In Berlin mehren sich Spekulationen über einen möglichen „Kanzlertausch“ innerhalb der CDU/CSU, bei dem der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst den amtierenden Kanzler Friedrich Merz ablösen könnte.
Das Magazin Stern und die Bild-Zeitung berichteten über entsprechende Überlegungen in der Union. Hintergrund ist die zunehmende Unpopularität der schwarz-roten Bundesregierung unter Friedrich Merz, die laut Umfragen noch hinter den Werten des Vorgängerkabinetts von Olaf Scholz und dessen Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP zurückbleibt.
Hendrik Wüst, 50, führt in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, eine schwarz-grüne Koalition. Anders als Merz, der die Grünen 2023 als „Hauptgegner“ bezeichnete und im Bundestagswahlkampf 2025 gegen „grüne und linke Spinner“ wetterte, pflegt Wüst ein pragmatisches Verhältnis zu den Grünen.
Annäherung zwischen Union und Grünen
Die Spekulationen werden durch eine Reihe von Annäherungen zwischen CDU/CSU und Grünen genährt. Nach Informationen des Spiegel trafen sich rund zwei Dutzend Bundestagsabgeordnete der Grünen und der CDU in einem italienischen Restaurant in Berlin-Moabit, um sich auszutauschen und besser kennenzulernen. Auch jüngere Abgeordnete beider Seiten suchen demnach das Gespräch.
Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge kommentierte die Entwicklung mit den Worten: „Man hat ein bisschen den Eindruck, die CDU flüchtet gedanklich aus der Koalition mit der SPD.“ Sie fügte hinzu: „Wenn die Union erkennt, dass ihr Grünen-Bashing ein Fehler war, ist das ein Fortschritt.“
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte zuvor erklärt: „Die Grünen gehören von der Regierungs- auf die Oppositionsbank.“ Diese Position steht im Kontrast zu den jüngsten Signalen aus Teilen der Union.
Baden-Württembergs grüner Finanzminister Danyal Bayaz sagte in einem Interview mit dem Spiegel: „Eine stabile CDU der rechten Mitte ist wichtig für unser Land. Eine solche CDU und die Grünen können potenzielle Partner sein und künftige Koalitionen auch im Bund bilden.“ In Baden-Württemberg regieren die Grünen bereits mit der CDU; Cem Özdemir ist dort Ministerpräsident.
Merz attackiert Wüst und NRW
Bayaz betonte zudem die Ambition der Grünen für Berlin: „Bei zentralen Themen des Sozialstaats – wie etwa bei der Rente und der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes – Teil der Lösung zu sein.“
Auch auf anderen Ebenen gibt es Annäherungen: Der frühere bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sprach auf der Abschiedsveranstaltung von Winfried Kretschmann, dem ersten grünen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs. Annegret Kramp-Karrenbauer, ehemalige CDU-Vorsitzende und heutige Leiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung, wurde zu einer Klausurtagung der Grünen-Bundestagsfraktion eingeladen.
Friedrich Merz selbst äußerte sich unterdessen kritisch zur Lage in Nordrhein-Westfalen. Auf Twitter verbreitete er die Aussage, es herrsche eine „große Verunsicherung in der Bevölkerung in ganz Deutschland, übrigens auch in Nordrhein-Westfalen“. Zudem behauptete er: „Wenn wir heute in NRW Landtagswahlen hätten, wäre die AfD fast so stark wie im Bund.“
Grüne wittern neue Chance
Merz fügte hinzu: „Die Unzufriedenheit auch in den Ländern, auch leider in NRW […] mit der Landesregierung ist fast genauso groß wie mit der Bundesregierung.“ Diese Äußerungen wurden als direkter Angriff auf Wüst gewertet.
Die Grünen, die nach dem Scheitern der rot-gelb-grünen Koalition 2024 keinen Hehl daraus machten, dass sie gerne weiterregiert hätten, sehen in der neuen Dynamik eine Chance. Im Bundestag sind sie derzeit in der Opposition, während die CDU regiert.
Ob es tatsächlich zu einem Wechsel an der Regierungsspitze kommt, ist offen. Die Spekulationen zeigen jedoch, dass innerhalb der Union über Alternativen zur aktuellen Führung nachgedacht wird – und dass Schwarz-Grün auf Bundesebene kein Tabu mehr ist.
