Internationale Rettungsteams beenden Einsatz in Venezuela – Wiederaufbau unter erschwerten Bedingungen
Caracas, 02. Juli 2026
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Kurzfassung
Eine Woche nach den schweren Erdbeben in Venezuela beginnen die internationalen Such- und Rettungsteams abzureisen. Gleichzeitig wächst die Sorge vor Infektionskrankheiten, während die Regierung den Wiederaufbau unter schwierigen Voraussetzungen vorantreiben muss.
Eine Woche nach zwei schweren Erdbeben in Venezuela beginnen die 44 internationalen Such- und Rettungsteams aus 27 Staaten mit dem Abbau ihrer Lager, während die Regierung in Caracas vor einer Phase des Wiederaufbaus steht, die nach Einschätzung von Helfern mit Risiken verbunden ist.
Eine Woche ist seit dem verheerenden Erdbeben in Venezuela vergangen. Die sogenannten Urban-Search-and-Rescue-Teams (Usar-Teams) können nun nicht mehr viel ausrichten. Damit läuft auch die Zeit für die 44 internationalen Such- und Rettungsteams ab, die in den Tagen nach der Katastrophe aus 27 Staaten in das Karibikland geflogen sind. Die ersten Teams werden diese Woche in ihre Herkunftsorte zurückfliegen.
Ein deutscher Katastrophenhelfer sagt, dass nun die schwierige Phase des Wiederaufbaus beginne. Die Regierung sei weiter auf internationale Hilfe angewiesen, doch die Gefahr sei gross, dass die Gelder für den Wiederaufbau veruntreut würden. Venezuela wird dafür langfristig auf internationale Hilfen und Spenden angewiesen sein.
Aufbau der internationalen Hilfe
Ein Usar-Team besteht aus Rettungsspezialisten für die Ortung und Bergung von Verschütteten sowie aus Statik- und Bauingenieuren, die einsturzgefährdete Gebäude beurteilen. Hinzu kommen Hundeführer mit Such- und Rettungshunden; in Venezuela sind derzeit 140 Hunde im Einsatz. Dazu kommen Ärzte und Sanitäter sowie Spezialisten für schwere Bergungsgeräte. Je nach Klassifizierung umfasst ein Team 40 bis 80 Personen und kann sich für mehrere Tage oder sogar zwei Wochen vollständig selbst versorgen.
«Wir haben unser eigenes Benzin und Wasser dabei, produzieren unseren Strom», sagt ein gegenwärtig in Venezuela eingesetzter Helfer. «Wir wollen die lokale Infrastruktur nicht noch zusätzlich belasten.» «Heavy Usar» ist die leistungsfähigste Kategorie von Katastrophenhelfern. Diese Teams können im Schichtbetrieb rund um die Uhr an grossen Schadenstellen arbeiten. Sie sind nach den Standards der International Search and Rescue Advisory Group der Uno ausgebildet und zertifiziert.
Zu den bekannten Heavy-Usar-Teams gehören auch das Technische Hilfswerk aus Deutschland, die Rettungskette Schweiz, die UME aus Spanien und Afad aus der Türkei. Neun Staaten haben solch grosse Teams nach Venezuela geschickt, darunter auch Katar, Jordanien und die Niederlande. Das mit Abstand grösste Heavy-Usar-Team kommt aus den USA. Es umfasst 343 Experten und 29 Hunde.
Rolle der USA und auffällige Lücken
Sie bestehen überwiegend aus Feuerwehrleuten, Ärzten, Ingenieuren und Hundeführern der nationalen Katastrophenschutzbehörde. Kurz nach dem Erdbeben verkündete der amerikanische Aussenminister Marco Rubio, dass Elite-Rettungsteams aus Fairfax, Los Angeles und Miami-Dade nach Venezuela unterwegs seien. Überraschend ist, dass das amerikanische Aussenministerium am Sonntag die Entsendung von weiteren 250 Experten ankündigte.
Sie haben nach bisherigen Berichten vor allem dazu beigetragen, dass der internationale Flughafen in Venezuela wieder nutzbar ist, zumindest für Hilfsflüge. Doch vor Ort berichten Beobachter übereinstimmend von einer geringen Sichtbarkeit der amerikanischen Präsenz. Ein Diplomat sagt: «Eine koordinierende Rolle der Amerikaner sehe ich nicht. Sie sind relativ spät ins Land gekommen.»
Auffällig ist, dass ausgerechnet die langjährigen Verbündeten des venezolanischen Regimes – Russland, China und Iran – bei den Rettungseinsätzen fehlen. Moskau und Teheran beschränken sich auf Solidaritätsbekundungen. Peking kündigte offizielle Hilfe in Höhe von lediglich 15 Millionen Dollar an, berichtet die nationale Nachrichtenagentur Xinhua. Vor allem chinesische Geschäftsleute und Unternehmen in Venezuela würden jedoch Hilfsgüter bereitstellen, meldet die Agentur.
Lediglich Kuba, das lange Zeit Ärzte und Militärs im Austausch gegen venezolanische Öllieferungen nach Venezuela schickte, entsandte am Sonntag eine Einsatztruppe von 14 Mann nach Venezuela. Erstmals hat das Regime in Caracas nach einem Notfall um ausländische Hilfe gebeten.
Zerstörung trifft auf wirtschaftliche Krise
In nur 39 Sekunden haben zwei Erdbeben das zunichte gemacht, woran Venezuela seit Monaten geglaubt hat: Die Hoffnung auf einen Neuanfang. Vor den Erdbeben hatten viele gehofft, dass jetzt der Aufschwung kommt, da sich Venezuela für Investoren geöffnet hat. Anfang des Jahres sah Venezuelas Regierung noch Investitionen von 14 Milliarden US-Dollar für 2026 voraus. Etwa 100 Milliarden US-Dollar müsste man laut US-Analysten aber investieren, um jetzt die maroden Ölförderanlagen zu reparieren – 70 Mal so viel wie vorgesehen.
Nach Angaben der Regierung wurden mindestens 2295 Menschen durch die Erdbeben getötet. Mindestens 11267 Menschen wurden verletzt. Zehntausende sind nach den Beben obdachlos. Schon jetzt leben 70 Prozent der Bevölkerung in Armut. Der Mindestlohn liegt mit Bonuszahlungen aktuell bei 240 US-Dollar monatlich. 200 Gramm Butter kosten im Supermarkt gerade neun US-Dollar.
Gesundheitliche Risiken eine Woche nach den Beben
Immer noch gelten viele Menschen als vermisst. Eine unabhängige Datenbank für Vermisste listete am Mittwoch mehr als 40600 Personen als noch nicht aufgefunden. Am Dienstag zogen Retter ein Kleinkind lebend aus den Trümmern, sechs Tage nach den Beben. Rettungsorganisationen betrachten die ersten 48 bis 72 Stunden als entscheidend, um Überlebende lebend zu finden – ein Fenster, das in diesem Fall bereits verstrichen war.
Ärzte warnten eine Woche nach den Erdbeben und ihren Nachbeben vor der Ausbreitung von Infektionskrankheiten unter den Überlebenden. Eugenio Cova, Leiter der Traumachirurgie am Hospital del Oeste Dr. José Gregorio Hernández in Caracas, nannte unbehandelte Wunden und Infektionskrankheiten als aktuelle Hauptbedrohung. «Das Problem, das wir unmittelbar auf uns zukommen sehen, sind Infektionen, die Patienten mitbringen könnten, die der Katastrophe am längsten ausgesetzt waren.» Veronique Durroux, Sprecherin der Uno-Hilfsorganisation für Lateinamerika und die Karibik, warnte: «Es ist sehr heiß, und es besteht große Sorge wegen möglicher durch Vektoren übertragener Krankheiten ... Abfall- und Trümmerentsorgung sind ein Problem - angesichts des Ausmaßes der Zerstörung ist das sehr besorgniserregend.»
Politische Spannungen und internationale Finanzfragen
Die eigene Regierung habe zu spät, zu unkoordiniert und vielerorts schlicht nicht ausreichend auf die Erdbeben reagiert, so die Vorwürfe. Bei einem Besuch in einem besonders verwüsteten Viertel in Caracas wird Rodriguez ausgebuht. Eine Frau rief ihr zu: «Sie machen aus der Tragödie eine politische Kampagne.» Phil Gansen von der Crisis Group sagte: «Ein Staat, der vorgegeben hat, alles im Griff zu haben, dabei mangelt es an allem, vor allem an Führung und Koordination.»
Interimspräsidentin Delcy Rodriguez kündigte ab Donnerstag eine siebentägige Staatstrauer an. Sie kündigte die Freilassung politischer Gefangener an, entmachtete Maduro-treue Minister und setzte eigene Vertraute ein. Den mächtigen Verteidigungsminister degradierte sie zum Landwirtschaftsminister. Elias Ferrer ist Berater für ausländische Investoren in Venezuela. «Was Trump hier tun kann, ist, Venezuela kein Geld zu schenken, sondern das Geld freizugeben, das bereits Venezuela gehört, das aber von den USA aus den Ölverkäufen einbehalten wird», sagte Ferrer. «Das wäre viel mehr als ein einzelnes Land an Finanzhilfen bereitstellen kann, so Ferrer.»
Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump hat 300 Millionen Dollar an Hilfen für Venezuela angeboten, verteilt über Hilfsorganisationen und die Uno. Venezuela wird dafür langfristig auf internationale Hilfen und Spenden angewiesen sein. Venezuelas Interimspräsidentin Delcy Rodríguez dankte Deutschland gegenüber dem ZDF für dessen Unterstützung.
Fragen & Antworten
Wie viele internationale Rettungsteams sind in Venezuela im Einsatz?
Nach den Erdbeben flogen 44 internationale Such- und Rettungsteams aus 27 Staaten nach Venezuela. Neun Länder entsandten grosse Heavy-USAR-Teams, darunter Katar, Jordanien und die Niederlande. Das grösste Team stellte die USA mit 343 Experten und 29 Hunden.
Warum brechen die internationalen Helfer ihre Zelte ab?
Eine Woche nach den Beben können die USAR-Teams nur noch wenig ausrichten, da das entscheidende Zeitfenster von 48 bis 72 Stunden für die Suche nach Überlebenden verstrichen ist. Die ersten Teams fliegen in dieser Woche in ihre Herkunftsländer zurück.
Welche Länder fehlen bei den Rettungseinsätzen?
Russland, China und Iran – langjährige Verbündete des venezolanischen Regimes – sind bei den Rettungseinsätzen nicht vertreten. Moskau und Teheran beschränken sich auf Solidaritätsbekundungen, Peking kündigte 15 Millionen Dollar an Hilfe an.
Venezuela: Internationale Helfer brechen Zelte ab | finanz360