mikrorisse in dem Verbindungsstollen entdeckt. Erst zu Beginn dieses Jahres hatten NASA und Roskosmos gemeldet, alle Lecks endgültig geschlossen zu haben. Nun sind die Lecks zurückgekehrt und lassen mehr Luft entweichen als zuvor.
Der russische Raumfahrt-Experte Georgi Trischkin erklärte gegenüber russischen Medien, das Hauptproblem sei der Verschleiß des Andockteils des Swesda-Moduls. „Das Hauptproblem ist jedoch der Verschleiß des Andockteils des Moduls", sagte Trischkin. Er verwies darauf, dass das Modul bereits 66 Andockvorgänge hinter sich habe – mehr als jedes andere Modul der Station. „Jeder Andockvorgang bedeutet eine zusätzliche Belastung für die Konstruktion des Andockteils", warnte Trischkin. Nach seiner Einschätzung handle es sich bei den aktuellen Lecks um ein neues Phänomen, das nicht auf frühere Reparaturen zurückgehe, was die Ursachenforschung erschwere.
Materialermüdung als Hauptursache
Trischkin und andere Fachleute führen die Schäden auf zunehmende Materialermüdung zurück, darunter Mikrorisse in alten Schweißnähten und Defekte im Bauteil. „Mit diesen Lecks hat man schon seit sieben Jahren zu tun und arbeitet an ihnen mit wechselhaftem Erfolg", sagte der Experte. Es wird vermutet, dass die Risse als Ermüdungsphänomene durch ständige Vibrationen und mechanische Belastungen bei den Andockmanövern entstehen. Die NASA stuft die Lecks als ernst ein; im schlimmsten Fall könnte die Metallhülle des Verbindungstunnels durch die andauernde Belastung aufreißen.
Dass die Anweisung zum Rückzug in die Dragon-Kapsel als Vorsichtsmaßnahme überhaupt nötig wurde, hängt auch mit der Vorgeschichte zusammen. Laut NASA war zwischen den Verantwortlichen über die Reparaturmethoden Uneinigkeit entstanden, was letztlich zur Anordnung führte, die Crew solle sich in einen sicheren Bereich zurückziehen. In der 27-jährigen Geschichte der ISS ist es nach Angaben der Behörde noch nie zu einer Evakuierung gekommen. Der jetzige Vorfall sei daher beispiellos, betonen Raumfahrtexperten.
Experten zur Einordnung: „Vorsichtsmaßnahme"
Jan Wörner, ehemaliger Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA, relativierte die Lage im Gespräch mit Blick auf die schiere Größe der Station. „Man muss immer die Größe der ISS bedenken. Bei einer so großen Infrastruktur sind immer gewisse Leckraten an Verbindungen vorhanden", sagte Wörner. Kritisch werde es allerdings, wenn lokales Materialversagen auftrete, etwa an einer Dichtung. „Kritisch wird es, wenn lokales Materialversagen, zum Beispiel einer Dichtung, vorhanden ist. Dann kann es zu unkontrolliertem Fortschritt des Lecks kommen", warnte der Ex-ESA-Chef. Die Evakuierung sei deshalb eine Vorsichtsmaßnahme, die in solchen Fällen vorgesehen sei.
Die ISS ist eines der größten internationalen Wissenschaftsprojekte. Sie umkreist die Erde in etwa 400 Kilometern Höhe und ist ungefähr so groß wie ein Fußballfeld. An dem Programm beteiligen sich Russland, die USA, Kanada, Japan und die Europäische Weltraumorganisation ESA. Seit rund 25 Jahren leben und arbeiten durchgehend Astronauten an Bord, die in dieser Zeit zahlreiche Experimente zu Biologie, Physik, Medizin und Materialwissenschaft durchgeführt haben. Das Swesda-Modul, in dem die aktuellen Lecks auftreten, ist eines der ältesten Teile der Station und wurde im Jahr 2000 ins All gebracht.
ISS als Gemeinschaftsprojekt in 400 Kilometern Höhe
Trotz des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine arbeiten NASA und Roskosmos beim Betrieb der ISS weiterhin zusammen. Das Projekt gilt als eines der wenigen verbliebenen Felder, auf denen die USA und Russland noch kooperieren. Gleichzeitig wächst angesichts der steigenden Zahl von Defekten am Swesda-Modul die Sorge, wie lange die Station noch sicher betrieben werden kann. Die NASA plant gemeinsam mit Partnern den Übergang zu kommerziellen Raumstationen, die das ISS-Nachfolgeprojekt bilden sollen.
Trischkin verwies zudem darauf, dass es sich um ein neues Leck handele, das nicht das Ergebnis früherer Reparaturen sei. Das mache die Ursachenforschung schwieriger. „Mit diesen Lecks hat man schon seit sieben Jahren zu tun und arbeitet an ihnen mit wechselhaftem Erfolg", sagte der Experte mit Blick auf den russischen Begriff „wechselhaftem Erfolg" – also wechselnden Ergebnissen. Die zuständigen Ingenieure versuchten, mit verschiedenen Methoden die betroffenen Stellen dauerhaft abzudichten, seien dabei aber immer wieder auf neue Risse gestoßen.
Als vorübergehende Lösung hatten die ISS-Verantwortlichen in den vergangenen Jahren beschlossen, die Luftschleusen zum leckenden Tunnel zu schließen, wenn dieser nicht benötigt wird. Damit sollte der Luftverlust eingedämmt werden. Mit dem erneuten Auftreten von Lecks, die mehr Luft als zuvor austreten lassen, verliert diese Notlösung jedoch an Wirksamkeit. Die Flugkontrolle beobachtet die Druckwerte an Bord der Station deshalb weiterhin mit höchster Aufmerksamkeit.
Reparaturen und Notlösungen an der Station
Für die Missionsleitung war die Verlegung der Besatzung in die Dragon-Kapsel auch eine logistische Übung. Das Dragon-Raumschiff kann im Notfall als Rettungskapsel für die Rückkehr zur Erde dienen. In den vergangenen Jahren hat SpaceX das System mehrfach für bemannte Flüge zur ISS eingesetzt, sowohl im Auftrag der NASA als auch für private Astronauten. Dass die Kapsel bei einem möglichen Notfall innerhalb weniger Minuten abdocken und zur Erde zurückkehren kann, ist ein zentraler Bestandteil der Sicherheitsarchitektur der ISS.
Auch die Kommunikation zwischen den beteiligten Raumfahrtagenturen lief dem Vernehmen nach reibungslos. Roskosmos erklärte den Zustand der Besatzung als stabil, und die US-Seite übernahm die operative Führung bei der Entscheidung über den Rückzug. Beide Seiten betonten, dass keine akute Gefahr für die Astronauten bestehe. Beobachter werten den Vorfall dennoch als Warnsignal für die alternde Infrastruktur der Raumstation.
Experten sehen in dem aktuellen Geschehen ein Beispiel für die Risiken, die mit dem Betrieb einer alternden Raumstation verbunden sind. Mikrorisse, Materialermüdung und die ständige mechanische Belastung durch Andockmanöver setzen die Struktur dauerhaft unter Stress. Sollte sich der Zustand des Swesda-Moduls weiter verschlechtern, müssten NASA und Roskosmos möglicherweise über eine vorzeitige Stilllegung einzelner ISS-Bereiche oder über den Ausstieg aus der Station insgesamt entscheiden – Fragen, die derzeit hinter den Kulissen diskutiert werden.
Die Besatzung von Crew-12 wird nach Angaben der NASA bis auf Weiteres ihren normalen Forschungsbetrieb an Bord der Station fortsetzen. Zwei Leckstellen waren für eine Reparbeit während der vorübergehenden Verlagerung der Astronauten eingeplant. Roskosmos erklärte, eine dieser Stellen sei inzwischen abgedichtet, an der zweiten laufen vorbereitende Arbeiten. Wann die Reparaturen vollständig abgeschlossen werden können, blieb zunächst offen.
Fragen & Antworten
Was ist auf der ISS passiert?
Im russischen Swesda-Modul traten zwei Luftlecks auf, deren Rate sich am Freitag nahezu verdoppelte. Die NASA wies die Besatzung daraufhin an, sich vorsorglich in die angedockte Dragon-Kapsel zu begeben; nach rund zwei Stunden wurde die Anordnung aufgehoben.
Warum trat der Rückzug in die Dragon-Kapsel auf?
Die Leckage hatte sich laut NASA von rund 450 Gramm auf etwa 900 Gramm Luftverlust pro Tag erhöht, und es bestanden Meinungsverschiedenheiten über die Reparaturmethoden. Beides zusammen führte zu der Anordnung, die Crew in einen sicheren Bereich zu verlegen.
Wer ist Georgi Trischkin, und wie bewertet er die Lage?
Georgi Trischkin ist ein russischer Raumfahrt-Experte, der den Verschleiß des Andockteils des Swesda-Moduls als Hauptursache der Lecks nennt. Er weist darauf hin, dass das Modul 66 Andockvorgänge absolviert hat und die Lecks seit sieben Jahren mit wechselhaftem Erfolg bekämpft werden.