Lenzing kündigt weltweiten Abbau von rund 2.000 Stellen bis Ende 2027 an
Wien, 28. Juli 2026
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Kurzfassung
Der oberösterreichische Faserhersteller Lenzing hat am Montagabend angekündigt, bis Ende 2027 weltweit rund 2.000 Stellen abzubauen. Am Standort Heiligenkreuz im Burgenland, der 285 Beschäftigte zählt, soll die Faserproduktion Ende 2026 auslaufen; das Land prüft eine Beteiligung zur Standortsicherung.
Der oberösterreichische Faserhersteller Lenzing AG hat am Montagabend angekündigt, bis Ende 2027 weltweit rund 2.000 Stellen abzubauen und die Faserproduktion am Standort Heiligenkreuz im Burgenland Ende 2026 auslaufen zu lassen.
Strategischer Umbau unter neuem Chef
Am Montagabend hatte der Konzern bekanntgegeben, weltweit bis Ende 2027 rund 2.000 Jobs abbauen zu wollen. Damit würde die Mitarbeiterzahl von weltweit 7.700 Vollzeitäquivalenten (Ende 2025) bis Ende 2027 deutlich sinken, hieß es in der Aussendung. Die Pläne seien Teil "einer strategischen Neuausrichtung", hieß es. Der Abbau entspricht mehr als einem Viertel der derzeitigen Belegschaft.
Beschlossen wurde das Programm "Grow Nonwovens, Reset Textiles" am Montag von Vorstand und Aufsichtsrat, die am Montag von Vorstand und Aufsichtsrat abgesegnet wurde. Unter dem Strategieprogramm "Grow Nonwovens, Reset Textiles" will sich Lenzing künftig stärker auf profitable Geschäftsfelder konzentrieren und seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Im ersten Quartal 2026 konnte ein positives Ergebnis eingefahren werden. Das letzte positive Ergebnis verzeichnete der Konzern 2021.
Vorstandschef Kasperkovitz spricht von einer "schwierigen, aber notwendigen Entscheidung". Man sei sich bewusst, dass der Stellenabbau viele Beschäftigte treffe. Man wolle das Unternehmen für langfristiges Wachstum in höherwertigen Marktsegmenten positionieren, sagte der seit Ende Mai amtierende Vorstandsvorsitzende Georg Kasperkovitz. Es handle sich aber keineswegs um ein Schließungs- und Cost-Cutting-Programm im Zuge der neuen Strategie, verwies Lenzing-Chef Georg Kasperkovitz gegenüber der APA auf das Vertrauen in die Pläne durch die Aktionäre und weitere Finanzierende, die bis zu 600 Mio. Euro frisch geben.
Standort Heiligenkreuz vor dem Aus
An den Standorten Heiligenkreuz im Burgenland und in Grimsby in England läuft die Faserproduktion bis Ende 2027 aus. Für die 285 Beschäftigten in Heiligenkreuz existiere bereits ein Sozialplan. Lyocell-Geschäftsführer Bernd Zauner indes hat sich am Dienstag der Belegschaft gestellt. In Heiligenkreuz arbeiten derzeit noch 285 Mitarbeiter. Für sie gilt laut Unternehmen ein bestehender Sozialplan.
Die Herstellung der Spezialfasern will das Unternehmen auf die Kernproduktionsstandorte verlagern. Im oberösterreichischen Lenzing werden bestehende Linien umgebaut und modernisiert. Während Werke geschlossen oder verkauft werden, soll der Hauptstandort Lenzing in Oberösterreich nach Angaben des Unternehmens ausgebaut werden. Forschung, Entwicklung und zentrale Unternehmensbereiche sollen dort künftig eine noch wichtigere Rolle spielen. Auch der Hauptsitz in Lenzing in Oberösterreich werde aufgewertet.
Auch Grimsby und Indonesien betroffen
Auch der Standort im englischen Grimsby wird aufgegeben. Auch das Werk im englischen Grimby mit mehr als 225 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern soll der Umstrukturierung zum Opfer fallen. Geschlossen werden soll die Produktionsstätte ein Jahr nach dem Werk in Heiligenkreuz, Ende 2027. Daneben wird auch die Produktion in Indonesien, die erst vor Kurzem umgerüstet und modernisiert wurde, verkauft. In Thailand und China und am US-Standort in Mobile, Alabama, soll jeweils für lokale Märkte produziert werden.
Man suche einen Käufer für den Standort, um möglichst viele Jobs zu halten. Laut Vorstandschef Georg Kasperkovitz soll möglichst rasch ein Käufer gefunden werden. Ziel sei es, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. In Heiligenkreuz soll die Produktion bis Ende 2027 schrittweise auslaufen. Der Standort selbst soll verkauft werden. Wird bis dahin kein Käufer gefunden, wird das Werk geschlossen, und 320 Mitarbeiter verlieren den Job.
An dem Werk jährlich über 80.000 Tonnen der aus Holz gewonnenen Faser produziert werden. Der "Reset" ziele auf größere Widerstandskraft und Rentabilität und einen Investitionsfokus auf Mehrwert schaffende Anwendungen, schreibt der Deutsche-Bank-Analyst Lars-Vom-Cleff in einer ersten Reaktion. Die Analysten der Deutschen Bank haben eine negative Börsenreaktion auf die Ankündigung erwartet, sehen eine strategische Neuausrichtung des Konzerns nach mehreren Verlustjahren aber generell positiv.
Kursverlust und Finanzierung
Die Aktien des Faserherstellers Lenzing sind am Dienstagvormittag an der Wiener Börse um knapp 17 Prozent nach unten gestürzt und waren damit zuletzt nur mehr 20,30 Euro wert. Die Papiere verloren zeitweise bis zu 17 Prozent und notierten am späten Nachmittag bei 21,35 Euro. 2,6 Milliarden Euro wurden 2025 umgesetzt. 2025 lag man mit mehr als 135 Mio. Euro in den roten Zahlen.
Der Konzern rechnet im Zuge des Umbaus außerdem mit Wertminderungen von bis zu 150 Millionen Euro, sowie zusätzlichen Restrukturierungskosten von bis zu 40 Millionen Euro. Insgesamt stehen laut Unternehmen bis zu 600 Millionen Euro an frischem Kapital zur Verfügung. Für die strategische Neuausrichtung soll es bis zu 600 Millionen Euro an frischem Geld geben. Ein Teil davon soll über eine Kapitalerhöhung aufgebracht werden, über die Ende August die Aktionäre entscheiden sollen.
Dazu wurde eine "umfassende Refinanzierungsvereinbarung mit den wesentlichen Kreditgebern" erreicht. Eine Kapitalerhöhung von bis zu 300 Millionen Euro soll bei einer außerordentlichen Hauptversammlung Ende August von den Aktionären abgesegnet werden. Die Finanzierung der neuen Strategie wird von den Hauptaktionären B&C-Gruppe und Suzano sowie der Oberbank unterstützt. Wir glauben, dass jetzt endlich der große Schritt getan wurde. Wir investieren bei der geplanten Kapitalerhöhung um bis zu 300 Millionen Euro noch einmal rund 100 Millionen – im Vertrauen darauf, dass das die Situation von Lenzing auf dem Weltmarkt stärkt.
Die Lenzing Lyocell "war Empfänger des Großprojekts mit der höchsten Fördersumme (EU und national) im gesamten Ziel-1-Burgenland-Programm". Bei förderbaren Investitionen von rund 110 Millionen Euro wurden 23,1 Prozent oder 25 Millionen Euro von EU, Bund und Land Burgenland gefördert. Am 2. Juli 1997 lief der erste 300 Kilo schwere Ballen der Lyocellfaser in Heiligenkreuz aus der Presse.
Politische Reaktionen im Burgenland
Rund zwei Drittel des Umsatzes stammen aus Produkten für die Modebranche. Lenzing-Fasern werden unter anderem in Öko-Editionen von Modeketten wie H&M eingesetzt. Im Sommer 2022 feierte Lenzing am Standort die Produktion der einmillionsten Tonne der aus Holz gewonnenen, biologisch abbaubaren Lyocell-Faser, zu der auch Landeshauptmann Hans Peter Doskozil und weitere Ehrengäste kamen.
Bereits rund ein Jahr zuvor hatte Lenzing den Abbau von bis zu 600 Verwaltungsstellen angekündigt. Im Burgenland und bei den Sozialpartnern löste die aktuelle Ankündigung einen politischen Alarm aus. Der Erhalt des Werks und der Arbeitsplätze habe höchste Priorität, sagte Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ). Sollte sich aber zeigen, dass zur Absicherung des Standorts eine Beteiligung des Landes notwendig ist, dann sind wir bereit, auch diesen Weg zu gehen, sagte Doskozil. Man werde alle Optionen prüfen – von einer vorübergehenden Beteiligung des Landes bis hin zur Mehrheitseigentümerschaft. Doskozil könne sich zudem vorstellen, den Standort durch zusätzliche Forschung und Entwicklung oder neue Geschäftsfelder weiterzuentwickeln.
Betriebsratsvorsitzender Philipp Perl sagte, für eine Schließung habe es "keinerlei Anzeichen gegeben", zumal der Standort schwarze Zahlen schreibe. Perl, der aus dem Bezirk Jennersdorf kommt und seit 14 Jahren im Betrieb ist, zeigte sich bestürzt über das Aus. Damit verlieren wir rund 500.000 Euro an jährlichen Einnahmen aus der Kommunalsteuer, sagte Bürgermeister Eduard Zach (SPÖ). Deshalb wolle man gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern Lösungen für die Betroffenen erarbeiten, hieß es aus dem Unternehmen. Eine Lösung solle auf Sozialpartnerebene gemeinsam mit der Politik gesucht werden.
Wirtschaftskammer warnt vor Kettenreaktion
Andreas Wirth, Präsident der Wirtschaftskammer Burgenland, sprach beim Sommergespräch der WK Burgenland am Dienstag von einer erschreckenden Nachricht. Die Nachricht ist extrem erschreckend, weil wir die Folgen noch nicht kennen. Was heißt das für die Zulieferbetriebe, was heißt das in der Wertschöpfungskette und in der Region. Wirth sprach von einer "sehr dramatischen" Lage für die Region und die Beschäftigten und warnte vor "verheerenden Folgeschäden". Mit einem Betrieb ist das noch nicht aus. Ich fürchte, es wird noch weitere Betriebe treffen. Erneut forderte er Bürokratieabbau sowie niedrigere Energie- und Lohnkosten, um den Standort Österreich zu sichern. Es werde keinen Schnellschuss geben, weil die Produktion noch bis Jahresende laufe. Auch die Folgen für die Wertschöpfungskette und die Region seien noch nicht absehbar.
Die Wirtschaftskammer sieht in vielen Branchen einen Fachkräftemangel, Lehrberufe müssten attraktiver werden, so Wirth. Energiekosten müssten sinken, der Standort attraktiver werden und die Bürokratie abgebaut werden. Die "Future Factory" der WK Burgenland haben bereits 1.600 Jugendliche besucht. Auch der Erwerb einer Beteiligung durch das Land Burgenland an dem Standort wird geprüft. Wirth verwies auf einen Forderungskatalog an Bund und Land. Eine staatliche Beteiligung zur Standortsicherung ist für Burgenland nicht ausgeschlossen. Nach der Insolvenz im Jahr 2019 hatte das Land bereits den Pharmakonzern Sanochemia in Neufeld übernommen – ein Beispiel dafür, dass eine Standortsicherung möglich ist. Viele Unternehmen stehen nicht vor einem einzelnen Problem, sondern vor einer Gleichzeitigkeit mehrerer Belastungen: hohe Kosten, schwächere Nachfrage, geopolitische Unsicherheit und teils eingeschränkte Finanzierungsspielräume, sagte EY-Partner Jürgen Kogler.
Fragen & Antworten
Wie viele Stellen will Lenzing weltweit abbauen und welche Standorte sind betroffen?
Lenzing plant, bis Ende 2027 rund 2.000 der zuletzt weltweit 7.700 Vollzeitstellen abzubauen; betroffen sind die Faserproduktion in Heiligenkreuz im Burgenland (285 Beschäftigte) bis Ende 2026, das Werk im englischen Grimsby mit mehr als 225 Mitarbeitern bis Ende 2027 sowie der Verkauf der Produktion in Indonesien.
Was hat Vorstandschef Georg Kasperkovitz zu den Plänen gesagt?
Kasperkovitz sprach von einer "schwierigen, aber notwendigen Entscheidung" und betonte, das Unternehmen wolle sich für langfristiges Wachstum in höherwertigen Marktsegmenten positionieren; gleichzeitig werde ein Käufer für Heiligenkreuz gesucht, um möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten.
Welche Optionen prüft das Land Burgenland, um den Standort Heiligenkreuz zu sichern?
Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) kündigte an, alle Optionen von einer vorübergehenden Beteiligung des Landes bis hin zur Mehrheitseigentümerschaft zu prüfen; Bürgermeister Eduard Zach (SPÖ) rechnet im Fall einer Schließung mit dem Verlust von rund 500.000 Euro jährlicher Kommunalsteuer.
Lenzing Stellenabbau: 2.000 Jobs bis 2027 – Heiligenkreuz | finanz360